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Nachhaltigkeit und Ernährung. Produktion – Handel – Konsum

Wenn wir erklimmen …

Vorweg ein paar Fragen: Heute schon den Kühlschrank geöffnet und festgestellt es gibt sie noch, die Lebensmittel. Ihr Kennzeichen, nach Überschreiten des Haltbarkeitdatums führen sie ein sehr lebendiges Eigenleben. Heute schon im Frühstückskaffee gerührt und überrascht zugesehen wie die Milch darin Flöckchen bildet? Heute schon den Postkasten geöffnet und mit Lebensmittel-Ketten-Werbe-Zetteln und „Nimm-3-zahl-2“- Angeboten zugemüllt worden?

Zugegeben: Es bedarf schon eiserner Disziplin einer Verlockung zu widerstehen, die da beispielsweise verspricht, beim Kauf ab 4 Bechern Margarine 36 %, beim Erwerb ab 3 Gläsern Perlzwiebel 29% und beim Einsacken von 2 x 500 g Kaffee ganze 40% zu sparen. Ewig halten weder Milch, Gemüse noch Margarine und auch Kaffee und Perlzwiebel geben irgendwann den Löffel ab. Polemisch formuliert: Wer billig kauft, kauft manchmal teuer.

Beim Einkaufswagerl-Schieben kommt sie wohl selten, sie sollte sich jedoch immer wieder mal bemerkbar machen, die Frage: Gehen diese ultra geilen Preise nicht oftmals auf Kosten von ProduzentInnen und Natur? Bevor hier der erhobene moralische Zeigefinger zusticht, gleich eine Entwarnung: Abgelutschte Vorschläge ? la „Na, dann kauft halt mehr Bio-Produkte“ oder „Geht öfter zum Greißler“ folgen jetzt nicht.

Der Weg aller Packerlsuppen?

Die Lebensmittelindustrie beginnt und endet nicht beim in Plastik und Styropor verpackten Schnitzel oder beim Dosengemüse. Essen und Trinken hält nicht nur Leib und Seele zusammen, sie sind auch die Spitze eines ziemlich komplexen Eisberges. Ausgehebelt wird dieser von den HerausgeberInnen Karl Michael Brunner und von Gesa U. Schönberger mit dem Eispickel der Nachhaltigkeit. Und wem jetzt beim Begriff Nachhaltigkeit das Gähnen überkommen sollte (kein Wunder, droht dieses Wort aufgrund seiner inflationären Verwendung zur inhaltsleeren Floskel zu verkommen), sollte sich trotzdem oder gerade deswegen vom Buchtitel nicht abhalten lassen: „Nachhaltigkeit und Ernährung. Produktion – Handel –Konsum“ erschienen im Campus-Verlag.

Eines der seltenen Beispiele für interdisziplinär-wissenschaftliche Literatur zu diesem Thema, die ohne populärwissenschaftliche Schwarz-Weiß Malerei, auch für Laien (!) gut verständlich formuliert ist. SozialwissenschafterInnen, SozioökonomInnen, LandschaftsplanerInnen, UmwelttechnikerInnen usw. versammeln sich hier zwecks Auseinandersetzung mit drei großen Hauptthemen: Produktion – Landwirtschaft und Industrie; Distribution und Handel; Konsum.

Nicht versammelt sind allerdings ExpertInnen, die direkt an der Basis des Eisberges werken: Bäuerinnen und Bauern, quasi als praktischer Kontrapunkt zu den vielen theoretischen Überlegungen. Dafür werden andere ExpertInnen, nämlich die KonsumentInnen, unter die Lupe genommen und da wird recht schnell deutlich: Die Lebensstilforschung, die unter anderem den gesellschaftspolitischen Veränderungen unterworfen ist, hat bei der Frage nach vermehrter Reflexion bei KonsumentInnen ein gehöriges Wörtchen mitzureden.

Die Beiträge sind zwar größtenteils auf den deutschen „Markt“ zugeschnitten, Tendenzen lassen sich aber durchaus auch auf Österreich übertragen. Aufgrund der zwangsläufigen Kürze der einzelnen Artikel, kann vieles nur angerissen werden. Trotzdem gelingt eine fundierte und differenzierte Auseinandersetzung mit Themen wie Unternehmensethik in der Landwirtschaft, die Zukunft der Ernährung außer Haus am Beispiel von Großküchen, Ernährungspolitik oder Bio-Lebensmittelhandel. Zusätzlich wird jeder Beitrag durch eine weiterführende Literaturliste abgerundet.

Kurzum: Bei der Bearbeitung dieses Eisberges findet sich recht Brauchbares an Argumenten, um die nach wie vor sehr emotional geführten Diskussionen auf eine etwas sachlichere Ebene zu lenken. Übrigens, wer sich mit den AutorInnen in eine Diskussion (oder eben auf Eisbergexepedition) begeben will, bekommt deren email-Adressen als Draufgabe serviert.

Petra Öllinger

Karl-Michael Brunner, Gesa. U. Schönberger (Hg.) – Nachhaltigkeit und Ernährung. Produktion – Handel – Konsum. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2005. 284 Seiten, € 29,90 (D)

Aus dem alten Blog

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