PreisträgerInnen 1 – 10

Zweistufiger Literaturpreis „Der Duft Des Doppelpunktes“

Hier können Sie die Beiträge der PreisträgerInnen der ersten Wettbewerbsstufe des Literaturpreises „Der Duft des Doppelpunktes“ kennenlernen. Die Gewinnerin des 3. Preises hat ihren Text zurückgezogen und ist auf eigenen Wunsch aus dem Wettbewerb ausgeschieden

Die Beiträge der PreisträgerInnen beider Wettbewerbsstufen sind in der im Mai 2008 erscheinenden Anthologie „Rote Lilo trifft Wolfsmann“ nachzulesen.

Sämtliche Rechte am Werk verbleiben beim Autor, bei der Autorin. Die LiteratInnen haben der Veröffentlichung der nachfolgenden Texte im Literaturblog „Duftender Doppelpunkt“ und in der virtuellen Wohnung von Petra Öllinger zugestimmt. Diese kann jederzeit vom Autor / von der Autorin widerrufen werden.

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Der Verlauf des Wettbewerbs
Entscheidung der Jury
Die Biographien aller AkteurInnen
Die 5 WürdigungspreisträgerInnen der 1. Wettbewerbsstufe
Weitere Beiträge von TeilnehmerInnen der 1. Wettbewerbsstufe
SponsorInnen und UnterstützerInnen

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Die Texte und Biographien der PreisträgerInnen

1. bis 2. Preis

Andreas Montalvo – Biographie
Andreas Montalvo – Die Abmachung

Hildegard Kaluza – Biographie
Hildegard Kaluza – Be-Hinderung

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4. bis 10. Preis

Barbara Finke-Heinrich – Biographie
Barbara Finke-Heinrich – Lebensträume

Tom Mokkahoff – Biographie
Tom Mokkahoff – Wie lange noch?

Silke Rath – Biographie
Silke Rath – Leise

Armin Schmidt – Biographie
Armin Schmidt – Menschenopfer

Esther Sheelagh Schmidt – Biographie
Esther Sheelagh Schmidt – Enge

Johanna Vorholz – Biographie
Johanna Vorholz – Mit Chili-Zucker gepuderte Sesamkörner

Petra Wilhelmi – Biographie
Petra Wilhelmi – Wertgutschein Deutschland

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Andreas Montalvo:

Jahrgang 1974, Österreicher. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Mexiko Wirtschaftsstudium in Wien absolviert. Liebe zur Literatur und zum Schreiben sowohl auf deutsch als auch auf spanisch.
Einzelne Veröffentlichungen von Lyrik- und Kurzprosatexten in verschiedenen deutsch- und spanischssprachigen Anthologien. Lebt und arbeitet in Barcelona.

Kontakt Andreas Montalvo

Andreas Montalvo – Die Abmachung

Es dämmert. Lichter beginnen zu funkeln, Ampeln wechseln von Rot auf Grün und wieder auf Rot. Schnaubende Autos rasen,hupen, bremsen, stehen. Menschenmassen warten, schauen, plaudern, rennen. Alte Leute mit Stock, junge mit Einkaufstaschen, Frauen, die Rauchen, Männer, die Kinder an der Hand führen. Alle haben es eilig, keiner bemerkt den anderen. Jeder versucht voranzukommen, niemand darf Zeit verlieren, keine Sekunde. Zuhause steht schon das gute Essen auf dem Tisch!
Wer nur kurz an der Kreuzung vorbeikommt, bemerkt sonst nichts. Man fährt weiter oder überquert die Straße, verschwindet im U-Bahn-Eingang. Aber an dieser Kreuzung steht ein Bub, noch keine zehn Jahre alt. Er steht dort seit dem Morgen, fast ständig am gleichen Fleck und bewegt sich kaum weiter als vom Straßenrand bis auf die Mitte des Zebrastreifens und wieder zurück.

Mario wirft Kugeln durch die Luft und fängt sie wieder auf. Sie sind sein Werkzeug, fünf Kugeln mit buntem Papier überklebt. Den Mund hat er weiß bemalt, die Nase rot. Er trägt einen alten Hut, ein schmutziges Hemd und kaputte Turnschuhe.
Wenn die Autos anhalten, stellt sich Mario vor sie und zeigt sein kleines unbedeutendes Schauspiel. Dann geht er schnell von einem Auto zum nächsten und hofft auf ein paar Münzen, seinen alten Hut in der Hand haltend. Die meisten Fenster bleiben geschlossen, oder man tut, als ob man ihn nicht bemerkte. Sobald sie losfahren, muss Mario schnell an den Straßenrand zurück. Er versteckt das Geld in einem Täschchen, das er unter seinem zerfledderten schmutzigen Hemd verwahrt. Mario läuft zur Ampel vor und springt beim nächsten Grün wieder auf den Zebrastreifen, jongliert von neuem. Er scheint nie zu essen, hat nie Durst, muss nie seine Notdurft verrichten. Doch das täuscht. Diese Arbeit braucht seine ganze Konzentration, er kann nicht einmal daran denken, was andere Kinder in seinem Alter tun: Hausaufgaben erledigen, Klavierunterricht nehmen, mit den Freunden auf dem Fahrrad durch die Nachbarschaft fahren oder mit dem Vater ins Kino gehen. Das alles scheint Mario nicht wirklich zu vermissen, weil er es nicht kennt. Doch auch das täuscht.
Mario versucht, so viel Geld wie möglich zu sammeln, um es am Abend nach Hause zu bringen. Seine Eltern sind gut zu ihm, aber sie brauchen das Geld. Wer nicht genug Münzen mitbringt, bekommt nichts zu essen. So ist die Abmachung. Seine Geschwister tun das Gleiche: Alicia singt und Patricio spielt Gitarre. Sie fahren den ganzen Tag mit der U-Bahn oder den Bussen durch die Stadt. Auch sie bringen immer ein paar Münzen mit nach Hause. Nur sein großer Bruder Alberto hat manchmal mehr Geld, was Vater und Mutter aber auch nicht wirklich zu freuen scheint. Sie streiten sehr oft mit Alberto, und er verschwindet dann für mehrere Tage. Die Mutter ist schon alt, sie schüttelt nur den Kopf und sagt, ihr tun die Gelenke weh.

