Archiv für die Kategorie 'Rezensionen'

Und sie ist doch flach …

Freitag, 15. Dezember 2006

Und es gibt sie doch, zumindest einige wenige: Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die am laufenden Band schreiben und veröffentlichen und schreiben und veröffentlichen, ohne dass die von ihnen entwickelten Charaktere und Plots an Überraschung und Frische verlieren.

Einer von ihnen ist der Brite Terry Pratchett. Er scheint eine nie versiegende Quelle absurder, wahnwitziger, schräger Ideen zu sein – und das ist als Warnung zu verstehen: einmal einen Pratchett Scheibenwelt-Roman gelesen, immer einen Pratchett-Scheibenwelt-Roman lesen. Weiterlesen »

Nostalgiefrei

Montag, 11. Dezember 2006

Leise und abseits des überstrapazierten Kriegsende-Republik-Staatsvertrag-und-EU-Beitritt-Gedenkgedröhne 2005 schrieb ein Bezirk sein Buch.

Runter vom elfenbeinernen „Geschichte“-Türmchen mit Zahlen und Fakten. Rein in Erinnerungen jener, die einen wichtigen Abschnitt der jüngeren österreichischen Geschichte selbst erlebt haben. Raus mit einem Buch, dessen Inhalt persönliche Erlebnisse von BewohnerInnen des dritten Bezirks in der Zeit zwischen 1933 und 1955 bilden. Die Basis: Gespräche, die an zwanzig Nachmittagen in der Volkshochschule Landstraße mit ZeitzeugInnen geführt wurden. Das Resultat: Worte und Fotos, die persönliche Erlebnisse im dritten Bezirk zwischen 1933 und 1955 näher bringen. Neben den InterviewpartnerInnen sind das (private) Bildarchiv von Christoph Römer und vom Bezirksmuseum Wien Landstraße eine schier übersprudelnde Quelle, die Karl Dworschak mit großem Aufwand in die „richtigen“ Bahnen lenkt: Er zeichnet verantwortlich für die Auswahl, Bearbeitung und Untertitelung der Fotos.

„Der Bürgerkrieg im Februar 1934“, „Das Schicksal der jüdischen Mitbürger“, „Widerstand im dritten Wiener Gemeindebezirk“ sind einige der thematischen Schwerpunkte, die betroffen machen, eine/n beim Lesen erschüttert zurücklassen. „Meine Mutter kam eines Tages aufgeregt nach Hause und erzählte, dass es am Aspang-Bahnhof Waggons voll mit Juden gäbe. Die wurden dort zwei Tage stehen gelassen, sodass diese armen Menschen schon vor Hunger brüllten. Das hat man alles gesehen. Die Leute, die in der Nähe wohnen, haben sich dann aufgeregt, sodass die Nazis den Zug schließlich rasch abfahren ließen. Viele Menschen haben konkret gesehen, was da Schreckliches passiert.“ Persönliche Berichte wie dieser machen das unfassbare Grauenhafte nicht weniger unfassbar grauenhaft, heben jedoch das Furchtbare aus einer historischen Nüchternheit.

Natürlich bergen Erinnerungsleistungen auch die Gefahr der Verzerrung, egal ob in eine positive oder negative Richtung. Jedoch kann frau/man sich Doris Weißmüller-Zametzers Ansicht im Vorwort anschließen: „Das sind keine Absonderlichkeiten, keine Reminiszenzen an Vergangenes, kein nostalgischen Wehleidigkeiten, sondern Wissen um das gewesene, verschwundene Leben, aus dem das unsere entstehen konnte.“

Das Buch weckt die Neugierde, sich an die Orte des Geschehens zu begeben und selbst zu schauen, zu fragen, zu forschen.

Alexander Stollhof & Doris Weißmüller-Zametzer (Hg.) – Ein Bezirk schreib sein Buch. Die Landstraße 1933-1955. Böhlau Wien, 2006. 191 Seiten, € 19,90.

