Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

Tagebuchaufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

4. AugustHerr Leopold Portraet

Jetzt im Hochsommer macht der Höllenwald seinem Namen alle Ehre. Die Sonne glüht den ganzen Tag auf dieses Gebiet. Es ist so heiß und trocken, dass einem die Unterwolle büschelweise ausfällt. Wer sich von dem Schild „Hier entsteht eine Wiese“ verlocken lässt, oder wer den Hinweis „Nicht betreten“ ignoriert und über keine ausreichenden Kenntnisse über das Gelände verfügt, läuft Gefahr, „in der Hölle verloren zu gehen, auf ewig darin herumzuirren“ – O-Ton-Erwin. Er müsse es schließlich wissen, denn „ich war drinnen“, behauptete er und zeigte in Richtung Gürtel. Nicht schon wieder, dachte ich.
Das hätte mir noch gefehlt, dass ich mich nach dem Reinfall mit den Kornkreisen auf den Weg in die Hölle machen muss. Auch Theophilus warnte ich wie immer davor, Erwins Berichte für bare Münze zu nehmen. Diesmal schien er ausnahmsweise auf mich zu hören.

Einaeugiger Erwin PortraetBericht und Ergänzung von Erwin: Worin sich Hartkäsewürfel verändern, Erwin kurz an seinem Verstand zweifelt und danebenzielt.

Typisch Leo, die Bemerkung mit der baren Münze. Der hat doch noch nie ein richtiges Abenteuer erlebt, bloß immer seine Bücher. Aber es stimmt: Der Höllenwald ist die Hölle im Sommer. Und wenn man keinen Plan hat: aus mit der Maus! Immer ein Bild von der Lage machen, nix übereilen. War schon mein Motto, als ich noch auf den weiten Meeren unterwegs war. Mittlerweile hab ich sogar ein leiwandes aktuelles Kartenmaterial1 von dem Gelände. Meine erste Expedition dahin hab ich ja mit der pfotengezeichneten alten Skizze gemacht, die ich in der Kramurikiste von meinem Opa gefunden hab.
Also, ich stell damals da eine Route zusammen anhand von diesem alten Plan, pack Ausrüstung und Verpflegung (Hartkäsewürfel!) in meinen Extraklasseexpeditionsrucksack und zwei Tage später bin ich unterwegs. Im Dickicht verschlägt’s mir fast den Atem: Stängel, so hoch wie fünf aufeinander stehende Ratten. In langen Reihen stehen sie stramm – also die Stängel natürlich. Einige haben einen solchen Durchmesser, dass ich sie gar nicht umfassen könnte, wenn ich wollte. Aber das will ich eh nicht, bin schließlich nicht zum Stängelumarmen hergekommen. Am Boden vertrocknete lange Grashalme. Wenn ich nicht aufpasse, schlingen die sich wie Seile um meine Pfoten, und ich fall über meine eigenen Haxen. Unten die Erde, völlig ausgetrocknet, oben die Sonne, das ausgedünnte Blattwerk bietet kaum Schutz. Unter den behaarten Blättern eines sonderbaren Gewächses2 leg ich eine Pause ein. Die Hitze hat aus meinem mitgebrachten Hartkäse Schmelzkäse gemacht; und der bleibt mir am Gaumen picken, weil mein Mund so trocken ist. Ich nehm einen Schluck Wasser und dann seh ich plötzlich zwischen den Stängeln was Helles hervorleuchten. „Naservas. Erwin, Erwin“, sag ich zu mir, „jetzt hat’s dich ganz schön erwischt.“ Ich nehm noch einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche und hoff, dass das Helle verschwindet. Als ich wieder hinschau, ist es noch immer da. Ich werf einen Blick auf die Kramurikisten-Skizze vom Opa. Da ist nix eingezeichnet. Komisch. Sonst ist es eher umgekehrt: Auf den Karten ist was eingezeichnet, was es gar nicht gibt. Aber da ist was nicht eingezeichnet, das es gibt. Jetzt wird’s mir zu blöd. Ich schnapp mein Fernrohr, und was seh ich? Das Helle entpuppt sich als Hügel aus Sand und Felsen. Ich schieb das Fernrohr zusammen, pack meinen Proviant ein und hatsch durch Stängel, über Steine, staubige Erde. Hin und wieder stoß ich gegen einen der unzähligen trockenen, elendshohen Stiele und schwarze kleine Kugerl3 rieseln auf mich herab. Ich kost eines, schmeckt nicht schlecht. Ich kost ein zweites, ein drittes. Ich rüttel an einem der Stiele von dieser seltsamen Pflanze und fang die herabfallenden Kugerl auf, werf mir zwei pfotenvoll ein und kau sie genüsslich, während ich meinen Weg in Richtung Hügel fortsetze. Aus nächster Entfernung hör ich ein aufgeregtes Gurren. Plötzlich erhebt sich über mir ein Pulk Tauben. Was hat die denn so nervös gemacht? Ein Hund, der am Höllenwald entlang Gassi geführt wird?
Mir flattern die Nerven ebenfalls ein wenig. Trotzdem: Ich stapf weiter. Dann, Naservas, völlig unvermutet, steh ich davor. Mir bleibt der Mund offen stehen. Ich komm aus dem Staunen nicht raus. Der Hügel ist eine geschlossene Hügelkette, die sich über die gesamte Breite des Höllenwaldes von West nach Ost zieht! Ich schätz die Ausdehnung auf 130 Groß-Pfot4. Auf dem Kamm, der fast bis in den Himmel5 reicht, liegen riesige Felsen. Eine Krähe watschelt wie eine Ente zwischen den Gesteinsbrocken hin und her, nickt mit dem Kopf und krächzt. Hat sie die Tauben verjagt? Im selben Moment hör ich ein Rufen, das ich nur zu gut kenne. Wenn kleine Würschteln, also so in der Größe vom Leo, das hören, sollten sie sich aus dem Staub machen, und zwar sehr, sehr rasch … In solchen Situationen ist es ein riesiger Vorteil, ein paar Deka6 zu viel an Körpergewicht mit sich herumzutragen. Drum bleib ich gelassen. Bei solchen Kalibern wie mir, noch dazu mit einem Extraklasseexpeditionsrucksack auf dem Buckel, hat der keine Chance.
Derweil dreht der Turmfalke über dem Höllenwald seine Kreise. Geschätzte Höhe: zehnter Stock vom Ibis-Hotel.