Als die Kirchenglocke in der Nähe neun schlägt, macht sich Mario auf den Weg, so wie jeden Abend. Er muss die U-Bahn nehmen und einige Stationen fahren. Sein Vater wartet dort auf ihn, denn die Gegend ist nicht ganz ungefährlich. Das Ticket ist billig, er kann es sich leisten. Das monotone Rattern des Zuges macht ihn schläfrig. Mario verliert sich, irgendwo in seinem Kopf, irgendwo im Rattern, zwischen Hunger, Erschöpfung und Lebenskampf. Plötzlich schnellt er auf. Ihm wird heiß und kalt zugleich. Er hat seine Station verpaßt! Schließlich hält der Zug endlich, Mario drängt sich aus dem Wagen, läuft die Stufen hoch. Eine Laterne spendet dämmriges Licht. Stille. Hunger und Not machen viele Leute böse. Mario ist allein; er versucht, sich zu orientieren. Sein Geld hat er gut verwahrt. Plötzlich, wie aus dem Nichts, packt man ihn, wirft ihn zu Boden, verdeckt ihm die Augen. Man reißt an ihm, zerrt, greift. Er will schreien, kann nicht. Dann bleibt ihm die Luft weg: Ein Schlag in den Magen. Hastige Schritte, die leiser werden.
Er ist wieder allein. Allmählich steht er auf, nimmt seinen Hut und geht zuerst langsam, dann schneller. Das Geld ist jetzt weg, aber der Hunger bleibt, trotz des Schlags in den Magen. Er putzt sich mit dem zerrissenen Hemd seine Nase und wischt sich die Augen aus.
Allmählich wird es heller, Leute, die rastlos weitergehen und ihn nicht beachten, Autos auf der Straße. Er erkennt die Gegend. Jemand bietet gestohlene Musik für billiges Geld; blaue Planen über den Gehsteig gespannt dienen als Dach, darunter sitzen Indiofrauen, die Selbstgekochtes verkaufen wollen. – Es riecht so gut!
Als Mario den Vater nebem dem U-Bahnaufgang erblickt, läuft er auf ihn zu und drückt sich schluchzend an ihn. Der Vater sieht die Hemdfetzen und die Schrammen und versteht. Mach dir keine Sorgen, mein Sohn. Heute gilt unsere Abmachung nicht. Auch der Vater weint.
Die Ampeln wechseln von Rot auf Grün, schnaubende Autos bremsen, stehen. Menschenmassen warten, rennen, telefonieren. Niemand darf Zeit verlieren, keine Sekunde. Zuhause steht schon das gute Essen auf dem Tisch!

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Hildegard Kaluza:

geb. 1958, verheiratet, zwei Söhne.
Seit 1997 bin ich als Wirtschaftswissenschaftlerin in verantwortlicher Stellung im öffentlichen Bereich tätig. Zuvor arbeitete ich im wissenschaftlichen Kontext, war freiberufliche Unternehmensberaterin und leitete als Geschäftsführerin eine Tochterfirma eines Stahlkonzerns. Mein berufliches Engagement habe ich stets mit meiner großen Leidenschaft – dem Schreiben – verbunden, das über die Jahre immer intensiver wurde. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf Erzählungen, in denen ich aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreife. Ich nehme regelmäßig an Lesungen, auch Radiol-Lesungen, teil. Seit über 3 Jahren gehöre ich der Autorengruppe WortReich in Düsseldorf an, die Lesungen in Bibliotheken und an anderen Orten veranstaltet, bei denen ich zahlreiche meiner Erzählungen präsentiert habe.

Übersicht über ausgewählte Aktivitäten Stand Januar 2007.

Teilnahme an Radio-Lesungen:

  • In den Jahren 2001 bis 2004 zweimal jährlich Teilnahme an Radio-Lesungen im Lokalfunk
  • Radio-Lesung „Die sieben Todsünden“ am 29.3.2006 bei Antenne Düsseldorf

Teilnahme an Lesungen der Gruppe Wortreich:

  • Todsünden und andere Unzulänglichkeiten (2006) im Bürgerhaus Bilk, Veranstalter die AGB
  • Liebes Spiel (2006) in der Bücherei Düsseldorf-Benrath / Orangerie
  • Die sieben Todsünden (2005) in der Bücherei Düsseldorf-Benrath / Orangerie
  • Magiegeflüster (2004) in der Bücherei Düsseldorf-Benrath / Orangerie;
  • Ortsgespräch (2005) bei „PLATZDA!“ Sommerauftritt 3 * – Stadtrauminszenierung für Platzkultur in Düsseldorf-Unterbilk im Rahmen von „Kulturelles Friedensplätzchen“·
  • Lästermäuler (2004) Beim Literaturtreff „Blaue Stunde“ in der Destille, Düsseldorf-Altstadt;
  • Literarischer Abend (2001) in der Volkshochschule Düsseldorf

Hildegard Kaluza – Be-Hinderung

Wenn der Bus kommt, muss er strammstehen. Die Beine strecken, den Bauch einziehen, die Arme durchdrücken. Die linke Hand zur Faust geballt und die rechte geöffnet, damit er die Stange greifen kann, um sich hochzuziehen.
„Strammstehen!“ ruft Papa, spannt den Körper an und zeigt es ihm. Immer wieder, bis er es kann.
Das Einsteigen muss schnell gehen. Hinter ihm drängeln die anderen.
Britta erwartet ihn schon. Ihr kleines rundes Gesicht strahlt. Unter den dünnen weißblonden Haaren schimmert die rosa Kopfhaut. Auch der Anorak, der eng um die Rundung ihres Bauches gespannt ist und ihr Rock, der sich über ihren dicken kurzen Beinen bauscht, sind rosa.
„Wie eine rosa Schneefrau“, meint Mama.
„Dennis, komm her, komm her!“ Ihr molliges Hinterteil hat sie auf die Mitte der Sitzbank platziert und hält so den Platz neben sich frei.
„Britta, gleich“, ruft er ihr zu, aber es dauert, bis er bei ihr ist. Sein Oberkörper schaukelt im Rhythmus der Fahrt, er kann die Spannung kaum halten.
„Geh wie ein Roboter“, sagt Papa und geht steif durch den Raum, bis Dennis versteht, wie es funktioniert.
„Hallo“, seufzt er und lässt sich auf den Sitz fallen.
„H, Ha, Hallo“, echot Harald, der auf dem Platz gegenüber sitzt. Sein langer hagerer Kopf hängt wie immer schief auf der Brust. Aus den Augenwinkeln starrt er Britta an. Dennis weiß, dass er sie liebt, aber sie mag ihn nicht.
„Igitt“, schreit sie, wenn der dünne Speichelfaden auf sein T Shirt tropft.
Markus steigt ein, die Stufen sind zu hoch für ihn. Sein Kopf ist groß, alles andere klein wie bei einem Kind. Nur Victor fehlt noch, es dauert bis die Plattform abgesenkt und er hinaufgefahren ist. Sekundenlang schwebt er durch die Luft, dann rollt er hinein.
Erst an der Endstation sind sie am Ziel.
Dennis hat die Arbeitshose schon an, er braucht nur die Jacke anzuziehen.
Das ist schwer genug, Noch schwerer als in den Bus einzusteigen.
Mama übt mit ihm.
„Langsam“, mahnt sie,“erst den einen Arm, dann den anderen“.
„Dennis macht Fortschritte“, lobt sie, als er es kann.
Immer sagt sie das und obwohl es ihm gefällt, rollt er mit den Augen.
Heute ist die Umkleide abgeschlossen.
„Kommt in die Halle!“ ruft Walter ihnen zu. Er ist ihr kleiner Chef, der, der aufpasst, wie sie arbeiten.
Britta, Harald, Markus, Victor und er, sie sind die beste Gruppe. Zu Weihnachten wurden sie ausgezeichnet.
Britta schiebt die Teile zum Montiertisch, legt sie vor Harald auf die Ablage. Harald steckt sie zusammen, Victor fixiert das Kabel und Markus schraubt die Teile fest und spannt sie in den Greifarm, der zu Dennis hinüberschwenkt. Er muss kontrollieren, ob alles richtig ist. Bei jedem Fehler tritt er auf das Fußpedal, das unter dem Tisch steht. Der Greifarm kippt nach hinten, öffnet sich und der fehlerhafte Stecker fliegt in die Kiste, auf der „Ausschuss“ steht. Ist alles in Ordnung, lässt Dennis den Greifer vorübergleiten. Alle paar Minuten schaut Walter vorbei.
„Gute Arbeit“, nickt er anerkennend, wenn die Ausschusskiste fast leer ist.
„Das geht noch besser“, meint er, wenn sie schneller als sonst gefüllt ist.
In der Halle sind alle versammelt und vorne steht der große Chef. Er hat ihnen die Urkunde gegeben, die nun neben der Essensausgabe in der Kantine hängt, damit sie jeder sehen kann.
Der große Chef ist ernst, er lächelt nicht wie sonst, wenn er mit den fremden Menschen durch die Halle geht. Männer im Anzug oder Frauen im Kostüm.
Er hebt die Hand und bittet um Ruhe. Ganz ruhig ist es nie bei ihnen, eine Grundmelodie aus Murmeln und Kichern, aus Stöhnen und dem Geräusch schabender Füße begleitet sie immer. Dazwischen gelegentlich ein kurzer Aufschrei, ein hysterisches Lachen – wie kleine Farbtupfer in einem grauen Bild.
Aber nun ist es fast mucksmäuschenstill, denn der große Chef hält beide Hände in die Luft, so, als würde er mit der Waffe bedroht und das macht ihnen Angst.
„Wir haben ein Problem“, spricht er ins Mikrofon, „die Firma, für die wir die Stecker bauen, hat einen neuen Besitzer. Er will nicht mehr, dass wir die Stecker liefern. Er will eine andere Firma finden. Also“, schließt er seine Rede, „das heißt, wir haben keine Arbeit mehr.“
Dennis hat nie überlegt, wohin die fertigen Stecker gehen, niemand von ihnen hat das getan, das sieht er an den ratlosen Gesichtern von Markus, Victor, Harald und Britta, die genau so verblüfft sind wie er.
„Warum denn?“ fragt Victor „sind sie nicht gut genug?“
„Nein, gut sind sie schon.“
„Sind es zuwenig, sind wir zu langsam?“ fragt Markus, der auf einen Stuhl geklettert ist, damit der große Chef ihn sehen kann.
„Nein, schnell genug seid ihr auf jeden Fall.“
„Dann brauchen sie wohl keine Stecker mehr?“ fragt Victor. Dennis staunt, wie schnell der alles versteht.
Aber auch dazu schüttelt der große Chef den Kopf.
„Nein, es ist nur der Preis, er sagt, wir sind ihm zu teuer. Er will weniger Geld ausgeben.“
Weniger Geld, Dennis erschrickt. Er bekommt doch nur 200 €, die Hälfte gibt er den Eltern, die andere ist sein Taschengeld. Er spart für den Urlaub mit Britta.
„Weniger geht nicht“, brüllt er in den Raum. „Das müssen wir ihm sagen.“
Alle schauen ihn an.
„Dem neuen Mann von der Firma, der kennt uns doch nicht.“ Es ist ein langer Satz für ihn, aber es ist richtig, was er sagt, denn Britta nickt ihm zu und schreit: „Hinfahren, hinfahren!“
Walter schaut unschlüssig zum großen Chef.
„Gar nicht so schlecht“, meint der schließlich.
Zwei Tage später sind die Busse da.
„Strammstehen!“ hämmert es in Dennis Kopf, als er einsteigt. Der große Chef sitzt vorne und neben ihm ist ein Mann mit einer Kamera, der will sie ins Fernsehen bringen.
„Wie sehe ich aus?“ fragt Britta.
„Wunderschön“, flüstert Dennis und legt seinen Arm um sie.
„Der kann uns die Stecker nicht wegnehmen, oder?“ fragt sie leise.
Dennis schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er, „nein“.

