Archiv für September 2016

Winterspaß in Slapsefjell

Donnerstag, 29. September 2016

Wimmelnde SchifahrerInnen

Cover_Winterspass_in_Slapsfjell

Jetzt schon vom Winter erzählen? Warum auch nicht? Der Winter kommt so oder so.
Weshalb sich nicht frühzeitig darauf einstimmen? Zum Beispiel mit Bjørn R. Lies hinreißend illustriertem, großformatigen „Winterspaß“. Der norwegische Illustrator und Künstler, dessen Arbeiten sich unter anderem in der New York Times, auf Pölstern oder Flaschenetiketten finden, lässt ebendiesen in dem fiktiven norwegischen Bergdorf Slapsefjell bei exakt minus vier Grad beginnen. Bunte Häuser im Schnee, aus deren Schornsteinen der Rauch schnurrgerade aufsteigt – die minus vier Grad werden bereits beim Anschauen des ersten Bildes spürbar. Gerade die richtige Temperatur für die EinwohnerInnen von Slapsefjell, die sich frühmorgens zahlreich auf den Loipen tummeln. Auf den folgenden Seiten wird man ZeugIn, wie „hartgesottene Skikanonen“ und „übermütige Winterakrobaten“ den Hang hinunter schießen oder mit „halsbrecherischen Sprüngen“ das Schicksal herausfordern. Oder man beobachtet Robert Raubart dabei, wie er aus einem ins Eis gebohrten Loch Fische angelt. Einer der Höhepunkte ist die Slapsefjell-Rallye, die „pferdestarken Motoren dröhnen“, deren Kadunk Kadunk, Vroom Vroom und Brrrrrr das Buch erzittern lassen. Derweil draußen Resi Rosenkohl auf dem Snublekollen-Sprunghügel einen Rekord aufstellt, sitzt eine Seite weiter geblättert drinnen die Klasse 8A und lässt den Wettlauf zum Südpol über sich ergehen, was zumindest einem Schüler, nämlich Sönke Bergmann einige Bilder später, sehr zupasskommt …

Im letzten Drittel des Buches senkt sich die Abenddämmerung über Slapsefjell, und dann geht’s richtig los: Unter anderem geben sich dort ein Quetschkommodenspieler und ein dreiköpfiger Vogel die Ehre.
Richtig los geht’s auch, wenn man Bjørn R. Lies witzige, skurrile, detailreiche, bunte Illustrationen genau anschaut – und ja, es werden Erinnerungen an Ali Mitgutschs Wimmelbilder lebendig. Der Farbton ist auf die jeweilige Szene bzw. die Tageszeit „zugeschnitten“. Besonders eindrucksvoll ist die Abenddämmerung, wo das Dorf in einen Rosa-Blau-Ton getaucht wird, wie es ihn nur im Winter gibt.

Die BewohnerInnen von Slapsfjell sind einmalig und vielfältig, und das nicht nur hinsichtlich ihrer Aktivitäten in klirrender Kälte. Menschen wie Hasen, Elefanten, Hunde, Bären, Biber, Eichhönrchen, alle wieseln sie gemeinsam mit der größten Selbstverständlichkeit auf Loipen, in Schihütten oder vor Lasse’s (sic) Grillbar herum. Ein besonderer Charme wohnt jener Szene inne, in der drei Damen (Häsin, Katze, Frau) ihren Kindern dabei zusehen, wie diese einen Schneehasen bauen.
Alle tragen Winterkleidung, die in einem krassen Widerspruch zu Hightech Outdoor-Ausstattung steht: Faltenröcke, Kniebundhosen, Wollpullover. Der oben erwähnte Roland Raubart, seines Zeichens übrigens eine Art Riesenschnauzer, trägt unter dem Pullover mit Norwegermuster! Hemd und Krawatte. Und allseits beliebt: die Sturmhaube. Sieht zwar nicht cool aus, wärmt jedoch ungemein. Genauso wie Slapsefjell und seine liebenswerten EinwohnerInnen Herz und Seele der BetrachterInnen wärmen.

Klingt alles nach Lobeshymne? Warum auch nicht. Der Winter kommt so oder so. Weshalb sich nicht darauf einstimmen?

