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Foc / Feuer

19. September 2016 von eag

Einrücken, heimkehren, neugierige Gänse

Cover Foc_Feuer1. März 1939: „Ich musste zum rumänischen Wehrdienst in Elisabethstadt einrücken.“
Ich – das ist Sebastian Rethers Großvater. Dessen Einberufung 1939 „beschert“ ihm bis 1945 Kriegserlebnisse, die sein Enkel auf sehr außergewöhnliche Art festgehalten hat. In dieser Graphic Novel, die ursprünglich die Bachelor-Arbeit des Künstlers und Illustrators bildete, zeichnet er – im wahrsten Sinn des Wortes – die Erinnerungen seines Großvaters nach. „Es ging mir weniger um den Krieg an sich, als um die privaten Erinnerungen und subjektiven Empfindungen eines jungen Soldaten“, erklärt Sebastian Rether. Ausgangspunkt des Buches sind Aufzeichnungen und Gespräche, die er mit seinem Großvater geführt hat.

In den vermeintlich einfachen Skizzen verbirgt sich Bewegendes. Es sind keine großen Gesten/Striche/Wörter, Sebastian Rethers Bilder verlangen dem/der BetrachterIn genaues Hinschauen ab, um das Eindringliche und Berührende, den Wahnsinn des Krieges zu erfassen; und auf einem Pferd das titelgebende Wort „Foc“ (rumänisch für Feuer) zu entdecken.

Bereits zu Beginn des Buches heißt es „Abschied nehmen“. Das erste Kapitel bedarf so wie die folgenden nicht vieler Worte: Dieser Abschied ist ein gezeichnetes Stück Seife, Rasierzeug, ein paar Blätter Papier und Kuverts, die, in ein Tuch eingeschlagen, vom Einberufenen mitgenommen werden. Zurück bleiben ein Brief, eine nackte Glühbirne und drei neugierig schauende Gänse …

Erste Station: Elisabethstadt. Noch trägt den Rekruten die Überzeugung, sein Dienst werde nur drei Monate dauern. Es folgen Jahre. Der Krieg wird ihn quer durch Europa führen; an die Ostfront, in die Bretagne oder nach Italien. Es sind mehr oder weniger Kleinigkeiten, Banalitäten, die seine Erinnerungen markieren: ein halbes Huhn, das im Schützengraben zu einem Festessen wird, Obstbäume, mit Erhängten an den Ästen, ein Löffel. Beklemmend die Soldatengesichter: Einige haben nur leere Fläche, andere tragen einen Schweine- oder, so wie der Großvater, einen Hundekopf. Deutsche Panzer als Schildkröten wirken martialischer als realistisch dargestellte Kampfgeräte.

Manchen Bildern wohnt etwas Komisches inne, wenn sich beispielsweise ein Soldat hinter einer übergroßen Flasche übergibt. Oder wenn auf einer Doppelseite vier Soldaten auf ihren Pferden in Richtung BetrachterIn reiten und derart an einen Western erinnern. Tragikomisch mutet das Kapitel „Großes machen“ an, in dem es heißt: „Zu einer späteren Zeit ging ein Unteroffizier den Graben hinunter …“ Der Unteroffizier verrichtet lesend sein großes Geschäft, die folgenden zwei Bilder machen das Trügerische dieser Stille regelrecht greifbar: Eine Granate schlägt ein, zurück bleibt nur der Helm. Aus. Lakonisch auch die Sprache, maximal zwei kurze treffende Sätze pro Seite, viele Bilder bleiben ohne Text.
Sogar das Inhaltsverzeichnis ist reduziert. Statt herkömmlicher Kapitelüberschriften finden sich nur die jeweiligen Seitenzahlen in den angedeuteten Umrissen einer Landkarte. Diese Zahlen markieren die unterschiedlichen Orte, an denen Rethers Großvater auf seiner Kriegsodyssee, an- und vorbeikommt.
Schließlich die Heimkehr, mit dem lapidaren Satz „Nachdem ich mich gewaschen hatte, legte ich die Füße in warmes Wasser …“ ist der Krieg für den Ich-Erzähler (vorerst) beendet, bestaunt von drei neugierig schauenden Gänsen …