Petra Öllinger

Buchcover - Ein Bezirk schreibt sein Buch

Die bunten Hunde sind da – eine Rezension

Montag, 23. Oktober 2006

Redaktionshund Brilli mit grauer Baskenmütze
Liebe Besucherinnen!
Liebe Besucher!

Geruch von Papier und Druckerschwärze ist für unsereins sehr ungewöhnlich. Am Computer für eine Blog-Rubrik schreiben im Grunde auch … Aber was tut Hündin nicht alles, wenn sie in einem, fast möchte ich sagen literaturbesessenen, Haushalt lebt.
(„Aber was tut eine Zweibeinerin nicht alles, wenn sie mit zwei, fast möchte ich sagen verrückten, griechischen Kötern zusammenlebt?“ – O-Ton Petra Öllinger.)

Also: Das von Britta Jürgs herausgegebene Buch „Schwarze Hunde. Bunte Hunde“ aufgeblättert, umgepfotet, reingeschnüffelt, hängengeblieben – und es nur als gerecht empfunden, dass auch wir vierbeinige BellerInnen endlich zu Ehren kommen. Zeit wurde es. Katzen drängeln sich viel öfter ins Rampenlicht: auf Kaffeetassen, auf Flauschdecken, auf Christbaumkugeln, als Schokoladehäppchen oder in Anthologien.

Das Buch wird dann auch zum Gegenstand einer heftigen Diskussion mit Zwetschke (ihresgleichen mit mir Knochen- und Wassernapfteilende), die bis spät in die Nacht dauert und dazu führt, daß unsere Coach Petra Öllinger am nächsten Morgen zwei sehr unausgeschlafene „Köter“ um den Häuserblock schleifen muß.

Hier ein paar Bell- und Knurrfetzen:
Zwetschke: „Das ist doch nur etwas für eingefleischte HundefreundInnen.“
Brilli: „Nicht nur. Im Anhang finden sich Kurzbiografien über die Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, deren interessante Tätigkeiten einladen, sich mehr mit ihnen auseinanderzusetzen. Apropos auseinandersetzen: die Bücher einiger der vorgestellten Frauen wurden im Aviva Verlag (wieder)- aufgelegt, zum Beispiel Alice Berends ‚Die Bräutigame der Babette Bomberling’ oder Ruth Landshoff-Yorcks ‚Die Vielen und der Eine’, ‚Roman einer Tänzerin’ und ‚Die Schatzsucher von Venedig’. Überhaupt ist Aviva-Verlagsgründerin und –leiterin Britta Jürgs eine sehr Umtriebige, wenn’s um’s Erschnüffeln von Frauen in der Kunst- und Kulturgeschichte geht. Eine der vielen Veröffentlichungen zu diesem Thema ist „Vom Salzstreuer bis zum Automobil: Designerinnen“, die Rezension dazu findet sich in Petra Öllingers Bibliothek.“
Zwetschke: „Schwarz-weiß-Hundefotos haben wir selber so viele, wir könnten damit zirka 15.000 Bücher füllen.“
Brilli: „Aber wir haben keine Bilder der Malerin, Designerin und Fotografin Marianne Brandt und dem Hund Jasper.“ (Übrigens mein Lieblingsfoto.) „UND wir haben keine Hundeskizzen von Mechthilde Lichnowsky.“
Zwetschke: „Kommentare zum Hundeleben können wir auch abgeben.“
Brilli: „Schon, schon. Aber wäre dir diese Formulierung von Christa Reinig eingefallen?

‚Ich bin dein blindenhund
sagst du
du bist mein augenlicht
sag ich’.“

Zwetschke: „Und wo sind die Biografien der Vierbeiner?“
Brilli: „Tja … Ich gestehe, Daten zu Marie, Miss Penny, Jasper, Charlie, Daisy und all den anderen gehen mir ab.“

Liebe Britta Jürgs, sollten Sie einmal vierpfötige Unterstützung brauchen, wir stellen uns gerne für Recherchearbeiten zur Verfügung.

