Archiv für die Kategorie 'Rezensionen'

Papa ist doch kein Außerirdischer

Montag, 16. Januar 2017

Humorvolle Hilfe gegen verbale Beleidigungen

Wie ist das nun, wen jemand von der ganz anderen Fakultät, vom anderen Ufer kommt? Ein Warmer ist, ein Tempelritter, ein halbseidener Zylindervergolder, ein Torfstecher“, ein Uranier? Und wie ist es, wenn der Papa so einer ist? Zumindest behaupten das die anderen. Die Ich-Erzählstimme (ob Mädchen oder Bub erfährt man am Schluss) führt die vielen und zum Teil beleidigend gemeinten Begriffe für männliche Homosexualität ad absurdum, in dem sie sie mit Esprit und Witz wortwörtlich versteht.

Wenn Onkel Marius denkt, dass Papa ein Uranier, also ein Außeriridischer sei, wird Oma darüber befragt, die wiederum feststellt, gar nicht vom Uranus zu stammen. Dass Papa nicht vom Hoch- und Tiefbau kommen könne, wie die Lehrerin gegenüber dem Direktor feststellt, ist auch klar; schließlich hat er zwei linke Hände, und die reichen gerade mal fürs Sandburgenbauen. Eigentlich schreibt Papa Geschichten, Gedichte und Theaterstücke, aber auf Französisch. Wie soll er da der griechichschen Liebe verfallen sein?

Der Charme dieser Wortwörtklichkeiten findet sich ebenso in den kleinformatigen Illustrationen. Reduziert auf die Farben rot, weiß, schwarz, hält die Autorin und Zeichnerin Anna Boulanger mit feinen Tusche- bzw. Tintestrichen besagten Papa in den unterschiedlichsten sprichwörtlichen Situationen fest, er ähnelt mit seinem schwarzem Zylinder und Frackschößen Scherenschnitt-Darstellungen. Wird er als Höhlenforscher tituliert, verschwindet er in derselbigen, mit einer roten Schnur an einem Baum festgebunden. Papa kommt vom anderen Ufer? Ja, und zwar in einem Ruderboot. Dass er auch eine Angelschnur dabei hat und hinter ihm Fische herumspringen, sind nur zwei Beispiele jener Kleinigkeiten, die den Bildern zusätzlichen Witz verleihen.

Das Buch erschien bereits 2007 und wurde nun von Anne Thomas aus dem Französischen übersetzt. Wobei hier höchstwahrscheinlich die Herausforderung bestand, die ins Deutsche übertragenen Begriffe (sie sind keine wortwörtlichen Übersetzungen, sondern Bezeichnungen, die meist auch im Deutschen für Homosexualtiät verwendet werden) mit den Bildern in Übereinstimmung zu bringen.

Und was ist nun z.B. ein Höhlenforscher? Die Erklärung dafür findet sich als Lexikonausschnitt auf dem Vorsatzpapier: ein Geologe oder Prähistoriker, der das Innere von Felsenhöhlen untersucht.
Ganz einfach.

Petra Öllinger

Anna Boulanger (Text & Illustration): Papa ist doch kein Außerirdischer
Originaltitel: „Papa, c‘est quoi une homme haut sèkçuel?“
Aus dem Französischen von Anne Thomas.
Buchgestaltung von Cäcilia Holtgreve.
Gebunden, durchgängig farbig illustriert
kunstanst!ifter, Mannheim 2016
40 Seiten, € 15,40.- (Ö). Ab ca. 5 J.
Einen Einblick in das Schaffen von Anna Boulanger (in französischer Sprache)

© Cover: kunstanst!fter / Illustratorin

Als die Esel Tango tanzten …

Montag, 9. Januar 2017

Anregung zum Fabulieren

Wer denkt bei „Seinen Senf dazugeben“ an Rehe mit Flügeln? Wem kommt bei „Bekannt sein wie ein bunter Hund“ ein Pferd mit rosa Hut in den Sinn? Und wie sieht es aus bei „Auf heißen Kohlen sitzen“? Na? Vielleicht ein blaues Telefon?

