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Sternenschwester. Ein Buch für Geschwister und Eltern von tot geborenen Kindern.

7. September 2016 von eag

Schluss mit dem Schweigen

Cover Sternenschwester Es gibt sie noch, die letzten Tabus in unserer Gesellschaft, zum Beispiel jenes von tot geborenen oder früh verstorbenen Babys. „Hunderte Fotos von lebenden Kindern machen die Runde, stolze Eltern posten Familienfotos auf Facebook, Familie und FreundInnen gratulieren, bringen kleine Geschenke. Tot geborene oder sehr früh verstorbene Babys hingegen werden meist nicht als Teil einer Familie wahrgenommen.“ 1 Und doch sind sie es. Umso mehr, wenn nach dem Tod eines Kindes dessen Geschwister zur Welt kommen. Wie lebt es sich als ein solches Geschwisterkind in dem Wissen, dass vor einer/einem bereits jemand da war und nun nicht mehr ist? Darf man überhaupt über die tote Schwester, den toten Bruder sprechen? Wie gelingt es als Mutter/Vater, eine Verbindung zwischen dem verstorbenen und dem lebenden Kind aufzubauen? Wäre ein Schweigen über einen „solchen Vorfall“ nicht einfacher, heilsamer? Möglich. Wahrscheinlicher ist: „Totschweigen ist wie noch einmal sterben“, wie Gabi Horak-Böck in ihrem Artikel „Sternenkinder“ schreibt.

Eine Hilfe, um dieses Schweigen zu brechen, bietet Doris Meyers „Sternenschwester“. Die Idee zu diesem Bilderbuch entsprang ihrer eigenen Betroffenheit als Sternenmama. Ihre erste Tochter kam tot zur Welt. Doris Meyers Suche während ihrer zweiten Schwangerschaft nach einem geeigneten Bilderbuch zu diesem Thema blieb erfolglos. Das nahm sie zum Anlass, selbst ein Buch zu gestalten. Der „Erdenbruder“ erzählt darin in einfachen klaren Sätzen von seiner „Sternenschwester“ Maja, die vor ihm auf die Welt gekommen, jedoch nach kurzer Zeit gestorben war. Seine Eltern halten das Andenken an sie wach mit kleinen Erinnerungsstücken wie ein rotes Tuch, in das Maja eingewickelt war, oder ihre Hand- und Fußabdrücke auf einer Karte. Sie beziehen ihren Sohn in dieses Gedenken ein. Dadurch gelingt es ihm, zu seiner toten Schwester eine Verbindung aufzubauen, in dem er zum Beispiel ein kleines Windspiel für sie bastelt. Und natürlich taucht die Frage auf, wo Maja jetzt wohl sei. Das Wohltuende an der Antwort der Eltern ist, dass sie keine Antwort darauf wissen und ihren Sohn nicht mit (religiösen) Erklärungen zu beruhigen versuchen.
Die ganzseitigen, in freundlichen Farben gehaltenen Aquarellbilder sowie freie Seiten zum Selbstgestalten laden ein zu eigenen Gedanken/Bildern, vor allem dann, wenn Worte fehlen.

Danke an Doris Meyer für dieses Buch, das für Kinder ab 4 Jahren und Erwachsene gleichermaßen geeignet ist.

Petra Öllinger

Doris Meyer: Sternenschwester. Ein Buch für Geschwister und Eltern von tot geborenen Kindern. Mit einem Nachwort von Franziska Maurer.
Mabuse Verlag, Frankfurt/Main, 2. durchgesehene Auflage 2016.
32 Seiten, €17,40 (Ö)

© Cover: Mabuse Verlag/Doris Meyer

1: Gabi Horak: „Sternenkinder“. In: an.schläge. Das feministische Magazin. September 2014.

Beiträge vor einem Jahr:
Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis

Dein Lieblingsbuch und Du – sommerliche Bücherbox-Verlosung

19. August 2016 von eag

4 Bücherboxen zu gewinnen

Sehr gerne weisen wir auf eine kleine Verlosung im Rahmen der Leseförderinitiative und Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“ hin.

Unter den BesucherInnen des Blogs „Wiener Bücherschmaus“ werden 3 Bücherboxen verlost. Eine weitere Bücherbox kann auf der Facebookseite des „Wiener Bücherschmaus“ gewonnen werden.

