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Spirituelles Gehen und doofe Hündchen

Spazierengehen? Einfach so? Kein Joggen, kein Nordic-Walking, kein Drängeln? Nicht direkt von A nach B? Sondern an X und Y abzweigen, an D und H vorbeiflanieren – langsam und gemütlich. Verdächtig ist, wer sich die Zeit und die Freiheit nimmt, nicht vom Start zum Ziel zu rasen – und sich beim Schlendern unter anderem von einem Hund neue Einsichten in den Alltag zeigen läßt.

HundebesitzerInnen macht der Titel neugierig, also wird gleich einmal jener Teil des Buches aufgeschlagen, wo die lieben Befellten den Zweibeinern mitteilen, was „Sache“ ist. Den Anfang macht dabei ein vermeintlich doofes Hündchen, das eine ältere Frau an der Leine führt. Gemeinsam versperren sie dem Autor den Weg zum Termin bei seiner Augenärztin. Gemurre, Verärgerung, „doofes Hündchen“, ein gebrummtes „Platz machen!“ (das jedoch ungehört bleibt). Als sich die ältere Dame anschickt, denselben Weg wie der Murrende zu nehmen und schließlich in den Praxisräumen verschwindet, wird diesem klar: Das ist seine Augenärztin! Wenige Augenblicke später steht er vor ihr und wird aufs freundlichste begrüßt. In wenigen Sätzen zeigt der Schweizer Autor Lorenz Marti in diesem Text („Sehen lernen“) auf humorvolle Art, wie schnell wir unsere ganz persönliche (Gedanken-)Hölle schaffen, um darin schmorend zu verweilen – würde uns nicht hin und wieder ein relativierendes Augenzwinkern daraus befreien.

In siebzig kurzen Kapiteln führt Lorenz Marti, der auch als Religionsredakteur beim Schweizer Radio DRS firmiert und sich als leidenschaftlicher Spaziergänger bezeichnet, die LeserInnen durch diverse „Höllen“. So stiftet zum Beispiel der Kundenlift in einem Berner Warenhaus seinen Beitrag zu den Alltagswahnsinnigkeiten. Doch auch diese „Verwirrung in einem Kaufhaus“ – so der Titel dieses Kapitels – kann am Anfang eines Weges stehen, „der dann zu neuer Klarheit führt“.

Passiert einer/einem ein Mißgeschick, wer trägt die Schuld an diesem Umstand? Die anderen! Da wird dann auch gerne den Mitmenschen die Verantwortung dafür an den Kopf geknallt, daß der eigene unbedeckt bleiben muß – weil die Mütze weg ist. Doppelt gemein erscheint dieser Umstand, wenn der Spaziergänger und unbemütze Flaneur feststellt, daß plötzlich alle anderen sehr wohl Strickmützen tragen. „Sie hatten mir meine Mütze weggenommen.“, stellt der Autor fest. Klingt absurd? Wer sich bei Selbstgesprächen genau zuhört und dem eigenen Gedankenkarrussel folgt, stößt sicher ebenfalls auf vermeintlich eigen- und abartige Überlegungen.

Apropos Gedanken. Es tut gut zu wissen, daß es der Autor mit Nietzsches Formulierung hält „Ich will ein für alle Mal nicht mehr alles wissen“ („Information und Inspiration“). Er bremst seine physische und psychische Geschwindigkeit und erlaubt sich – frei nach Laotse – nutzlos zu sein („Lob der Nutzlosigkeit“).

Lorenz Marti zeigt in seinem Buch viele Wege, um sich in der vermeintlichen Banalität des Alltags zu (Selbst-)Reflexionen anregen zu lassen: vor Schaufenstern, auf Bahnhöfen, auf Zollämtern, bei Regenwetter, beim Friseur, in der Strickmützenabteilung oder aber auch mit einem „doofen“ Hündchen.

Lorenz Marti – Wer hat dir den Weg gezeigt? Ein Hund! Mystik an der Leine des Alltäglichen. Herder Verlag Freiburg, Basel, Wien, 2007. 192 Seiten, € 29,90.

Mehr über Lorenz Marti

Petra Öllinger

Buchcover_Wer hat dir den Weg gezeigt?

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