In diesem Sinne eine wuffige Woche
Ihre Brilli

Buchcover - Schwarze Hunde. Bunte Hunde

Britta Jürgs – Schwarze Hunde. Bunte Hunde. Künstlerinnen und Schriftstellerinnen und ihre Hunde. Aviva, 2006, Euro 18,50 (A), 140 Seiten

Jenseits von Käpt’n Iglo

Mittwoch, 27. September 2006

Wer bei Fisch nur an die panierten Undinger aus der Tiefkühlabteilung oder die armen GesellInnen (schließlich heißt es ja auch DIE Scholle) in der Konservendose denkt, der/dem kann mit dem „FischPoem“ die nötige Abhilfe geboten werden …

… auch wenn sie/er (noch) nicht einen Karpfen von einer Haifischflosse unterscheiden kann.
Da frönen also zum Beispiel Rolf Schwendtner, Liesl Ujvary, Friederike Mayröcker hemmungslos dem Fischgenuss. Schon bald bekommen die LeserInnen einen „Hineingesetzten Fisch “ von Peter Assmann serviert. So unprätentiös wie der Titel ist auch dieses Rezept – für Fisch-EinsteigerInnen wie gemacht. Und dann folgt eine Anleitung für Fischbeuschelsuppe (kredenzt von Herbert Aulehla und ein paar Seiten weiter eine von Christel Hoffmann-Ostenhof), und dann das literarische Geständnis von Angelica Bäumer, wie sich bei ihr das zuerst hemmungslose Schmausen von Austern in ein weniger hemmungsloses aber nichtsdestoweniger genussreiches verwandelte, inklusive Anmerkung, wie die LeserInnen selbst so etwas zuwege bringen – aber bitte nicht ohne Austern-Ketten-Handschuh!

Hil de Gard und Linde Waber haben in „FischPoem“ zusammengetrommelt, wer und was alles zum Thema Fisch zusammengetrommelt werden kann, sei es als Rezeptvorschlag in herkömmlicher Aufbereitung: „Man nehme …“. Oder in literarischer Form, wo sich beispielsweise Reinhard Knoll als Fachmann in seinem Beitrag „Protokoll“ die Frage stellt, „wie er wohl einen toten Fisch vergiften hätte können?“. Frau/man muss den Fisch nicht unbedingt essen, er/sie kann selbst zum Fisch werden: beim „Yoga Fisch-Asana“ (unter fachkundiger Anleitung von Birgit Heyn).

Hin und wieder zappeln beim Lesen die Fragen wie das Fischlein am Haken. Zum Beispiel: Warum taucht Franzobels „Menü mit Fisch“ an der Oberfläche auf, obwohl der Fisch nur einmal, recht unmotiviert!, daherschwimmt? Warum taucht überhaupt kein Fisch in Christiane Zintzens Beiträgen „Granatapfel“/„So sei der Tisch dem Fisch bereitet“ auf ?

Weil das Auge bekanntlich mitisst, hat Linde Waber Speisen, Fische, Langusten und Meeresgetier gezeichnet und gemalt – und die haben mit den eingangs erwähnten armen Geschöpfen so gar nichts an der Flosse.

Petra Öllinger

Cover-FischPoem


Hil de Gard & Linde Waber – FischPoem. Das endliche Kunst-Kochbuch.
Mandelbaum Verlag, Wien, 2004. 288 Seiten,
€ 29,80.

Von Muggiduks und Unordnung

Mittwoch, 20. September 2006

Kinderbücher schreiben – klingt einfacher als es ist. Kinderbücher rezensieren – vielleicht nicht ganz sooo schwierig, vor allem, wenn sich dieses Mal ein paar HelferInnen, sprich VertreterInnen der erforderlichen Zielgruppe, zur Verfügung gestellt haben.