Petra Öllinger

Sebastian Rether: Foc/Feuer
Edition Büchergilde, Frankfurt/Main, 2016
Gebunden, fester Einband mit strukturiertem Papier, 368 Seiten, € 25,70 (Ö)
Über Sebastian Rether

© Cover: Edition Büchergilde/Sebastian Rether

Literatur nach 1945 – Walter Buchebner

12. September 2016 von wela

Walter Buchebner, geboren 1929 in Mürzzuschlag, tauchte 1945 unter, um der Einberufung zum Volkssturm zu entgehen. Nach Beendigung des Gymnasiums in Bruck an der Mur ging er nach Wien, um zu studieren. In der schwierigen Nachkriegszeit begann er das Studium der Germanistik und Geographie an der Universität Wien.
Die Verhältnisse zwangen ihn während seiner akademischen Ausbildung, die er aus Opposition gegen den versteinerten Lehrbetrieb nicht beendet, aber weit vorangetrieben hatte, manuell zu arbeiten. Dadurch lernte er die Probleme der Arbeiterschaft kennen und fühlte sich mit den Werktätigen tief verbunden.

In seinem Tagebuch beschreibt er die Arbeitsbedingungen in einer verstaatlichten Industrie: „Mürzzuschlag 28. Juli 1951. Ich bin in den ca. 40 X 50 großen Gaskanal teerhacken gekrochen. Eine fürchterliche Arbeit, nervenanstrengend und körperlich zermürbend. Man schwitzt wie ein Trottel. Immer nur am Bauch kann man kriechen und die Hände voran. Verkehrt zurück. Dabei alles mitnehmen. Draußen fühlt man sich dann wie von einer langen Krankheit genesen. Einem Proleten gingen die Nerven durch, als er drin war. Für ihn kroch ich zweimal ein. Etwa 4m weit hinein.
Unbeschreiblich ist die Qual drunten im dreckigen Kanal. Und oft und oft müssen sie da hinein; manchmal bei entsetzlichen Bedingungen: Gas, Hitze …!
Ich glaube kaum, dass ich je anders werde leben können als diese Ärmsten der Erde!
Er arbeitete unter anderem als Bauarbeiter, Fahrdienstleiter, Monteur, Telegrafist und Erzieher.“

Danach gelangte er zur Überzeugung, dass er die Dichtkunst erlernen müsse. Er gewöhnte sich an einen ruinösen Arbeitsstil, stellte totale Forderungen an sich selbst.

Ab 1956 leitete er eine Zweigstelle der Wiener Städtischen Büchereien. 1959 wurde ein schweres Nierenleiden diagnostiziert. Walter Buchebner nahm sich 1964, vermutlich wegen großer Schmerzen, das Leben. Robert Lotter gründete in der zweiten Hälfte der 1970 Jahren die Walter-Buchebner-Gesellschaft. Daraus entwickelte sich das Kunsthaus Mürzzuschlag.

aschenfarbene melodie
aschenfarbene melodie
in der heilsarena
kapital
vergiftet das
herz
unserer lieben frau
notre dame
die unbefleckte
mendelsche vererbungslehre
und thomasverfahren
aus der hand eines
sterbenden papstes
besucht abendkurse
der volksbildungshäuser
werdet gute bürger
mit patriotischem überschallhemd
und
schaumgummitick
dreimal täglich
und am sonntag
KYRIE ELEISON
kapital
vergiftet das
herz

Literatur:
Lotter Robert: Walter Buchebner; Lyrik, Prosa; Graphik; S. 3, 5, 10; Herausgeber: Robert Lotter; Wienerstraße 120, 8680 Mürzzuschlag.

Sternenschwester. Ein Buch für Geschwister und Eltern von tot geborenen Kindern.