Lustvoll und bunt macht die Illustratorin und Buchkünstlerin Stefanie Harjes den Anforderungen des Mainstream-Bilderbuchmarktes (lineare Erzählstruktur, „schöne“ Bilder, kindgemäß, „Ist das eh pädagogisch wertvoll?“ …) einen Strich durch die Rechnung.

Auf je einer Doppelseite widmet sie sich – ohne Text! – einer Redewendung und ihrem Gegenteil: Wer seinen Senf nicht dazugibt, hält hinter dem Busch; zum bunten Hund gesellt sich das Mauerblümchen; statt auf Kohlen zu sitzen, fühlt man sich pudelwohl. Und die titelgebenden Esel tanzen entweder nach jemandes Pfeife oder sind stur wie ein – Esel.

Bei jedem der zwölf Sprichwörter öffnet Stefanie Harjes ein Potpourri an Assoziationen, das schon beim Inhaltsverzeichnis beginnt: Statt Seitenzahlen finden sich Ausschnitte aus den jeweiligen Bildern. Der Reiz der Illustrationen liegt einerseits in der Vielfalt an Techniken: Blei-, Farb- und Filzstift, Kugelschreiber, Öl- und Acrylfarben u.v.m. Andererseits löst die Gestaltung der Seiten beim Betrachten einen Ideensturm aus: Bildausschnitte, verschiedene Papiersorten, Fingerabdrücke, Stoffteile fügen sich collagenartig zusammen. Eindeutige Erklärungen gibt es nicht; dafür Freiraum und Leerstellen fürs eigene (Weiter-)Fabulieren.

Petra Öllinger

Stefanie Harjes (Text & Illustration): Als die Esel Tango tanzten …
Mit einem Nachwort der Kinderphilosophin Kristina Calvert.
Mixtvision, München 2016
Gebunden, mit Leinenrücken, durchgängig farbig illustriert
32 Seiten, € 15,40.- (Ö). Ab 3 J.
Über Stefanie Harjes

© Cover: Mixtvision Verlag / Illustratorin

Und wie ist Totsein?

Montag, 31. Oktober 2016

Das ist kein Trostspender. Zumindest kein gewöhnlicher.

Cover_Und_wie_ist_Totsein

Totsein kann man nicht üben. Darüber zu sprechen kann das Unfassbare etwas fassbarer und ein kleines bisschen erträglicher machen. Anne Lehners Bilderbuch bietet Erzählanregungen, was danach passieren könnte und zeigt unterschiedliche Vorstellungen, die Menschen von einem „Leben“ nach dem Tod haben: Wird man zu Kompost? Geht man auf Reisen? Wird’s still? Startet eine große Feier? Ist es wie Zuhause?

Beim ersten Blick auf die flächig und meist in den Grundfarben gestalteten längsformatigen Bilder wähnt man sich einem wilden, grafischen Durcheinander gegenüber: ein blaues Känguru, ein gelber Hund oder eine winkende Frau in einer Tasse. Doch dieses vermeintliche „Chaos“ entpuppt sich als wohlgesetztes Arrangement: auf der linken Seite ein Begriff, auf der rechten Seite die bildlichen Assoziationen dazu. Bei der Grafikerin und Illustratorin Anne Lehner sind die Buchstaben nicht nur Buchstaben: Das Wort ZUHAUSE im Kreuzstichmuster zum Beipiel vermittelt Heimeligkeit.

Nebstbei und abseits vom Tod: Die Illustrationen eignen sich vorzüglich als Wimmel- und Suchbilder. Elemente auf der linken „Text“-Seite finden sich, teilweise sehr gefinkelt versteckt, in der dazugehörenden Illustration.