Ich schnabulier eine weitere Portion von den Kugerln. Kommt’s mir nur so vor, oder wird’s immer heißer? Wahrscheinlich ist der Käse im Rucksack in der Zwischenzeit schon fondueartig. Einige Kugerl sind mir zwischen den Zähnen steckengeblieben. Ich bin damit beschäftigt, sie mit einer Kralle herauszufischen. Ich schau auf den Boden. Etwas Dunkles schwebt über mir. Ich bohr weiter zwischen meinen Zähnen. Ein Lüfterl weht. Ich schau auf den Boden. Das Dunkle wird immer mächtiger. Aha, rumpelt‘s mir durchs Hirn, schöner Umfang, Erwin. Nicht bewegen. Ich schau auf den Boden. Das Dunkle wird immer dunkler. Das Lüfterl wird zu einem Wind. Und plötzlich schweb ich ein paar Zentimeter in der Luft. Der Falke hat mich am Gnack erwischt. Mit einer Klaue hat er mich genau an der Speckfalte gepackt, die andere hat er in meinen Rucksack geschlagen. Der Vogel kämpft sich nach oben. Vergeblich. Nach einigen Metern sacken wir ab. Ich streif mit dem Hintern eine gelbe Blüte. Wieder werd ich nach oben gerissen. Mir ist flau im Magen. Liegt’s am Käse, an den Kugerln, am luftigen Auf und Ab? Die Klaue im Gnack wird mir langsam lästig. Wo will der hin mit mir? Rauf, runter, rauf, runter. Ich schramm mit meinem Hintern am Boden entlang, ich werd hochgerissen. Ich hör den Falken ächzen. Einen eleganten Flug legt der nicht hin. Wieder verliert er an Höhe. Kurz kitzeln mich Grashalme am Hintern, mit einem „Boing“ land ich endgültig in der Wiese. Der Falke, sichtlich ang‘fressen, rüttelt kurz über mir und zischt dann über den Gürtel in den 15. Hieb.