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Tom Mokkahoff:

Jahrgang 1962, kaufmännische Lehre, Studium der Philosophie. Im Brotberuf Unternehmensberater und Coach für große Wirtschaftsorganisationen. Leidenschaftlicher Beobachter der Menschen und ihrer Verstrickungen. Literatur als Reflexion und Blick dahinter. Veröffentlichungen in Fachbüchern und ?zeitschriften zu Themen der Beratung und Veränderung von Wirtschaftsorganisationen. Lebt und arbeitet Wien.

Kontakt Tom Mokkahoff

Tom Mokkahoff – Wie lange noch?

Jetzt warte doch mal! Immer das gleiche mit denen, schnell noch in die Baustelle reinfahren. Hast du eine Ahnung, wie es ist, einen Fünfundzwanzigtonner abzubremsen?
Ich werde nie in so einem Auto sitzen. Sieh ihn dir an, mit seinem weißen Hemd. Es hat vierzig Grad und er schwitzt nicht mal. Nein, so einer schwitzt nicht. Wir stinken schon am Vormittag von dem Schweiß und dem Dreck. Und vor Angst. Morgen ist die Baustelle fertig und dann beginnt wieder das Warten. Arbeitsamt, dreizehn Euro pro Tag, Bewerbungstraining. Entscheiden tun die das, in ihren weißen Hemden.
Was siehst du mich so an? Was glaubst du, wer ich bin? Du siehst nur den Dreck. Weißt du, wie viele Jahre ich in der Abendschule war? Facharbeiterausbildung, Vorarbeiterkurs, Maschinenführerausbildung.
Wie lange es diesmal dauern wird, bis ich wieder Arbeit habe? Meine Frau geht putzen, am Flughafen, wir werden schon durchkommen. Aber das Warten schmerzt.
Unsere Kinder werden es einmal besser haben. Sie haben eine Ausbildung und gute Berufe, sie müssen sich nicht mehr schmutzig machen.
Siebzehn Jahre noch, siebzehn Jahre Angst und Dreck und verächtliche Blicke von Weißhemden.
Na endlich, jetzt hast du es begriffen.

Was tut der da? Sieht der nicht, dass ich da durch muss? Ich habe es eilig, Mann, ich muss in drei Stunden in Frankfurt sein! Die Kunden warten nicht. Wenn ich den Flug verpasse, dann bin ich erledigt. Das letzte Restrukturierungsprogramm ist nur haarscharf an mir vorbeigekratzt. Ein Fehler und es heißt adieu, Herr Abteilungsdirektor.
Dir kann das ja egal sein. Da oben in deiner dicken Kiste fühlst du dich wohl wie der Herr der Welt. Du zeigst es mir, in dem du jetzt auf stur schaltest.
Komm lass mich durch! Wir müssen den Auftrag kriegen. Der Vorstand wird schon nervös, wir sollen demnächst wieder verkauft werden. Wenn wir da nicht glänzen, wird das gesamte Geschäftsfeld zugesperrt. Dann stehen vierhundert Leute auf der Straße. Und mit achtundvierzig, glaubst du, ich bekomme noch einmal so einen Job? Dann kann ich froh sein, wenn ich irgendwo unterkomme. Meine Kinder studieren im Ausland, wie soll ich das bezahlen?
Aber das ist dir gleichgültig, in deinem großen Bagger. Du gehst um vier nach Hause und legst die Beine hoch.
Sturer Bock, ich kann nicht weiter zurück.
Na endlich. Wenn jetzt nur kein Stau ist auf der Autobahn.

Noch vier Stunden! Ich bin erledigt. Lea hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Wieder ein Zahn. Und Mama sah auch nicht gut aus. Hoffentlich wird sie nicht krank. Ich kann nicht schon wieder Pflegeurlaub beanspruchen, der Chef rastet aus. Wir haben viel zu wenig Leute, der Betrieb ist kurz vor dem Zusammenbrechen.
Da ist das Signal, Frankfurt ist abgefertigt. Fünf Minuten noch bis zur Pause.
Wir müssen sparen, heißt es dauernd. Und konkurrenzfähiger werden. Wer seinen Beitrag nicht leistet, hat keine Zukunft beim Unternehmen! Ich weiß nicht, was die wollen. Was soll ich noch tun? Der Kindergarten sperrt um sechs.
So, Pause. Ein Kaffe, eine Zigarette, schnell aufs Klo. Zehn Minuten und dann zum Gate.
Noch vier Stunden.