Empfohlen ist das Buch ab 3 Jahren. Trauer und Tod kennen jedoch keine Altersempfehlungen. „Und wie ist Totsein“ kann auch für ältere Kinder und für Erwachsene ein besonderer Trostspender sein.

Petra Öllinger

Anne Lehner (Text & Illustration): Und wie ist Totsein?
Mit einem Nachwort von Mechthild Schroeter-Rupieper
Mixtvision, München 2016
Gebunden, durchgängig farbig illustriert
32 Seiten, € 13,30 (Ö). Ab 3 J.
Ein Einblick in das Schaffen von Anne Lehner

© Cover: Mixtvision Verlag / Illustratorin

Überall und nirgends

Dienstag, 18. Oktober 2016

Erinner-Dinge an Papa und andere Verstorbene

Cover Ueberall und nirgendsBald ist es wieder soweit. Die Zeit um Allerheiligen und Allerseelen ruft in Erinnerung, was allen Lebewesen gemeinsam ist: Sterben und Tod.
Wären wir nicht glücklicher, wenn wir ewig lebten? Dass diese Idee – konsequent zu Ende gedacht – vielleicht nicht gar so verlockend ist, zeigt das Gedicht „Wenn du niemals“. Würde man sich trotzdem auf eine Reise mit der Bahn freuen? Macht es Sinn, das Schwimmdiplom zu bestehen? Eindeutige Antworten gibt es darauf nicht, auch nicht in dem in jeder Hinsicht bemerkenswerten Buch „Überall und nirgends“. Zum Glück.

Verlassensein, Fassungslosigkeit, Unfassbarkeit, Erinnerung; die Trauer um eine/n Verstorbene/n, die Frage nach dem eigenen Tod zeigt sich in einem Koffer von Papa, im leeren Sessel eines Klassenkameraden, in der Feststellung, dass Hochhäuser abgerissen werden, Züge weiterfahren, die Menschen reden und lachen, alles „ohne dich“. Sie zeigt sich aber auch darin, dass man dem verstorbenen Haustyrannen noch eines auswischt.

„Überall und nirgends“ ist eines der wenigen Bücher für Kinder (empfohlen ist es ab 8 Jahre) und Erwachsene, das den Themen Selbstmord („Aus eigener Kraft“), Hospiz („Hospiz“) und dem Tod von Frühgeborenen („Zu klein“) einen Platz bietet. Es stellt die kluge Frage nach einer Existenz vor dem Leben „War ich schon, bevor’s mich gab?“ („Davorseits“). Es verdeutlicht, dass gutgemeinte Trostworte wie „Für ihn war es am besten.// Kopf hoch, du bist noch jung,/das wird schon wieder“ besser nicht gesagt werden („Besser nicht“). Es bringt eine/n darauf, dass es vielleicht gar nicht so schlecht wäre, als Katze wiedergeboren zu werden („Gepard“).

Das Ende ist nicht ausschließlich schwarz, oder mündet in einer Erdbestattung, oder ist das alleinige Refugium des Sensenmannes. An manchen Orten in der Welt kommen die Geier zu Hilfe („Himmelsbegräbnis“), anderswo werden Sterbende auf einen Berg hinauf getragen („Narayama“) oder die Lebenden feiern mit den Toten („Fiesta de los Muertos“).
Sylvia Weves Illustrationen begleiten Bette Westeras Sprache. Die Bilder lassen unterschiedliche Zeichen- und Malutensilien (Filzstift, Kreide, Tusche, Wasserfarben) und Stile erkennen. Raffiniert die Idee, aus einem Fingerabdruck „Omas Mantel“ zu kreieren wenn der Kleidung der Verstorbenen etwas ganz Wichtiges beigelegt werden muss.
„Bevor wir ihre Sachen zum Altkleiderladen bringen,
stecke ich in Omas Manteltasche rasch ein Stück Papier,
damit die fremde Frau, die irgendwann
den Mantel kauft, auch lesen kann,
er war von Oma. Denn das schreib ich ihr.“

