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Geschichten für den 24. Dezember

Als Weihnachtsgeschenk haben wir für Sie einige Geschichten von Gerald Grassl und Petra Öllinger eingegepackt – gar nicht weihnachtstypisch und frei von Sentimentalitäten …

Georg Schober, Petra Öllinger und Brilli wünschen Ihnen frohe Weihnachten und alles Liebe für das kommende Jahr.

Gibt’s überhaupt noch Weihnachtsgeschichten? Petra Öllinger
Weihnacht über alles. Gerald Grassl
An das Amt für Überwachung. Gerald
Wir beerdigen Herrn Kloimstein. Petra Öllinger
Der weinende Weihnachtsmann. Gerald Grassl
Auch Christbäume wollen Abwechslung. Dein Christbaum gibt gerne etwas dafür her. Von Petra Öllinger

Gibt’s überhaupt noch Weihnachtsgeschichten?
Von Petra Öllinger

Denkt euch, ich habe in fremde Mistkübel gesehen.
Meine Nase ganz rot, meine Mütze voll Schnee.

Deckel auf.
Reingeschaut.
Reingefasst.
Rausgeholt.

Dekokugeln

Weihnachtssterne
Teelichthalter
Damen-Jogger
Rumba-Pflaumen
Mon Cheri
Vier Stück Semmeln
Eine Krenwurz
Einen Plüschbären ohne Beine
Ein Hotwheelset ohne Autos
Barbie mit verfiltztem Haar
Maronischalen, Senfgegatsche
Plastikgabeln, Glühweinflaschen
Ein Besteckset mit 2 Löffeln

Denkt euch, ich habe in fremde Mistkübel gesehen.
Meine Nase ganz rot, meine Mütze voll Schnee.

Deckel drauf.
Eingesackt.
Eingepackt.
Heimgebracht.

„Fröhliche Weihnachten!!!“

Weihnacht über alles
Von Gerald Grassl

Ich setzte den Weihnachtsstern sozusagen als „großes Finale“ auf die Spitze des Baumes. Es war unerträglich heiß und gleißend hell. Dennoch entzündete ich die Kerzen. Dann schaute ich auf die Uhr. Ob bei mir zu Hause, im Tiroler Dorf,wohl noch immer die Bauern mit Laternen von den Bergen hinunter ins Dorf kamen, um die Mitternachtsmette zu besuchen?
Das war eine schöne Erinnerung aus meiner Kindheit. Aber wahrscheinlich gab es diesen Brauch gar nicht mehr. Die Kinder der Bergbauern sind gewiss Hoteliers oder Inhaber von Pensionen geworden. Zwar werden sie sich wie je zur Christmette begeben, aber nicht aus Gläubigkeit, sondern gewissermaßen als lästige Pflicht. Und das in teuren Gelände-Autos.

Die Laternen werden schon längst in Kellern verrotten.
Ich hingegen blieb meinen Idealen von einst treu.

Mi-mimmimi… Ich begann zu singen: „Oh Tannenbaum…“ Dann packte ich das einzige Geschenk aus, das ich mir Tage zuvor selbst eingewickelt hatte: Über ein Versandhaus hatte ich mir popige Bermuda-Shorts zusenden lassen.
Ringsum saßen dunkelbraune Kinder im Sand, klatschten vergnügt in die Hände, lachten und tuschelten. Für die musste ich gewiss einigermaßen verrückt erscheinen.
Ich betrat meine hübsche mit Palmblättern bedeckte Bambushütte und zog mir das selbst bescherte Weihnachtsgeschenk an. Danach lief ich zum Strand und hechtete gekonnt ins Meer.
Von Ferne sah ich, wie die Kinder inzwischen Steine gesammelt hatten und nun damit ein Zielschießen auf die bunten Christbaumkugeln unternahmen. Wenn sie trafen, zerplatzten die feinen Glasgebilde und die Kinder kreischten vor Freude.
Macht nichts. Ich nahm mir vor, Mutter einen Brief zu schreiben, dass ich für nächstes Jahr neuen Baumschmuck benötige. Vielleicht gelingt es mir sogar, dass ich nächstes Jahr sogar einen ECHTEN Tannenbaum organisieren kann, denn bei dieser Plastikimitation, mit der ich mich begnügen konnte, kam bei mir keine wirklich ECHTE Weihnachtsstimmung auf.