Nicht einmal die Tasse kann sie wegräumen. Die denkt wohl, sie ist was Besseres. Grüßen kann sie auch nicht. Immer hektisch, diese jungen Leute, in ihren Uniformen.
Drei Stunden noch. Dann ist meine Schicht vorbei.
Aber man darf ja nichts sagen, weil das jetzt unsere Kunden sind, seit sie aus uns eine eigene Firma gemacht haben. Ausgegliedert haben sie gesagt und irgendwas Englisches. Jetzt sind wir nur mehr halb so viele Leute. Die Arbeit ist aber die gleiche. Gottseidank bin ich heute nicht bei den Gates eingeteilt.
Ob mein Mann morgen wieder Arbeit hat?

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Barbara Finke-Heinrich:

Geboren 1959 in Hattingen, verheiratet, zwei Kinder, lebt seit 1984 in Witten, schreibt vor allem Gedichte und Kurzgeschichten, seit 2001 Teilnahme am Wittener Autorentreff.
Veröffentlichungen in „Frauen schreiben“ (Hrsg. VHS Bochum) Frühjahrssemester 1990 und Herbstsemester 1990, sowie in „Texte“: 5,7,8,9 Hrsg. Wittener Autorentreff an der VHS Witten/Wetter/Herdecke 2002 – 2006.

Barbara Finke-Heinrich – Lebensträume

Da stehe ich
vor einem Haufen Geschirr
der glücklicherweise in die Spülmaschine passt
Bergen von schmutziger Wäsche
die nur sortiert werden muss für die Waschmaschine
mit einem Kopf
der voll ist von Gedanken
an Kinder, Schule und Turnverein
mit der einen Hand
schon rührend in dem Topf
das Mittagessen
kaum Zeit für Gedanken über mich
oder gar die Weltpolitik
und das
trotz Fortschritt
trotz Schulbildung
trotz Gleichberechtigung der Frauen und Männer
und trotzdem
noch voller Hoffnung

Da stand sie
vor vielen Jahren
mit Kindern, die an der Schürze zogen
während sie das Geschirr spülte
in der großen blauen Schüssel
und Kohlen nachlegte
damit der Ofen nicht ausging
angefüllt mit Gedanken
an Flickwäsche, Gartenarbeit und Brombeergelee
und den Glauben daran
dass die Kinder es einmal besser haben würden
als sie
in Zukunft
schon bald

So steht ihr
in einigen Jahren vielleicht schon
Töchter, mit beiden Beinen fest im Leben
und dem Wissen
um viele Ungerechtigkeiten
und nur schleppender Änderung
aber mit Kraft und Willen
mit unserer Liebe auf den Weg gebracht
die helfen soll
den eigenen Weg zu finden

Hoffnung trägt

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Silke Rath:

Geboren 1976. Nach dem Studium der Klassischen Archäologie mit den Nebenfächern Germanistik/Neuere Deutsche Literatur und Geschichte der Naturwissenschaften sowie einem sechsmonatigem Aufenthalt in Spanien, habe ich an in Hannover das Studium der Bildenden Kunst mit den Schwerpunkten Malerei, Druckgraphik und Objektkunst aufgenommen. Ein Studienaufenthalt in Mexiko folgte. Seit 2005 studiere ich in Kiel in der Klasse Nathan Freie Graphik. Neben der bildenden Kunst beschäftige ich mich auch intensiv mit dem Schreiben von Kurzgeschichten.

Veröffentlichungen:

2003 Kurzgeschichte „Aufgeräumt“ in der Zeitschrift DUM Nr. 28
2004 Kurzgeschichte „Der Mann mit der gelben Fahne“ in der Zeitschrift Kurzgeschichten 07/2004
2005 Kurzgeschichte „Der Sammler“ auf der Internetseite online-roman.de

Kontakt Silke Rath

Silke Rath – Leise

Irgendwie glaubt keiner so Recht an meine Existenz. Alle sprechen sie über das, was ihr Leben bewegt, ohne daran zu denken, daß zwischen ihnen und mir nur eine dünne, abgetönte Glasscheibe ist. Und in meinem besonderen Fall hat man in das Glas auch noch Löcher gemacht. „Nicht während der Fahrt mit dem Fahrer sprechen“ steht darunter. Die wenigen, die bemerken, daß hinter der Tür noch jemand sitzt, scheinen zu glauben, daß der da ja mit Fahren beschäftigt ist. Sie vergessen, daß sich so eine Bahn fast von alleine fährt. Na ja, jedenfalls, wenn man schon so lange dabei ist, wie ich. Fast zwanzig Jahre. Das ist dann so, wie andere den Weg zu ihrer Arbeit im Halbschlaf finden – oder während der Fahrt die Morgenrasur erledigen können. Man weiß einfach, wohin man fährt.

Manchmal reden sie auch über mich. Und meinen eintönigen Tag. Immer mit diesem Strang Schienen vor der Nase. Sie wissen ja nicht, daß ich nichts anderes zu tun habe, als ihnen zuzuhören. Es verletzt mich nicht, wenn sie so über mich sprechen. Mich verletzt es, wenn sie diese Dinge sagen. Dinge, so intim, daß sie sicher nicht für fremde Ohren bestimmt sind. Dinge wie: „Er streichelt mich nie da, Du weißt schon, zwischen den Beinen“ oder „Hans vergißt immer wieder die Blumen zu gießen – und er weiß doch, wie sehr ich an ihnen hänge“ oder „Ihr passen nicht mal mehr ihre Schuhe, so fett ist sie geworden. Und ausgerechnet die haben sie befördert“. Schön finde ich es, wenn die Fußballfans nach einem Heimspiel jeden einzelnen Spielvorgang durchsprechen. Ich mag Fußball. Meistens muß ich aber arbeiten. Radios wurden uns vor einigen Jahren verboten. Es gab da wohl einen Unfall.
Aber durch mein Dasein bekomme ich doch jedes Heimspiel mit. Und wen stört da schon die kleine zeitliche Verschiebung. Schön ist es auch, frisch verliebten Paaren zuzuhören. Das ist nicht peinlich. Das ist etwas anderes. Ihnen sieht man ja sowieso an, was sie sich zu sagen haben.

Ich habe gar keine langweiligen Tage. Die Schienen bleiben Schienen. Aber ich finde sie beruhigend. Sie gehen genau so gradlinig weiter, wie die Geschichten, die ich nie bis zum Ende höre. So sage ich es mir zumindest immer. Jeder geht doch seinen Weg. Manchmal, wenn ich nachts arbeite, kommen Leute in den Wagen und wollen lieber wieder aussteigen, um in den nächsten einzusteigen. Es ist zu leer, sagen sie. So ganz alleine – man hört doch immer wieder diese schlimmen Geschichten, sagen sie.

