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Raphael Vogt – III Aufräumen mit Klischees – Teil 5

Es stimmt nicht, dass der Bademeister abends mit der Gießkanne Chlor ins Becken kippt und das nicht nur, weil es eigentlich keinen „Bademeister“ gibt, sondern weil dafür in erster Linie ein paar große Maschinen im Keller zuständig sind.

Es stimmt auch nicht, dass Bademeister – bleiben wir der Gewohnheit zuliebe bei der fälschlichen Bezeichnung – nur die Frauen im Kopf haben, was ja impliziert, dass dort für anderes kein Platz mehr sein kann. Auch wenn sich nicht abstreiten lässt, dass man(n) im Aufsichtsdienst geneigt ist, schon von Berufswegen her ganz zwanglos nach dem rechten zu sehen. Natürlich mag mancher sich auch gezwungen fühlen, im ein oder anderen Fall besonders ordentlich hinzusehen, aber dazu noch später.

Und es stimmt nicht, dass der Bademeister einen Traumberuf hat aufgrund der Annahme, dass dieser grundsätzlich keinen Stress kenne. Denn die besagten großen Maschinen im Keller – welche neben der Chlorung auch zur Ozonversetzung- und Entziehung, zur Grob- wie Feinfilterung des Wassers, Rückspülung des Filters und Steuerung der Lüftung (um nur das Wesentlichste aufzuzählen) dienen, laufen nicht ohne eine ordentliche Bedienung, Überwachung und Wartung, was wiederum logische Denkfähigkeit und handwerkliches Geschick voraussetzt, sowie nicht ohne unerwartete Zwischenfälle vonstatten geht, auf die natürlich spontan und fachkompetent zu reagieren ist.

„Kinderbier?“ fragte der Schichtleiter und es sollte wohl bewusst abfällig klingen. „Trinken deine Kinder das?“ entgegnete ich ihm und er schwieg leicht betreten. Ich nippte genusslos an meinem Radler, presste mich von leichtem Unbehagen erfüllt in die pflegeleichte Stuhllehne aus Plastikrattangeflecht … während der Schichtleiter sich von meiner unerwarteten Schlagfertigkeit erholt hatte und große Reden schwang.

Ich stehe am Bahngleis 3, Abschnitt C. Die Sonne scheint, doch es ist ziemlich kalt für Anfang Oktober. Wasser vom letzten Regenschauer tropft vor meiner Nase vom Dach des Unterstands auf die Betonplatten und ich frage mich, während ich auf ein Werbeplakat für eine Versicherung und in die Augen einer hübschen jungen Frau schaue, warum zum Teufel ich urplötzlich auf Ursula Stürmer stehe und Rebecca kaum Platz hat neben ihr? 5 Grad Celsius, die Luft ist nasskalt, München-Moosach, ich warte auf die S, Gleis 3. Ich werde Rebecca am Flughafen überraschen.
Wir werden sehen, was passiert.

„Er hat gesagt er war Disco. Ich mag aber nicht, wenn er Tisco geht, vaschdeest-du!?“

„Fünfa-luu-bing war sooo laangweilig, ey!“

„Schau mal die Tussen!“

Ich räkelte mich in die Ecke, lehnte den Kopf ans Fenster und schloss die Augen, wobei ich mich fragte, ob die Ursache letzteren Kommentars in der Betrachtung der eigenen Spiegelbilder in der Scheibe gelegen haben könnte. Und urplötzlich freute ich mich darauf, Rebecca vom Flughafen abholen zu dürfen.

Noch drei Stationen.

Auch wenn ich damit aufgehört habe, eine Lösung finden zu wollen, so frage ich mich doch: Liegt in dieser quälenden Verwirrung irgend einen Sinn? Ich machte unwillkürlich ein Kreuzzeichen, dachte an Fußballer vor dem Elfmeter und traf Rebecca am Terminal 2 …

So ein Dampfbad sollte ja etwas Schönes sein und in einer gewissen Menge, bei entsprechender Temperatur empfinden wir Dampf als wohltuend und angenehm. Und irgendwo muss also Dampf in einem angemessenen Maße produziert werden, nicht zuviel und nicht zu wenig. Man braucht also irgendwo einen Dampfkessel. Ich meine, wir haben zwar keinen Dampfkessel, vielmehr haben wir einen Automat, der Dampf produziert, aber gehen wir einmal davon aus, dass wir einen hätten, so ist es doch so, dass der Druck im Dampfkessel gefährlich werden würde, wenn der Dampf nirgendwo eine Möglichkeit hätte, zu entweichen.

Wenn ich so das Sieb aus den Pumpen nehme und reinige, wobei ich natürlich zuvor den großen Hebel querstellen muss, um das Wasserrohr zu blockieren, kommt mir nicht selten der Gedanke, wie wichtig es ist, diese wirklich regelmäßig zu reinigen. Ich meine, in einem Bad gibt es so einige grobe und feine Filter, für das Beckenwasser, das Kaffeepulver, die Luft. Kurz gesagt hält der Filter Unangenehmes oder Schädliches fern und ohne ihn wäre das ganze System gefährdet zu verstopfen und damit – zu blockieren.

Nehmen wir nur einmal an, alle Filter im Kreislauf würden versagen und die Maschine den Geist aufgeben, so käme doch die Wahrheit über den Schmutz ans Tageslicht. Irgendwann aber wird auch die stabilste Maschine und das stabilste System den Geist aufgeben – das ist das Gesetz der Natur. Über dieses kann der beste Wille sich nicht stellen! Ich meine, mir gibt das zu denken und manchmal fasse ich demütig und ein wenig ehrfürchtig an die großen Rohre und fühle wie ihr Inhalt mit der Regelmäßigkeit eines Herzschlags pulsiert.

Schon so oft habe ich gefühlt, nur einen Quantensprung vom Glück entfernt zu sein. – Falls es nötig sein sollte, möchte ich Sie hiermit darüber in Kenntnis setzen, dass es sich bei einem sogenannten Quantensprung um die kleinstmöglich zurückgelegte Distanz bei zugleich größtmöglicher Wirkung handelt. Andernfalls seien Sie ob dieser Anmerkung nicht allzu gekränkt, da ich davon ausgehe, dass Allwissenheit dem Menschen weder steht noch zusteht und mir persönlich so manchen Zeitgenossen eher unheimlich erscheinen lässt. Ich bin weder altmodisch noch Kreationist, wenn ich stattdessen empfehle, die Allwissenheit lieber dem lieben Gott zu überlassen. Sogar ein gewisser Herr Karasek hat sich erst kürzlich in einem Fernsehquiz kalt erwischt gezeigt und damit nur all meine Sympathie gewonnen.

Nehmen wir einmal an, der Mensch wäre in naher Zukunft im Stande sich dem Absoluten anzunähern und alles zu wissen. Nehmen wir einmal an, er wäre nicht nur – was ich schon schrecklich genug finde – in der Lage, den genetisch restlos entschlüsselten, künstlichen Menschen frei nach Belieben im Reagenzglas zu (er)zeugen, sondern über die Manipulation der Natur hinaus, ganze Universen selbst zu erschaffen … Nein, nehmen wir das doch lieber nicht an und wünschen Stephen Hawking stattdessen, als guter Science Fiktion Autor in die Geschichte einzugehen.

Die einzelnen Teile werden im „Duftenden Doppelpunkt im Abstand von 14 Tagen veröffentlicht. Schreiben Sie Raphael Vogt Ihre Meinung zu seinem Text.

RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 1
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 2
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 3
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 4

Beiträge vor einem Jahr:
Hedwig Dohm – neu lesen!, Bücher-Radio in der Straßenbahn

Ein Kommentar zu “Raphael Vogt – III Aufräumen mit Klischees – Teil 5”

  1. RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 8 schreibt:

    [...] RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 3 RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 4 RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 5 RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 6 RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 7 [...]

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