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Begegnung der dritten Art in Plastikschlapfen

Herbst 2007 ist Schluss. Martin Leidenfrosts Serie „Die Welt hinter Wien“, im Spectrum der Presse (1) ist am Ende. Ich auch.

Vorbei die Vorfreude auf den nächsten Blick nach Kittsee, über die March oder nach Devínska Nová Ves, wo der Autor seit 2004 lebt. Vorbei das Ausschneiden, Sammeln und Einordnen der zeitungspapierenen Ausflüge nach Niederösterreich, Ungarn, Tschechien oder in die Slowakei; in Gegenden also, die den meisten ÖsterreicherInnen fremder sind als manche Ferndestination. Doch die Rettung naht. Die fünfzig Expeditionen in die „Die Welt hinter Wien“ erscheinen gesammelt und geordnet in Buchform im PicusVerlag. Ich muss nix mehr ausschneiden, ich brauche nur zu blättern. Und ich mache mich unbeliebt beim Autor. „Wer in meinen Geschichten gute Gründe findet, warum er nie in die Gegend zu fahren braucht, ist mir als Leserin und Leser lieb und wert.“ Es gibt sehr wohl gute Gründe in seinen Geschichten zu finden, um in „die Gegend“ zu fahren.

Erstens sind seine Expeditionen hinreißend und zum Schreien komisch geschrieben. „Ich habe mich umgesehen und fand mindestens drei Stile, in denen über ‚den Osten‘ geschrieben wird: Mitteleuropa-Nostalgie, Ostkitsch, Investoren-Pathos.“ Er hat sich glücklicherweise großteils aller drei Stile enthalten. Zweitens finden sich selten dermaßen skurrile Personen und Handlungen in einem „Reisebuch“ (Mark Twain und seine Europareiseaufzeichnungen lassen grüßen!).

Drittens stehen öffentliche Transportmittel quasi vor der Haustür bereit (zumindest für diejenigen, die in Wien wohnen) und ratzfatz landen potentielle Welt-hinter-Wien-AbenteuerInnen mit dem Intercity 407 in Bratislava inklusive kulinarisch-völkerverbindender Einlage im „Wagon Slovakia“. Oder die ReisegesellInnen wagen sich aufs Schiff, auf den Twin-City-Liner-Katamaran, und fahren „wie im Flugzeug, nur geräumiger, ohne Gurt und Kotztüten“ gen die slowakische Hauptstadt.

Viertens wird deutlich: Wer nicht die Gespaltenheit zwischen den BewohnerInnen von Marchegg-Stadt und Marchegg-Bahnhof zu durchschauen vermag, wird mutlos „dem Integrationsprozess der EU-25 entgegenblicken“ (zum Entstehunzeitpunkt des Buches waren es noch EU-25, Anmerkung P.Ö.) „Wenn ich einen Bahnhöfler nur seh, muss ich schon speiben“, so die Worte einer „älteren Einwohnerin von Marchegg-Stadt“

Fünftens leistet Martin Leidenfrost vollen Einsatz und scheut keine Mühen bei seinen Expeditionen (er selbst nennt sie bescheiden „Spaziergänge“ oder „Reisen“). „Ein Jahr lang, von Oktober 2006 bis Oktober 2007, bin ich jede Woche an einen anderen Ort gegangen und in eine andere Sphäre getaucht.“ Der Besuch des Thermalbades im südslowakischen Dunajská Streda. „Als ein Senior gleichmütig vorbeischlurfte, mit wassertriefenden Plastikschlapfen über den Kunststoffgang, klang das nach einer Begegnung der dritten Art.“ Die Tour ins burgenländische Parndorf. „In Zahlen sind das 44 Windräder, ein pastellsüßes Outlet-Shoppingcenter, das drei Millionen Besucher im Jahr anzieht, und ein 48 Meter hoher Hotelturm, der in die Heide gestellt wird.“ Der Ausflug nach Zlín. („Die ins Grüne geschüttete Industriestadt Zlín …“), die der Vision des Schuhfabrikanten Tomáš Bata entsprungen ist. Die Fahrt zu den Puffs ins südmährische Chvalovice, wo die Rotlichter nach Sonnenuntergang anspringen. „Den Namen des Dorfes kannte Klava nicht, aber sie hat Chvalovice gehasst. Sie hat direkt im Bordell gewohnt, sagte sie, und um der Verachtung der Dörfler zu entgehen, blieb sie meist auf dem Zimmer und las Gedichte von Puschkin und Lermontow.“ Und dann lockt den unermüdlich Reisenden auch schon mal ein Vortragsthema ins niederösterreichische Gänserndorf. Der Vortrag entpuppt sich als Verkäuferschulung, wo es Lehrreiches wie „Wenn er keine Visitenkarte bekommt, kann der Osteuropäer böse werden“ zu hören gibt.

Ich bin zuversichtlich, dass Martin Leidenfrost nicht böse wird, weil sich vielleicht jetzt doch einige LeserInnen mehr in „die Welt hinter Wien“ wagen und ihn anreden, sollten sie ihn zufälligerweise im Cafe von Zeno Zenuni antreffen – in Devínska Nová Ves, einer Gegend 35 Kilometer hinter Wien.

Petra Öllinger

Buchcover Martin Leidenfrost \"Die Welt hinter Wien\"

Martin Leidenfrost – Die Welt hinter Wien. Fünfzig Expeditionen. Picus Verlag Wien, 2008. 235 Seiten, € 16,90 (A).

1: „Spectrum“ ist die Wochenendbeilage der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“

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