Für „Ohne dich“ zum Beispiel malte Sylvia Weves mit brauner/schwarzer (Wasser-)Farbe eine Stadt. Auf den ersten Blick ähnelt das Bild einer krakeligen Kinderzeichnung, beim genauen Hinschauen jedoch lassen sich viele gekonnt gesetzte Details erkennen. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass Illustrationen nicht nur „schmückendes“ Text-Beiwerk sind, sondern eigene Geschichten erzählen.

Ein besonderer Kniff ist die Gestaltung einiger Seiten hinsichtlich ihrer Größe. Nur halb so breit wie das Buchformat korrespondiert das Motiv auf einem Bild mit jenem auf der Folgeseite. Eine Raupe im rechten oberen Eck wird beim Umblättern Teil einer Girlande. Der Vorderkörper eines Geparden wandelt sich zu einer Katze, eine Tasche gibt plötzlich den Blick in einen Koffer frei. Apropos Kniff und speziell:
Die Titel der insgesamt 46 Gedichte finden sich in einem nicht gewöhnlichen Inhaltsverzeichnis.

Rolf Erdorf übersetzte Bette Westeras Gedichte aus dem Niederländischen ins Deutsche. Böse Zungen behaupten zuweilen, das sei keine große Sache, weil die beiden Sprachen eh fast gleich sind. Und die Lyrik, das sei doch Jacke wie Hose. Dem ist aufs Entschiedenste zu widersprechen. Luftig, zart, raffiniert, witzig, traurig – eine Poesie, die berührt und zu Herzen geht, ohne sentimental zu werden.
Verbeugung vor Rolf Erdorf.

Danke für das Wort Erinner-dinge.

Petra Öllinger

Bette Westera (Text) & Sylvia Weve (Illustration): Überall und nirgends
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Buchgestaltung von Hans und Sabine Bocketing.
Susanna Rieder Verlag, München 2016
Halbleinen, gebunden, mit drei Lesebändchen, 112 Seiten, € 26.- (Ö)
Über Bette Westera
Über Sylvia Weve

© Cover: Susanna Rieder Verlag/BuchgestalterIn

Winterspaß in Slapsefjell

Donnerstag, 29. September 2016

Wimmelnde SchifahrerInnen

Cover_Winterspass_in_Slapsfjell

Jetzt schon vom Winter erzählen? Warum auch nicht? Der Winter kommt so oder so.
Weshalb sich nicht frühzeitig darauf einstimmen? Zum Beispiel mit Bjørn R. Lies hinreißend illustriertem, großformatigen „Winterspaß“. Der norwegische Illustrator und Künstler, dessen Arbeiten sich unter anderem in der New York Times, auf Pölstern oder Flaschenetiketten finden, lässt ebendiesen in dem fiktiven norwegischen Bergdorf Slapsefjell bei exakt minus vier Grad beginnen. Bunte Häuser im Schnee, aus deren Schornsteinen der Rauch schnurrgerade aufsteigt – die minus vier Grad werden bereits beim Anschauen des ersten Bildes spürbar. Gerade die richtige Temperatur für die EinwohnerInnen von Slapsefjell, die sich frühmorgens zahlreich auf den Loipen tummeln. Auf den folgenden Seiten wird man ZeugIn, wie „hartgesottene Skikanonen“ und „übermütige Winterakrobaten“ den Hang hinunter schießen oder mit „halsbrecherischen Sprüngen“ das Schicksal herausfordern. Oder man beobachtet Robert Raubart dabei, wie er aus einem ins Eis gebohrten Loch Fische angelt. Einer der Höhepunkte ist die Slapsefjell-Rallye, die „pferdestarken Motoren dröhnen“, deren Kadunk Kadunk, Vroom Vroom und Brrrrrr das Buch erzittern lassen. Derweil draußen Resi Rosenkohl auf dem Snublekollen-Sprunghügel einen Rekord aufstellt, sitzt eine Seite weiter geblättert drinnen die Klasse 8A und lässt den Wettlauf zum Südpol über sich ergehen, was zumindest einem Schüler, nämlich Sönke Bergmann einige Bilder später, sehr zupasskommt …