Bücherbox Die weinroten Boxen enthalten jeweils, in orangfarbenes Seidenpapier eingeschlagen, 3 Bücher, 3 Lesezeichen und eine Stofftasche mit literarischem Motiv.

So einfach funktioniert die Teilnahme: Sie benötigen lediglich ein gemeinsamens Foto von sich und einem Ihrer Lieblingsbücher. Es kann, muss aber nicht Ihre aktuelle Ferienlektüre sein.
Sie senden das Foto, ergänzt um 1-2 Zeilen, warum Ihnen dieses Buch besonders am Herzen liegt, bis zum 15. September 2016 um 24:00 Uhr via E-Mail an den Wiener Bücheschmaus.

Georg Schober mit Buch Mit Ihrer Einsendung gestatten Sie, das Foto und Ihre Gedanken zu dem Buch einmalig auf der Homepage bzw. im Blog des „Wiener Bücherschmaus“ zu veröffentlichen.

Die Auslosung findet am 16. September 2016 statt. Die GewinnerInnen werden im Anschluß per Mail verständigt.

Die Bücherboxen wurden uns von „imGrätzl“ kostenlos zur Verfügung gestellt. ImGrätzl.at ist eine junge Initiative, die das nahezu unüberschaubare Angebot an Ideen, Aktionen und Angeboten in Wien auf das jeweils unmittelbare Lebens- und Wohnumfeld herunterbricht. Es ermöglicht, Menschen aus der NachbarInnenschaft kennenzulernen und unterstützt die Belebung der einzelnen Stadtteile.

Teilnahmebedingungen

Buecherbox und drei Buecher mit Lesezeichen Die Buchhandlung des Vereins „Wiener Bücherschmaus“, Garbergasse 13, 1060 Wien, verlost drei Bücherboxen. Eine Barauszahlung oder der Umtausch des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklären Sie sich mit den nachstehenden Teilnahmebedingungen einverstanden und erkennen diese in vollem Umfang und ohne Einschränkungen an.

Die Teilnahme ist kostenlos und jeder natürlichen Person erlaubt. Voraussetzung für die Teilnahme: Sie senden uns ein E-Mail mit einem Foto, dessen Rechte Sie besitzen, und das Sie gemeinsam mit einem Ihrer Lieblingsbücher zeigt. Im Textfeld des Mails teilen Sie uns in ein bis zwei Zeilen mit, warum Ihnen dieses Buch besonders gefällt.

Stofftragtasche mit Buchmotiv Mit Ihrer Einsendung gestatten Sie, das Foto und Ihre Gedanken zu dem Buch einmalig auf der Homepage bzw. im Blog des „Wiener Bücherschmaus“ zu veröffentlichen.

Jede Person darf im Rahmen dieses Gewinnspiels nur ein Mal teilnehmen.
Das Mail kann bis zum 15. September 2016 um 24:00 Uhr eingesendet werden. Eine Teilnahme nach diesem Zeitpunkt ist nicht mehr möglich. Der „Wiener Bücherschmaus“ übernimmt bei technischen Problemen, wie dem Ausfall der Internetseite bzw. der E-Mail-Funktion, keine Haftung.

Buecherbox und Krimi Unter den TeilnehmerInnen werden drei Bücherboxen, sie beinhalten jeweils drei Bücher, drei Lesezeichen und eine Stofftasche, verlost.

Die drei GewinnerInnen werden aus allen Einsendungen gezogen, die bis zum Teilnahmeschluss eintreffen. Die Ziehung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit am 16. September 2016 statt. Es besteht kein Rechtsanspruch auf einen Gewinn. Über das Gewinnspiel erfolgt kein Schriftverkehr. Die GewinnerInnen werden nach der Verlosung per Mail informiert und müssen zwecks Gewinnbestätigung bis Ende September 2016 auf diese E-Mail antworten. Nach Ablauf der Frist verfällt der Gewinn.

Drei Buecher mit Lesezeichen Die von den TeilnehmerInnen mitgeteilten Daten (Namen u. E-Mailadressen) werden nach Abwicklung des Gewinnspiels gelöscht. Die TeilnehmerInnen stimmen zu, dass sie im Rahmen des Gewinnspiels per E-Mail kontaktiert werden können und dass im Gewinnfall ihr Name auf der Internetpräsenz des „Wiener Bücherschmaus“ veröffentlicht wird.