Die Suche nach der „Zielgruppe“ war mit einigen Hindernissen verbunden – zugegeben. Die Möglichkeiten, sich Ende August ein paar (eben zielgruppenspezifische, also im vorliegenden Fall zwischen vier und sieben Jahren alte) Kinder von Bekannten „auszuborgen“ ist eine sooo simple Angelegenheit nicht: „Wir sind zur Zeit auf Urlaub, bitte hinterlassen Sie …“, „Keine Lust!“, „Viel zu schön draußen, um Bücher zu lesen.“ (?), „Für die Jasmin ist das nix.“, „Die müssen in der Schule eh immer so viel lesen, da sollen sie in den Ferien wirklich eine Pause machen.“ Schließlich haben sich dann doch drei youngsters meiner erbarmt (ob sie bestochen wurden, konnte ich nicht eruieren. Aber schlussendlich hatten wir eine Riesengaudi beim (Vor-)Lesen, und ich wage zu behaupten, dass eventuelle elterliche Bestechungseisbecher, Bestechungszuckerl oder Bestechungskinobesuche danach völlig uninteressant waren). Die Jury: Liane, 4, Joachim, 6 3/4 und Andrea 7,2 Jahre alt. „Bearbeitet“ wurden: „Die kleine Schlamperhexe/Omas alte Schuhe“, zwei Geschichten in einem Band und „Muggiduk“ – alle von Marie Luise Moosbach, die sowohl die Texte als auch die Bilder gestaltet hat.

Die drei stürzen sich gleich auf die Schlamperhexe. „Lustig“, gluckst Liane, und der Rest der Jury findet es sehr amüsant, dass die kleine Schlamperhexe ihrem Namen alle Ehre macht, wenn sie den langgesuchten Putzlappen im Suppentopf oder einen Schuh in der Kaffekanne findet. Schließlich macht sich die Hexe auf in die Stadt, bringt dort den Straßenverkehr gehörig durcheinander, wird von der Polizei gesucht und schließlich von einem Jungen namens Peter mittels Schokokuchen in dessen Haus gelockt. Soweit wird die Geschichte von der dreiköpfigen Jury akzeptiert. Unverständnis tritt dann bei Andrea und Jochen hinsichtlich des Umstandes auf, dass die kleine Schlamperhexe am Schluss nicht mehr zaubern kann und bei den „faden Kindern“ (O-Ton Joachim) bleibt. Andrea findet den Peter schlichtweg „deppert“. Dass die Schlamperhexe-Geschichte in Reimen geschrieben ist, gefällt Andrea und Liane, Joachim meckert etwas von „Pippikram“.

Alles andere als fad und deppert erscheint ihnen der Sepperl aus der zweiten Geschichte – „Omas alte Schuhe“. Der kann mir nichts dir nichts Berge und Hausmauern hochklettern und rettet ganz nebenbei eine Prinzessin. Und sieht genauso aus „wie der Peter“ (Andrea), zumindest auf dem letzten Bild, wo die Großmutter und Sepperl beim Frühstückstisch sitzen und Sepperl von seinem Traum erzählt. Also, gemeinsames Zurückblättern – tatsächlich: rote Hose, blauer Pullover, gelbe Haare – wir sind irritiert. „Aber da hat er ja eine braune Hose an!“ entdeckt Andrea beim Wieder-Vorwärts-Blättern – wir sind noch irritierter. Es entspinnt sich eine Diskussion, ob das nun derselbe Junge ist oder nicht. Es wird hin- und hergeblättert, und hin und her, und hin und her, inklusive Bemerkungen über die Bilder. „Die bei der zweiten Geschichte sind viel schöner“ (Joachim). „Ich find die Schlamperhexe netter.“ (Andrea) „So zeichnen kann ich auch.“(Joachim) „Rotkäppchen!“ (Liane). „Lustig, dass das mit der Prinzessin nur ein Traum war.“ (Andrea).

Resultat: Zwei nette Geschichten, die bei aufgeweckten ZielgruppenvertreterInnen zu angeregtesten Gesprächen führen können. Weiterlesen »

„Homo hominem lupus est“

Mittwoch, 13. September 2006

Passend zu unserem Literaturpreis und hoffentlich auch motivierend, um daran teilzunehmen, ist die heutige Besprechung von Margit Hahns neuem Buch. Gelesen und rezensiert von Irene Wondratsch.

