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"Wir rufen auf! Penner, Fleischwölfe, arbeitsscheues Gesindel"

Anthologie mit den Texten des 2. Literaturpreises.

"Rote Lilo trifft Wolfsmann"

Anthologie mit den Texten des 1. Literaturpreises.

Würdigungspreise

Die Jury hat sich auch diesmal dazu entschlossen, Würdigungspreise – außer Konkurrenz, d.h. ohne Teilnahme an der zweiten Stufe – zu vergeben. Die folgenden AutorInnen erhalten ein Buchpaket und werden mit ihrem Beitrag ebenfalls in der Anthologie vertreten sein.

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Die Texte und Biographien der drei WürdigungspreisträgerInnen
Entscheidung der Jury in der ersten Wettbewerbsstufe
Die PreisträgerInnen der ersten Wettbewerbsstufe
Weitere Beiträge von TeilnehmerInnen der ersten Wettbewerbsstufe
Terminfahrplan

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Die Texte und Biographien der drei WürdigungspreisträgerInnen

Sämtliche Rechte am Werk verbleiben beim Autor, bei der Autorin. Diese haben der Veröffentlichung der nachfolgenden Texte hier auf der Literaturpreisseite zugestimmt. Der Zustimmung zur online-Veröffentlichung kann jederzeit vom Autor / von der Autorin widerrufen werden.

Ulrich Borchers – Biographie
Ulrich Borchers – Unser Chef wird lyrisch

Barbara Keller – Biographie
Barbarra Keller – Wie eine Seuche

Wolfgang Koller – Biographie
Wolfgang Koller – Seitenwechsel

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Ulrich Borchers – Biographie

Ulrich Borchers ist ein überzeugtes Nordlicht und verließ daher Flensburg in 48 Jahren nur kurzfristig für ein Fachhochschulstudium der Rechtspflege. Als Flensburger arbeitet er natürlich bei den Punkten im Kraftfahrt-Bundesamt. Schreiben ist Passion und Hobby!

Ulrich Borchers – Unser Chef wird lyrisch!

Das wurde auch Zeit! Nachdem zuletzt Frau Kupphäuser-Görken, die vorzeitig in Rente ging, nicht ersetzt wurde und wir auch noch Aufgaben vom Versand übernehmen mussten, brauchten wir mal so etwas. Immer weniger Leute – immer mehr Arbeit! Jeden Abend kaputt nach Hause und auf Streit hoffen, damit ich mich abreagieren kann. Ist ja auch nicht gerade nett, oder? Und dann kommt heute morgen unser Chef reingefegt, erklärt, er sei auch völlig fertig, wir sollten nicht glauben, er würde nichts machen, von wegen, nach unseren Problemen würde er sich die Finger lecken, immer nur mehr, er könne es nicht mehr hören, wer seien wir überhaupt und sowieso … Da muss er Luft holen und dann verkündet er den ersten Lichtblick seit Wochen: „Stellt euch auf Arbeitsverdichtung ein!“ und Abgang.

Tja, sagten wir uns, das ist doch mal was. Wenn wir hier schon klotzen müssen wie die Blöden, dann wenigsten ein bisschen Kultur! Bernd, eher etwas schlicht, kommt sofort plump daher.

„Mit Spaß werden wir zu Arbeit gehen,
wenn wir einmal im Mittelpunkt stehen!“

Nein, das Thema hat mehr Tiefe verdient. „Reim dich oder ich fress dich!“ bringt uns da nicht weiter. Unser Eifer ist geweckt. Britta schlägt ein Brainstorming vor.
Erik weiß es besser. Erik weiß es immer besser! „Brainstorming ist als Kreativitätsmethode ungeeignet. Reden blockiert bloß. Brainwriting ist geeigneter!“
Allgemeines Stöhnen! Mind-Mapping, 6-3-5 Methode, Semantische Intuition, Kopfstandtechnik. Vor lauter Techniken schwirrt uns der Kopf.
Pia hat die rettende Idee: „Einfach machen!“
Da sind wir alle begeistert und verabreden für Mittwoch ein Kickoff-Meeting in dem die ersten Ideen präsentiert werden sollen. Eigeninitiative! Unser Chef soll stolz auf uns sein!

Ich präsentiere mein Gedicht à la Bukowski. „Einen Titel habe ich noch nicht!“, muss ich einräumen.

„Eklig klebende Bürotage
hinterlassen Spuren.
Versuche die Berührung
meiner Kleidung, meiner Hände
damit zu vermeiden.
Unvermeidbar!
Kann mich abends kaum lösen,
zähe Schritte, Gedanken
alles klebt.
Kaum gereinigt
geht alles von vorne los!“

„Das reimt sich nicht mal“, meckert Bernd.
„Immerhin“, sagt Pia.
Erik wiegt den Kopf hin und her.
„Ich habe ein Haiku“, verkündet er.
Das überrascht uns nicht wirklich.

„Ablagesystem
Draußen spielen Blätter in
windigen Ecken.“

Potztausend! Unser Erik! Nach gemeinsamem ergriffenem Schweigen sind Britta und Pia mit ihrem Limerick dran.

„Zwei attraktive Frauen aus Füssen
waren versessen aufs Küssen.
Doch einsam bleibt der Mund
aus einem blöden Grund.
Weil sie ständig arbeiten müssen!“

Bernd erklärt, dass sein erster Versuch jedem Vergleich standhalte. Er bringe es schließlich auf den Punkt. Wir hätten doch längst die Bodenhaftung verloren. „Haiku! Ha, sonst noch was!“

Auf jeden Fall machen wir uns alle Mann, ups, Pia ist zuständig für geschlechterneutrale Sprache, also alle Menschen auf den Weg zum Chef und tragen vor. Er ist sprachlos vor Begeisterung. Wir sind froh, unseren Beitrag zur Arbeitsverdichtung geleistet zu haben.

Vielleicht sollte sich unser Chef doch mal Bernds erste Zeile durch den Kopf gehen lassen. Noch steckt da Hoffnung drin!

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Barbara Keller – Biographie

Barbara Keller wurde 1944 geboren, war Deutschlehrerin, schreibt seit ihrer Pensionierung und hat Texte im „Podium“, Wien, veröffentlicht, zwei Kurzhörspiele sind im ORF und im WDR gesendet worden.

Barbara Keller – Wie eine Seuche

Schon sechsundzwanzig
sind ihr zum Opfer gefallen,
und weitere zwölf
in letzter Minute gerettet!

Einer hat sich ein Messer
in die Brust, die eigne, gerammt.
Zu nichts mehr nütze, hieß es über ihn,
mit neunundvierzig Jahren, und:
rentabler, wenn anderswo.
In die eigene Brust! Er bedaure es nicht,
sagt er, nachdem er gerettet.
Auch wenn der Körper verletzt ist:
Die Seele sei es viel mehr.

Nun hat der Arbeitsminister gefordert,
die Ansteckung einzudämmen,
der Generaldirektor – nachdem er zuerst
von einer Modeerscheinung gesprochen –
die Unterbrechung versprochen,
der teuflischen Spirale.

Es gibt keinen
technologischen Fortschritt
ohne den sozialen,
sagt der Minister.
Also muss nur das Personal
dabei besser begleitet werden.
Hundert Personalberater mehr,
im Betrieb, und extern Psychologen und
ein grünes Telefon, für die Sorgen.
Ab dem zweiten Stock Fenster, die
sich nicht mehr öffnen lassen.
Und die Maßnahmen der Umstrukturierung –
erst einmal eingefroren.
So bis Weihnachten.
Die Reorganisation des Betriebes
freilich geht weiter. Mit der Zustimmung
des Betriebsrats. Denn
wir wollen den sozialen Fortschritt.
Aber auch den technologischen.

Daher wird ab sofort –
mittels Fragebogen,
nicht freiwillig, nicht anonym –
wer infiziert ist, identifiziert.
Zur Seuchenbekämpfung.
Und aus den noch nicht Infizierten
herausgefiltert.

Damit mit den Kranken
die Krankheit verschwindet.

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Wolfgang Koller – Biographie

1949 in einer Grenzstadt im tiefen Waldviertel geboren und aufgewachsen. Eine Kindheit, lange Jahre ohne Radio und Fernsehapparat, aber in einer inspirierenden Landschaft und vielen Büchern aus der Leihbibliothek. Nach der Matura Umzug nach Wien, Belletristik zwangsläufig gegen EDV-Fachliteratur eingetauscht. Seit wenigen Jahren: in der Umgebung Wiens wohnhaft; zusätzlich zum IT-Job Arbeitnehmervertreter. 2009 Die Rückkehr zu einer alten Liebe wird mit dem Sonderpreis der Jury für den Literatur-Twitter belohnt

Wolfgang Koller – Seitenwechsel

Er zuckte zusammen, als ein Insekt mit einem harten Tack frontal auf dem Visier seines Motorradhelmes einschlug und zerplatzte. Das Innenleben eines Käfers breitete sich im anströmenden Fahrtwind als gelbbraunschwarzer Klecks auf dem Plexiglas aus und trübte die klare Sicht auf die spätsommerliche Landschaft. „Ich sollte anhalten und das Visier reinigen“, dachte er bei sich, aber die Hand am Gasgriff hatte bereits die gegenteilige Entscheidung getroffen.
Er liebte diese Ausfahrten mit dem Motorrad. Als Vorstandsvorsitzender eines großen Unternehmens blieb ihm wenig Zeit für privates Vergnügen, aber Sonntage, wie heute, versuchte er sich frei zu halten. Sonntag am Land, später Vormittag, ist ideal für Motorrad fahren. Die Landstraßen sind verwaist. Die Menschen sind in der Kirche, im Wirtshaus oder bereiten zu Hause das Sonntagsessen zu. Traktoren, Lastwagen und Autos bleiben ebenso unbenützt wie die Laserpistolen der Polizei. Nichts stört beim Versuch, die fahrerischen Grenzen auszuloten. Nichts verlangt ärgerliche Aufmerksamkeit, wenn man seinen Gedanken freien Lauf lassen will. Allein die Hand am Gasgriff bestimmt, wie weit man sich diesem dynamischen und inspirierenden System aus Mensch, Maschine, Straße und Umwelt hingibt.
Der Käfer hatte ihn aus seinen Gedanken geholt. Morgen war Pressekonferenz. Fünftausend Leute hinauszuschmeißen musste sorgfältig argumentiert werden, insbesondere bei einem Bilanzgewinn in dreistelliger Millionenhöhe. Die Vorbereitungsarbeiten waren erledigt. Beträchtliche Werbeeinschaltungen in den wichtigen Informationsmedien würden ihre Wirkung in der Berichterstattung nicht verfehlen. „Es hängt an den richtigen Worten“, überlegte er, während er auf die kleine Ortschaft vor dem Beginn des kurvigen Teiles seiner Strecke zuhielt.
Sein Mentor, der Aufsichtsratsvorsitzende, hatte ihm zu Beginn seiner Karriere deren Wichtigkeit einprägsam vermittelt: „Lieber Freund“, hatte er zu ihm gesagt, „wir dienen einem Herrn, der eines will: überleben! Überleben auf seine Art, nach seinem Willen und ohne Rücksicht auf andere! Dazu braucht er Macht! Der Schlüssel zur Macht ist Geld, viel Geld! Und um das zu beschaffen, benützt er ein altes Rezept: viele Menschen für wenig Gegenleistung für sich arbeiten zu lassen. Aber!“, führte er mit sarkastischem Unterton weiter aus. „Arbeit in dieser Form ist den Menschen nicht in die Wiege gelegt. Sie wollen motiviert werden! Gottes Lohn reicht für Selbstmord-Attentäter, ist aber nicht unser Geschäftsfeld. Sklavenarbeit wurde abgeschafft. Hand abhacken, wie es noch Anfang des 20. Jahrhunderts bei der Ausbeutung des Kongo durch den belgischen König Leopold II. systematisch eingesetzt wurde, ist geächtet. Kinderarbeit ist verpönt.
Was bleibt, mein Freund, ist die Verwertung eines Weltbildes, das schon von alters her für die Untertanen etabliert wurde. Ein Bild, das Arbeit als unabdingbares Gut für den Einzelnen zeichnet, von Gott gewollt, und unverzichtbar für das Wohl der ganzen Gemeinde. Wir, mein Freund, sind die Statthalter derer, die dieses Weltbild pflegen, um daraus Gewinn zu schöpfen. Unsere Aufgabe ist es, sie dabei bestmöglich zu unterstützen! Nimm den Begriff ‚Arbeitgeber’! ‚Arbeit’ und ‚Geber’ erzeugen bei den Menschen positive Gefühle. Wie viel mehr tut dies erst die Kombination aus beiden? Gefühle, mein Lieber, kommen aus dem Bauch. Kritische Betrachtung durch das Großhirn ist da nicht mehr vorgesehen!“
Er rollte durch die wenige Häuser zählende Ortschaft. Der Duft eines Sonntagsbratens lag für ein paar Meter quer über der Straße und weckte Erinnerungen an die Kindheit. „Hab’ ich dem Greißler vis-à-vis zu wenig Arbeit gegeben?“, hatte er als Schulkind seine Lehrerin gefragt. „Er hat mir immer eine so gute Wurstsemmel mit Butter und Essiggurkerl gemacht und jetzt hat er zu!“ Auf das Kopfschütteln der Lehrerin hatte er erklärt: „Man gibt dem Autospengler ja auch nur Arbeit, wenn man ein Auto kaputt fährt!“
Die Tafel mit ‚Ortsende’ kam in Sicht. Er beschleunigte. „‚Arbeitgeber’ ist genial!“, dachte er anerkennend. „Eine allgegenwärtige, juristisch abgesicherte Bezeichnung, unter deren Schutz es sich bequem abkassieren lässt.“ Die Kurve flog auf ihn zu und er tauchte tief in das Mensch-Maschine-System, mit dem Motorrad als integriertem Werkzeug, ein: anbremsen, einlenken, Gas geben. Er lag in der Kurve und spürte den Grip der Reifengummis wie ein Skifahrer die Stahlkante auf griffiger Piste. Ein Hochgefühl durchströmte ihn.
Den Mähdrescher ohne Begleitfahrzeug bemerkte er den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Er hatte keine Chance. Wie ein blöder Käfer, schoss es ihm durch den Kopf. Er sah die Stelle, wo er auftreffen würde. Sie kam im Zoom auf ihn zu. „Das wird eine schöne Wirtschaft geben“, war sein letzter Gedanke und er akzeptierte, was unvermeidlich war.

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