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RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 2

Textdiskussion im Duftenden Doppelpunkt

„Die Tiefe des Beckens“ wird vierzehntägig, in zehn Teilen, jeweils am Mittwoch hier im Blog erscheinen.

Wie tief ist ein Becken, … ab wann trägt das Eis? Und: Was bin ich bereit zu riskieren? – Ein Bademeister wirft Blicke in die Tiefe und weit über den Beckenrand … hinaus.“

Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und verknüpfen diesen Wunsch mit der Bitte, Ihre Meinung zum Text entweder mittels der Kommentarfunktion hier im Blog zu posten oder dem Autor via Mail direkt zukommen zu lassen.

Teil 2:

Ich habe alles andere ausgeschaltet. Ich sitze im Zug und schreibe, wobei mir die Welt ruhiger erscheint wie zuhause nach Mitternacht, im Schein meiner kleinen Schreibtischlampe. Die Welt ist natürlich nicht wirklich ruhiger. Ich sitze im Großraumabteil eines überfüllten Wochenendzuges, auf einem Klappsitz, zwischen vorwiegend jungen Leuten, schweren Rucksäcken und Fahrrädern. Die Türen öffnen und schließen sich alle paar Minuten, da die Regionalbahn offenbar in sämtlichen Dörfern hält. Wenn sich die Türen öffnen riecht es nach Bremsabrieb, doch ich kann mich hier besser konzentrieren, da sich die Welt um mich herum bewegt und meine Hand ein Teil dieser Bewegung wird. Es drängt sich nichts zwischen Hand und Kopf wie in der seelenvollsten Ruhe, zuhause am Schreibtisch.

Gestern bin ich gelaufen, die ganze Konstanzer Uferpromenade entlang, wie in der Arbeit, denn ein See ist auch nur ein großes Becken, jedenfalls aus der Sicht eines mit der Rettung Ertrinkender beauftragten Rettungsschwimmers oder Schwimmmeisters. Ein Schwimmmeister ist übrigens kein Bademeister wie landläufig angenommen wird, sondern etwas anderes. Man beachte, dass Schwimmmeister großen Wert auf diese Unterscheidung legen.

Ich bin also am Beckenrand, die ganze Uferpromenade entlang gelaufen, wie in der Arbeit, nur schneller. Die Arbeit der Aufsicht hier würde ich nicht machen wollen, falls es die Tätigkeit hier überhaupt geben sollte. Es wäre eine besonders anspruchsvolle Tätigkeit. Seewasser ist dunkelgrün, blau oder grau und unermesslich tief und die riesige Wasseroberfläche lässt sich nur äußerst schwer überblicken.

Strammen Schrittes bin ich gelaufen, die Augen unter der Sonnenbrille auf das Wasser gerichtet. Das große Becken. Und noch weiter, viel weiter darüber hinaus. Mir kam es vor als hätte ich den halben See umrundet, bis ich schließlich an einer Anlegestelle für die großen Fähren landete und dort ein kleines Mittagessen zu mir nahm, während ich mich jedoch – wie ich später dann bemerken sollte – noch immer innerhalb von Konstanz befand. Ich konnte das Essen nicht so recht genießen, was wohl erstens an den halbrohen Spiegeleiern und zweitens an meinem, unter der extremen Sonneneinwirkung leidenden, Orientierungssinn liegen musste. Mir war schlecht. Ich sagte zum Ober, dass es gut war. Am Tisch vor mir auf der Sonnenterasse, welche in etwa derselben Höhe lag, wie der des Personendecks der großen Fährschiffe, stritt sich ein Paar mittleren Alters über den geplanten Einbau bzw. Ausbau ihrer Sauna. Er wollte in den Garten hinaus bauen, sie wollte den Garten jedoch rechteckig belassen. Man könne doch problemlos „oben duschen“ anstatt in einer weiteren Nasszelle und somit „doch Raum innerhalb des Hauses gewinnen“ bzw. einsparen.

Ich öffnete das grüne Notizbuch und versuchte, ein paar weitere Zeilen zu schreiben. Der Mann mit dem Pils, der seine Sitzrichtung zur Fähre gerückt hatte und langsam, ganz gemächlich an seinem Glas nippte, half mir dabei, die Gedanken einzufangen. Ich schrieb über die Gedanken, die sich am See beim Baden aufgedrängt hatten. Es waren die Seiten, welche auf den Weg entlang der großen Wiesen mit den Halbnackten zurückzuführen waren, die ich anschließend vor dem Einschlafen im Hotelzimmer aus dem Buch herausreißen würde und deren gedankliche Nachgeburt ich später versuchte mit zu verwerfen, was mir – um den Preis einer von innerer Unruhe getränkten Nacht – auch weitgehend gelang.

Die herausgerissenen Seiten hatten mir gestern den Tag versaut. Ich glaube an die zehn Kilometer gelaufen zu sein, um den darauf notierten Sätzen zu entkommen.

Vergeblich.

Ich hatte versucht, ruhig auf dem Kiesbett zu sitzen, meinen Kopf im etwa 18 Grad kalten Wasser herunter zu kühlen, doch es half nichts. Meine Gedanken waren nur umso hitziger geworden. Die unterdrückte Müdigkeit tat ihr Übriges dazu. Sie schafft es, mich in solchen Situationen absolut wehrlos zu machen. Und ich war „hundemüde“ wie man so sagt, auch wenn ich persönlich bislang selten auf einen müden Hund getroffen bin. Ich fände „hundeaggressiv“ als Wort – wenn auch natürlich in einem anderen Zusammenhang – dagegen weitaus sinnvoller, weil mir die Wörtlichkeit seiner Bedeutung infolge persönlicher Erfahrungen schlüssiger schiene. Ich bin sogar schon einmal – es war beim Joggen – von zwei Hunden gleichzeitig angegriffen worden! Meinen linken Unterschenkel ziert seitdem ein kleines Loch. Man kann es deutlich spüren, wenn man mit dem Finger darüber fährt. Sollten Sie mich also zufällig einmal irgendwo beim Baden treffen und Gesetz den Fall ich würde neben Ihnen liegen – ich bin wie gesagt der Mann mit dem Loch im Bein.

Ich war also hundemüde und höchst wahrscheinlich mit diesem abscheulichen, hundeartigen, Testosteron angereichert. Kaum ein weiblicher Körper auf den Wiesen war vermutlich meinen Blicken entgangen. Sollte es also das Wort „hundegeil“ geben, wäre es für diesen, eben beschriebenen Zustand durchaus eine treffende, … ach lassen wir das!

Wir waren zusammen nach Zürich gefahren. Im Taxi. Die vom Bahnhof und ich. Eine handvoll Jungs, ein Mädchen und eine Frau. Ich hatte ein bisschen Aufmerksamkeit bekommen – „Hallo, was geht?“, sowie leicht verdauliche Unterhaltung und ein feines Fläschchen Bier. Später auf der Streetparade sollte noch eine weitere Flasche – frei Haus – dazukommen, sowie drei Hände voll Kartoffelchips aus der Tüte. Als es mir allmählich jedoch gedämmert war, dass den vier Jugendlichen der Gruppe „Edelweiß“ – wie einer der vier uns scherzhaft zu nennen pflegte – nach ganz anderen Tüten der Sinn stand und es sich abzeichnete, dass die diesbezügliche Orterkundung den Rest der Nacht dominieren sollte, empfahl ich mich freundlich, um fortan alleine nach so etwas wie Spaß zu suchen. Dass ich diesen gefunden hätte, käme dann doch einer schamlosen Übertreibung gleich. Genauer gesagt war mir wegen dem Geld das ich zusätzlich für den Eintritt in die Clubs ausgegeben hatte regelrecht schlecht geworden und besonders übel ausgerechnet aufgrund dessen, weswegen wir doch alle hauptsächlich hier waren: der Technomusik.

Ich schloss die Nacht mit dem hereinbrechenden Sonnenaufgang und der Erkenntnis, diese „hundeaggressive“ Lautstärke aus synthetisch verzerrten Bässen, sowie damit einhergehende … Schlaflosigkeit voraussetzende … Nachtschwärmereien – meines Alters wegen oder, na ja, warum auch immer – nicht mehr (länger) zu ertragen.

Beiträge vor einem Jahr:
C.S. Lewis-Preis

7 comments for “RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 2


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