Manchmal verfluchte ich den Tag, als ich mich aus Geldnot zu diesem Bankraub hinreißen ließ. Nun war ich zwar relativ reich, lebte jedoch versteckt und auf der Flucht auf einer zwar hübschen, aber sehr heißen Karibikinsel, doch die Lebensbedingungen erinnerten nicht einmal an das in einem „Goldenen Käfig“…

An das Amt für Überwachung
Von Gerald Grassl

Verehrte Kameraden,

vor einigen Wochen hat eine äußerst verdächtige Person die kleine, durch den Todesfall eines hochverdienten Kameraden des II. Weltkrieges nun seit einiger Zeit leerstehende Wohnung, in meinem Gemeindebau bezogen.
Ich bin sicher, dass dieser Mann, ein arbeitsloser Geselle, wahrscheinlich Sozialhilfeempfänger ist, also das, was man einen Sozialschmarotzer nennt, der möglicherweise sogar bisher auf der Straße gelebt hatte, und daher vom Wohnungsamt ausgerechnet bei uns eine neue Bleibe erhalten hat. Dies im Zentralcomputer zu überprüfen, dürfte für Sie hoffentlich keine Schwierigkeit sein.

Seit er in unserem Haus lebt, versuche ich nach Möglichkeit, alles was er tut, genau zu beobachten, jeden seiner Schritte zu überwachen, und mit meinen spitzen Ohren alles zu hören. Allerdings muss ich feststellen, dass es bisher über sein „Tun“ nicht viel zu berichten gegeben hätte, da er sich hauptsächlich dem Müßiggang hinzugeben scheint, und wie ich an seiner Wohnungstüre täglich hören kann, den ganzen Tag über nur fernsehen dürfte (wahrscheinlich ohne den Apparat jedoch angemeldet zu haben). Seine heruntergekommene Kleidung und Haartracht sind zwar in höchstem Ausmaß beanstandenswert, doch leider – noch – nicht strafbar.Dennoch ließ ich das verdächtige Subjekt weiterhin keinen Moment aus den Augen, sicher, dass es Unheilvolles planen würde.

Vor einigen Tagen war es so weit: Der Mann verließ mit einer grell roten Zipfelmütze mit weißer Quaste und grell rotem Mantel bekleidet das Haus. Besonders seltsam fand ich, dass er sein Gesicht hinter einem künstlichen, weißen Rauschebart aus Watte versteckt hatte. Als ich dann sah, dass er in seinen Händen einen ziemlich großen Jutesack trug, meinte ich den Grund seiner seltsamen Verkleidung durchschaut zu haben: Der Bursche rückte aus, um eine Bank zu überfallen!!!
Natürlich überlegte ich mir sofort, meinen unliebsamen Nachbarn bei der Polizei anzuzeigen. Aber dadurch wäre der Kerl möglicherweise vorgewarnt geworden und hätte seinen Plan erst gar nicht durchgeführt, womit ich ziemlich blamiert gewesen wäre.
Ich war bloß ein wenig verwundert, dass mein Nachbar für sein Verbrechen eine derart auffällige Kleidung ausgewählt hatte?

Den ganzen Tag über verfolgte ich aufmerksam die Nachrichtensendungen, sicher, dass schon bald ein Banküberfall gemeldet werden würde, bei dem der Täter einen roten Mantel und rote Zipfelmütze getragen hatte. Ich freute mich bereits, dann den entscheidenden Hinweis geben zu können. Dazu übrigens eine Frage: Wie hoch wäre in einem solchen Fall die Prämie nach erfolgreichem Fang des Übeltäters?
Am Abend kehrte jedoch zu meiner großen Verwunderung das observierte Objekt mit leerem Sack wieder nach Hause zurück,um gleich am Morgen darauf in derselben Aufmachung wieder loszuziehen.
Am dritten Morgen folgte ich dem verkleideten Mann unauffällig. Er fuhr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in eine belebte Einkaufsstraße, stellte sich vor einem großen Warenhaus auf, öffnete seinen Sack, rief andauernd „Ho! Ho! Ho!“ und verteilte an die Passanten, vorwiegend Kinder, Zuckerln und andere Süßigkeiten.
Jetzt erst erkannte ich die wahre Absicht dieses Burschen: Die leuchtend rote Farbe seiner Kleidung! Die Ho!-Ho-Rufe (obwohl ich mir schwer vorstellen kann, dass den jungen Leuten Ho Chi Minh noch ein Begriff sein dürfte)!
In dreister Form versucht hier ein übles Subjekt im Herzen unserer Wirtschaft bereits Kinder mit Süßigkeiten für eine rote, subversive Zelle anzuwerben!?