7. September 2016 von eag

Schluss mit dem Schweigen

Cover Sternenschwester Es gibt sie noch, die letzten Tabus in unserer Gesellschaft, zum Beispiel jenes von tot geborenen oder früh verstorbenen Babys. „Hunderte Fotos von lebenden Kindern machen die Runde, stolze Eltern posten Familienfotos auf Facebook, Familie und FreundInnen gratulieren, bringen kleine Geschenke. Tot geborene oder sehr früh verstorbene Babys hingegen werden meist nicht als Teil einer Familie wahrgenommen.“ 1 Und doch sind sie es. Umso mehr, wenn nach dem Tod eines Kindes dessen Geschwister zur Welt kommen. Wie lebt es sich als ein solches Geschwisterkind in dem Wissen, dass vor einer/einem bereits jemand da war und nun nicht mehr ist? Darf man überhaupt über die tote Schwester, den toten Bruder sprechen? Wie gelingt es als Mutter/Vater, eine Verbindung zwischen dem verstorbenen und dem lebenden Kind aufzubauen? Wäre ein Schweigen über einen „solchen Vorfall“ nicht einfacher, heilsamer? Möglich. Wahrscheinlicher ist: „Totschweigen ist wie noch einmal sterben“, wie Gabi Horak-Böck in ihrem Artikel „Sternenkinder“ schreibt.

Eine Hilfe, um dieses Schweigen zu brechen, bietet Doris Meyers „Sternenschwester“. Die Idee zu diesem Bilderbuch entsprang ihrer eigenen Betroffenheit als Sternenmama. Ihre erste Tochter kam tot zur Welt. Doris Meyers Suche während ihrer zweiten Schwangerschaft nach einem geeigneten Bilderbuch zu diesem Thema blieb erfolglos. Das nahm sie zum Anlass, selbst ein Buch zu gestalten. Der „Erdenbruder“ erzählt darin in einfachen klaren Sätzen von seiner „Sternenschwester“ Maja, die vor ihm auf die Welt gekommen, jedoch nach kurzer Zeit gestorben war. Seine Eltern halten das Andenken an sie wach mit kleinen Erinnerungsstücken wie ein rotes Tuch, in das Maja eingewickelt war, oder ihre Hand- und Fußabdrücke auf einer Karte. Sie beziehen ihren Sohn in dieses Gedenken ein. Dadurch gelingt es ihm, zu seiner toten Schwester eine Verbindung aufzubauen, in dem er zum Beispiel ein kleines Windspiel für sie bastelt. Und natürlich taucht die Frage auf, wo Maja jetzt wohl sei. Das Wohltuende an der Antwort der Eltern ist, dass sie keine Antwort darauf wissen und ihren Sohn nicht mit (religiösen) Erklärungen zu beruhigen versuchen.
Die ganzseitigen, in freundlichen Farben gehaltenen Aquarellbilder sowie freie Seiten zum Selbstgestalten laden ein zu eigenen Gedanken/Bildern, vor allem dann, wenn Worte fehlen.

Danke an Doris Meyer für dieses Buch, das für Kinder ab 4 Jahren und Erwachsene gleichermaßen geeignet ist.

Petra Öllinger

Doris Meyer: Sternenschwester. Ein Buch für Geschwister und Eltern von tot geborenen Kindern. Mit einem Nachwort von Franziska Maurer.
Mabuse Verlag, Frankfurt/Main, 2. durchgesehene Auflage 2016.
32 Seiten, €17,40 (Ö)

© Cover: Mabuse Verlag/Doris Meyer

1: Gabi Horak: „Sternenkinder“. In: an.schläge. Das feministische Magazin. September 2014.

Beiträge vor einem Jahr:
Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis

Dein Lieblingsbuch und Du – sommerliche Bücherbox-Verlosung

19. August 2016 von eag

4 Bücherboxen zu gewinnen

Sehr gerne weisen wir auf eine kleine Verlosung im Rahmen der Leseförderinitiative und Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“ hin.

Unter den BesucherInnen des Blogs „Wiener Bücherschmaus“ werden 3 Bücherboxen verlost. Eine weitere Bücherbox kann auf der Facebookseite des „Wiener Bücherschmaus“ gewonnen werden.

Bücherbox Die weinroten Boxen enthalten jeweils, in orangfarbenes Seidenpapier eingeschlagen, 3 Bücher, 3 Lesezeichen und eine Stofftasche mit literarischem Motiv.

So einfach funktioniert die Teilnahme: Sie benötigen lediglich ein gemeinsamens Foto von sich und einem Ihrer Lieblingsbücher. Es kann, muss aber nicht Ihre aktuelle Ferienlektüre sein.
Sie senden das Foto, ergänzt um 1-2 Zeilen, warum Ihnen dieses Buch besonders am Herzen liegt, bis zum 15. September 2016 um 24:00 Uhr via E-Mail an den Wiener Bücheschmaus.