Irgendwann, nach Schichtende, gehe ich dann nach Hause. Hier ist es still. Ich hatte mal Fische. Aber die sind nun tot. Und irgendwie ist es hier genau so. Ich meine, niemand weiß, daß ich da bin. Inzwischen stört mich das nicht mehr. Die Dinge liegen nun mal so. Früher habe ich noch versucht, mit einem Glas an der Wand die Gespräche meiner Nachbarn zu verstehen. Aber da kam ich mir dann vor, wie ein Verbrecher. Und ich kenne die beiden ja auch. Manchmal – im Sommer – laden sie mich zum Grillen ein. Nette Leute. Sie streiten sich oft. Immer wieder. Da ist das Leben nicht gradlinig, so wie die Schienen. Ich will das gar nicht wissen. Ich lege mir dann einfach das Kopfkissen über die Ohren und blicke aus dem Fenster. Wenn sie sich nicht streiten, dann guck ich einfach so raus. Ich glaube, ich sehe dabei gar nichts. Ich sitze im Dunkeln und versuche immer stiller zu werden. Ich kann schon so vorsichtig atmen, daß der Sessel nicht mal mehr leise dabei knarrt. Manchmal gurgelt mein Magen. Das ist dann kein guter Tag. Aber ich habe herausgefunden, daß es besser wird, wenn ich mir nach Feierabend so ein Käsecroissant hole. Die, die immer so schön warm sind. Auch nachts. Der ganze Bahnhof riecht nach ihnen. Sie schmecken nach nichts Großartigem. Aber mein Magen mag sie. Manchmal.

Auf der Arbeit kann ich still sein. Die anderen sagen ja genug. Seit einiger Zeit sagt eine Frauenstimme von Band die nächsten Stationen an. Das ist schön. Jetzt muß ich gar nicht mehr sprechen. Nur noch das Nötigste. Wenn ich ein Croissant kaufe. Und manchmal beim Grillen. Aber irgendwann streiten sie sich und ich kann wieder schweigen. Ich finde es nicht schlimm, wenn um mich herum Lärm ist. Manchmal finde ich es lästig, weil ich dann nicht mehr hören kann, wie leise ich bin. Aber nur zu Hause. Beim Fahren ist Lärm schön. Dann weiß ich, daß ich nur noch halb da bin. Sie wissen ja nicht, daß ich ihnen zuhöre. Jetzt muß ich nur noch so leise werden, daß auch ich vergessen kann, daß ich da bin.

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Armin Schmidt:

Geboren am 15.4. 1940 in Bad Münstereifel
Lebt in Swisttal/NRW
Bis 2004 Lehrer für Biologie und Erdkunde an einem Gymnasium,
zusätzlicher Schwerpunkt: Schultheater, Kabarett
(vor allem auch Erstellung von Texten)

Seit Sommer 2004 schreibe ich Gedichte und Kurzgeschichten
Veröffentlichungen in zahlreichen Anthologien und Zeitschriften

Veröffentlichungen:

Anthologie „Den Mond umarmen die Sterne küssen“, Jokers Lyrik Preis 2005
Anthologie „Liebestrauer“, „Leben und Tod“ , „Exzess“ im Lerato-Verlag
Anthologie Literareon Bd. IV, Bd. V, Bd. VI
Bibliothek deutschsprachiger Gedichte VII
Bibliothek deutschsprachiger Gedichte VIII (Preisträger)
Anthologie german underground lyriks 2005, 2006 (Preisträger), „Die Tyrannei von Feder & Flasche“, „Auch du bist Deutschland“ im Acheron Verlag
Auf- Bruch, kein.verlag.de
Anthologie „Spiegel der Seele“, artep- Verlag, Freiburg

Kontakt Armin Schmidt

Armin Schmidt – Menschenopfer

Ein endloses, glänzendes Metallband, abgewickelt dem Schnittwerkzeug zugeführt, dort in einzelne Platinen, in Rechtecke oder Parallelogramme geschnitten, in die Pressen entlassen, Adam Bürger eilt an riesigen, tonnenschweren Rollen vorbei, läuft vorbei an meterlangen, ratternden Transportbändern, an langen Pressenstraßen, an orange lackierten Robotern, sie reichen Metallteile von Presse zu Presse, lautlos und präzise, Adams Ziel, eine ältere Blechpresse in der hinteren Ecke der Werkshalle, der Stempel arbeitet unkorrekt.
Die Maschine baut sich wie ein riesiger, dunkler Berg drohend vor Adam Bürger auf, er wischt sich den Schweiß von der Stirn, nur nicht nervös werden, Arbeit unter Zeitdruck, daran wird er sich wohl nie gewöhnen.
Adam steht einen Augenblick lang regungslos vor der gewaltigen Anlage, eine hydraulische Presse, ungeheure Kraft, er beginnt mit der Arbeit, prüft die Schalttafel, verschiedenfarbige Drähte, Steckkontakte, Schalter und Schalthebel, auf den ersten Blick alles in Ordnung, vielleicht ein Fehler in der Elektronik, er hebt vorsichtig den Deckel des Schaltkastens ab, beugt sich kurz zu seinem Werkzeugkoffer herunter, entnimmt ein Prüfinstrument.

Intensiver Geruch nach Heu. Eine prächtige Wiese mit Blumen in allen Farben. Sie wälzen sich wie Kinder im hohen Gras, Küsse ohne Ende. Er streichelt sie. Sie lächelt, zieht ihn liebevoll an sich, umarmt ihn. Sie ziehen sich aus, lieben sich nackt und unbekümmert unter dem tiefblauen Sommerhimmel.

Kein Fehler in der Elektronik, er verschließt den Kasten wieder, es ist heiß in der Werkshalle, der Schweiß läuft in dicken Perlen von seiner Stirn, über Wangen und Kinn den Hals hinunter, verschwindet in einem kleinen Sturzbach unter seinem blauen Arbeitsoverall, die seelenlose Maschine macht ihm Angst, sie verweigert sich, lässt ihn nicht an sich heran, wo soll er weitersuchen, warum stellte der bedrohliche Gigant seine Arbeit einfach ein?

Ob Maria schon auf mich wartet? Wir wollten einen langen Spaziergang in den zauberhaften Sommerabend machen. Den Sonnenuntergang am Giersberg genießen. Aber nun kommt diese verfluchte Maschine dazwischen. Ich muss sie auf dem Handy anrufen, sonst regt sie sich unnötig auf.

Noch ein Stück tiefer wühlt er sich in die stählernen Eingeweide hinein, hinein in die Verbindungsachse zwischen Schalttafel und Stößel, gründlich prüft er alle Kontakte und Verbindungen, am Ende endlich Erfolg, eine winzige Steckverbindung ist unterbrochen, ein lächerlich kleines Detail, er steckt die beiden Drähte wieder zusammen, berührt mit dem rechten Ellenbogen versehentlich den roten Hebel dicht über ihm, die gewaltige Maschine erzittert und setzt sich ächzend in Bewegung, der mächtige Koloss stöhnt auf wie ein hungriges Tier und entfaltet seine ungeheure Kraft, der Pressvorgang beginnt, wie von Geisterhand.
Rückzug ist angesagt, so schnell wie möglich, vorsichtig aus dem Bereich zwischen Stößel und Presstisch zurückziehen, solange es noch nicht zu spät ist, doch er bleibt hängen, sein linker Fuß ist eingeklemmt, er zieht, zerrt verzweifelt, doch der Fuß bewegt sich nicht, er schreit, die Geräusche der Maschine übertönen seine Rufe, niemand hört ihn, der Pressvorgang schreitet erbarmungslos voran, sie will ihn pressen, die verfluchte Maschine, die herzlose Hydraulikpresse, das hungrige Ungetüm, will ihn pressen, habe mich nie verformen lassen, von niemandem, der riesige Stempel schwebt über ihm, rückt immer näher an ihn heran, ich lasse mich nicht verbiegen, auch von dir nicht, gefühlloser Koloss, hektische Rettungsversuche, er quält sich verzweifelt, vergebliche Mühen, die Maschine gibt ihn nicht frei, will ihr Opfer.