Ich ersuche daher die Beamten des Überwachungsamtes sofort gegen diesen unerhörten Versuch der linksradikalen Bandenbildung einzuschreiten!
Noch eine Frage: Wie hoch ist mein Honorar für diese wichtige Information!
Stets mit spitzen Ohren und Lux-Augen auf dem Posten, Ihr Gemeindebau-Blockwart, Sektion 11.

Wir beerdigen Herrn Kloimstein – ein Neubeginn
Von Petra Öllinger

Zuerst schreit Lilli, dann schreit Bertha, zuletzt schreie ich. „Was hängt denn da!!!?“
„Du solltest fragen, WER hängt denn da?“ korrigiert mich Lilli.
„Kennt ihr den?“, fragt Bertha.
Lilli und ich gehen näher an den Weihnachtsbaum heran. Wir fassen uns an den Händen. Wie bei Hänsel und Gretel, denke ich. Ich stupse vorsichtig mit dem linken Zeigefinger den Zweig, an dem dieses Etwas baumelt.
„Du lieber Himmel! Bertha! Hast du dir diesen Scherz erlaubt?“
„Du weißt, dass ich mir am 24. Dezember keine Scherze erlaube“, schreit sie.
„Das ist Herr Kloimstein,“ Lillis lapidare Bemerkung rettet Bertha und mich vor dem gegenseitigen Schuldzuweisungs-Hickhack. Alle drei gehen wir noch näher an den Baum heran.
„Tatsächlich. Er trägt seinen grünen Hut, und den braunen Mantel.“
„Und die Brille. Die Brille!“ ergänzt Lilli.
„Ist er tot?“, frage ich.
Bertha stupst Herrn Kloimstein. Sein auf 10 Zentimeter geschrumpfter Körper dreht sich von links nach rechts, hält kurz an und dreht sich dann von rechts nach links.
„Ja, sieht so aus.“
„Warum hängt Herr Kloimstein an unserem Weihnachtsbaum?“ klage ich.
„Du solltest fragen, warum erhängt sich Herr Kloimstein an unserem Weihnachtsbaum.“, korrigiert mich Lilli und fährt fort, „Siehst du, er hat ein rotes Geschenkband um den Hals gewickelt. Tod durch Ersticken.“
„Ich glaube es nicht,“ schüttelt Bertha den Kopf, „das ist doch ein Witz. Herr Kloimstein, 10 Zentimeter groß, soll sich an unserem Weihnachtsbaum mit einem Geschenksband erhängt haben? Ich gehe jetzt runter in den 2. Stock und läute bei ihm.“
Lilli und ich begleiten Bertha. So gemütlich, ja festlich ist die Stimmung in unserem Wohnzimmer nicht, als das wir beide alleine dableiben wollten – mit Herrn Kloimstein am Baum.

Bertha klingelt, niemand öffnet. Sie hält ihr Ohr an die Türe. „Nichts,“ flüstert sie. Dann ruft sie: „Herr Kloimstein! Hallo, Herr Kloimstein, sind Sie zu Hause?“ Sie klopft an die Türe, nichts.
„Vielleicht feiert er bei seiner Familie?“ fragt Lilli und quetscht meine Hand. „Aua“, zische ich, „wir sind hier nicht bei Hänsel und Gretel.“ „Herr Kloimstein hat keine Familie“, antwortet Bertha. Ich frage sie, woher sie das wisse und sie meint: „Ich weiß es einfach.“

Wir klopfen und klingeln, rufen Herrn Kloimsteins Namen. Niemand im Haus scheint heute daheim zu sein, denn normalerweise bekommen schon beim leisesten Geräusch im Stiegenhaus die Türen der anderen HausbewohnerInnen Ohren und die Spione Augen. Nach 10 Minuten geben wir auf. Wir kehren in unsere Wohnung zurück.