Georg Schober mit Buch Mit Ihrer Einsendung gestatten Sie, das Foto und Ihre Gedanken zu dem Buch einmalig auf der Homepage bzw. im Blog des „Wiener Bücherschmaus“ zu veröffentlichen.

Die Auslosung findet am 16. September 2016 statt. Die GewinnerInnen werden im Anschluß per Mail verständigt.

Die Bücherboxen wurden uns von „imGrätzl“ kostenlos zur Verfügung gestellt. ImGrätzl.at ist eine junge Initiative, die das nahezu unüberschaubare Angebot an Ideen, Aktionen und Angeboten in Wien auf das jeweils unmittelbare Lebens- und Wohnumfeld herunterbricht. Es ermöglicht, Menschen aus der NachbarInnenschaft kennenzulernen und unterstützt die Belebung der einzelnen Stadtteile.

Teilnahmebedingungen

Buecherbox und drei Buecher mit Lesezeichen Die Buchhandlung des Vereins „Wiener Bücherschmaus“, Garbergasse 13, 1060 Wien, verlost drei Bücherboxen. Eine Barauszahlung oder der Umtausch des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklären Sie sich mit den nachstehenden Teilnahmebedingungen einverstanden und erkennen diese in vollem Umfang und ohne Einschränkungen an.

Die Teilnahme ist kostenlos und jeder natürlichen Person erlaubt. Voraussetzung für die Teilnahme: Sie senden uns ein E-Mail mit einem Foto, dessen Rechte Sie besitzen, und das Sie gemeinsam mit einem Ihrer Lieblingsbücher zeigt. Im Textfeld des Mails teilen Sie uns in ein bis zwei Zeilen mit, warum Ihnen dieses Buch besonders gefällt.

Stofftragtasche mit Buchmotiv Mit Ihrer Einsendung gestatten Sie, das Foto und Ihre Gedanken zu dem Buch einmalig auf der Homepage bzw. im Blog des „Wiener Bücherschmaus“ zu veröffentlichen.

Jede Person darf im Rahmen dieses Gewinnspiels nur ein Mal teilnehmen.
Das Mail kann bis zum 15. September 2016 um 24:00 Uhr eingesendet werden. Eine Teilnahme nach diesem Zeitpunkt ist nicht mehr möglich. Der „Wiener Bücherschmaus“ übernimmt bei technischen Problemen, wie dem Ausfall der Internetseite bzw. der E-Mail-Funktion, keine Haftung.

Buecherbox und Krimi Unter den TeilnehmerInnen werden drei Bücherboxen, sie beinhalten jeweils drei Bücher, drei Lesezeichen und eine Stofftasche, verlost.

Die drei GewinnerInnen werden aus allen Einsendungen gezogen, die bis zum Teilnahmeschluss eintreffen. Die Ziehung findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit am 16. September 2016 statt. Es besteht kein Rechtsanspruch auf einen Gewinn. Über das Gewinnspiel erfolgt kein Schriftverkehr. Die GewinnerInnen werden nach der Verlosung per Mail informiert und müssen zwecks Gewinnbestätigung bis Ende September 2016 auf diese E-Mail antworten. Nach Ablauf der Frist verfällt der Gewinn.

Drei Buecher mit Lesezeichen Die von den TeilnehmerInnen mitgeteilten Daten (Namen u. E-Mailadressen) werden nach Abwicklung des Gewinnspiels gelöscht. Die TeilnehmerInnen stimmen zu, dass sie im Rahmen des Gewinnspiels per E-Mail kontaktiert werden können und dass im Gewinnfall ihr Name auf der Internetpräsenz des „Wiener Bücherschmaus“ veröffentlicht wird.

Teilnahmeschluss ist der 15. September 2016, 24:00Uhr Uhr.

Ben und die Wale. Eine wunderbare Reise

10. August 2016 von eag

Vom Abschiednehmen und fliegenden Giganten

Cover Ben und die WaleSeit mittlerweile zehn Jahren erscheinen im Mannheimer Kunstanst!ifter Verlag (Bilder-)Bücher, die den LeserInnen ein visuelles Vergnügen bereiten. Und erst die Inhalte! Beispiel gewünscht? Bitte sehr: „Ben und die Wale“.

Die südafrikanische Bilderbuchautorin Ingrid Mennen widmet sich darin einer Tatsache, der wir alle früher oder später ins Auge sehen müssen: dem Tod.