Im letzten Drittel des Buches senkt sich die Abenddämmerung über Slapsefjell, und dann geht’s richtig los: Unter anderem geben sich dort ein Quetschkommodenspieler und ein dreiköpfiger Vogel die Ehre.
Richtig los geht’s auch, wenn man Bjørn R. Lies witzige, skurrile, detailreiche, bunte Illustrationen genau anschaut – und ja, es werden Erinnerungen an Ali Mitgutschs Wimmelbilder lebendig. Der Farbton ist auf die jeweilige Szene bzw. die Tageszeit „zugeschnitten“. Besonders eindrucksvoll ist die Abenddämmerung, wo das Dorf in einen Rosa-Blau-Ton getaucht wird, wie es ihn nur im Winter gibt.

Die BewohnerInnen von Slapsfjell sind einmalig und vielfältig, und das nicht nur hinsichtlich ihrer Aktivitäten in klirrender Kälte. Menschen wie Hasen, Elefanten, Hunde, Bären, Biber, Eichhönrchen, alle wieseln sie gemeinsam mit der größten Selbstverständlichkeit auf Loipen, in Schihütten oder vor Lasse’s (sic) Grillbar herum. Ein besonderer Charme wohnt jener Szene inne, in der drei Damen (Häsin, Katze, Frau) ihren Kindern dabei zusehen, wie diese einen Schneehasen bauen.
Alle tragen Winterkleidung, die in einem krassen Widerspruch zu Hightech Outdoor-Ausstattung steht: Faltenröcke, Kniebundhosen, Wollpullover. Der oben erwähnte Roland Raubart, seines Zeichens übrigens eine Art Riesenschnauzer, trägt unter dem Pullover mit Norwegermuster! Hemd und Krawatte. Und allseits beliebt: die Sturmhaube. Sieht zwar nicht cool aus, wärmt jedoch ungemein. Genauso wie Slapsefjell und seine liebenswerten EinwohnerInnen Herz und Seele der BetrachterInnen wärmen.

Klingt alles nach Lobeshymne? Warum auch nicht. Der Winter kommt so oder so. Weshalb sich nicht darauf einstimmen?

Petra Öllinger

PS: Für alle, die ihn vielleicht vermisst haben: den Blick auf das Vor- und Nachsatzpapier. Ich habe nicht darauf vergessen, wollte die Anmerkung dazu aber zur Abwechslung als PS verfassen. Auf dem Vor- und Nachsatzpapier findet sich (fast) alles auf blauem Untergrund mit weißem Stift gezeichnet, was für den Wintersport benötigt wird. Schneeschuhe, Schiwachs, Schokolade, Fäustlinge Radio, Wollknäuel …

PPS: Nein, es gibt keine Altersempfehlung. Geeignet ist „Winterspaß in Slapsefjell“ für Groß und Klein, für Jung und Alt, für Menschen und Bären, für Schifahrer und Waldarbeiterinnen und so weiter.