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Herr Kloimstein sich an unserem, an unserem !Weihnachtsbaum erhängt hat,“ jammert Lilli. „Ach was,“ winkt Berta ungehalten ab.
Ich kann es auch nicht fassen, denke ich und schleiche mich vorsichtig ins Wohnzimmer. Berta schiebt Lilli in den Raum.
Ich nähere mich dem Baum, strecke meine Hand nach Herrn Kloimstein aus und nehme ihn vorsichtig vom S-Haken. Er fühlt sich weich an und obwohl er den dicken Mantel trägt, kann ich seine verbliebene Körperwärme spüren. Wie ein kleiner Vogel liegt er in meiner Hand und ich muss an die erfrorene Meise denken, die wir letztes Jahr im kleinen Park hinter unserem Haus gefunden hatten.
„Wir beerdigen ihn im Park, neben der Meise!“ „Bist du verrückt!“, rufen die beiden wie aus einem Mund. „Du kannst doch am 24. Dezember kein Grab ausschaufeln?“„Es muss ja nicht heute sein“; versuche ich Bertas berechtigten Einwand zu beschwichtigen, „Wir legen ihn bis morgen in den Kühlschrank.“„Niemals!“ kreischt Lilli, „Herr Kloimstein kommt mir nicht in den Kühlschrank.“ „Wie willst du ihn sonst frisch halten?“ Ich merke wie mein Geduldsfaden zunehmend dünner wird. „Wir legen ihn aufs Fensterbrett“, bestimmt Berta. „Niemals!“, rufe ich, „Was meinst du, wenn ein starker Windstoß …“ Ich mag gar nicht an die Folgen denken. Und auch nicht daran was passiert wird, wenn die beiden mich noch länger nerven.
Mit Herrn Klomstein in der Hand dränge ich mich durch die beiden hindurch und marschiere in die Küche, öffne die Kühlschranktüre und lege ihn behutsam ins Gemüsefach. „Es tut mir leid“, flüstere ich ihm zu, „aber morgen bekommen Sie ein ordentliches Begräbnis.“ Ein gelungener Weihnachtsabend, denke ich, du sprichst mit einem 10 Zentimeter kleinen Herrn Kloimstein, den du vom Baum gepflückt und in die Gemüselade gelegt hast.
Als ich ins Wohnzimmer zurückkomme, sitzen Berta und Lilli ganz steif auf dem Sofa.
„Bescherung?!“ frage ich.

*******************

Am nächsten Morgen höre ich Lilli in der Küche einen gellenden Schrei ausstoßen. Berta und ich rasen in die Küche und sehen Lilli mit schreckgeweiteten Augen vor der geöffneten Gemüselade des Kühlschranks stehen. „Es war also doch kein Traum,“ stammelt sie. „Natürlich nicht“, entgegne ich trocken und nehme Herrn Kloimstein aus dem Kühlschrank.

„Ich schaufle jetzt das Loch!“ Mit diesen Worten verschwinde ich mit Herrn Kloimstein in der Abstellkammer, um einen passenden Behälter zu suchen. In dem Karton für Schuhe Größe 45 würde Herr Kloimstein sehr verloren aussehen. Und die Kunststoffschachtel mit den Nägeln, Schrauben und Dübeln ist ebenfalls nicht würdig genug. Auf einem der Regalbretter werde ich dann doch fündig: eine rote Keksdose aus Metall. Die Keks-Reste und -Brösel lasse ich als Wegzehrung für die Reise ins Jenseits drinnen. Vorsichtig lege ich Herrn Kloimstein in die Dose und bedecke ihn mit Seidenpapier aus dem Schuhkarton. Zwischen den Säcken mit Blumenerde und den Tontöpfen finde ich eine kleine Schaufel, gerade groß genug, um in den Fensterkistchen etwas herumzumurksen, aber für meine Zwecke würde sie schon reichen.Mit der Schaufel unter dem rechten Arm und der Dose in der linken Hand marschiere ich zur Wohnungstüre hinaus. „Ich gehe jetzt Herrn Kloimstein beerdigen!“ Keine Antwort. Auch gut, denke ich, wenigstens nervt mich kein hysterisches Gekreische und niemand quetscht mir die Hand. Die Aufregung läßt die Hitze in mir hochsteigen und ich erspare mir Jacke und Schal und Haube.