Teilnahmeschluss ist der 15. September 2016, 24:00Uhr Uhr.

Ben und die Wale. Eine wunderbare Reise

10. August 2016 von eag

Vom Abschiednehmen und fliegenden Giganten

Cover Ben und die WaleSeit mittlerweile zehn Jahren erscheinen im Mannheimer Kunstanst!ifter Verlag (Bilder-)Bücher, die den LeserInnen ein visuelles Vergnügen bereiten. Und erst die Inhalte! Beispiel gewünscht? Bitte sehr: „Ben und die Wale“.

Die südafrikanische Bilderbuchautorin Ingrid Mennen widmet sich darin einer Tatsache, der wir alle früher oder später ins Auge sehen müssen: dem Tod.

Bei ihren Spaziergängen entlang der Küstenpfade beobachten Ben und sein Großvater die Wale. Beide arbeiten an Opas Sammelalbum über diese „fliegenden Giganten des Meeres“, wie Bens Großvater diese Tiere nennt. Bereits auf der dritten Seite ist jedoch das Unvermeidliche eingetreten. Bens Opa stirbt. Am selben Nachmittag lädt Bens Vater ihn zu einem Spaziergang ein. Beide gehen denselben Weg, den Ben auch mit seinem Opa entlanggewandert ist, und Bens Vater erzählt ihm eine Geschichte. Es ist eine Geschichte über ein Walkind und einen alter Buckelwal, der strandet und nicht mehr zurückfindet ins Meer. Das Walkind aber muss zurück zu seiner Herde; es wird den alten Wal loslassen. So wie Ben von seinem Opa Abschied nehmen muss. Dabei scheinen dem Jungen Flügel zu wachsen, wie bei den „fliegenden Giganten des Meeres“.

Die Autorin arbeitete an diesem Buch gemeinsam mit ihrer Tochter Irene Berg, die die Geschichte illustrierte. Fast kann man es riechen und hören das Meer, in seinen vielen (Farb-)Facetten vom „lieblichen“ über das arktische Blau bis zum aufgewühlten Grau. Im Meer immer wieder Wale; schwimmend, springend, tauchend. Den Tod des Großvaters symoblisiert ein leerer Ohrensessel und ein Basset, der mit traurigem Blick davor liegt. Er wird zwar nicht im Text erwähnt, trotzdem begleitet dieser Hund den Jungen in vielen Szenen.

Ein Küstenabschnitt aus der Vogelperspektive zeigt bei genauem Hinschauen die Szene, als der alte Buckelwal sterben muss und der kleine Wal zu seiner Herde schwimmt. Doch bietet dieses Bild etwas Tröstliches: die am Horizont aufgehende, leuchtend gelbe Sonne. Genaues Hinschauen lohnt sich auch beim liebevoll gestalteten Vor- und Nachsatzpapier: Es sind Seiten aus Opas Sammelalbum, voll mit Notizen, Skizzen, eingeklebten Zetteln und vielen Informationen über Wale. Und wer über den Buchdeckel streicht, erlebt eine reizende Überraschung.

Petra Öllinger

Ingrid Mennen (Text), Irene Berg (Illustration, Coverillustration, Lettering), Yimeng Wu (Buchgestaltung): Ben und die Wale. Eine wunderbare Reise.(Originaltitel: „Ben and the Whales. The Extraordinary Journey“/“Ben en de Walvisse – `n wonderbaarlike Reis, ins Deutsche übersetzt von Ingrid Mennen und Irene Berg)
Kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2016.
32 Seiten, € 18,60 (Ö)

© Cover: Kunstanst!fter Verlag

Der Geruch der Welt

18. Juli 2016 von eag

Ein olfaktorischer, und manchmal sehr mühsamer, Weg durch die Welt.

Cover: Der Geruch der Welt Es gibt Wege, die einen dermaßen anstrengen, dass sich Zweifel breitmachen, je ans Ziel zu gelangen. Es gibt Wege, die einen am eigenen Verstand zweifeln lassen, weil man die Besonderheiten auf dieser Strecke, die von MitgeherInnen bestaunt und bejubelt werden, nicht sieht. Aber es gibt auch Wege, die von Labstationen gesäumt sind, an denen man die Hoffnung schöpft, nicht völlig umsonst unterwegs zu sein.

