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Eine Schuhbandlgeschichte

Zu “Eine Schubandlgeschichte”
Der Schriftsteller Robert Schindel nennt unsere Generation “Die Nachgeborenen”. Wir, die danach geboren wurden, stehen unter dem Einfluss des damaligen Geschehens, ob es uns recht ist oder nicht. Davon reden ist gut; darueber schweigen auch. Nur wenn einer sagt es muesse nun endlich Schluss sein mit dem „davon Sprechen“, dass bringt nur uebelriechendes Unverdautes. Nach fuenfhundert Jahren und mehr, wird man noch darueber reden. Wir Nachgeborenen sollen einen guten Eindruck hinterlassen. Uns war es nicht gleichgueltig.

Sechs kräftige, junge Leute waren mit dem Ausheben einer Grube beschäftigt. Gelegentlich waren Steine zu beseitigen. Ho Ruck. Pack da an. Pack dort an. Am Rande der Grube standen Männer in glattpolierten Stiefeln. Sie beobachteten die Gruppe der Schaufelnden. Einer der Männer oben vom Rande der Grube rief mit einem Mal in die Grube: He du, nein ich mein Dich. Woher kommst du? Der Angesprochene wagte vorerst nicht zu antworten. Er blieb stehen und hielt sich am Stiel seiner Schaufel fest. Woher kommst du? Rief es noch einmal vom Rand der Erdmulde. Ich bin aus Wien. Na und ich bin aus der Steiermark. Hör einmal, wir Österreicher müssen zusammenhalten. Sag mir, kann ich etwas für dich tun? Brauchst Du was? Soll ich Deine Eltern, Deine Familie verständigen? Aus dem Aushub kam die Antwort: Habe keine Familie mehr. Der junge Mann dachte an den Vater, den man sterbend nach Hause brachte. Mutter und Großmutter wurden kurz danach deportiert. Was aus seiner Freundin geworden war, wusste er nicht. Er senkte den Kopf. Er sah seine Schuhe und er hatte mit einem Mal einen Wunsch. Geh, bitte, wenn du mir vielleicht Schuhbandln besorgen kannst. Das wär gut. Da schau her. Mit Stanniol hab ich die Schuhe zusammen gehalten. Das reibt auf und tut weh. Na auf jeden Fall besorg ich dir welche. Wir Österreicher müssen zusammen halten. Als es dunkel wurde ging jeder in eine andere Richtung. In der Nacht nach dieser Begebenheit wurden die Burschen aus der Gruben zu einem Einsatz in eine andere Gegend verbracht. Der junge Wiener vergaß die Begegnung mit dem Steirer. Das Lager in dem der junge Mann Zwangsarbeit leistete, wurde nach langer Zeit, in der die Zeit keine Bedeutung hatte, befreit.

Ein junger Mann eilte am Westbahnhof zu einem Kiosk, um für sich und seine Freundin, die schon im Wagon saß, Proviant zu kaufen. Mit einem Ruck wurde er plötzlich an der Schulter gepackt. Er blickte in das Gesicht eines Mannes. Er konnte sich nicht erinnern dieses Gesicht schon gesehen zu haben. Kennst mich nicht mehr? Wir haben uns beim Lager getroffen. Ich bin’s, der Steirer. Jetzt wusste er wieder. Du ich hab nicht auf dich vergessen. Ihr ward am nächsten Tag weg. Bitte glaub mir. Mir war es nicht egal, dass es dir dort unten so schlecht gegangen ist. Zur Bestätigung seiner Beteuerung griff der Mann in seinen Hosensack und zog ein paar Schuhbänder hervor. Da schau, ich wollte sie dir schon damals geben. Hans nahm langsam die Schuhbänder aus der dargebotenen Hand. Zwei Männer, die sich nicht kannten fielen einander in die Arme. Beide weinten. Der eine aus Freude über das Überleben des anderen und der andere über die Menschlichkeit eines jungen Steirers. Ihre Wege haben sich nie wieder gekreuzt.

Margarete Steger

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