Archiv für die Kategorie 'Rezensionen'

Der Geruch der Welt

Montag, 18. Juli 2016

Ein olfaktorischer, und manchmal sehr mühsamer, Weg durch die Welt.

Cover: Der Geruch der Welt Es gibt Wege, die einen dermaßen anstrengen, dass sich Zweifel breitmachen, je ans Ziel zu gelangen. Es gibt Wege, die einen am eigenen Verstand zweifeln lassen, weil man die Besonderheiten auf dieser Strecke, die von MitgeherInnen bestaunt und bejubelt werden, nicht sieht. Aber es gibt auch Wege, die von Labstationen gesäumt sind, an denen man die Hoffnung schöpft, nicht völlig umsonst unterwegs zu sein.

Diese sehr gemischten Gefühle beschleichen einen, wenn man sich auf den Weg durch Paul Divjaks Essay begibt. Der Autor, Künstler und Kunstwissenschafter ist u.a in der Olfaktorik tätig und – „schenkt uns ein raffiniertes literarisches Plädoyer zum verfeinerten Gebrauch unserer Nase“. Und da taucht er schon auf, der Zweifel. Warum will sich die vom Verlag formulierte literarische Raffinesse nicht bemerkbar machen? Warum will sich die an „Wittgenstein erinnernde Strenge“, wie Rainer Rosenberg sie in der Ö1-Radiosendung „Von Tag zu Tag“ formulierte, nicht auftun? Ist man zu dumm, zu ignorant, zu oberflächlich, weil man sich diesem Staunen nicht recht anschließen mag?

Also ein paar Schritte zurück auf dem Weg und nochmals lesen. „Die prägenden Moleküle eines Geruchs verhalten sich auf ganz bestimmte Art und Weise zueinander. Die Art und Weise, wie die prägenden Moleküle eines Geruchs sich zueinander verhalten, bestimmt seine Charakteristik.“ S. 18
„Zum objektiven Geruchsbild gehört alles, was zum Geruch gehört, nicht aber die Projektionen / die Zuschreibungen / die (individuelle) Interpretation.“ S. 38
Das „No, na“ schwindet trotzdem nicht.

Wer sich mit dem menschlichen Riechorgan und der Wahrnehmung des Geruchs der Welt beschäftigen möchte, ist bei den eingangs erwähnten Labstationen besser aufgehoben. Davon gibt es in Paul Divjaks Text eine große Anzahl. Zitate, Hinweise, Querverweise zu Literatur, Musik, Werbung sowie zu wissenschaftlichen Erkenntissen und Erfahrungen aus der Welt der Olfaktorik, z.B. die Präsemantik – die unmittelbare Wahrnehmung abseits des Verbalen – als Merkmal bei der Bezeichnung/Beschreibung von Gerüchen.
Duftassoziationen durchbrechen in unregelmäßigen Abständen den Text auch typographisch. In Grossbuchstaben eingestreute Wörter – z.B. BACDEO. EINE KARBIDLAMPE. MERFEN ORANGE. TIPP-EX. – lösen Überlegungen aus wie: Gibt’s das überhaupt noch? Wie riecht so etwas? Vernachlässigen und unterschätzen wir unseren Geruchssinn tatsächlich? Warum fehlt’s an geeigneten Worten, um diesen zum Ausdruck zu bringen?

Wer durchhält, wird am Ende des olfaktorischen Weges mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis belohnt, dass Möglichkeiten bietet, Antworten auf diese Fragen zu erhalten.