Bei ihren Spaziergängen entlang der Küstenpfade beobachten Ben und sein Großvater die Wale. Beide arbeiten an Opas Sammelalbum über diese „fliegenden Giganten des Meeres“, wie Bens Großvater diese Tiere nennt. Bereits auf der dritten Seite ist jedoch das Unvermeidliche eingetreten. Bens Opa stirbt. Am selben Nachmittag lädt Bens Vater ihn zu einem Spaziergang ein. Beide gehen denselben Weg, den Ben auch mit seinem Opa entlanggewandert ist, und Bens Vater erzählt ihm eine Geschichte. Es ist eine Geschichte über ein Walkind und einen alter Buckelwal, der strandet und nicht mehr zurückfindet ins Meer. Das Walkind aber muss zurück zu seiner Herde; es wird den alten Wal loslassen. So wie Ben von seinem Opa Abschied nehmen muss. Dabei scheinen dem Jungen Flügel zu wachsen, wie bei den „fliegenden Giganten des Meeres“.

Die Autorin arbeitete an diesem Buch gemeinsam mit ihrer Tochter Irene Berg, die die Geschichte illustrierte. Fast kann man es riechen und hören das Meer, in seinen vielen (Farb-)Facetten vom „lieblichen“ über das arktische Blau bis zum aufgewühlten Grau. Im Meer immer wieder Wale; schwimmend, springend, tauchend. Den Tod des Großvaters symoblisiert ein leerer Ohrensessel und ein Basset, der mit traurigem Blick davor liegt. Er wird zwar nicht im Text erwähnt, trotzdem begleitet dieser Hund den Jungen in vielen Szenen.

Ein Küstenabschnitt aus der Vogelperspektive zeigt bei genauem Hinschauen die Szene, als der alte Buckelwal sterben muss und der kleine Wal zu seiner Herde schwimmt. Doch bietet dieses Bild etwas Tröstliches: die am Horizont aufgehende, leuchtend gelbe Sonne. Genaues Hinschauen lohnt sich auch beim liebevoll gestalteten Vor- und Nachsatzpapier: Es sind Seiten aus Opas Sammelalbum, voll mit Notizen, Skizzen, eingeklebten Zetteln und vielen Informationen über Wale. Und wer über den Buchdeckel streicht, erlebt eine reizende Überraschung.

Petra Öllinger

Ingrid Mennen (Text), Irene Berg (Illustration, Coverillustration, Lettering), Yimeng Wu (Buchgestaltung): Ben und die Wale. Eine wunderbare Reise.(Originaltitel: „Ben and the Whales. The Extraordinary Journey“/“Ben en de Walvisse – `n wonderbaarlike Reis, ins Deutsche übersetzt von Ingrid Mennen und Irene Berg)
Kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2016.
32 Seiten, € 18,60 (Ö)

© Cover: Kunstanst!fter Verlag

Der Geruch der Welt

18. Juli 2016 von eag

Ein olfaktorischer, und manchmal sehr mühsamer, Weg durch die Welt.

Cover: Der Geruch der Welt Es gibt Wege, die einen dermaßen anstrengen, dass sich Zweifel breitmachen, je ans Ziel zu gelangen. Es gibt Wege, die einen am eigenen Verstand zweifeln lassen, weil man die Besonderheiten auf dieser Strecke, die von MitgeherInnen bestaunt und bejubelt werden, nicht sieht. Aber es gibt auch Wege, die von Labstationen gesäumt sind, an denen man die Hoffnung schöpft, nicht völlig umsonst unterwegs zu sein.

Diese sehr gemischten Gefühle beschleichen einen, wenn man sich auf den Weg durch Paul Divjaks Essay begibt. Der Autor, Künstler und Kunstwissenschafter ist u.a in der Olfaktorik tätig und – „schenkt uns ein raffiniertes literarisches Plädoyer zum verfeinerten Gebrauch unserer Nase“. Und da taucht er schon auf, der Zweifel. Warum will sich die vom Verlag formulierte literarische Raffinesse nicht bemerkbar machen? Warum will sich die an „Wittgenstein erinnernde Strenge“, wie Rainer Rosenberg sie in der Ö1-Radiosendung „Von Tag zu Tag“ formulierte, nicht auftun? Ist man zu dumm, zu ignorant, zu oberflächlich, weil man sich diesem Staunen nicht recht anschließen mag?