Bjørn R. Lie: Winterspaß in Slapsefjell.
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries.
Buchgestaltung von Eleonor Sommer.
Kunstanst!fter Verlag, Mannheim, 2016
Hardcover, 52 Seiten, € 19,60 (Ö)
Über Bjørn R. Lie

© Cover: Kunstanst!fter Verlag / Autor und Illustrator

Foc / Feuer

Montag, 19. September 2016

Einrücken, heimkehren, neugierige Gänse

Cover Foc_Feuer1. März 1939: „Ich musste zum rumänischen Wehrdienst in Elisabethstadt einrücken.“
Ich – das ist Sebastian Rethers Großvater. Dessen Einberufung 1939 „beschert“ ihm bis 1945 Kriegserlebnisse, die sein Enkel auf sehr außergewöhnliche Art festgehalten hat. In dieser Graphic Novel, die ursprünglich die Bachelor-Arbeit des Künstlers und Illustrators bildete, zeichnet er – im wahrsten Sinn des Wortes – die Erinnerungen seines Großvaters nach. „Es ging mir weniger um den Krieg an sich, als um die privaten Erinnerungen und subjektiven Empfindungen eines jungen Soldaten“, erklärt Sebastian Rether. Ausgangspunkt des Buches sind Aufzeichnungen und Gespräche, die er mit seinem Großvater geführt hat.

In den vermeintlich einfachen Skizzen verbirgt sich Bewegendes. Es sind keine großen Gesten/Striche/Wörter, Sebastian Rethers Bilder verlangen dem/der BetrachterIn genaues Hinschauen ab, um das Eindringliche und Berührende, den Wahnsinn des Krieges zu erfassen; und auf einem Pferd das titelgebende Wort „Foc“ (rumänisch für Feuer) zu entdecken.

Bereits zu Beginn des Buches heißt es „Abschied nehmen“. Das erste Kapitel bedarf so wie die folgenden nicht vieler Worte: Dieser Abschied ist ein gezeichnetes Stück Seife, Rasierzeug, ein paar Blätter Papier und Kuverts, die, in ein Tuch eingeschlagen, vom Einberufenen mitgenommen werden. Zurück bleiben ein Brief, eine nackte Glühbirne und drei neugierig schauende Gänse …

Erste Station: Elisabethstadt. Noch trägt den Rekruten die Überzeugung, sein Dienst werde nur drei Monate dauern. Es folgen Jahre. Der Krieg wird ihn quer durch Europa führen; an die Ostfront, in die Bretagne oder nach Italien. Es sind mehr oder weniger Kleinigkeiten, Banalitäten, die seine Erinnerungen markieren: ein halbes Huhn, das im Schützengraben zu einem Festessen wird, Obstbäume, mit Erhängten an den Ästen, ein Löffel. Beklemmend die Soldatengesichter: Einige haben nur leere Fläche, andere tragen einen Schweine- oder, so wie der Großvater, einen Hundekopf. Deutsche Panzer als Schildkröten wirken martialischer als realistisch dargestellte Kampfgeräte.

Manchen Bildern wohnt etwas Komisches inne, wenn sich beispielsweise ein Soldat hinter einer übergroßen Flasche übergibt. Oder wenn auf einer Doppelseite vier Soldaten auf ihren Pferden in Richtung BetrachterIn reiten und derart an einen Western erinnern. Tragikomisch mutet das Kapitel „Großes machen“ an, in dem es heißt: „Zu einer späteren Zeit ging ein Unteroffizier den Graben hinunter …“ Der Unteroffizier verrichtet lesend sein großes Geschäft, die folgenden zwei Bilder machen das Trügerische dieser Stille regelrecht greifbar: Eine Granate schlägt ein, zurück bleibt nur der Helm. Aus. Lakonisch auch die Sprache, maximal zwei kurze treffende Sätze pro Seite, viele Bilder bleiben ohne Text.
Sogar das Inhaltsverzeichnis ist reduziert. Statt herkömmlicher Kapitelüberschriften finden sich nur die jeweiligen Seitenzahlen in den angedeuteten Umrissen einer Landkarte. Diese Zahlen markieren die unterschiedlichen Orte, an denen Rethers Großvater auf seiner Kriegsodyssee, an- und vorbeikommt.
Schließlich die Heimkehr, mit dem lapidaren Satz „Nachdem ich mich gewaschen hatte, legte ich die Füße in warmes Wasser …“ ist der Krieg für den Ich-Erzähler (vorerst) beendet, bestaunt von drei neugierig schauenden Gänsen …

Petra Öllinger

Sebastian Rether: Foc/Feuer
Edition Büchergilde, Frankfurt/Main, 2016
Gebunden, fester Einband mit strukturiertem Papier, 368 Seiten, € 25,70 (Ö)
Über Sebastian Rether

© Cover: Edition Büchergilde/Sebastian Rether

Sternenschwester. Ein Buch für Geschwister und Eltern von tot geborenen Kindern.