Petra Öllinger

Paul Divjak: Der Geruch der Welt. Essay. Gebunden mit Lesebändchen.
Edition Atelier, Wien, 2016.
80 Seiten, € 15.- (Ö)
Über Paul Divjak

Des Pudels Kern – Quartett der Weltliteratur

Montag, 20. Juni 2016

Cover Des Pudels KernZocken mit Tolstoi
oder
Gut geschützt zwischen Jägerwurst

Lange Nachmittage und Abende vor und im Zelt. Man spielte Mensch-ärgere-dich-nicht, Halma und Mühle. Und wenn ein Würfel oder ein Spielemanderl verlorengingen – kein Problem. Irgendjemand hatte immer eine Alternative dabei; zwischen Jägerwurst-Dosen, Zwieback-Packungen und Kondensmilch-Tuben gut aufgehoben und stets vollständig: ein Quartett-Spiel. Schon ging sie los, die Jagd nach je vier zusammengehörenden Sportwagen, Flugzeugen oder Schiffen. Später folgten Ausgaben mit Atomkraftwerken, Ungeziefer und Tyrannen.

Ist man denn nun eine Tyrannin, wenn man Mitmenschen jenseits des Zelt-Abenteuer-Alters bittet, ein Quartett der Weltliteratur zu testen? „Quartett ist eines der bekanntesten und beliebtesten Kartenspiele für Kinder. Wegen seiner einfachen Regeln ist es schon für die Kleinsten geeignet, …“, das behauptet eine Internetseite, die sich den Regeln von Kartenspielen widmet.

Na also, es geht doch

Zu dritt nimmt man Platz. Die Spielkarten aus Karton liegen mit 10,5 mal 14,8 Zentimeter gut in der Hand. Man fragt die Mitspielerin zur linken Seite, ob sie die Karte 1A besitze. Es kommt kein Ja, es kommt kein Nein, stattdessen der Satz: „Das war soooo langweilig. Aber die Illustration hier ist toll.“ Die Mitspielerin zur linken Seite zeigt die Karte, ein Raunen geht durch die Runde. Man gemahnt, sich an die Regeln zu halten, dazu gehört auch, die Karten NICHT offen darzulegen. Zu spät. Die Spielrunde betrachtet die Thomas-Mann-Buddenbrooks-Karte. Es ist die Karte 1B und wäre mit 1A bereits eine Hälfte des Quartetts. Wäre. Denn die Mitspielerin zur linken Seite denkt gar nicht daran, Thomas Mann herauszurücken, sondern fragt, wer 1C und 1D habe. Mitspieler Nummer drei zückt Gustave Flauberts „Madame Bovery“. Laut Karte – 1C! – hat die Lesbarkeit des Romanes auf einer Skala von 1-10 den Wert 5. Das kostet Mitspieler Nummer drei ein müdes Lächeln, seinen Erfahrungen nach hätte Madame Bovary bei ihm mindestens 8 bekommen. Man selbst outet sich als Besitzerin von Karte 1D und legt Leo Tolstois Werk auf den Tisch: „Krieg und Frieden“.

Bluffen zwecklos

Schon bald sind sämtliche Quartett-Regeln perdu. Die Spielegemeinschaft hat ALLE Karten auf den Tisch gelegt und erfreut sich an den ansprechenden Zeichnungen von Julia Krusch. Sie illustrierte „Dracula“, „Robinson Crusoe“ oder „Stolz und Vorurteil“.

Ein kurzer Schwenk vom Spiel zum Ernst des Lebens bzw. zur literarischen Quartett-Ausstattung. Als da sind: eine Pappbox, 32 Karten mit jeweils 155,40 Quadratzentimetern, darauf Informationen zu 30 klassischen Romanen und 2Dramen. Die sind in 8 Kategorien unterteilt, diese wiederum mit Zitaten aus Shakespeare-Stücken betitelt. Auf jeder Karte findet sich der Erscheinungstermin des Buches, das Alter des/der AutorIn bei Erscheinen des Werkes, die Lesbarkeit auf einer Skala von 1 bis 10, der Hinweis darauf, um den wievielten Roman es sich handelt, die Anzahl der Verfilmungen sowie der Umfang des Werkes (sehr wenig bis sehr viel).