(„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“). Das scheint im Besonderen auf Margit Hahns „schöne neue Arbeitswelt“ zuzutreffen.

„Warum ist Katja Wolf derart brutal und feindselig und so beinhart. Sie will mich ruinieren, kaputt machen, erledigen, abservieren. Ich habe immer geglaubt, Frauen – und im Besonderen Mütter – sind bessere, menschlichere, verständnisvollere und rücksichtsvollere Führungskräfte. Irrtum!… Ich stehe unter Beobachtung. Ich darf mir keine Fehler erlauben. Ich darf nicht im Internet surfen und keine privaten E-Mails schreiben. Ich darf vom Firmentelefon aus keine privaten Gespräche führen. Ich darf mich mit den anderen Kollegen nicht unterhalten, um sie nicht von der Arbeit abzuhalten. Und die anderen dürfen nicht mit mir sprechen, das ist eine Anweisung, selbstverständlich nicht offiziell, aber keiner stellt sie in Frage, fast alle halten sich daran.“

Wo viele um ihren Job bangen müssen, ist der Boden für rücksichtslosen Konkurrenzkampf aufbereitet. In den Büros und Chefetagen wird intrigiert und gemobbt, gebuckelt und getreten, gezittert und gebangt und so mach eine/r stürzt von der Karriereleiter. Als LeserInnen betreten wir dabei nur allzu bekanntes Terrain. Die Autorin betrachtet diese krank(machend)e Realität mit schonungslosem Blick, rückt ihr mit dem Seziermesser zu Leibe um sie freizulegen. Dabei bedient sie sich gekonnt der Ironie und oft auch einer ins Absurde abdriftenden Übersteigerung.

Wohltuend, dass in ihren Erzählungen die im Berufsleben benachteiligten und diskriminierten Frauen nicht in der Opferrolle verharren, sondern sich solidarisieren und mit Klugheit zu wehren wissen.Befreiend auch Margits Hahn bissiger Humor und befriedigend ihre Lust an der Rache.

„Ist es Zufall, dass wir in unserer Büroküche Messer, Streichmesser, liegen haben?… Als ich in einem Anfall von Mut Katja Wolfs Büro betrete, ich habe nicht angeklopft, beginnt ihre Lebensuhr dem Ende zuzurasen … Ihr Körper rutscht vom Sessel auf den Boden…Ich hebe das Messer wieder auf, verlasse Katja Wolfs Büro, gehe in die Büroküche, lege das blutige Messer in den Geschirrspüler, schalte ihn ein, es soll sauber werden, richtig sauber, es wird weiterhin als Brotmesser gebraucht und ich habe es mir nur ausgeborgt…Nachher werden sie sagen, wahrscheinlich war es Selbstmord. Niemand war in ihrem Zimmer, nur sie. Wie das Messer in den Rücken gekommen ist? Typisch für Wolf. Immer spektakulär und den anderen die Schuld geben für eigenes Versagen. Ich werde wieder lachen. Lachen steckt an. Ich bin wieder ruhig. Ich werde mich wieder auf die Arbeit konzentrieren.“

Bemerkenswert, dass sich nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Literatur der Arbeitswelt verändert hat. Hatte dieses Genre noch bis in die späten Siebzigerjahre hinein in erster Linie emanzipatorische, seltener auch literarische Bedeutung, so setzte mit Katrin Röglas Roman „Wir schlafen nicht“ eine Trendwende ein, die mit Margit Hahns Erzählungen „Totreden“ fortgesetzt wird.

Irene Wondratsch

Buchcover-Totreden

Margit Hahn – Totreden. Erzählungen. Skarabäus, Innsbruck, Bozen, Wien, 2006. 184 Seiten, € 17,90.

All inclusive

Donnerstag, 7. September 2006

Wie langweilig muss das Reisen gewesen sein, als noch keine Hotel-Monster-Burgen, Buffet-Schlachten, Animationsprogramm und „Ausflüge ins Landesinnere“ – all inclusive – zur Verfügung gestanden haben.