Der kleine Park ist menschenleer, hinten rechts steht eine Haselnussstaude, ein geeigneter Ort für Herrn Kloimstein. Glücklicherweise ist der Boden nicht gefroren, so gelingt es mir in kurzer Zeit eine 40-Zentimeter tiefe Grube auszuheben. Behutsam lege ich die Dose hinein und häufe die Erde darauf.
„Leben Sie wohl.“, flüstere ich und dann muß ich weinen. Ich bin so erschüttert über Herrn Kloimsteins tragisches Ableben, dass ich gar nicht höre, wie sich hinter mir Schritte nähern. Jemand fasst meine linke Hand, jemand fasst meine rechte Hand.

Und es ist gar nicht mehr wie bei Hänsel und Gretel, sondern wie bei Lilly und wie bei Bertha. So wie früher. Ganz still und niemand nervt.


Der weinende Weihnachtsmann
Von Gerald Grassl

Wie kann sich jemand „vergnügen“, dem oder der das dafür notwendige Gerstl für Vergnügungen fehlt? Ich freue mich jedes Mal wieder auf die Adventzeit, denn da schlendre ich mit einer gewissen Schadenfreude durch die Einkaufsstraßen, und beobachte, wie sich die Leute gestresst abhetzen, um für andere Leute Dinge einzukaufen, die die anderen eh nicht brauchen, die dafür aber nach Weihnachten vor der Frage stehen, wie sie das ungewollte Glumpert wieder los werden, ohne dass es der Schenker merkt.

Letztens jedoch schlug jedoch mein Advent-Vergnügen in tiefe Betroffenheit um: Neben einem Kaufhaus saß ein Weihnachtsmann und weinte still vor sich hin. Aber das war nicht so ein mit roter Mütze und Kittel und umgeklebtem Wattebart verkleideter „Ho-Ho-Ho!“-rufender Student, sondern der am Boden Hockende wirkte, als ob er der „echte“ Weihnachtsmann sei: Der Mann hatte einen „echten“ aber grauen, weiß durchzogenen Bart. Die Wangen waren nicht durch Rouge, sondern von Kälte oder etwas anderem rot. Auch die Augen waren rot. Sicher nicht nur vom augenblicklichen Weinen. Während die kommerziellen Kaufhaus-Weihnachtsmänner aussehen, als ob sie täglich frisch eingekleidet werden, sah sein Outfit aus, als ob er damit schon seit Beginn von Advent unterwegs gewesen und tatsächlich durch einige Kamine geschloffen wäre.