Ich brauch eine Weile, bis ich mich erfangen hab. Ich inspiziere meine Ausrüstung. Der Rucksack hat vorne ein paar Löcher abbekommen, sonst ist alles heil. Als ich mir einen Überblick über meine Lage verschaff, stell ich fest: Weit bin ich nicht geflogen worden; kurz vor der roten Ziegelmauer, die den Schlund zur U-Bahn umfasst, pfiff der Falke auf dem letzten Löchl. Irr ich mich oder vernehm ich neuerlich ein Rauschen über mir? Ich schau nach oben. Kein Falke. Eine Gruppe von Tauben. Die landet in meiner Nähe und macht sich in Nullkommanix über einige Wurschtradeln her – vor denen graust‘s sogar mir. Nach diesem Fast-Höhenflug hab ich überhaupt keinen Appetit und spendier meinen Käsevorrat – der ist zwar nicht zeronnen, allerdings kolossal weich – den Tauben. Sollen die auch einmal was Gutes haben, die armen Teufel. Vielleicht ist es keine so gute Idee, den Käse in die Mitte der Gruppe zu werfen. Wahrscheinlich liegt’s an der Hitze, dass ich danebenziele. Eine Taube treffe ich am rechten Flügel, einer anderen schieße ich versehentlich ein Käsepatzen an den Kopf. Die Folge: aufgeregtes Flattern und Gurren. Den Rest meines Proviants lass ich liegen.

Mir tut der Hintern weh. Es ist heiß. Ich hab für heute genug von Abenteuern. Erschöpft mach ich mich auf den Heimweg. Ich blicke kurz zurück zu den Tauben. Drei Wagemutige haben bereits von der Wurscht abgelassen und sich meiner Käsespende zugewandt.

Hoellenwaldskizze von Opa

Abbildung 1: Die Skizze vom Höllenwald und seiner Umgebung, gezeichnet von Erwins Opa. Die Bezeichnungen lauten von der Mitte oben beginnend: Gürtel, Radweg, Höllenwald, 15. Bezirk. Aus der Kramurikiste von Erwins Opa.

Hoellwaldskizze von Erwin

Abbildung 2: Zum Vergleich Erwins Skizze, die er nach seiner ersten Expedition in den Höllenwald gezeichnet hat. In der Mitte des Waldes findet sich auch erstmals der Hinweis auf die Hügelkette.


1: Genau gesprochen handelt es sich bei diesem Kartenmaterial um eine ebenfalls von Pfote gezeichnete, und zwar um eine von Erwins Pfote gezeichnete!, Skizze. Weiter unten mögen sich die geneigten Leserinnen und Leser selbst ein Bild davon machen …
2: Möglicherweise handelt es sich um Verbascum densiflorum, die großblütige Königskerze. Danke, Theophilus.
3: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit handelt es sich hierbei um Papaver rhoeas, dem Klatschmohn. Danke, Theophilus.
4: 1 Groß-Pfot entspricht circa, na?, richtig, einem Siebtel eines durchschnittlichen Menschenfußes = 4 Zentimeter. Die Hügelkette hat demnach eine Länge von ungefähr 5,2 Metern.
5: Vielleicht ein bisschen übertrieben, „bis in den Himmel“, allerdings, wer Erwin kennt …
5: „Haha!” – O-Ton Petra Öllinger.

Fortsetzung folgt am 29. September 2015.

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