Die Menschenopfer bei den Azteken brachten den Göttern ihre Energie zurück. Sie tranken das Blut und die verschlangen die Herzen. Dabei empfingen die Opfer das Feuer der Götter in ihren Körpern, als seien sie Gefäße der Göttlichkeit.

Rituelle Opfer, Opfer an der Spitze der Tempelpyramiden, sein Leben verlieren als Opfer, nicht als Opfer der aztekischen Priester im Auftrag der Götter, wohl aber als Opfer moderner Technologie, warum fällt ihm das gerade jetzt ein?, Keine Frage, er ist dazu ausersehen, der Maschine ihre Energie zurückzugeben, und Maschinen sind gefräßig, sie öffnen überall ihr Maul und verschlingen Menschen, lüstern, erbarmungslos, überall verschlingen Maschinen Menschen, Adam Bürger versucht verzweifelt sich zu befreien, innerhalb von Sekunden rollt sein Leben vor seinem inneren Auge ab, viel hat er erreicht, glücklich verheiratet, ein Häuschen im Grünen, zwei Kinder, ein Junge, ein Mädchen, aber er hat noch viel vor, sie wollen in diesem Jahr einen Wohnwagen kaufen und mit den Kindern Urlaub am Meer machen, endlich können sie es sich leisten.

Wo ist Adam Bürger?, Anfrage aus der Chefetage, Aufregung im ganzen Betrieb, der Werkschutz, die Kollegen, überall Menschen zwischen den Maschinen wie in einem Ameisenhaufen, alle suchen Adam.
„Wohin hast du ihn geschickt?“
„Zur alten Presse.“
„Die ist repariert, die arbeitet wieder.“

Einer der Männer legt an der Schalttafel der alten Presse in der rechten, hinteren Ecke der Werkshalle den Haupthebel um, der Stempel bewegt sich widerwillig wieder nach oben.

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Esther Schmidt:

Geboren 1970 in Frankfurt am Main lernte ich Lesen und Schreiben noch vor dem ersten Schultag durch die „Sesamstraße“. Seitdem hat mich das Schreiben nicht mehr losgelassen.

Dem Wagnis der Vollzeit-Schriftstellerei nicht trauend musste ich etwas „ordentliches“ lernen und arbeite seit dem Jahr 1996 in einer großen Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Zur eigenen Unterhaltung habe ich immer wieder auch umfangreichere Texte verfasst, aber erst seit 2005 habe ich angefangen, mich ernsthafter mit dem Schreiben zu befassen. Ich habe Kurse zum kreativen Schreiben besucht, bin Autorenkreisen in meiner Heimatstadt und im Internet beigetreten und habe Mitte 2006 begonnen, Kurzgeschichten zu Wettbewerben einzureichen. Von Ausschreibungen für Anthologien lasse ich mich besonders gerne anregen, um meiner Lust am Schreiben zu frönen.

Werkverzeichnis (veröffentlicht in):

  • Kurzgeschichte „Das Ferienhaus“ (Schreib-Lust Print Jg. 2 Ausg. 6 – zum Thema „Kindheit“)
  • Kurzgeschichte „Übergang“ (Schreib-Lust Print Jg. 2 Ausg. 6 – zum Thema „Traum“)
  • Kurzgeschichte „Soldat“ (demnächst in Schreib-Lust Print – zum Thema „Kuss“)
  • Kurzgeschichte „Die Gerechtigkeit schaut drauf“ (demnächst in einer Anthologie zum Thema „Kriminalgeschichten mit Bezug zum Rhein-Main-Gebiet“)

Esther Schmidt – Enge

Anfang September fiel es Munk zum ersten Mal auf.
Wie jeden Tag seit vierzig Jahren hatte er dem Portier ein knappes „Morgen!“ zugeworfen, hatte sich zu den Kollegen in den Aufzug gequetscht und auf seiner Etage wieder hinaus gedrängt. In seinem Büro hatte er die Aktentasche auf den Besucherstuhl gestellt, den Mantel ausgezogen und ordentlich in den Wandschrank gehängt. Erst danach, als er sich zu seinem Schreibtisch umdrehte, stockte er.
Der Raum wirkte anders – kleiner. Nicht in der Breite, sondern in der Höhe. Als wäre die Decke ein Stück heruntergerutscht.
„Unsinn!“ murmelte er. Das konnte nur am Licht liegen. Die Tage wurden kürzer, das Wetter grau und ungemütlich – da wirkten Räume eben etwas drückender.
Aber der Eindruck blieb, verstärkte sich sogar. Mitte September fragte er die Kollegin aus dem Nachbarzimmer.
„Schauen Sie mal, Frau Ebert. Kommt Ihnen die Decke nicht niedriger vor?“
„Nein, die ist genau so hoch, wie meine. Warum?“
Doch das entsprach nicht den Tatsachen. Die weißen Deckenplatten senkten sich, stetig und unaufhaltsam. Er spürte es, wenn er sich über seinen Akten krümmte, fühlte es so körperlich, wie die Anwesenheit seines Chefs, wenn der ihm prüfend über die Schultern schaute. Manchmal knarrten die Platten drohend. Es klang genau so, wie das Knurren seines Vorgesetzten:
„Kommen Sie mir nicht noch einmal mit dieser Decke! Der Hausmeister hat sie schon dreimal inspiziert, mit ihrem Büro ist alles in Ordnung!“
Mitte Oktober hatten sich die Rigipsplatten so weit abgesenkt, dass sie die Schranktür blockierten.
„Hm“, murmelte der Hausmeister verwundert. „Die Tür muss sich verzogen haben. Ich schicke nachher jemanden vorbei!“
Munk legte seinen Mantel über den Besucherstuhl, an diesem Tag, wie auch an allen folgenden Tagen, denn trotz mehrmaliger Erinnerung fand der Hausmeister keine Zeit, sich der Sache anzunehmen.
Mitte November konnte Munk sein Büro nur noch gebückt betreten. Es behinderte ihn nicht sonderlich bei der Arbeit, da er ohnehin meistens saß und in seinen Computer tippte. Was ihn mehr belastete, war das Kichern der Kollegen hinter seinem Rücken, die Blicke, die sie ihm zuwarfen.
„Er wird schrullig“, hörte er Frau Ebert sagen. „Wird Zeit, dass er in Rente geht! So was ist für eine Firma auf Dauer nicht tragbar!“
Im Dezember wagte er es noch einmal, bei seinem Chef vorstellig zu werden, da die nähergerückten Deckenlampen unangenehm auf seinen Rücken brannten.
„Ich sage es Ihnen zum letzten Mal: mit Ihrem Büro ist alles in Ordnung! Stellen Sie sich nicht so an! Und wenn Ihnen zu warm ist, machen Sie die Fenster auf! Oder klemmen die etwa auch?“
Von da an verzichtete Munk darauf, irgendjemanden auf das Problem hinzuweisen. Er gewöhnte sich eine zunehmend gekrümmte Sitzhaltung an, und als er befürchten musste, dass die Decke den Bildschirm beschädigen könnte, stellte er ihn unter den Schreibtisch.
„Zum Donnerwetter, was machen Sie da?!“
Unter dem Schreibtisch zusammengekauert sah Munk seinen Chef in der Tür hocken, das Gesicht rot vor Ärger. „Ich habe jetzt genug von ihren Mätzchen! Ich erwarte, dass ihr Projekt am Montag fertig ist! Und wenn Sie dafür an Weihnachten hereinkommen müssen!“
Folgsam erschien Munk am ersten Feiertag in der menschenleeren Firma. Die Decke lag inzwischen auf dem Schreibtisch, und Munk musste auf allen Vieren zu seinem Computer kriechen. Klein und buckelig wie ein Käfer arbeitete er. In dieser Haltung, die Knie unter den Bauch geklemmt, den Kopf angestrengt nach oben gereckt, konnte er kaum atmen.
Doch es hörte nicht auf. Mit boshaftem Knarren kippte die Decke an der Schreibtischkante in die Schräge. Munk krümmte sich zusammen, fühlte das Gewicht auf seinen Schultern, den unbarmherzigen Druck auf seinem Rücken.
„Hilfe!“, rief er kläglich, aber es war niemand da, der ihn hätte hören können. Er zitterte, versuchte, zur Tür zu robben. Die ungeheure Last drückte ihm die Luft ab. Er keuchte, wimmerte, und plötzlich fühlte er einen stechenden Schmerz am Herzen. In einer verzweifelten Geste reckte er seine Hand Richtung Ausgang. Vergeblich.