Petra Öllinger

PS: Für alle, die ihn vielleicht vermisst haben: den Blick auf das Vor- und Nachsatzpapier. Ich habe nicht darauf vergessen, wollte die Anmerkung dazu aber zur Abwechslung als PS verfassen. Auf dem Vor- und Nachsatzpapier findet sich (fast) alles auf blauem Untergrund mit weißem Stift gezeichnet, was für den Wintersport benötigt wird. Schneeschuhe, Schiwachs, Schokolade, Fäustlinge Radio, Wollknäuel …

PPS: Nein, es gibt keine Altersempfehlung. Geeignet ist „Winterspaß in Slapsefjell“ für Groß und Klein, für Jung und Alt, für Menschen und Bären, für Schifahrer und Waldarbeiterinnen und so weiter.

Bjørn R. Lie: Winterspaß in Slapsefjell.
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries.
Buchgestaltung von Eleonor Sommer.
Kunstanst!fter Verlag, Mannheim, 2016
Hardcover, 52 Seiten, € 19,60 (Ö)
Über Bjørn R. Lie

© Cover: Kunstanst!fter Verlag / Autor und Illustrator

„Anfangen. Jetzt. Mittendrin“ in Alberts Bücherlager

Montag, 26. September 2016

Es lesen Cornelia Stahl, Werner Lang und Christian Schreibmüller

Wann: Mittwoch, 28.9.2016 um 19:00Uhr
Wo: Alberts Bücherlager, Aichholzgasse 19, 1120 Wien

Im Anschluss an die Lesung gemütliches Beisammensein und Gelegenheit zu persönlichen Gesprächen mit den Autoren.

Cornelia Stahl, lebt in Wien. Mitglied der Litges St.Pölten. Redakteurin, „Literaturfenster Österreich“, Radio Orange. Letzte Veröfflichung: Anfangen. Jetzt. Mittendrin. Engelsdorfer Verlag, Leipzig.

Werner Lang, lebt in Wien, Autor. Mitglied im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“. Letzte Veröfflichung: Herzblut. Erzählungen.Edition Tarantel.

Christian Schreibmüller, lebt in Wien, Autor, Fotograf, Schauspieler, Journalist. Letzte Veröffentlichung: Kannibalenromanze. Edition Tarantel.

Foc / Feuer

Montag, 19. September 2016

Einrücken, heimkehren, neugierige Gänse

Cover Foc_Feuer1. März 1939: „Ich musste zum rumänischen Wehrdienst in Elisabethstadt einrücken.“
Ich – das ist Sebastian Rethers Großvater. Dessen Einberufung 1939 „beschert“ ihm bis 1945 Kriegserlebnisse, die sein Enkel auf sehr außergewöhnliche Art festgehalten hat. In dieser Graphic Novel, die ursprünglich die Bachelor-Arbeit des Künstlers und Illustrators bildete, zeichnet er – im wahrsten Sinn des Wortes – die Erinnerungen seines Großvaters nach. „Es ging mir weniger um den Krieg an sich, als um die privaten Erinnerungen und subjektiven Empfindungen eines jungen Soldaten“, erklärt Sebastian Rether. Ausgangspunkt des Buches sind Aufzeichnungen und Gespräche, die er mit seinem Großvater geführt hat.

In den vermeintlich einfachen Skizzen verbirgt sich Bewegendes. Es sind keine großen Gesten/Striche/Wörter, Sebastian Rethers Bilder verlangen dem/der BetrachterIn genaues Hinschauen ab, um das Eindringliche und Berührende, den Wahnsinn des Krieges zu erfassen; und auf einem Pferd das titelgebende Wort „Foc“ (rumänisch für Feuer) zu entdecken.

Bereits zu Beginn des Buches heißt es „Abschied nehmen“. Das erste Kapitel bedarf so wie die folgenden nicht vieler Worte: Dieser Abschied ist ein gezeichnetes Stück Seife, Rasierzeug, ein paar Blätter Papier und Kuverts, die, in ein Tuch eingeschlagen, vom Einberufenen mitgenommen werden. Zurück bleiben ein Brief, eine nackte Glühbirne und drei neugierig schauende Gänse …

Erste Station: Elisabethstadt. Noch trägt den Rekruten die Überzeugung, sein Dienst werde nur drei Monate dauern. Es folgen Jahre. Der Krieg wird ihn quer durch Europa führen; an die Ostfront, in die Bretagne oder nach Italien. Es sind mehr oder weniger Kleinigkeiten, Banalitäten, die seine Erinnerungen markieren: ein halbes Huhn, das im Schützengraben zu einem Festessen wird, Obstbäume, mit Erhängten an den Ästen, ein Löffel. Beklemmend die Soldatengesichter: Einige haben nur leere Fläche, andere tragen einen Schweine- oder, so wie der Großvater, einen Hundekopf. Deutsche Panzer als Schildkröten wirken martialischer als realistisch dargestellte Kampfgeräte.