Diese sehr gemischten Gefühle beschleichen einen, wenn man sich auf den Weg durch Paul Divjaks Essay begibt. Der Autor, Künstler und Kunstwissenschafter ist u.a in der Olfaktorik tätig und – „schenkt uns ein raffiniertes literarisches Plädoyer zum verfeinerten Gebrauch unserer Nase“. Und da taucht er schon auf, der Zweifel. Warum will sich die vom Verlag formulierte literarische Raffinesse nicht bemerkbar machen? Warum will sich die an „Wittgenstein erinnernde Strenge“, wie Rainer Rosenberg sie in der Ö1-Radiosendung „Von Tag zu Tag“ formulierte, nicht auftun? Ist man zu dumm, zu ignorant, zu oberflächlich, weil man sich diesem Staunen nicht recht anschließen mag?

Also ein paar Schritte zurück auf dem Weg und nochmals lesen. „Die prägenden Moleküle eines Geruchs verhalten sich auf ganz bestimmte Art und Weise zueinander. Die Art und Weise, wie die prägenden Moleküle eines Geruchs sich zueinander verhalten, bestimmt seine Charakteristik.“ S. 18
„Zum objektiven Geruchsbild gehört alles, was zum Geruch gehört, nicht aber die Projektionen / die Zuschreibungen / die (individuelle) Interpretation.“ S. 38
Das „No, na“ schwindet trotzdem nicht.

Wer sich mit dem menschlichen Riechorgan und der Wahrnehmung des Geruchs der Welt beschäftigen möchte, ist bei den eingangs erwähnten Labstationen besser aufgehoben. Davon gibt es in Paul Divjaks Text eine große Anzahl. Zitate, Hinweise, Querverweise zu Literatur, Musik, Werbung sowie zu wissenschaftlichen Erkenntissen und Erfahrungen aus der Welt der Olfaktorik, z.B. die Präsemantik – die unmittelbare Wahrnehmung abseits des Verbalen – als Merkmal bei der Bezeichnung/Beschreibung von Gerüchen.
Duftassoziationen durchbrechen in unregelmäßigen Abständen den Text auch typographisch. In Grossbuchstaben eingestreute Wörter – z.B. BACDEO. EINE KARBIDLAMPE. MERFEN ORANGE. TIPP-EX. – lösen Überlegungen aus wie: Gibt’s das überhaupt noch? Wie riecht so etwas? Vernachlässigen und unterschätzen wir unseren Geruchssinn tatsächlich? Warum fehlt’s an geeigneten Worten, um diesen zum Ausdruck zu bringen?

Wer durchhält, wird am Ende des olfaktorischen Weges mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis belohnt, dass Möglichkeiten bietet, Antworten auf diese Fragen zu erhalten.


Petra Öllinger

Paul Divjak: Der Geruch der Welt. Essay. Gebunden mit Lesebändchen.
Edition Atelier, Wien, 2016.
80 Seiten, € 15.- (Ö)
Über Paul Divjak

Kurze Erinnerung an Ingeborg Bachmann

12. Juli 2016 von wela

Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Sie starb am 17. Oktober 1973 in Rom (gelegentliches Pseudonym Ruth Keller). Sie gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20.Jahrhunderts. Ihr zu Ehren wird seit 1977 jährlich der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen.

Von 1945 bis 1950 studierte sie Philosophie, Psychologie, Germanistik und Rechtswissenschaften an den Universitäten Innsbruck, Graz und Wien.
Als historischer Werdegang soll ein kurzer unvollkommener Überblick über ihr literarisches Schaffen dienen:

Die erste Veröffentlichung von ihr ist die Kurzerzählung: „Die Fähre“. (Erschienen 1946, in der Kärntner Illustrierten.)[1]
Weiters ist ihre Zeit als Hörfunkredakteurin beim Wiener Sender Rot-Weiß-Rot, (1951–1953) erwähnenswert. Sie schrieb 1952 ihr erstes Hörspiel „Ein Geschäft mit Träumen“ und verfasste elf Folgen der sehr beliebten wöchentlichen Radiofamilie und je zwei weitere mit Jörg Mauthe bzw. Peter Weiser.[2][3] 1953 las sie zum ersten Mal auf der Tagung der Gruppe 47.
Mit Hans Werner Henze entstanden ab 1955 das Hörspiel „Die Zikaden“, die Textfassung für die Ballettpantomime „Der Idiot“ und die Opernlibretti „Der Prinz von Homburg“ und „Der junge Lord“.
1956 veröffentlichte Ingeborg Bachmann ihren zweiten Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“. Ebenfalls 1958 entstand das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“, [4]
Der erste Erzählband von ihr „Das dreißigste Jahr“ erschien 1961. Dafür bekam Sie den Deutschen Kritikerpreis. Die zwei Geschichten „Ein Schritt nach Gomorrha“ und „Undine geht“ wird zu den frühesten feministischen Äußerungen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit gezählt.[5]
Ungefähr 1965 begann Sie an der unvollendet gebliebenen Romantrilogie „Todesarten“ zu schreiben, von der sie 1971 den ersten Band „Malina“ veröffentlichte.

Sibylle Gramer schreibt: „In der Literatur von Ingeborg Bachmann sterben die Frauen am Denken, an ihrer scheinhaften Existenz als Männerphantasien, ihrer kulturellen Fremdheit und Außenseiterschaft. Sie gehen an ihrer Geschlechtsidentität zugrunde, die mehr und etwas anderes ist als die sexuelle Differenz vom Männlichen.[6]
Die österreichische Dichterin plante einen Umzug von Rom nach Wien, als sie nach einem Unfall, bei dem sie sich schwere Brandwunden zugezogen hatte, drei Wochen danach, am 17. Oktober 1973, ihren Verletzungen im San-Eugenio-Krankenhaus von Rom erlag.“

Wie genau sie sich mit den Verhältnissen in Österreich beschäftigte, geht aus einem Artikel von Ilse Leitenberger in der Tageszeitung „Die Presse“ aus dem Oktober 1973 hervor. Teile dieses Artikels wurden wortgleich zwei Jahre zuvor in „DIE ZEIT“ vom 9. April 1971 veröffentlicht, das Interview führte damals Toni Kienlechner. Leitenberger war als NSDAP-Mitglied im Zweiten Weltkrieg Redakteurin im Nachrichtenbüro des Goebbels-Ministeriums. Später avancierte sie zur Herausgeberin des Literaricum der Presse und zur stellvertretenden Chefredakteurin der Tageszeitung. Es scheint so, dass noch im Nachhinein diese Figuren, indem sie sich billige Nachrufe erlaubten, über die Antifaschistin Ingeborg Bachmann gesiegt haben. Sie schreibt: ”… ich habe schon vorher darüber nachgedacht, wo fängt der Faschismus an. Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden, … Er fängt an in Beziehungen zwischen Menschen. Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau …” (GuI S. 144)

Auf die innere Auseinandersetzung – nach dem: „sozialen Befund in „Malina“ von Kienlechner befragt, antwortete Bachmann: „…, für mich wäre es wichtiger, dass beschrieben wird, wie aus dem schwarzen Markt der Nachkriegsjahre der wirkliche schwarze Markt geworden ist – der damals gar nicht so schwarz war wie der heute.Das hat natürlich nichts mit einer Analyse der Wirtschaftsstruktur zu tun, müsste sie aber auf die eine oder andere Weise treffen. Denn auf diese andere Weise trifft man die universelle Prostitution, die Prostitution des Menschen in allen Zusammenhängen und in der Arbeit …“.

Im Nachruf von Friedrich Heer über Ingeborg Bachmann in der Presse, erzählte er, dass sie ihm in Rom im Februar 1973 erzählt habe, sie möchte sich nur mehr mit österreichischen Problemen befassen, literarisch befassen, und dass es deshalb eben notwendig sei, in diese Stadt (Wien), die ihr unheimlich wär, unheimlich dem Mädchen aus Kärnten, das scheu mit seinen großen Augen die Welt sieht, wie sie ist, diese ungeheuerliche Welt. … .
Sie wurde 47 Jahre alt. Damals sah sie in der 68er Bewegung eine Weltjugend, die in Empörung und Verzweiflung aufbricht.