***

Johanna Vorholz:

Geboren 1975 in München, lebt in London.Studierte Volkswirtschaft in London und Stockholm und bewirtete zwei Jahre lang in New York. Seit 2004 wieder in London, freiberuflich weiter in der Zahlenwirtschaft tätig, aber vollends der Wortwirtschaft erlegen.Arbeitet gerade an Version 2.0 ihres ersten Romans, für den sie weiter ein Verlagszuhause sucht.

Veröffentlichungen:

Der Verbotene Kuchen (Kurzgeschichte); „… total verboten“ (Anthologie); Hrsg. B. Klamann & L. Haubold; Deutex Verlag; 2006
Blogt in der Literaturwelt und auf eigene Sache

Literaturwettbewerbe:

Publikumspreis – Schreibfeder Literaturwettbewerb 2006

Johanna Vorholz – Mit Chili-Zucker gepuderte Sesamkörner

Sie drückte ihre Zigarette aus und zog den Schieberahmen in die wetterverzogene Einfassung. Draußen blieben die Geräusche in Dunkelheit getaucht. Nur der weiße Schatten des erleuchteten Fensters gefror schrill auf dem Beton des Hinterhofs. Für einen Moment starrte sie auf ihren Scherenschnitt darin. Gefangen im verzerrt schimmernden Rechteck. Zögerlich drehte sie sich vom Fenster weg und rieb die Gänsehaut auf ihren Oberarmen.

„Sieben drei vier – Li Chang – zurück zu deiner Station!“
„Onkel Wang ruft nach dir, Schätzchen.“
„Mmh.“

Sie zwängte sich an Michelle vorbei durch die Türe des Aufenthaltsraums, wusch ihre Hände und Unterarme im Desinfektionsbad, nahm einenSchluck Wasser und schritt den gekachelten Korridor hinunter.

Onkel Wang. Keineswegs ihr Onkel, aber er pochte darauf, dass die Belegschaft ihm diesen Titel zugestand. Er kümmerte sich um sie. Sie alle seien seine Familie.

Die Dichtung im Rahmen zischte und die Türe glitt in ihren Schlitz in der Wand. Betäubt vom Lärm klappernder Töpfe, surrender Elektrogeräte und dem steten Wummern der Öfen, steckte sie sich die Ohrenstöpsel in die Muscheln. Der Raum verwandelte sich in ein lautloses Ballett aus hantierenden Köchen und schwimmenden Gerüchen. Behände bahnte sie sich ihren Weg durch einen der engen Gänge, die die lang gezogene Halle in Zonen unterteilte. Sie wich wirbelnden Messern aus und durchteilte zähe Wolken, aus denen man Brühe destillieren könnte. Nahe der Türe waren die Kaltstationen für Vor- und Nachspeisen angeordnet, dann die Suppen- und Beilagenbereiche. Den mittleren Teil bildete die Insel der Unterstützungssektion, mit dampfenden Spülmaschinen, Wärmestationen und der Logistikzentrale. Dahinter kamen die Reihen der Hauptspeiseabteilungen. Hier wurde es zunehmend heißer. Flammende Wokherde und glühende Brätereien trieben
die Hitze fast bis ins Unerträgliche. Die Köche standen in ihrem Schweiß, manche konnten nicht länger als eine Stunde ohne Pause an ihrem Herd stehen. Einmal hatte ein Koch halluziniert und mit Messern um sich geworfen.

Als sie ihre Station erreicht hatte, drückte sie den Bereitschaftsknopf, nickte ihrem Vorsteher zu und begann ihren Part in der genau abgestimmten Choreographie des Balletts aus menschlichen Maschinen zu tanzen. Bestellungen flackerten auf der Anzeigetafel über ihrem Herd auf, Zutaten erschienen in metallenen Behältern zu ihrer Rechten und Linken, vor ihr wartete ein gähnendes Tablett mit dem vorgewärmten Teller. Sie benötigte exakt zweihundertdreizehn Sekunden, um die hauchdünnen Streifen Fleisch in Ingwer anzubraten, die fein gewürfelten Matsutake unterzuziehen, ohne dass sie mit dem Fleisch verklebten, das Ganze in Sake zu flambieren, mit einem Spritzer Soyasauce abzulöschen und mit in Chili-Zucker gepuderten Sesamkörnern, anzurichten. Mehr als zwei Portionen konnte man nie in einer Pfanne gleichzeitig zubereiten. Das war das Qualitätsprinzip des Restaurants. Menschliche Köche und individuell zubereitete Gerichte. Pro Schicht schaffte sie 205 Bestellungen. Sie war stets ausgebucht.

Man hatte sie beglückwünscht. Nicht jeder wurde ausgewählt ein Gericht des berühmten Master Seomoon Watanabe zubereiten zu dürfen. Aber Li Chang wusste, dass die Auswahl nicht allein ihrem Kochtalent zu zuschreiben war. Sie hatte mit dem Ausputzen der meist noch heißen Öfen begonnen, war in ihnen herumgekrochen und hatte verbrannte Essensreste abgekratzt. Nach zwei Jahren durfte sie Gemüse schneiden, dann garen. Man hatte ihr gute Führung bestätigt und sie gelehrt wie man frittiert. Wieder waren Jahre vergangen. Sie hatte geschwitzt und gekocht und einmal im Monat ihren Eltern Meldung gemacht. Geld geschickt.

Die Temperaturen konnten in diesem Teil der Küche, trotz der Abzugsanlagen bis auf fünfzig Grad steigen. Nur wenige ertrugen diese Hitze,Neulinge fielen regelmäßig in Ohnmacht. Sie aber hielt die Zwölfstundenschicht ohne Probleme durch.

Außer den Wissens- und Intelligenztests hatte der Abschluss ihrer Mittelschule auch aus einer Reihe von medizinischen Untersuchungen bestanden. Mittelmäßige Intelligenz und durchschnittlich gute Gene waren ihr bestätigt worden. Aber vor allem: Hitzebeständigkeit. Ihr Körper arbeitete auch bei extrem hohen Temperaturen konzentriert. Und so standen ihr die Arbeit in einem Stahlhochofen in ihrer Heimatstadt, auf einem Solarfeld in der Öde des Westens oder der Küche hier in der Zentralregion zur Wahl.