Ende des Kalauers! Obwohl, ein bisschen all inclusive wurde jenen Frauen schon geboten, die sich beispielsweise zwischen 1717 und 1930 auf den Weg in den Orient machten. Zu den vielen Unannehmlichkeiten, denen auch männliche Reisende unterlagen wie psychische und physische Strapazen, gesellten sich bei Frauen noch gesellschaftliche Verachtung und die Gefahr der Lächerlichkeit dazu. In acht Kapiteln widmet sich Barbara Hodgsons Themen wie reiselogistische Bewältigungen, Geheimnisse der Harems oder (Liebes-)Beziehungen zwischen den Frauen und ihren männlichen Begleitern. Ein Schwall an Namen und Zitaten reisender Frauen wie Isabel Burton, Isabella Bird, Lady Hester Stanhope lässt die Aufbereitung des Buches etwas chaotisch wirken und zwingt beim Lesen häufig zum Pausieren. Währenddessen kann frau ihre Augen auf Urlaub in die zahlreichen Abbildungen schicken. Ein ausgesprochen schön und liebevoll gestaltetes Buch, mit Fotos, Stichen und Gemälden in sehr guter Druckqualität sowie einem vorbildlichem Literaturverzeichnis und Abbildungsnachweis. Ein (unfreiwilliges) Nicht-Reisen lässt sich mit Barbara Hodgsons Buch gut aushalten …

Petra Öllinger

Buchcover - Die Wüste atmet Freiheit

Barbara Hodgson – Die Wüste atmet Freiheit. Reisende Frauen im Orient 1717 bis 1930. Aus dem Englischen von Brigitte Beier und Gisela Sturm.

Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2006. 184 Seiten, € 24,70.

Unermüdliche Courage

Mittwoch, 6. September 2006

„In meinem Land wird ‚Kommunist’ als Schimpfwort gebraucht. Aktiver Nazi gewesen zu sein gilt bei vielen Menschen als weniger ehrenrührig.“

Mein Land, das ist Österreich. ‚Kommunist’ war Rosa Puhm. Das Zitat entstammt ihren Lebenserinnerungen „Trennung in Gorki“ – die Erstausgabe war 1990 im Verlag für Gesellschaftskritik erschienen. Geändert hat sich an dieser Haltung seither nichts. Umso wichtiger, dass der Milena Verlag die Erfahrungen einer unverbiegbaren, couragierten Frau neu auflegt. Einer Frau, aufgewachsen in einem sozialdemokratischen Elternhaus, in den Zwanziger-Jahren dem Kommunistischen Jugendverband beigetreten und sich aktiv an politischen Geschehnissen beteiligend. Sie emigrierte nach Gorki, wo sie viele Jahre im Autowerk arbeitete. Trotz aller widrigen Umstände, trotz aller persönlichen Demütigungen, (u.a. wurde ihr Lebensgefährte Dino Maestrelli mit aller Wahrscheinlichkeit exekutiert, in der Folge behaftet mit dem Stigma der Frau eines Volksfeindes, sogar nach ihrer Rückkehr nach Österreich!, hier war ihre Unverbiegbarkeit den konservativen Kreisen der KPÖ ein Dorn im Auge, mit dem Resultat zu einem einfachen Mitglied der Partei „degradiert“ zu werden), hielt sie den Ideen des Kommunismus die Treue. Rosa Puhms Rückblicke sind nie verbittert oder verblendet, vielmehr wird der unerschütterliche Glaube fühlbar, im Rahmen einer Partei zu sozial-politischen Verbesserung beitragen zu können. „Trennung in Gorki“ ist ein sehr lebendiger, berührender Einblick in die österreichische und russische Zeitgeschichte – leider ist sie nur mehr nachzulesen. Lebte Rosa Puhm noch, sie ist 1997 verstorben, ein persönliches Gespräch mit ihr wäre Pflicht!

Petra Öllinger

Buchcover - Trennung in Gorki


Rosa Puhm – Trennung in Gorki. Erinnerungen an eine Zukunft.

Milena Verlag, Wien, 2006. 280 Seiten, € 17,90.