1. Kärntner Illustrierte: Die erste Veröffentlichung von Ingeborg Bachmann, die Kurzerzählung: „Die Fähre“.
2. Ingeborg Bachmann: Die Radiofamilie. Hrsg. Joseph McVeigh, Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-42215-1, S. 402 f.
3. Ina Hartwig: „Die Ingeborg hat ein Ei gelegt.“ Im Nachlass entdeckt: „Die Radiofamilie“. Ingeborg Bachmann überrascht als famose Unterhaltungsautorin. In: Die Zeit. Hamburg, Nr. 22, 26. Mai 2011, S. 54.
4. zum Hörspiel siehe Jean Firges: Literatur
5. Biographie auf Fembio.org
6. Gramer Sibylle, Von weiblicher Autorschaft zu feministischer Literatur.. Das Beispiel Österreichischer Autorinnen. Erschienen in „Literarische Moderne, Europäische Literatur im 19. Und 20. Jahrhundert. Rowohlt, 1995. Herausgegeben von Burghard König.

Ingeborg Bachmann – Biographie auf Wikipedia
Ilse Leitenenberger – Biographie

Lang Werner, Herzblut Beschädigte/r Erzähler/ Erzählungen,

21. Juni 2016 von wela

Lang Werner, Herzblut. Beschädigte/r Erzähler/ Erzählungen, Herausgeber: Werkkreis Literatur der Arbeitswelt Wien, ISBN 978-3-9503673-5-5.

Herzblut von Werner Lang Allgemein muß vorangestellt werden, dass jeder Autor die Sprache seiner Gesellschaft übernimmt. Er kann nicht anders sprechen. Auch alles, was sich Arbeiterliteratur nennt, spricht in dieser Sprache. Es geht nicht anders, aber Arbeiterliteratur kann andere Informationen liefern.

Denn, „was wir von den Bedingungen wissen, unter welchen wir handeln, entscheiden wir nicht selbst. Was wir von diesen Bedingungen wissen, hängt ab von den Informationen, die wir bekommen. Unser Einfluss darauf, welche Informationen wir bekommen, ist begrenzt. Wir können nicht Informationen finden, von welchen wir nicht wissen, dass sie uns fehlen. (…) Viele Arbeiter sagen zum Beispiel: ‚Das Geld arbeitet‘, obwohl nicht das Geld arbeitet, sondern sie. Arbeiter oder Angestellte sprechen nach, was sie gehört haben. Woher haben sie diesen Gedanken, der die Welt auf den Kopf stellt? Die Wirtschaftslehrer an den Schulen und Hochschulen behaupten dasselbe seit vielen Jahrzehnten. Sie sagen, der Boden, das Kapital und die Arbeit seien ‚Produktionsfaktoren‘ (‚Macher‘). Das Kapital macht nichts, der Boden macht nichts, die ‚Arbeit‘ macht nichts. Die Arbeiter machen, die Angestellten machen, manche Unternehmer machen.“ E. A. Rauter

Daher geht es in dem Buch „Herzblut Beschädigte/r Erzähler / Erzählungen“ nicht über Arbeit, sondern über Arbeiter, wie sie denken, träumen und leben. Werner Lang war fünfunddreißig Jahre lang hauptsächlich als Betriebsschlosser tätig.

Heimo Gruber schreibt: „Er kommt aus Betrieben, in denen die Geräusche von Maschinen und Werkzeugen nicht selten so laut sind, dass sie alle menschlichen Äußerungen übertönen. Er kämpft mit Worten dagegen an. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen in der industriellen Arbeitswelt hat er zu Literatur verdichtet, die sich nicht mit dem Ausdruck des sinnlich Empfundenen und Erlittenen begnügt. In Werner Langs Literatur werden darüber hinaus die Bedingungen von Lohnarbeit theoretisch reflektiert und in eine Begrifflichkeit gegossen, die ihre Herkunft und Bildung im Denken der marxistisch inspirierten Arbeiterbewegung erkennen lässt.“