Nicht viele Worte verlieren

Lesemuffel kommen auf ihre Kosten, hält sich doch die Anzahl der Buchstaben in Grenzen – und trotzdem ist dem Quartett ein literarisches Bildungspotential nicht abzusprechen. Lernen en passant, quasi. Die Auswahlkriterien beschreibt Autorin Andrea Baron so: „Es wurden Klassiker gewählt, die ihr Genre auf besondere Weise geprägt oder gar erst etabliert haben, die eine Blaupause bildeten oder einen Skandal verursachten.“

Wer sich nun echauffiert, weil das eigene Lieblingsbuch nicht darunter ist oder weil es diese Klassiker sind und keine anderen, möge einen Blick ins Begleitbüchlein werfen: „Wir haben noch überlegt eine Liste mit ‚Titeln, die es nicht in dieses Spiel geschafft haben‘ anzulegen. Aber mal ehrlich, dann wäre dieses Begleitbuch umfangreicher geworden als Krieg und Frieden, …, ebenso die Buchhändler, der Regale eingestürzt wären, …“ Da ist was dran …

Literatur zwischen Camping-Proviant

Überhaupt, das Begleitbüchlein! Das macht jeder Reclam-Sekundärliteratur-Ausgabe alle Ehre. Die 32 Werke sind kompakt und kompetent beschrieben.

Nach dem Zocken können die Karten bis zur nächsten Runde in die Pappbox gelegt und diese in einem maßgeschneiderten Schuber verwahrt werden. Derart geschützt überstehen Tolstoi und Co. sogar einen „Aufenthalt“ zwischen Jägerwurst-Dosen, Zwieback-Packungen und Kondensmilch-Tuben.

Petra Öllinger

Andrea Baron (Text), Julia Krusch (Illustration): Des Pudels Kern: Quartett der Weltliteratur
Edition Büchergilde. Frankfurt/Main, 2015. € 20.-

Mehr über Andrea Baron
Mehr über Julia Krusch

© Coverbild: Büchergilde Gutenberg / Julia Krusch

Amra und Amir. Abschiebung in eine unbekannte Heimat

Dienstag, 19. April 2016

Amra und Amir CoverHeimat oder Geschlecht – wodurch werden wir (eher) definiert?

Das Jugendbuch „Amra und Amir“ wagt sich sehr einfühlsam an teils im dritten Jahrtausend immer noch tabuisierte Themen heran – Flucht und Abschiebung, Sexualität von Jugendlichen und geschlechtliche Stereotype sowie psychische Erkrankungen von Eltern. Die Geschichte einer jungen Deutschen, die ohne soziale Kontakte, Sprachkenntnisse oder finanzielle Mittel plötzlich in das alte Heimatland ihrer Eltern abgeschoben wird, steht stellvertretend für zahllose ähnliche Schicksale, die Autorin Monika Braig darin aufarbeitet.

Als Amra eines Tages einen Brief der Behörden öffnet, der ihre Abschiebung in den Kosovo feststellt, bricht für das burschikose Mädchen eine Welt zusammen. Mühsam war es für sie, ohne Vater für eine psychisch schwer kranke Mama da zu sein und gleichzeitig eine gute Schulausbildung zu absolvieren. Sich für Schwächere einsetzen und wenn nötig sich dafür prügeln wird ihr als „schlecht integrierte“ Frau später zum Verhängnis werden.

Amra will auf keinen Fall weg, sie kennt den Kosovo – die alte Heimat der Eltern, die während des Jugoslawien-Krieges geflohen sind – gar nicht, sie kann auch die Sprache nicht. Und was wird aus ihrer kranken Mutter? Lange glauben Amra und ihre zahlreichen Freundinnen und Freunde an einen Irrtum – Amra, eine faule, unredliche Ausländerin? Lächerlich! Doch kein „Kriegsrat“ der FreundInnen kann Amra beschützen, sie wird eines abends abgeholt und in ein Flugzeug verfrachtet. In Priština zieht sie zunächst zu Verwandten ihrer Eltern, die gar nicht glücklich darüber sind. Frauen leben hier völlig anders; vor allem Haushalt und Kinder sind der Mittelpunkt ihres Lebens. Amra kann nicht nach Deutschland zurück, ihr altes Leben scheint für immer verloren, ein neues kann sie hier als Frau alleine nicht führen. Also fasst sie einen Entschluss: Aus Amra wird Amir.

