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Nostalgiefrei

Leise und abseits des überstrapazierten Kriegsende-Republik-Staatsvertrag-und-EU-Beitritt-Gedenkgedröhne 2005 schrieb ein Bezirk sein Buch.

Runter vom elfenbeinernen „Geschichte“-Türmchen mit Zahlen und Fakten. Rein in Erinnerungen jener, die einen wichtigen Abschnitt der jüngeren österreichischen Geschichte selbst erlebt haben. Raus mit einem Buch, dessen Inhalt persönliche Erlebnisse von BewohnerInnen des dritten Bezirks in der Zeit zwischen 1933 und 1955 bilden. Die Basis: Gespräche, die an zwanzig Nachmittagen in der Volkshochschule Landstraße mit ZeitzeugInnen geführt wurden. Das Resultat: Worte und Fotos, die persönliche Erlebnisse im dritten Bezirk zwischen 1933 und 1955 näher bringen. Neben den InterviewpartnerInnen sind das (private) Bildarchiv von Christoph Römer und vom Bezirksmuseum Wien Landstraße eine schier übersprudelnde Quelle, die Karl Dworschak mit großem Aufwand in die „richtigen“ Bahnen lenkt: Er zeichnet verantwortlich für die Auswahl, Bearbeitung und Untertitelung der Fotos.

„Der Bürgerkrieg im Februar 1934“, „Das Schicksal der jüdischen Mitbürger“, „Widerstand im dritten Wiener Gemeindebezirk“ sind einige der thematischen Schwerpunkte, die betroffen machen, eine/n beim Lesen erschüttert zurücklassen. „Meine Mutter kam eines Tages aufgeregt nach Hause und erzählte, dass es am Aspang-Bahnhof Waggons voll mit Juden gäbe. Die wurden dort zwei Tage stehen gelassen, sodass diese armen Menschen schon vor Hunger brüllten. Das hat man alles gesehen. Die Leute, die in der Nähe wohnen, haben sich dann aufgeregt, sodass die Nazis den Zug schließlich rasch abfahren ließen. Viele Menschen haben konkret gesehen, was da Schreckliches passiert.“ Persönliche Berichte wie dieser machen das unfassbare Grauenhafte nicht weniger unfassbar grauenhaft, heben jedoch das Furchtbare aus einer historischen Nüchternheit.

Natürlich bergen Erinnerungsleistungen auch die Gefahr der Verzerrung, egal ob in eine positive oder negative Richtung. Jedoch kann frau/man sich Doris Weißmüller-Zametzers Ansicht im Vorwort anschließen: „Das sind keine Absonderlichkeiten, keine Reminiszenzen an Vergangenes, kein nostalgischen Wehleidigkeiten, sondern Wissen um das gewesene, verschwundene Leben, aus dem das unsere entstehen konnte.“

Das Buch weckt die Neugierde, sich an die Orte des Geschehens zu begeben und selbst zu schauen, zu fragen, zu forschen.

Alexander Stollhof & Doris Weißmüller-Zametzer (Hg.) – Ein Bezirk schreib sein Buch. Die Landstraße 1933-1955. Böhlau Wien, 2006. 191 Seiten, € 19,90.

Petra Öllinger

Buchcover - Ein Bezirk schreibt sein Buch

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