Manchen Bildern wohnt etwas Komisches inne, wenn sich beispielsweise ein Soldat hinter einer übergroßen Flasche übergibt. Oder wenn auf einer Doppelseite vier Soldaten auf ihren Pferden in Richtung BetrachterIn reiten und derart an einen Western erinnern. Tragikomisch mutet das Kapitel „Großes machen“ an, in dem es heißt: „Zu einer späteren Zeit ging ein Unteroffizier den Graben hinunter …“ Der Unteroffizier verrichtet lesend sein großes Geschäft, die folgenden zwei Bilder machen das Trügerische dieser Stille regelrecht greifbar: Eine Granate schlägt ein, zurück bleibt nur der Helm. Aus. Lakonisch auch die Sprache, maximal zwei kurze treffende Sätze pro Seite, viele Bilder bleiben ohne Text.
Sogar das Inhaltsverzeichnis ist reduziert. Statt herkömmlicher Kapitelüberschriften finden sich nur die jeweiligen Seitenzahlen in den angedeuteten Umrissen einer Landkarte. Diese Zahlen markieren die unterschiedlichen Orte, an denen Rethers Großvater auf seiner Kriegsodyssee, an- und vorbeikommt.
Schließlich die Heimkehr, mit dem lapidaren Satz „Nachdem ich mich gewaschen hatte, legte ich die Füße in warmes Wasser …“ ist der Krieg für den Ich-Erzähler (vorerst) beendet, bestaunt von drei neugierig schauenden Gänsen …

Petra Öllinger

Sebastian Rether: Foc/Feuer
Edition Büchergilde, Frankfurt/Main, 2016
Gebunden, fester Einband mit strukturiertem Papier, 368 Seiten, € 25,70 (Ö)
Über Sebastian Rether

© Cover: Edition Büchergilde/Sebastian Rether

Literatur nach 1945 – Walter Buchebner

Montag, 12. September 2016

Walter Buchebner, geboren 1929 in Mürzzuschlag, tauchte 1945 unter, um der Einberufung zum Volkssturm zu entgehen. Nach Beendigung des Gymnasiums in Bruck an der Mur ging er nach Wien, um zu studieren. In der schwierigen Nachkriegszeit begann er das Studium der Germanistik und Geographie an der Universität Wien.
Die Verhältnisse zwangen ihn während seiner akademischen Ausbildung, die er aus Opposition gegen den versteinerten Lehrbetrieb nicht beendet, aber weit vorangetrieben hatte, manuell zu arbeiten. Dadurch lernte er die Probleme der Arbeiterschaft kennen und fühlte sich mit den Werktätigen tief verbunden.

In seinem Tagebuch beschreibt er die Arbeitsbedingungen in einer verstaatlichten Industrie: „Mürzzuschlag 28. Juli 1951. Ich bin in den ca. 40 X 50 großen Gaskanal teerhacken gekrochen. Eine fürchterliche Arbeit, nervenanstrengend und körperlich zermürbend. Man schwitzt wie ein Trottel. Immer nur am Bauch kann man kriechen und die Hände voran. Verkehrt zurück. Dabei alles mitnehmen. Draußen fühlt man sich dann wie von einer langen Krankheit genesen. Einem Proleten gingen die Nerven durch, als er drin war. Für ihn kroch ich zweimal ein. Etwa 4m weit hinein.
Unbeschreiblich ist die Qual drunten im dreckigen Kanal. Und oft und oft müssen sie da hinein; manchmal bei entsetzlichen Bedingungen: Gas, Hitze …!
Ich glaube kaum, dass ich je anders werde leben können als diese Ärmsten der Erde!
Er arbeitete unter anderem als Bauarbeiter, Fahrdienstleiter, Monteur, Telegrafist und Erzieher.“

Danach gelangte er zur Überzeugung, dass er die Dichtkunst erlernen müsse. Er gewöhnte sich an einen ruinösen Arbeitsstil, stellte totale Forderungen an sich selbst.