Also ein paar Schritte zurück auf dem Weg und nochmals lesen. „Die prägenden Moleküle eines Geruchs verhalten sich auf ganz bestimmte Art und Weise zueinander. Die Art und Weise, wie die prägenden Moleküle eines Geruchs sich zueinander verhalten, bestimmt seine Charakteristik.“ S. 18
„Zum objektiven Geruchsbild gehört alles, was zum Geruch gehört, nicht aber die Projektionen / die Zuschreibungen / die (individuelle) Interpretation.“ S. 38
Das „No, na“ schwindet trotzdem nicht.

Wer sich mit dem menschlichen Riechorgan und der Wahrnehmung des Geruchs der Welt beschäftigen möchte, ist bei den eingangs erwähnten Labstationen besser aufgehoben. Davon gibt es in Paul Divjaks Text eine große Anzahl. Zitate, Hinweise, Querverweise zu Literatur, Musik, Werbung sowie zu wissenschaftlichen Erkenntissen und Erfahrungen aus der Welt der Olfaktorik, z.B. die Präsemantik – die unmittelbare Wahrnehmung abseits des Verbalen – als Merkmal bei der Bezeichnung/Beschreibung von Gerüchen.
Duftassoziationen durchbrechen in unregelmäßigen Abständen den Text auch typographisch. In Grossbuchstaben eingestreute Wörter – z.B. BACDEO. EINE KARBIDLAMPE. MERFEN ORANGE. TIPP-EX. – lösen Überlegungen aus wie: Gibt’s das überhaupt noch? Wie riecht so etwas? Vernachlässigen und unterschätzen wir unseren Geruchssinn tatsächlich? Warum fehlt’s an geeigneten Worten, um diesen zum Ausdruck zu bringen?

Wer durchhält, wird am Ende des olfaktorischen Weges mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis belohnt, dass Möglichkeiten bietet, Antworten auf diese Fragen zu erhalten.


Petra Öllinger

Paul Divjak: Der Geruch der Welt. Essay. Gebunden mit Lesebändchen.
Edition Atelier, Wien, 2016.
80 Seiten, € 15.- (Ö)
Über Paul Divjak

Kurze Erinnerung an Ingeborg Bachmann

12. Juli 2016 von wela

Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren. Sie starb am 17. Oktober 1973 in Rom (gelegentliches Pseudonym Ruth Keller). Sie gilt als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen und Prosaschriftstellerinnen des 20.Jahrhunderts. Ihr zu Ehren wird seit 1977 jährlich der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen.

Von 1945 bis 1950 studierte sie Philosophie, Psychologie, Germanistik und Rechtswissenschaften an den Universitäten Innsbruck, Graz und Wien.
Als historischer Werdegang soll ein kurzer unvollkommener Überblick über ihr literarisches Schaffen dienen:

Die erste Veröffentlichung von ihr ist die Kurzerzählung: „Die Fähre“. (Erschienen 1946, in der Kärntner Illustrierten.)[1]
Weiters ist ihre Zeit als Hörfunkredakteurin beim Wiener Sender Rot-Weiß-Rot, (1951–1953) erwähnenswert. Sie schrieb 1952 ihr erstes Hörspiel „Ein Geschäft mit Träumen“ und verfasste elf Folgen der sehr beliebten wöchentlichen Radiofamilie und je zwei weitere mit Jörg Mauthe bzw. Peter Weiser.[2][3] 1953 las sie zum ersten Mal auf der Tagung der Gruppe 47.
Mit Hans Werner Henze entstanden ab 1955 das Hörspiel „Die Zikaden“, die Textfassung für die Ballettpantomime „Der Idiot“ und die Opernlibretti „Der Prinz von Homburg“ und „Der junge Lord“.
1956 veröffentlichte Ingeborg Bachmann ihren zweiten Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“. Ebenfalls 1958 entstand das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“, [4]
Der erste Erzählband von ihr „Das dreißigste Jahr“ erschien 1961. Dafür bekam Sie den Deutschen Kritikerpreis. Die zwei Geschichten „Ein Schritt nach Gomorrha“ und „Undine geht“ wird zu den frühesten feministischen Äußerungen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit gezählt.[5]
Ungefähr 1965 begann Sie an der unvollendet gebliebenen Romantrilogie „Todesarten“ zu schreiben, von der sie 1971 den ersten Band „Malina“ veröffentlichte.

