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Susanne Gregor liest Susanne Gregor

Susanne Gregor liest: „Maschinenlärm“
Susanne Gregor ist eine der fünf WürdigungspreisträgerInnen des Literaturpreises „Der Duft des Doppelpunktes“ zum Thema Literatur der Arbeitswelt. Ihr Text ist in der Anthologie „Rote Lilo trifft Wolfsmann“ (herausgegeben von Petra Öllinger und Georg Schober, 2008) erschienen.

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Aufnahme und Schnitt: Petra Öllinger
Musik: Ekreh – „Steinway Song“, Ekoh – „Nocturne“, Switchyard – „Salt of the sea“


Susanne Gregor

Susanne Gregor

Susanne Gregor wurde 1981 in Zilina – Slowakei – geboren, sie lebt seit 1990 in Österreich. Sie studierte Germanistik und Publizistik an der Universität Salzburg und unterrichtete dann Deutsch, unter anderem in Budapest und an der Universität New Orleans. Seit 2005 lebt sie in Wien, unterrichtet Deutsch als Fremdsprache und engagiert sich ehrenamtlich für die Caritas. Das Schreiben hat sie immer schon begleitet; „Maschinenlärm“ ist die erste veröffentlichte Kurzgeschichte.

***

MASCHINENLÄRM

Sie hatte alles Vieh nach Hause getrieben und klopfte einem Rind auf den Rücken. Vor dem Stall tauschte sie die Gummistiefel gegen Holzpantoffel. Am Tisch stand eine Suppe aus Innereien und über der Bank hing der gekreuzigte Jesus. Sie holte etwas Brot und ein Glas Milch aus der Kammer. Das Schmatzen ihres Bruders hatte in ihren Ohren ein Echo. Sie drückte ihre Fingerspitzen gegen die Krümmel auf der Tischdecke, damit sie kleben blieben. Nach dem Abendessen strich der Vater seinen Schnurrbart zurecht und sagte du musst dir eine Arbeit suchen. Er sagte es, als sage er, die Erde ist braun. In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen. Sie zog die Vorhänge zu und doch sah sie, wie der Mond sie auslachte.

Am nächsten Tag saß Tante Angela am Tisch und schnaufte. Ich bin über den Hügel vom Meiereder herübergelaufen, hechelte sie ihr ins Gesicht. Du kannst beim Weiniger arbeiten, ich hab ein gutes Wort für dich eingelegt, sagte sie und klopfte ihren Löffel am Tassenrand ab. Die Mutter schlug die Hände vor der Brust zusammen, mach mir keine Schande, Kind! Der Vater nahm den Hut vom Haken und zog die Stiefel an. Es war also beschlossen.

Am nächsten Morgen zog sie ihr gutes Gewand aus dem Schrank. Die Mutter stand in der Ecke und sah ihr wortlos zu. An der Tür drückte sie ihr ein Stück Brot in die Jackentasche. Der Mond stand noch immer klar am Himmel und lachte.

Sie bekam eine blaue Weste mit gelber Aufschrift am Rücken. Am Klo sah sie sich damit lange im Spiegel an. Eine dicke Frau erklärte ihr den Arbeitsablauf. Aus ihrer Weste quoll saurer Schweißgeruch. Nimm die Hüllen vom Fließband und schlichte sie in die Schachtel. Es müssen 340 sein. Verzähl dich nicht. Immer 340. Wenn die Schachtel voll ist, verschließt du sie. So. Und dann reichst du sie auf die andere Seite. Sie begann und die dicke Frau blieb mit verschränkten Armen hinter ihr stehen. Die Uhr über ihren Köpfen zeigte 6 Uhr. Die kleinen Hüllen waren kaum größer als ihr kleiner Finger. Gern hätte sie gewusst, wofür sie waren. 340 in eine Schachtel. Sie zählte langsam und sorgfältig. Die dicke Frau zählte mit.

Um halb zehn hielt das Fließband an und sie holte ihr Brot aus der Tasche. Alle anderen gingen die Treppe hinauf. Als sie zurückkamen und sie noch an ihrem Brot kaute, lachten sie. Morgen würde sie auch die Treppen hinaufgehen.

Als sie am Abend nach Hause kam, war das Vieh schon im Stall. In der Küche waren die Fenster beschlagen und der Tisch schon gedeckt. Die Mutter stand mit hinaufgekrempelten Ärmeln am Herd.Trags dem Vater zu Tisch. Der Vater setzte sich, dass die Bank unter ihm krachte. Hat dich jemand geschimpft? Fragte er. Sie schüttelte den Kopf.

In der Nacht hatte sie immer noch den Maschinenlärm in den Ohren. Sie zog sich die Decke über den Kopf und konnte dennoch nicht schlafen.

Am nächsten Tag war die dicke Frau nicht mehr bei ihr. Sie kam aber später ab und zu vorbei und stellte sich für eine Weile hinter sie. Sie wusste immer schon am Geruch, wenn sie hinter ihr stand. 340 in eine Schachtel. Verzähl dich nicht. Als das Fließband stehen blieb, eilte sie mit gesenktem Kopf die Stufen hinauf. Die anderen flüsterten trotzdem. Oben war ein großer Speisesaal mit Holztischen und Bänken. Sie bekam ein Tablett mit Teller in die Hand gedrückt und stellte sich an. Aus einem Loch in der Wand kam ein Schöpflöffel und ein paar Knödel fielen auf ihren Teller. Alle saßen in kleinen Gruppen an Tischen zusammen. Sie setze sich an einen kleinen Tisch ans Fenster. Die Knödel waren hart aber sie hatte großen Hunger. Mit vollem Mund sah sie die anderen an, aber sie sahen immer weg. Vom Fenster aus konnte man ins gegenüberliegende Gebäude sehen, wo Sekretärinnen fein angezogen auf Schreibmaschinen tippten. Auch sie sahen weg. Zwischen den zwei Dächern war ein Stück Himmel eingeklemmt. Sie sah hinein wie in einen Brunnen. Als sie wieder zu den Knödeln sah, saß an ihrem Tisch ein Mann. Sie hatte ihn nicht kommen gehört. Sie kauten an den Knödeln. Als er fertig war, lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Er lächelte. Seine Brille saß wie Wagenräder auf seiner Nase. Dann trug sie ihr Tablett weg und ging zurück zum Fließband. Es rollte noch stundenlang weiter.

Vater und Mutter saßen schon am Tisch, als sie die Haustür hinter sich schloss. Sie holte sich einen Teller und setzte sich zu ihnen. Der Vater streckte die Hand aus und sie legte die paar zerknitterten Geldscheine hinein, die ihr die dicke Frau heute gegeben hatte. Er strich sie mit seiner großen Hand glatt und schob sie in seine Jacke. Hat man dich geschimpft? Fragte er wieder. Sie schüttelte den Kopf. Ihr Bruder betrat mit großem Krach die Küche. So eine Saukälte! Sogar die Kühe sind froh, wenns im Stall sind! Die Mutter richtete ihm einen Teller an und er lachte.

Der nächste Morgen kam genauso unerwartet wie die vorangegangenen. Das Fließband brachte die Hüllen. In der Mittagspause saß sie am gleichen Tisch und beobachtete die Sekretärinnen. Die mussten sicher nicht jeden Tag bis 340 zählen. Dann kam wieder der gleiche Mann und setzte sich zu ihr. Die anderen sahen zu ihnen hinüber. Sie sah lieber nicht vom Teller auf. Es war ja nicht ihre Schuld. Als sie satt war, schob sie die Kartoffeln noch eine Weile von Seite zu Seite. Vielleicht hatte der Mann ja etwas zu sagen. Aber er schwieg. Am Fließband sah sie die anderen zusammen sprechen und lachen. Als sie lächelte, sahen sie weg. Die dicke Frau sah sie nur noch abends, wenn sie das Geld bekam.

Der Vater wartete schon mit seiner offenen Hand. Der Bruder saß am Tisch und schmatzte. Ich hab gehört du hast einen Freund. Er lachte, dass man die zerkaute Wurst in seinem Mund sehen konnte. Der Vater sah vom Teller auf. Das ist nicht wahr! Rief sie. Die Mutter begann zu weinen. Mach mir keine Schande, Kind! Der Vater schlug mit der Faust auf den Tisch und die Mutter schluchzte nur noch ganz leise in die Schürze.

In der Nacht schlief sie mit offenem Fenster. Manchmal hörte sie durch den Maschinenlärm die Kälber schreien.

Als sie am nächsten Tag zum Fließband kam, warteten die Schachteln schon geöffnet auf ihrem Platz. Jemand hatte sie vorbereitet. Vielleicht die dicke Frau. Sie hoffte, das Fließband würde an diesem Tag nicht stoppen. Als es halb zehn wurde, blieb es natürlich trotzdem stehen. Zögerlich stieg sie als letzte die Stufen hinauf. Es gab Leberkäse. Vorsichtshalber setzte sie sich an einen anderen Tisch. Obwohl ihr die Aussicht fehlte. Sie saß in der Mitte des Raums und konnte hören, wie die anderen über sie sprachen. Sie schnitt den Leberkäse in kleine Teile und strich ihn durch das Öl. Da saß er plötzlich wieder vor ihr. Ich habe gehört, du hast heute Geburtstag. Sagte er. Und während sie noch überlegte, woher er das wohl wusste, drückte er ihr plötzlich einen ölverschmierten Kuss auf. Vor Schreck glitt ihr das Besteck aus der Hand und alle lachten.

Beiträge vor einem Jahr:
"Literarische Außenseiter"

3 comments for “Susanne Gregor liest Susanne Gregor


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