Ab 1956 leitete er eine Zweigstelle der Wiener Städtischen Büchereien. 1959 wurde ein schweres Nierenleiden diagnostiziert. Walter Buchebner nahm sich 1964, vermutlich wegen großer Schmerzen, das Leben. Robert Lotter gründete in der zweiten Hälfte der 1970 Jahren die Walter-Buchebner-Gesellschaft. Daraus entwickelte sich das Kunsthaus Mürzzuschlag.

aschenfarbene melodie
aschenfarbene melodie
in der heilsarena
kapital
vergiftet das
herz
unserer lieben frau
notre dame
die unbefleckte
mendelsche vererbungslehre
und thomasverfahren
aus der hand eines
sterbenden papstes
besucht abendkurse
der volksbildungshäuser
werdet gute bürger
mit patriotischem überschallhemd
und
schaumgummitick
dreimal täglich
und am sonntag
KYRIE ELEISON
kapital
vergiftet das
herz

Literatur:
Lotter Robert: Walter Buchebner; Lyrik, Prosa; Graphik; S. 3, 5, 10; Herausgeber: Robert Lotter; Wienerstraße 120, 8680 Mürzzuschlag.

Sternenschwester. Ein Buch für Geschwister und Eltern von tot geborenen Kindern.

Mittwoch, 7. September 2016

Schluss mit dem Schweigen

Cover Sternenschwester Es gibt sie noch, die letzten Tabus in unserer Gesellschaft, zum Beispiel jenes von tot geborenen oder früh verstorbenen Babys. „Hunderte Fotos von lebenden Kindern machen die Runde, stolze Eltern posten Familienfotos auf Facebook, Familie und FreundInnen gratulieren, bringen kleine Geschenke. Tot geborene oder sehr früh verstorbene Babys hingegen werden meist nicht als Teil einer Familie wahrgenommen.“ 1 Und doch sind sie es. Umso mehr, wenn nach dem Tod eines Kindes dessen Geschwister zur Welt kommen. Wie lebt es sich als ein solches Geschwisterkind in dem Wissen, dass vor einer/einem bereits jemand da war und nun nicht mehr ist? Darf man überhaupt über die tote Schwester, den toten Bruder sprechen? Wie gelingt es als Mutter/Vater, eine Verbindung zwischen dem verstorbenen und dem lebenden Kind aufzubauen? Wäre ein Schweigen über einen „solchen Vorfall“ nicht einfacher, heilsamer? Möglich. Wahrscheinlicher ist: „Totschweigen ist wie noch einmal sterben“, wie Gabi Horak-Böck in ihrem Artikel „Sternenkinder“ schreibt.

Eine Hilfe, um dieses Schweigen zu brechen, bietet Doris Meyers „Sternenschwester“. Die Idee zu diesem Bilderbuch entsprang ihrer eigenen Betroffenheit als Sternenmama. Ihre erste Tochter kam tot zur Welt. Doris Meyers Suche während ihrer zweiten Schwangerschaft nach einem geeigneten Bilderbuch zu diesem Thema blieb erfolglos. Das nahm sie zum Anlass, selbst ein Buch zu gestalten. Der „Erdenbruder“ erzählt darin in einfachen klaren Sätzen von seiner „Sternenschwester“ Maja, die vor ihm auf die Welt gekommen, jedoch nach kurzer Zeit gestorben war. Seine Eltern halten das Andenken an sie wach mit kleinen Erinnerungsstücken wie ein rotes Tuch, in das Maja eingewickelt war, oder ihre Hand- und Fußabdrücke auf einer Karte. Sie beziehen ihren Sohn in dieses Gedenken ein. Dadurch gelingt es ihm, zu seiner toten Schwester eine Verbindung aufzubauen, in dem er zum Beispiel ein kleines Windspiel für sie bastelt. Und natürlich taucht die Frage auf, wo Maja jetzt wohl sei. Das Wohltuende an der Antwort der Eltern ist, dass sie keine Antwort darauf wissen und ihren Sohn nicht mit (religiösen) Erklärungen zu beruhigen versuchen.
Die ganzseitigen, in freundlichen Farben gehaltenen Aquarellbilder sowie freie Seiten zum Selbstgestalten laden ein zu eigenen Gedanken/Bildern, vor allem dann, wenn Worte fehlen.

Danke an Doris Meyer für dieses Buch, das für Kinder ab 4 Jahren und Erwachsene gleichermaßen geeignet ist.

Petra Öllinger

Doris Meyer: Sternenschwester. Ein Buch für Geschwister und Eltern von tot geborenen Kindern. Mit einem Nachwort von Franziska Maurer.
Mabuse Verlag, Frankfurt/Main, 2. durchgesehene Auflage 2016.
32 Seiten, €17,40 (Ö)

© Cover: Mabuse Verlag/Doris Meyer

1: Gabi Horak: „Sternenkinder“. In: an.schläge. Das feministische Magazin. September 2014.