Mittwoch, 7. September 2016

Schluss mit dem Schweigen

Cover Sternenschwester Es gibt sie noch, die letzten Tabus in unserer Gesellschaft, zum Beispiel jenes von tot geborenen oder früh verstorbenen Babys. „Hunderte Fotos von lebenden Kindern machen die Runde, stolze Eltern posten Familienfotos auf Facebook, Familie und FreundInnen gratulieren, bringen kleine Geschenke. Tot geborene oder sehr früh verstorbene Babys hingegen werden meist nicht als Teil einer Familie wahrgenommen.“ 1 Und doch sind sie es. Umso mehr, wenn nach dem Tod eines Kindes dessen Geschwister zur Welt kommen. Wie lebt es sich als ein solches Geschwisterkind in dem Wissen, dass vor einer/einem bereits jemand da war und nun nicht mehr ist? Darf man überhaupt über die tote Schwester, den toten Bruder sprechen? Wie gelingt es als Mutter/Vater, eine Verbindung zwischen dem verstorbenen und dem lebenden Kind aufzubauen? Wäre ein Schweigen über einen „solchen Vorfall“ nicht einfacher, heilsamer? Möglich. Wahrscheinlicher ist: „Totschweigen ist wie noch einmal sterben“, wie Gabi Horak-Böck in ihrem Artikel „Sternenkinder“ schreibt.

Eine Hilfe, um dieses Schweigen zu brechen, bietet Doris Meyers „Sternenschwester“. Die Idee zu diesem Bilderbuch entsprang ihrer eigenen Betroffenheit als Sternenmama. Ihre erste Tochter kam tot zur Welt. Doris Meyers Suche während ihrer zweiten Schwangerschaft nach einem geeigneten Bilderbuch zu diesem Thema blieb erfolglos. Das nahm sie zum Anlass, selbst ein Buch zu gestalten. Der „Erdenbruder“ erzählt darin in einfachen klaren Sätzen von seiner „Sternenschwester“ Maja, die vor ihm auf die Welt gekommen, jedoch nach kurzer Zeit gestorben war. Seine Eltern halten das Andenken an sie wach mit kleinen Erinnerungsstücken wie ein rotes Tuch, in das Maja eingewickelt war, oder ihre Hand- und Fußabdrücke auf einer Karte. Sie beziehen ihren Sohn in dieses Gedenken ein. Dadurch gelingt es ihm, zu seiner toten Schwester eine Verbindung aufzubauen, in dem er zum Beispiel ein kleines Windspiel für sie bastelt. Und natürlich taucht die Frage auf, wo Maja jetzt wohl sei. Das Wohltuende an der Antwort der Eltern ist, dass sie keine Antwort darauf wissen und ihren Sohn nicht mit (religiösen) Erklärungen zu beruhigen versuchen.
Die ganzseitigen, in freundlichen Farben gehaltenen Aquarellbilder sowie freie Seiten zum Selbstgestalten laden ein zu eigenen Gedanken/Bildern, vor allem dann, wenn Worte fehlen.

Danke an Doris Meyer für dieses Buch, das für Kinder ab 4 Jahren und Erwachsene gleichermaßen geeignet ist.

Petra Öllinger

Doris Meyer: Sternenschwester. Ein Buch für Geschwister und Eltern von tot geborenen Kindern. Mit einem Nachwort von Franziska Maurer.
Mabuse Verlag, Frankfurt/Main, 2. durchgesehene Auflage 2016.
32 Seiten, €17,40 (Ö)

© Cover: Mabuse Verlag/Doris Meyer

1: Gabi Horak: „Sternenkinder“. In: an.schläge. Das feministische Magazin. September 2014.

Ben und die Wale. Eine wunderbare Reise

Mittwoch, 10. August 2016

Vom Abschiednehmen und fliegenden Giganten

Cover Ben und die WaleSeit mittlerweile zehn Jahren erscheinen im Mannheimer Kunstanst!ifter Verlag (Bilder-)Bücher, die den LeserInnen ein visuelles Vergnügen bereiten. Und erst die Inhalte! Beispiel gewünscht? Bitte sehr: „Ben und die Wale“.

Die südafrikanische Bilderbuchautorin Ingrid Mennen widmet sich darin einer Tatsache, der wir alle früher oder später ins Auge sehen müssen: dem Tod.

Bei ihren Spaziergängen entlang der Küstenpfade beobachten Ben und sein Großvater die Wale. Beide arbeiten an Opas Sammelalbum über diese „fliegenden Giganten des Meeres“, wie Bens Großvater diese Tiere nennt. Bereits auf der dritten Seite ist jedoch das Unvermeidliche eingetreten. Bens Opa stirbt. Am selben Nachmittag lädt Bens Vater ihn zu einem Spaziergang ein. Beide gehen denselben Weg, den Ben auch mit seinem Opa entlanggewandert ist, und Bens Vater erzählt ihm eine Geschichte. Es ist eine Geschichte über ein Walkind und einen alter Buckelwal, der strandet und nicht mehr zurückfindet ins Meer. Das Walkind aber muss zurück zu seiner Herde; es wird den alten Wal loslassen. So wie Ben von seinem Opa Abschied nehmen muss. Dabei scheinen dem Jungen Flügel zu wachsen, wie bei den „fliegenden Giganten des Meeres“.

Die Autorin arbeitete an diesem Buch gemeinsam mit ihrer Tochter Irene Berg, die die Geschichte illustrierte. Fast kann man es riechen und hören das Meer, in seinen vielen (Farb-)Facetten vom „lieblichen“ über das arktische Blau bis zum aufgewühlten Grau. Im Meer immer wieder Wale; schwimmend, springend, tauchend. Den Tod des Großvaters symoblisiert ein leerer Ohrensessel und ein Basset, der mit traurigem Blick davor liegt. Er wird zwar nicht im Text erwähnt, trotzdem begleitet dieser Hund den Jungen in vielen Szenen.

Ein Küstenabschnitt aus der Vogelperspektive zeigt bei genauem Hinschauen die Szene, als der alte Buckelwal sterben muss und der kleine Wal zu seiner Herde schwimmt. Doch bietet dieses Bild etwas Tröstliches: die am Horizont aufgehende, leuchtend gelbe Sonne. Genaues Hinschauen lohnt sich auch beim liebevoll gestalteten Vor- und Nachsatzpapier: Es sind Seiten aus Opas Sammelalbum, voll mit Notizen, Skizzen, eingeklebten Zetteln und vielen Informationen über Wale. Und wer über den Buchdeckel streicht, erlebt eine reizende Überraschung.

Petra Öllinger

Ingrid Mennen (Text), Irene Berg (Illustration, Coverillustration, Lettering), Yimeng Wu (Buchgestaltung): Ben und die Wale. Eine wunderbare Reise.(Originaltitel: „Ben and the Whales. The Extraordinary Journey“/“Ben en de Walvisse – `n wonderbaarlike Reis, ins Deutsche übersetzt von Ingrid Mennen und Irene Berg)
Kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2016.
32 Seiten, € 18,60 (Ö)

© Cover: Kunstanst!fter Verlag