Sibylle Gramer schreibt: „In der Literatur von Ingeborg Bachmann sterben die Frauen am Denken, an ihrer scheinhaften Existenz als Männerphantasien, ihrer kulturellen Fremdheit und Außenseiterschaft. Sie gehen an ihrer Geschlechtsidentität zugrunde, die mehr und etwas anderes ist als die sexuelle Differenz vom Männlichen.[6]
Die österreichische Dichterin plante einen Umzug von Rom nach Wien, als sie nach einem Unfall, bei dem sie sich schwere Brandwunden zugezogen hatte, drei Wochen danach, am 17. Oktober 1973, ihren Verletzungen im San-Eugenio-Krankenhaus von Rom erlag.“

Wie genau sie sich mit den Verhältnissen in Österreich beschäftigte, geht aus einem Artikel von Ilse Leitenberger in der Tageszeitung „Die Presse“ aus dem Oktober 1973 hervor. Teile dieses Artikels wurden wortgleich zwei Jahre zuvor in „DIE ZEIT“ vom 9. April 1971 veröffentlicht, das Interview führte damals Toni Kienlechner. Leitenberger war als NSDAP-Mitglied im Zweiten Weltkrieg Redakteurin im Nachrichtenbüro des Goebbels-Ministeriums. Später avancierte sie zur Herausgeberin des Literaricum der Presse und zur stellvertretenden Chefredakteurin der Tageszeitung. Es scheint so, dass noch im Nachhinein diese Figuren, indem sie sich billige Nachrufe erlaubten, über die Antifaschistin Ingeborg Bachmann gesiegt haben. Sie schreibt: ”… ich habe schon vorher darüber nachgedacht, wo fängt der Faschismus an. Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden, … Er fängt an in Beziehungen zwischen Menschen. Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau …” (GuI S. 144)

Auf die innere Auseinandersetzung – nach dem: „sozialen Befund in „Malina“ von Kienlechner befragt, antwortete Bachmann: „…, für mich wäre es wichtiger, dass beschrieben wird, wie aus dem schwarzen Markt der Nachkriegsjahre der wirkliche schwarze Markt geworden ist – der damals gar nicht so schwarz war wie der heute.Das hat natürlich nichts mit einer Analyse der Wirtschaftsstruktur zu tun, müsste sie aber auf die eine oder andere Weise treffen. Denn auf diese andere Weise trifft man die universelle Prostitution, die Prostitution des Menschen in allen Zusammenhängen und in der Arbeit …“.

Im Nachruf von Friedrich Heer über Ingeborg Bachmann in der Presse, erzählte er, dass sie ihm in Rom im Februar 1973 erzählt habe, sie möchte sich nur mehr mit österreichischen Problemen befassen, literarisch befassen, und dass es deshalb eben notwendig sei, in diese Stadt (Wien), die ihr unheimlich wär, unheimlich dem Mädchen aus Kärnten, das scheu mit seinen großen Augen die Welt sieht, wie sie ist, diese ungeheuerliche Welt. … .
Sie wurde 47 Jahre alt. Damals sah sie in der 68er Bewegung eine Weltjugend, die in Empörung und Verzweiflung aufbricht.

1. Kärntner Illustrierte: Die erste Veröffentlichung von Ingeborg Bachmann, die Kurzerzählung: „Die Fähre“.
2. Ingeborg Bachmann: Die Radiofamilie. Hrsg. Joseph McVeigh, Suhrkamp, Berlin 2011, ISBN 978-3-518-42215-1, S. 402 f.
3. Ina Hartwig: „Die Ingeborg hat ein Ei gelegt.“ Im Nachlass entdeckt: „Die Radiofamilie“. Ingeborg Bachmann überrascht als famose Unterhaltungsautorin. In: Die Zeit. Hamburg, Nr. 22, 26. Mai 2011, S. 54.
4. zum Hörspiel siehe Jean Firges: Literatur
5. Biographie auf Fembio.org
6. Gramer Sibylle, Von weiblicher Autorschaft zu feministischer Literatur.. Das Beispiel Österreichischer Autorinnen. Erschienen in „Literarische Moderne, Europäische Literatur im 19. Und 20. Jahrhundert. Rowohlt, 1995. Herausgegeben von Burghard König.

Ingeborg Bachmann – Biographie auf Wikipedia
Ilse Leitenenberger – Biographie

Lang Werner, Herzblut Beschädigte/r Erzähler/ Erzählungen,

21. Juni 2016 von wela

Lang Werner, Herzblut. Beschädigte/r Erzähler/ Erzählungen, Herausgeber: Werkkreis Literatur der Arbeitswelt Wien, ISBN 978-3-9503673-5-5.

Herzblut von Werner Lang Allgemein muß vorangestellt werden, dass jeder Autor die Sprache seiner Gesellschaft übernimmt. Er kann nicht anders sprechen. Auch alles, was sich Arbeiterliteratur nennt, spricht in dieser Sprache. Es geht nicht anders, aber Arbeiterliteratur kann andere Informationen liefern.

Denn, „was wir von den Bedingungen wissen, unter welchen wir handeln, entscheiden wir nicht selbst. Was wir von diesen Bedingungen wissen, hängt ab von den Informationen, die wir bekommen. Unser Einfluss darauf, welche Informationen wir bekommen, ist begrenzt. Wir können nicht Informationen finden, von welchen wir nicht wissen, dass sie uns fehlen. (…) Viele Arbeiter sagen zum Beispiel: ‚Das Geld arbeitet‘, obwohl nicht das Geld arbeitet, sondern sie. Arbeiter oder Angestellte sprechen nach, was sie gehört haben. Woher haben sie diesen Gedanken, der die Welt auf den Kopf stellt? Die Wirtschaftslehrer an den Schulen und Hochschulen behaupten dasselbe seit vielen Jahrzehnten. Sie sagen, der Boden, das Kapital und die Arbeit seien ‚Produktionsfaktoren‘ (‚Macher‘). Das Kapital macht nichts, der Boden macht nichts, die ‚Arbeit‘ macht nichts. Die Arbeiter machen, die Angestellten machen, manche Unternehmer machen.“ E. A. Rauter

Daher geht es in dem Buch „Herzblut Beschädigte/r Erzähler / Erzählungen“ nicht über Arbeit, sondern über Arbeiter, wie sie denken, träumen und leben. Werner Lang war fünfunddreißig Jahre lang hauptsächlich als Betriebsschlosser tätig.

Heimo Gruber schreibt: „Er kommt aus Betrieben, in denen die Geräusche von Maschinen und Werkzeugen nicht selten so laut sind, dass sie alle menschlichen Äußerungen übertönen. Er kämpft mit Worten dagegen an. Seine jahrzehntelangen Erfahrungen in der industriellen Arbeitswelt hat er zu Literatur verdichtet, die sich nicht mit dem Ausdruck des sinnlich Empfundenen und Erlittenen begnügt. In Werner Langs Literatur werden darüber hinaus die Bedingungen von Lohnarbeit theoretisch reflektiert und in eine Begrifflichkeit gegossen, die ihre Herkunft und Bildung im Denken der marxistisch inspirierten Arbeiterbewegung erkennen lässt.“

Als Einleitung der Erzählung „Opfer der Produktion“ schreibt Werner Lang:
„Die Sprache ist für mich, als Arbeiter, etwas Vorgegebenes, Fertiges, steht in Büchern, zum Lesen. Selber schreiben kommt mir, in der Rolle des Arbeiters, nicht in den Sinn. Bleibt mir nur das Sprechen. Auch gegen oder über das geschriebene Wort. Das gesprochene Wort, eines Arbeiters, ohne Verstärker über Rundfunk und Fernsehanstalten, geht verloren, wird sofort vergessen, nicht wichtig genommen. Darum der Sprechtext: Mit Hilfe des geschriebenen Wortes gegen das herrschende Wort, als ‚Gegensprech-Anlage‘. Das einmal schon Gesprochene (im Gasthaus, ‚am Stammtisch‘, auf die Frage: Siehst du dich als Opfer?) zum Nachlesen, Festhalten, noch einmal Gebrauchen, davon verwenden, was jeder gerade braucht.“ Werner Lang lässt in seinen Erzählungen Beschädigte zu Wort kommen.