Als Einleitung der Erzählung „Opfer der Produktion“ schreibt Werner Lang:
„Die Sprache ist für mich, als Arbeiter, etwas Vorgegebenes, Fertiges, steht in Büchern, zum Lesen. Selber schreiben kommt mir, in der Rolle des Arbeiters, nicht in den Sinn. Bleibt mir nur das Sprechen. Auch gegen oder über das geschriebene Wort. Das gesprochene Wort, eines Arbeiters, ohne Verstärker über Rundfunk und Fernsehanstalten, geht verloren, wird sofort vergessen, nicht wichtig genommen. Darum der Sprechtext: Mit Hilfe des geschriebenen Wortes gegen das herrschende Wort, als ‚Gegensprech-Anlage‘. Das einmal schon Gesprochene (im Gasthaus, ‚am Stammtisch‘, auf die Frage: Siehst du dich als Opfer?) zum Nachlesen, Festhalten, noch einmal Gebrauchen, davon verwenden, was jeder gerade braucht.“ Werner Lang lässt in seinen Erzählungen Beschädigte zu Wort kommen.

Des Pudels Kern – Quartett der Weltliteratur

20. Juni 2016 von eag

Cover Des Pudels KernZocken mit Tolstoi
oder
Gut geschützt zwischen Jägerwurst

Lange Nachmittage und Abende vor und im Zelt. Man spielte Mensch-ärgere-dich-nicht, Halma und Mühle. Und wenn ein Würfel oder ein Spielemanderl verlorengingen – kein Problem. Irgendjemand hatte immer eine Alternative dabei; zwischen Jägerwurst-Dosen, Zwieback-Packungen und Kondensmilch-Tuben gut aufgehoben und stets vollständig: ein Quartett-Spiel. Schon ging sie los, die Jagd nach je vier zusammengehörenden Sportwagen, Flugzeugen oder Schiffen. Später folgten Ausgaben mit Atomkraftwerken, Ungeziefer und Tyrannen.

Ist man denn nun eine Tyrannin, wenn man Mitmenschen jenseits des Zelt-Abenteuer-Alters bittet, ein Quartett der Weltliteratur zu testen? „Quartett ist eines der bekanntesten und beliebtesten Kartenspiele für Kinder. Wegen seiner einfachen Regeln ist es schon für die Kleinsten geeignet, …“, das behauptet eine Internetseite, die sich den Regeln von Kartenspielen widmet.

Na also, es geht doch

Zu dritt nimmt man Platz. Die Spielkarten aus Karton liegen mit 10,5 mal 14,8 Zentimeter gut in der Hand. Man fragt die Mitspielerin zur linken Seite, ob sie die Karte 1A besitze. Es kommt kein Ja, es kommt kein Nein, stattdessen der Satz: „Das war soooo langweilig. Aber die Illustration hier ist toll.“ Die Mitspielerin zur linken Seite zeigt die Karte, ein Raunen geht durch die Runde. Man gemahnt, sich an die Regeln zu halten, dazu gehört auch, die Karten NICHT offen darzulegen. Zu spät. Die Spielrunde betrachtet die Thomas-Mann-Buddenbrooks-Karte. Es ist die Karte 1B und wäre mit 1A bereits eine Hälfte des Quartetts. Wäre. Denn die Mitspielerin zur linken Seite denkt gar nicht daran, Thomas Mann herauszurücken, sondern fragt, wer 1C und 1D habe. Mitspieler Nummer drei zückt Gustave Flauberts „Madame Bovery“. Laut Karte – 1C! – hat die Lesbarkeit des Romanes auf einer Skala von 1-10 den Wert 5. Das kostet Mitspieler Nummer drei ein müdes Lächeln, seinen Erfahrungen nach hätte Madame Bovary bei ihm mindestens 8 bekommen. Man selbst outet sich als Besitzerin von Karte 1D und legt Leo Tolstois Werk auf den Tisch: „Krieg und Frieden“.

Bluffen zwecklos

Schon bald sind sämtliche Quartett-Regeln perdu. Die Spielegemeinschaft hat ALLE Karten auf den Tisch gelegt und erfreut sich an den ansprechenden Zeichnungen von Julia Krusch. Sie illustrierte „Dracula“, „Robinson Crusoe“ oder „Stolz und Vorurteil“.