Abgesehen vom Handy der besten Freundin Nina ist er (Amir) völlig mittellos und muss sich umschauen, wie er zu Essen und einer Bleibe kommt. Auf einem Mistplatz beobachtet er Kinder beim Müllsortieren und überwindet sich, es ihnen gleich zu tun, um die Schrottplatzfunde zu Geld machen zu können. Dort erkennt der Besitzer Amirs Geschick für Autotechnik und stellt ihn zeitweise ein. Nach dem Winter scheint sich Amirs Situation zu verbessern – Nina und ein gemeinsamer Freund tauchen auf und schmieden gemeinsam mit ihm einen Plan, ihn wieder nach Deutschland zurückzuholen. Ob das gut geht?

Das Ansinnen Monika Braigs zahlreiche dieser schweren Schicksale darzustellen ist löblich. Auch die Themenauswahl ist zeitgemäß und spannend. Allerdings hat die Autorin zu viele Themen auf einmal eingeflochten, von denen, außer jenes der Abschiebung aus Deutschland, allerdings keines gründlich betrachtet wird. Das macht sich besonders bei Schlüsselstellen des Buches bemerkbar (zum Beispiel als Amra beschließt, als Mann zu leben!). Darin wird viel zu wenig genau darauf eingegangen, was in der Person alles vor sich geht. Außerdem wird viel Wert auf unterschiedliche Blickwinkel gelegt (Mutter, Freundin Nina, andere Personen um Amra/Amir), die der Geschichte massiv an Fahrt nehmen.

Empfohlen wird das Buch ab 13 Jahren, die Sprache ist an diese Altersgruppe angepasst. Bleibt zu hoffen, dass sich das junge Zielpublikum für das Leben von 18-Jährigen interessiert. Brisant sind die Themen und die Frage nach der eigenen Identität allemal – egal, wie jung oder alt man ist.

Natascha Miljković

Maria Brai: Amra und Amir. Abschiebung in eine unbekannte Heimat
Verlag 3.0. Zsolt Majsai, Bedburg, 2015. 188 Seiten, € 11,80

© Coverbild: Verlag 3.0. Zol Majsai

Die Heimatlosen (Los surcos del azar)

Dienstag, 9. Februar 2016

Die Heimatlosen  Paco Roca BuchcoverVon Idealismus und den Irrungen des Zufalls

Die Heimatlosen präsentiert ein feinfühliges Porträt jener Republikaner, die nach dem Spanischen Bürgerkrieg im Exil für ihr Ideal weiterkämpften. Paco Roca berichtet mit großem erzählerischen und künstlerischen Talent von der Odysee fern ihrer Heimat.

Die Handlung der Geschichte beginnt hier: Alicante, 1939. Am Ende des Spanischen Bürgerkrieges sind tausende von Menschen, ideologisch auf der Seite der Republikaner, im Hafen von Alicante eingeschlossen und hoffen auf Hilfe von Außen. Hier begegnen wir erstmals Miguel Ruiz, anhand dessen Erinnerungen die Geschichte von La Nueveerzählt wird. La Nueve war eine Kompagnie, die es tatsächlich gab, sie bestand größtenteils aus republikanischen Spaniern im Exil und trug einen wesentlichen Teil zur Befreiung von Paris aus den Händen der Nationalsozialisten bei.