Mit leuchtenden Augen hatte ihre Mutter ihr vorhergesagt sie würde ihr Land und ihre Familie stolz machen, wenn sie zurückkehrte. Schon bald Vaters Rang und Gehaltsstufe überschreiten. Gutes Geld verdienen. Einen ansehnlichen Gatten finden. Dem Fortschritt des Landes voranmarschieren.

***

Petra Wilhelmi:

Ich, Petra Wilhelmi, wurde am 09.01.1950 in Leipzig (Sachsen) geboren.
Von 1956 – 1966 besuchte ich die 18. Zehnklassige Polytechnische Oberschule in Leipzig.
1966 – 1968 erlernte ich den Beruf einer Steno-Phonotypistin und qualifizierte mich 1982 zur „Staatlich geprüften Sekretärin“. 1985 – 1989 studierte ich an der Fachschule für Staatswissenschaften und legte das Examen als Staatswissenschaftlerin ab. Nach der Wiedervereinigung siedelte ich nach Rheinland-Pfalz über und bin seit 2001 als Vertriebsassistentin tätig. Im Juni 2006 schrieb ich mich als Fernstudentin bei der „Schule des Schreibens“ in Hamburg für die Fachrichtung „Belletristik“ ein. Ich nahm an mehreren Ausschreibungen teil. Mit einer Weihnachtsgeschichte konnte ich ins Finale der Ausschreibung des Literarischen Forums der Meisterakademie für Künste und Wissenschaften zu Husum vorstoßen. Die Kurzgeschichte „Der Buddha von Seokguram“ wurde im „Burgbergkurier“ veröffentlicht. Einige Ausschreibungsergebnisse stehen noch aus.

Meine Geschichten sind im Blog „Kurzgeschichten“ veröffentlicht.

Kontakt Petra Wilhelmi

Petra Wilhelmi – Wertgutschein Deutschland

Müller steht an der Wohnungstür, Müller, Hilde und Egon. Beide wohnen seit 15 Jahren in diesem großen Mietshaus in der 5. Etage. Sie sind nicht mehr die Jüngsten, schon jenseits der Fünfzig. Hilde sitzt am Küchentisch, etwas zusammengesunken, mit nachdenklichem Blick. Sie hat ihre karierte Schürze um, ihre abgearbeiteten Hände liegen hilflos in ihrem Schoß. Aus dem geöffneten Kühlschrank gähnt ihr Leere entgegen. Leere, die gefüllt werden muss. Ihre Gedanken kreisen um das Abendessen, sie weiß nicht, was sie auf den Tisch bringen soll. In der kleinen Kammer nebenan stehen noch zwei Konserven, einmal Gulasch, einmal Linsen. Draußen klappert es, die Tür geht auf, Egon tritt
herein. Er hängt seine einfache braune Jacke an den Garderobehaken. Die Bewegung drückt Hoffnungslosigkeit aus. Seine Schultern hängen nach unten. Die Falten in seinem Gesicht scheinen gefurchter als sonst. „Egon, hat die Arbeitsagentur über deinen Antrag entschieden?“ fragt Hilde ängstlich und hoffnungsvoll aus der Küche. „Er ist nicht aufzufinden“, antwortet Egon mürrisch. „Hier, ein Gutschein, das ist alles, was ich bekommen konnte.“ Er wirft ihn mit einer heftigen Handbewegung auf den Küchentisch und verschwindet schnell ins Wohnzimmer, versteckt sich hinter seiner Zeitung.

Egon ist verzweifelt. 35 Jahre hatte er dem Unternehmen geopfert, war mit ihm tief verbunden, fühlte sich dort wohl, war immer da, wenn es sein musste, hat hart gearbeitet, war kaum krank. Er gehörte zu den Besten und Erfahrendsten. Jetzt ist sein Arbeitsplatz irgendwo im Osten. Den Ort kann er nicht aussprechen, er weiß nicht wo er ist, nur sehr weit im Osten. Egon will nicht mit seiner Frau darüber sprechen. Er versteht es selbst nicht, wie es soweit kommen konnte. Er fühlt sich ausgenutzt, weggeworfen und ohnmächtig. Egon zieht sich in ein Schneckenhaus zurück, will nichts sehen und hören.

Hilde steht auf, bindet ihre karierte Schürze ab, wirft sich ihren schon etwas schäbigen blauen Mantel über, nimmt diesen Gutschein, sie hat keine Wahl, der Kühlschrank ist leer. Ihre Gedanken drehen sich um den Einkauf. In den Supermarkt an der Ecke kann sie nicht gehen. Die an der Kasse kennt sie. Das wäre ihr zu peinlich. Ein Stückchen weiter ist auch noch einer; dort war sie noch nie. Etwas gelöster nimmt sie ihre Einkaufstasche, schleppt sich langsam die Treppe hinunter. Im Supermarkt schaut sie sich erst einmal um. Sie weiß nicht, wo die Sonderangebote stehen, nimmt hier und da eine Käsepackung in die Hand, dann eine Wurstpackung, schaut auf den Preis. Zögerlich packt sie alles in ihren Einkaufswagen, etwas Gemüse dazu, ein paar Eier, Nudeln, etwas Hackfleisch und ein paar Scheiben von der Mortadella, die Egon so mag. Sie beobachtet die Kasse. Dort stehen zu viele Menschen. Jetzt kann sie noch nicht dorthin. Hilde ist verunsichert. Das Gefühl ist neu für sie und gefällt ihr nicht. Sie schlendert ziellos zwischen den Regalen umher, immer die Kasse im Blick. Sie tut harmlos, obwohl der Gedanke an den Gutschein in ihrer Tasche sie innerlich zittern lässt. Sie wirft noch einmal verstohlen einen Blick zur Kasse. Jetzt steht dort niemand mehr. Hilde stürzt hin, packt den bescheidenen Wageninhalt auf das Laufband. Die Kassiererin scannt alles ein.

„12,95“, macht das. Hilde stockt der Atem. Das ist der Augenblick, den sie so gefürchtet hat. „12,95“, hört sie wie durch einen Schleier.
Sie fingert in ihrem Portemonnaie, ihre Hände flattern, sie legt den Gutschein zögerlich der Kassiererin auf den Tisch, blickt dabei nach unten. Ihre Gestalt scheint eingefallen, ganz klein zu sein. Nur nicht in die Augen dieser Frau blicken.
Die Kassiererin mustert das Papier: Wertgutschein Deutschland. Sie liest es zweimal, ist erstaunt, fragt, ob sie damit bezahlen wolle.
Hilde klopft das Herz bis in den Hals, ihre Wimpern zittern, ihr kullern die Tränen über die Wangen, die Röte steigt ihr ins Gesicht, der Mund ist trocken, sie hat einen Kloß im Hals. Sie könnte vor Scham in den Boden versinken. Was haben wir falsch gemacht? Diese Frage wendet Hilde im Kopf selbstquälerisch hin und her. Egon war immer so fleißig, so pünktlich, so zuverlässig und nun diese Demütigung.
Trotzig bäumt sie sich auf: Oh nein, dass kann man nicht mit mir machen! Ein Ruck geht durch ihren Körper, sie richtet ihn auf, hebt den Blick, die Tränen sind getrocknet. Nein, es ist nicht ihre Schuld. Mit viel Selbstbewusstsein schaut sie der Kassiererin in die Augen: „Ja, damit bezahle ich!“

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