Mitleid will ich immer vermeiden, weil ich weiß, dass das niemandem hilft und ebenfalls nur Leid ist. Ich überwand meine Prinzipien und trat auf den Bedauernswerten zu, fragte, ob ich ihm denn helfen könne. Er schüttelte wie ein trotziges Kind den Kopf, neue Tränen kullerten über seine Wangen. Aber dann hob er doch den Kopf. Er schaute mich nicht an, sondern durch mich hindurch, und begann zu erzählen: „Ich hatte den Auftrag, Prospekte für eine Spendenaktion eines Sozial-Vereins zu verteilen. Außerdem soll ich jedem Kind, dessen erwachsener Begleiter mir so einen Zettel abnahm, ein Zuckerl schenken…“
Plötzlich, so berichtete er weiter, nahm da so eine altkluge Göre zwar die Süßigkeit entgegen, begann ihn dann aber zu schulmeistern: „Du bist gar kein Weihnachtsmann! Denn es gibt gar keinen Weihnachtsmann. Der Weihnachtsmann ist eine Erfindung der Amerikaner und von Hollywood, die mit diesem globalisierten Werbeträger nur die amerikanische Spielzeugindustrie fördern wollen! Denn bei uns gibt es nur das Christkindl!“
Nun senkte er wieder den Kopf und jammerte vor sich hin: „Das Schreckliche daran ist ja, dass das Mädchen recht hat. Bei uns gibt es wirklich keinen Weihnachtsmann, sondern nur das Christkindl. Ich habe die Ideale meiner Kindheit verraten. Damit werde ich einfach nicht fertig…“
Ich wusste zwar, dass der arme Mann (und das erstaunliche Mädchen, das wohl eine Elite-Schule besuchte oder ultra-alternative Eltern haben musste) recht hatte(n), aber ich wusste ihm nicht zu helfen und wollte weiter gehen. Da wurde er auf einmal ganz ernst und fragte „Hätten Sie nicht eine Kleinigkeit für mich? Ich habe heute noch nichts gegessen.“

Eigentlich hatte ich keine „Kleinigkeit“. Eigentlich bräuchte ich selbst mehr als „Kleinigkeiten“, um über die Runden zu kommen, aber irgend etwas ließ mich ans Christkindl denken, und damit mein Hirn ausschalten: Aus meiner Brieftasche holte ich einen, meiner letzten zwei Scheine und reichte ihn ihm in die Hand.
„Vergelt’s Gott“, sagte er, „ich hab’ ja gewusst, dass es das Christkind gibt…“
Ein paar Schritte weiter, ärgerte ich mich über meine Großzügigkeit, die ich mir gar nicht leisten habe können.
Wieder zu Hause, fühlte ich mich aber auf einmal sauwohl. Irgendwie würde ich mich in der nächsten Zeit schon durchschlagen können. Aber: Wer kann von sich schon behaupten, einmal das Christkind gewesen zu sein?

Auch Christbäume wollen Abwechslung. Dein Christbaum gibt gerne etwas dafür her.

Von Petra Öllinger *

Meiner nicht. Jubla sträubt sich jedes Jahr, wenn ich ihn mit Glaskugeln, Windringerln und Strohsternen behängen will. Er lässt alle Äste hängen, sodaß garantiert sämtliche Christbaum-Haken runterrutschen. Versuche, den Christbaumschmuck mit zarten Geschenkbändern zu befestigen, scheitern ebenfalls.
Jubla verliert augenblicklich genau an diesen Stellen seine Nadeln. Beim dritten Ast lasse ich das Schmücken bleiben, will Jubl einem räudigen Hund immer ähnlicher wird.

Das einzige, was Jubla sich in puncto Christbaumbehang gefallen lässt, sind Engelslöckchen. Diese weißen, watteartigen Dinger darf ich ihm vorsichtig über seine Äste drapieren. Ich muss dabei aufpassen, dass mir keines dieser Löckchen versehentlich in den Ärmel hineinkriecht – auf meiner Haut rufen sie Juckreiz und Bläschenausschlag hervor. Jubla ist immun dagegen. Immun ist er auch gegen Isig, den Tannenzapfen-Zwerg mit roter Filzmütze. Der darf Platz nehmen auf Jublas Wipfel.

Engelslöckchen aus Glasfasern und ein Zwerg, das ist meine alljährliche Christbaumdekoration. Seit dreizehn Jahren spielen wir schon dieses Theater.
Und jedes Jahr zu Weihnachten würde ich Jubla am liebsten an die Nadeln, weil er sich immer so ziert. Aber schließlich bringe ich es dann doch nicht übers Herz. Am 6. Jänner schleppe ich Jubla in seinem Topf wieder hinaus in den Garten, damit er nach all der Anstrengung wieder Frischluft bekommt. Er blüht dann förmlich wieder auf. Sei es ihm vergönnt. Und dass ihm hin und wieder eine Vogel ins Geäst kackt, gönne ich ihm ebenfalls.

* Dank an das schwedische Möbelhaus, dessen Katalog mich zu dieser Geschichte inspirierte.

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