Die Heimatlosen wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Die Geschichte beginnt in der Gegenwart, in der Paco Roca, der Autor, den gealterten Miguel Ruiz in seinem französischen Exil aufsucht, um ihn zu seiner Vergangenheit zu befragen. Ruiz lebt alleine in einer französischen Kleinstadt und fristet dort ein zurückgezogenes Leben. Griesgrämig, launisch, einzelgängerisch. Sein Nachbar Albert ist seine einzige Bezugsperson, aber auch mit ihm hat er keine innige Beziehung. Anfangs möchte Ruiz nicht aus seiner Vergangenheit erzählen, nach und nach merkt er aber, wie wichtig es ist, sich daran zu erinnern und seinen Zuhörern Paco und Albert von der Vergangenheit zu berichten.
Ruiz berichtet von der Flucht aus Spanien und damit auch von der Flucht vor einem Krieg, der Flucht von Francos faschistischer Diktatur. Das spanische Exil war kein leichtes: Die turbulente Ausreise an Bord der Stanbrook, die Ankunft in Oran und eine anschließende Verfrachtung in ein unwirtliches Arbeitslager in der Sahara kosteten vielen Republikanern ihre Zuversicht. Dennoch hatte Miguel immer ein Ziel vor den Augen: Den Faschismus in Spanien zu bekämpfen, koste es, was es wolle.

So kommt es, dass sich Miguel und seine Kameraden nach einigen anderen Stationen schließlich der Kompagnie La Nueve unter General Leclerc anschließen und zur Befreiung von Paris beitragen. Ein Kampf, der eigentlich nicht der ihrige ist. Ihr Ziel, Spanien vom Faschismus zu erlösen, verwandelt sich erst Jahrzehnte später in Realität. Ihnen bleibt das Exil, fern von ihrer Heimat, die sie vergessen hat.

Die Heimatlosen beeindruckt und besticht vor allem wegen seiner Vielschichtigkeit. Die Geschichte mit ihren sorgsam recherchierten Fakten und unzähligen historischen Details wäre schon spannend genug, die narrative Struktur, die Roca wählt, macht das ganze aber besonders faszinierend und ermöglicht eine Vielzahl von Lesemöglichkeiten. Die detailreichen Zeichnungen demonstrieren das profunde Interesse und die ausgiebige Recherche Rocas, die er im Nachwort näher erläutert. Nicht zuletzt reflektiert das Buch auch über den kreativen Schaffensprozess und streift metaliterarische Überlegungen über den Autor und seine Beziehung zu realen Vorbildern und literarischen Gestalten. Ganz kurz gesagt: Ein Meisterwerk an narrativem Können, künstlerischem Talent und das Resultat einer sehr feinen Beobachtungsgabe.

Auch die Wichtigkeit in der politischen Aktualität ist bedeutsam: Am Anfang der Geschichte möchte Miguel nicht weiter über seine Vergangenheit sprechen und meint: „Das sind doch alte Geschichten. Wen interessieren die noch?“
Woraufhin Paco antwortet: „Ich finde, sie sollten jeden interessieren. Das faschistische Gedankengut darf nicht nochmal um sich greifen, finden Sie nicht auch?“

Indem Roca eine historische Geschichte in eine fesselnde und gleichzeitig äußerst informative Graphic Novel verpackt, trägt er genau dazu bei.

Paco Roca (Valencia, 1969) ist einer der bekanntesten Comicautoren Spaniens. Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen erlangte er internationale Bekanntheit durch sein Werk Den Kopf in den Wolken (Originaltitel: Arrugas, Astiberri, 2007). Dieses Werk wurde auch verfilmt.

Teresa Mossbauer

Paco Roca: Die Heimatlosen Graphic Novel. Aus dem Spanischen von André Höchemer.
Reprodukt, Berlin, 2015. 328 Seiten, € 39,00 (D).

Mehr über Paco Roca

Nachrichten aus der Normopathie

Donnerstag, 3. Dezember 2015

„Der Titel ‚Nachrichten aus der Normopathie‘ bezieht sich auf einen Essay Lutz Holzingers, der im Sommer 2007 im Augustin erschien.

Die bestehenden sozialen Instanzen (Familie, Freundeskreis, Firmenleitung, Arbeit- und Sozialamt, Hausverwaltung, Exekutive, Verein, Partei usw.), mit denen man fortwährend zu tun hat und mit denen die Welt gepflastert zu sein scheint, fühlen sich berufen, Menschen ständig zu wiegen und häufig für zu leicht zu befinden.

Mit der Unterstellung, jemand agiere pathologisch oder lege abweichendes Verhalten an den Tag oder sei schlicht nicht normal, wird geradezu herumgeworfen. Dieses Netz wird vom eingespielten Kontroll- und Herrschaftssystem so geschickt ausgeworfen, dass die Anpassung der meisten ZeitgenossInnen an die bestehenden Normen mehr oder weniger unbewusst vor sich geht bzw. hinter ihrem Rücken abläuft, obwohl diese Domestizierung erzwungen wird. …

Im Wiener Volksmund wird eine milde Abart dieses Menschentypus als Zwangler bezeichnet: ZeitgenossInnen, die in Fragen der Moral, Sauberkeit, Konformität usw. ein Übermaß an Anpassung an den Tag legen und so etwas wie vorauseilenden Gehorsam walten lassen. Diese Haltung ist meist mit übergroßer Vorsicht verknüpft und läuft im praktischen Lebensvollzug darauf hinaus, nur zu tun, was ausdrücklich erlaubt ist.

Es liegt auf der Hand, dass derartige zwanghaft agierende Personen als Untertanen der Obrigkeit gerade recht sind. Um frei entscheidende Individuen, die ihr Tun und Lassen nach ihrer eigenen Überzeugung steuern und die als grundlegend für das Funktionieren entwickelter Demokratien und lebendiger Bürgergesellschaft betrachtet werden, handelt es sich nicht. Das krankhafte Streben nach Normalität ist nicht auf Menschen beschränkt, die über jeden Verdacht erhaben sind.

Lutz Holzinger: Nachrichten aus der Normopathie, Essays zum Zeitgeschehen, 189 Seiten, 18 Euro, Bestellungen an tarantel-wien@gmx.at

„Die Stadt außerhalb“

Freitag, 27. November 2015

Ein wunderbares Buch über Steinhof

Die Stadt außerhalb. Zur Architektur der ehemaligen niederösterreichischen Landes- Heil- und Pflegeanstalten für Geistes- und Nervenkranke am Steinhof in Wien.“
Herausgegeben von Caroline Jäger-Klein und Sabine Plakolm-Forstub der Fotografien von Wolfgang Tahler. Birkhäuser-Verlag, 370 Seiten.

Die Stadt außerhalb Steinhof Das Buch ist ein Ergebnis der Aufarbeitung von vor einigen Jahren entdeckten Plänen, Fotografien und sonstigen Dokumenten aus der Entstehungszeit der Anlage, die an Instituten der TU-Wien unter Mitwirkung von Studierenden im Rahmen ihrer Ausbildung aufgearbeitet wurden. Es biete auf 379 Seiten eine Fülle von Informationen für ArchitektInnen ebenso wie für HistorikerInnen oder MedizinerInnen oder einfach für LiebhaberInnen dieses wunderbaren Ortes. Das Buch zeigt wie bis in kleinste Details die Bauten, die Anlagen, die Geräte entwickelt und individuell an den Ort und den Bedarf angepasst und trotzdem einheitlich gestaltet wurden. Es zeigt, dass vielfach völlig neue Wege gegangen wurden und die konstruktiven Lösungen zu den ersten ihrer Art gehören. Z. B. ist die Eisenbetondecke der Wäscherei mit ihren Oberlichten die erste ihrer Art mit einer so großen Spannweite (sie ist durch den geplanten Umbau zu Wohnungen in ihrem Bestand gefährdet).

Das Buch wird jene erfreuen, die diesen Ort schon immer schätzten und jenen vielleicht die Augen öffnen, die diesen weltweit einzigartigen Schatz, den Wien mit Steinhof besitzt, noch nicht in seiner ganzen Bedeutung erkannt haben.

Beitrag von Wolfgang Veit

Mädchen mit Beziehungen

Donnerstag, 19. November 2015

Mit ihren Reizen spielen, das konnte sie!
Maedchen mit Beziehungen „Mädchen mit Beziehungen“ erzählt das Leben der Margarete Slezak, einer berühmten Schauspielerin und Sängerin, inmitten einer Zeit großer politischer Umwälzungen. Ein Porträt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, interessant hauptsächlich durch die Schilderung der damaligen Gesellschaft und auch des Kulturbetriebs unter Adolf Hitler.

Der Inhalt von „Mädchen mit Beziehungen“ lässt sich kurz zusammenfassen: Margarete ist die hübsche Tochter des berühmten Opernstars Leo Slezak und hat schon seit frühester Kindheit nur ein Ziel: ebenso berühmt zu werden wie ihr Vater. Dieser ist allerdings dagegen und sähe seine Tochter lieber als züchtige Hausfrau. Doch Margarete weiß sich zu helfen, trickst ihren Papili aus und nutzt zum ersten Mal ihre Beziehungen, um sich hinter dem Rücken ihres Vaters als Sängerin ausbilden zu lassen. Dieses Motiv umspannt ihren Werdegang, ihren Erfolg und auch ihre Lebenskrisen: Als junge Künstlerin beeindruckt sie Adolf Hitler, der ihr zukünftig oftmals zur Hilfe steht. Margarete, die jedoch jüdischer Herkunft und gleichzeitig mit einer ordentlichen Portion Naivität gesegnet ist, erkennt dabei erst sehr spät, wie gefährlich dieser Mann eigentlich ist. Doch er schützt ihre Familie und ihre Karriere, er ist ihr Protektor. Als Margarete aber nach und nach draufkommt, dass Hitler doch nicht nur ein kunstaffiner Wohltäter und Gentleman ist, bricht sie den Kontakt ab. Sie bekommt zwar Spielverbot, ihre Familie übersteht den Zweiten Weltkrieg aber ohne größere Schicksalsschläge. Auch nach dem Krieg, als der Wunsch auf die Bühne zurückzukehren größer und größer wird, ergreift sie die rettende Hand der amerikanischen Besatzung. Am Ende erreicht Margarete ihr Ziel der großen Karriere und des Erfolges.

„Mädchen mit Beziehungen“ ist ein Buch, das in sich etwas widersprüchlich ist: teilweise kurzweilig und spannend, teilweise redundant und sich in die Länge ziehend. Situationen wiederholen sich, die Charaktere wirken teilweise flach und klischeehaft, an anderen Stellen sind sie dafür wieder berührend und lebensnah in Szene gesetzt. Margarete, die als selbstgefälliges, standhaftes Naivchen porträtiert wird, kann in ihrer Schilderung schon einmal an den Nerven der LeserInnen zehren und man ärgert sich darüber, dass es immer jemanden gibt, der Margarete unter die Fittiche nimmt und sie vor einer richtigen Konfrontation mit sich selbst bewahrt. Auch ein bisschen mehr Witz täte der Story gut, die an manchen Stellen ein Übermaß an Rührseligkeit aufweist. Die Autorin erklärt im Vorwort dass sie eine eingehende Recherche für das Buch angestellt habe, einiges sei aber auch Fiktion. Gerade diese Mischung erscheint im Sinne einer historischen Korrektheit als schwierig, denn man weiß nicht, was im Buch Realität und was Fiktion ist und teilweise wirken die geschilderten Szenen etwas an den Haaren herbeigezogen LiebhaberInnen von anspruchsvollen und akkurat recherchierten Biografien werden von diesem Buch enttäuscht sein. Trotzdem: Alle, die in das Ambiente der Künstlerszene Berlins unter Hitler zurückreisen möchten, eventuell auch noch Opern-, Musik- oder Slezakfans sind und Gefallen an einer packenden Lektüre finden: Einsteigen, bitte!

Teresa Mossbauer

Hanna von Feilitzsch – Mädchen mit Beziehungen

Feilitzsch Verlag, Miesbach-Tegernsee 2015. 352 Seiten, € 19,99 (D)

Ft oder Das Recht auf Faulheit

Mittwoch, 4. November 2015

Eine typographische Auseinandersetzung mit der Faulheit
Ft oder Das Recht auf Faulheit_opt

To-do-Liste abgehakt? Von einem Termin zum nächsten gehechtet? Beim Wort „Müßigang“ ein schlechtes Gewissen bekommen? Dann lesen Sie dieses Buch nicht.

Oder nein: Lesen Sie es doch. Staunen Sie, was Sie alles in komprimierter Form lernen können. Zum Beispiel, worum es Max Frischs Homo Faber (4 Sätze) oder in Cervantes‘ Don Quijote‘ geht (2 Sätze). Zu faul für Filme? Kein Problem. In wenigen Strichen sehen Sie „Der Herr der Ringe“ oder Titanic“. Kreativ sein geht sich nie aus? Oooooh doch. Mit einem speziellen „Malen nach Zahlen“ schaffen Sie es.

Sehr speziell – und sehr humorvoll – setzt Designerin Kathrin Radke sich mit dem Thema Faulheit auseinander. Mit Zeichnungen aus Buchstaben und Wörtern spielt sie typographisch mit unterschiedlichen Aspekten des Faulseins, bringt dieses teilweise radikal auf den Punkt. So besteht das oben erwähnte Malen nach Zahlen aus genau einer Ziffer und einem dazugehörigen Punkt. Oder zehn Seiten bleiben einfach leer. Wer mit nichtvorhandenen Lateinkenntnissen angeben will, braucht nur den fürs Text-Layout beliebten Blindtext auswendig lernen, der mit den Wort Lorem ipsum beginnt …
Und wie leicht ist es, mit Copy and Paste Seiten zu befüllen – genau mit dem Wort „Seiten“, das Kahtrin Radke über zwei Seiten akkurat nebeneinander und untereinander stellt, um auf der nächsten Seite festzustellen: „Das lief ja wie geschmiert. Da schreib ich gleich weiter“. Schon laufen Buchstaben, Sonderzeichen und Zahlen in sinnfreien Konstellationen über das Papier. Beim Lesen und Betrachten erfreut man sich an Bild-und Buchstabenwerken aus geflügelten Worten, an Erfaulgen, an der Erweiterung von faulen Ausreden sowie an der Tastatur für Faule.
Und nach der Lektüre? Gibt’s noch was zu tun? Ja, aber das kann man auch morgen erledigen. Oder übermorgen. Oder nächste Woche …

Wie alle Bücher aus dem Kunstanst!ifter Verlag bietet auch „Ft oder Das Recht auf Faulheit“ optischen und haptischen Genuss und vermittelt en passant Wissen über Schrift und Druck: graublauer Leineinband mit Prägung – die übrigens etwas mit Alfred Hitchcock zu tun hat –, Lesebändchen und gedruckt auf EOS Werkdruck, Volumen 2.0fach, 90g/m2, bläulichweiß.
Und für typographisch gar nicht Faule: gesetzt in Livory und Brandon Grotesque.

Petra Öllinger

Kathrin Radke – Ft oder Das Recht auf Faulheit.
kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2015. 128 Seiten. €18,60 (Ö)

© Cover: Kathrin Radke / kunstanst!fter Verlag

Nominiert für den German Design Award 2016.
Auf der Longlist der Schönsten Bücher der Stiftung Buchkunst 2015.