Ein kurzer Schwenk vom Spiel zum Ernst des Lebens bzw. zur literarischen Quartett-Ausstattung. Als da sind: eine Pappbox, 32 Karten mit jeweils 155,40 Quadratzentimetern, darauf Informationen zu 30 klassischen Romanen und 2Dramen. Die sind in 8 Kategorien unterteilt, diese wiederum mit Zitaten aus Shakespeare-Stücken betitelt. Auf jeder Karte findet sich der Erscheinungstermin des Buches, das Alter des/der AutorIn bei Erscheinen des Werkes, die Lesbarkeit auf einer Skala von 1 bis 10, der Hinweis darauf, um den wievielten Roman es sich handelt, die Anzahl der Verfilmungen sowie der Umfang des Werkes (sehr wenig bis sehr viel).

Nicht viele Worte verlieren

Lesemuffel kommen auf ihre Kosten, hält sich doch die Anzahl der Buchstaben in Grenzen – und trotzdem ist dem Quartett ein literarisches Bildungspotential nicht abzusprechen. Lernen en passant, quasi. Die Auswahlkriterien beschreibt Autorin Andrea Baron so: „Es wurden Klassiker gewählt, die ihr Genre auf besondere Weise geprägt oder gar erst etabliert haben, die eine Blaupause bildeten oder einen Skandal verursachten.“

Wer sich nun echauffiert, weil das eigene Lieblingsbuch nicht darunter ist oder weil es diese Klassiker sind und keine anderen, möge einen Blick ins Begleitbüchlein werfen: „Wir haben noch überlegt eine Liste mit ‚Titeln, die es nicht in dieses Spiel geschafft haben‘ anzulegen. Aber mal ehrlich, dann wäre dieses Begleitbuch umfangreicher geworden als Krieg und Frieden, …, ebenso die Buchhändler, der Regale eingestürzt wären, …“ Da ist was dran …

Literatur zwischen Camping-Proviant

Überhaupt, das Begleitbüchlein! Das macht jeder Reclam-Sekundärliteratur-Ausgabe alle Ehre. Die 32 Werke sind kompakt und kompetent beschrieben.

Nach dem Zocken können die Karten bis zur nächsten Runde in die Pappbox gelegt und diese in einem maßgeschneiderten Schuber verwahrt werden. Derart geschützt überstehen Tolstoi und Co. sogar einen „Aufenthalt“ zwischen Jägerwurst-Dosen, Zwieback-Packungen und Kondensmilch-Tuben.

Petra Öllinger

Andrea Baron (Text), Julia Krusch (Illustration): Des Pudels Kern: Quartett der Weltliteratur
Edition Büchergilde. Frankfurt/Main, 2015. € 20.-

Mehr über Andrea Baron
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© Coverbild: Büchergilde Gutenberg / Julia Krusch

Schreibwerkstatt: Die eigene Ferne schreiben

16. Juni 2016 von eag

Alle mit Fernweh nach ihrer Persönlichkeit, die schreibend Kraft aus der eigenen Lebensreise schöpfen wollen: Das Reiseleitungsteam – René Merten und Petra Öllinger – heißt Sie willkommen an Bord der kreativen Schreibwerkstatt!

Was kommt ins Gepäck? Sie schreiben an einer alternativen Lebenslinie, gestalten Ihre persönlichen Ansichtspostkarte, dichten ein lustiges Reisepantun, entwerfen eine schaurige Urlaubsdystopie, begeben sich auf die „andere Reise nach Jerusalem“ und, und, und …

Wann geht‘s los?
Samstag, 09. Juli 2016: 14.00-19.00 Uhr

Wo? Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“ Garbergasse 13/Ecke Millergasse/Oskar-Werner-Platz, 1060 Wien

Wie viel? € 69.- inkl. Reiseunterlagen und Proviant (Kaffee, Tee, Obst …).

Mit wem? Petra Öllinger & René Merten

Anmeldung: bitte spätestens 2. Juli 2016 per E-Mail an die Absolventenakademie.

Wie viele können mit an Bord? MindestteilnehmerInnenzahl pro Termin: 6 Personen, maximal 12 Personen.

Eine Kooperation von „Wiener Bücherschmaus“ – Verein für Leseförderung und Buchkultur, ABSOLVENTENAKADEMIE und „Der Duft des Doppelpunktes“ – Kultur- und Wissenschaftsinitiative.

Beiträge vor einem Jahr:
Eine neue Buchhandlung in Wien-Mariahilf, Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger