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"Wir rufen auf! Penner, Fleischwölfe, arbeitsscheues Gesindel"

Anthologie mit den Texten des 2. Literaturpreises.

"Rote Lilo trifft Wolfsmann"

Anthologie mit den Texten des 1. Literaturpreises.

Weitere Beiträge

Jene TeilnehmerInnen, die dieses Mal „leer“ ausgegangen sind, mögen dies nicht als Entmutigung verstehen. Vielmehr möchten wir sie anregen, sich auch in Zukunft an weiteren Ausschreibungen zu beteiligen und sich mit anderen Schreibenden zu vernetzen. Dazu sind die AutorInnen einer Reihe weiterer Texte von der Jury eingeladen, ihren Beitrag hier auf der Literaturpreisseite zu präsentieren.

Die Rechte für die Texte liegen bei den AutorInnen. Diese können der online-Veröffentlichung jederzeit widerrufen.

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Weitere Beiträge von TeilnehmerInnen an der ersten Wettbewerbsstufe
Entscheidung der Jury in der ersten Wettbewerbsstufe
Die PreisträgerInnen der ersten Wettbewerbsstufe
WürdigungspreisträgerInnen
Terminfahrplan

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Weitere Beiträge von TeilnehmerInnen an der ersten Wettbewerbsstufe

Lisa Dobi – Biographie
Lisa Dobi – The Secretary’s Secret

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Katarina Dominka – Das Märchen vom Practiculus

Astrid Ebner-Zarl – Biographie
Astrid Ebner-Zarl – Goldener Handschlag

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Anna-Maria Eder – Im Niemandsland der Nacht – die Zeitungsausträgerin

Hannelore Greinecker-Morocutti – Biographie
Hannelore Greinecker-Morocutti – worthülsen

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Margit Heumann – Stimmen hören

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Sabine Kurz – Eingegangen

Gabriele Müller – Biographie
Gabriele Müller – Ein Gespenst geht um …

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Stafanie Oddei – Die rote Hexe und der holländische Waldschrat

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Stefanie Philipp – Machtspiel

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Manfred Pricha – der aufsteiger

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Britta Pusch – Vorgesetzte Wärme oder Eiskalte Vorgesetzte

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Martin Schörle – Feindliche Übernahme

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Kathrin Schultz – Wetterfühligkeit

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Lukas Spranger – Rationalisierung

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Werner Stangl – Was war das für ein Wort?

Lea Streisand – Biographie
Lea Streisand – Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again

Kerstin Wadehn – Biographie
Kerstin Wadehn – Ein Käfig voller Talente

Carsten Zur – Biographie
Carsten Zur – Der Gesundpfleger

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Lisa Dobi – Biographie

Geboren 1955 in Wien, nach literaturwissenschaftlichem Studium, Lebenspartner finden, Kinder kriegen, Geld verdienen, Kinder erwachsen werden lassen, seit 2009 erste Gehversuche auf dem literarischen Parkett.

Lisa Dobi – The Secretary’s Secret

I
„Eigentlich sind Sie überqualifiziert“, er steht auf ohne den Blick von ihrer Bewerbungsmappe zu wenden und kommt um den Schreibtisch herum, „aber das macht nichts.“ Seine Hand zeigt auf das Ledersofa.
Sie setzt sich und betrachtet sein Gesicht – müde, seine Augen – Tränensäcke, seinen Körper – mehr als ein Kilo zu viel. Wahrscheinlich ist er in ihrem Alter. Ein Mann in den besten Jahren, eine Frau auf dem Weg in die Unsichtbarkeit.
Etwas schwerfällig lässt er sich ihr gegenüber in einen Sessel fallen. Seine Hand schiebt mehrere Stapel bedruckter Seiten auf dem Tisch zusammen.
„Tippen müssen Sie nicht. Ich schreibe alles selber, direkt in den PC“, er wirft ihr einen Beifall heischenden Blick zu.
„Sie sorgen nur dafür, dass die Technik reibungslos funktioniert. Ich habe, wie man so schön sagt, zwei linke Hände.“
Seine rechte Hand kramt in der Jackettasche und holt ein Päckchen Zigaretten hervor.
„Sie auch?“
Sie schüttelt den Kopf.
Er geht zum Fenster, öffnet es einen Spalt und bläst den Rauch hinaus.
„Natürlich ist das ist eine Vertrauensstellung. Diskretion und Loyalität sind oberstes Gebot.“
Er schnippt die Zigarette hinaus, schließt das Fenster und wendet sich zu ihr um.
„Ansonsten Engagement, Flexibilität, selbständiges Arbeiten etc. pp. Das kennen Sie ja. Gehen Sie zur Personalabteilung im Erdgeschoss. Dort sagt man Ihnen, was Sie für den Vertrag brauchen.“
Benommen steht sie vor der Tür. Sie hat ja gar nichts gesagt. Gibt’s keine anderen Bewerberinnen? Sie schaut den Gang entlang, als müsste der Rockzipfel einer Konkurrentin noch irgendwo zu sehen sein.

II
Die Arbeit macht ihr Spaß. Für alles, was für die Forschung unwichtig ist, hat sie die Verantwortung. Niemand kontrolliert sie. Sie kann auch am Wochenende ins Büro kommen. Ihre Arbeitszeit ist völlig flexibel.
Schon lange hat sie sich an einem Arbeitsplatz nicht mehr so wohl gefühlt. Sie duzen sich alle, auch mit dem Chef. Dass sie Kaffee kocht, erwartet er nicht von ihr. Allerdings kommt er mit der Kaffeemaschine nicht zurecht. Zwei linke Hände eben.

Schon nach einem halben Jahr feiern sie ihren ersten gemeinsamen Erfolg.
Sein Projekt ist – als einziges – ausgewählt worden für die Förderung. Das sind drei Jahre lang 250.000 € pro Jahr mit der Option auf Verlängerung. Als der Präsident ihn angerufen hat, um ihm zu gratulieren, ist er ihr um den Hals gefallen.
„Mensch, ohne dich.“
„Aber nein“, hat sie abgewehrt.
Jetzt steht er am Rednerpult. Der Präsident ist doch nicht gekommen, aber einer der Vizepräsidenten soll da sein und natürlich die Kollegen. Dass er sich am Pult festkrallt, sieht nur sie, weil sie hinter ihm steht. „Glänzende Rede“, werden sie ihn später loben. Jetzt ist er gleich durch. Ein paar Danksagungen noch.
„Last but not least“, hört sie, „die Sekretärin, die so viel mehr ist als eine Sekretärin, ohne die das hier – ja auch das schöne Fest, nicht zu vergessen das gute Essen, ha, ha, ha“. Wohlwollendes Klatschen.

Am meisten muss sie auf die Studentinnen aufpassen. Die würden ihm ständig die Tür einrennen. Nur zur Sprechstunde, sonst kommen sie nicht an ihr vorbei.
„Was die alles von mir wollen“, sagt er zu ihr und zwinkert ihr zu.
Eines Tages kommt Christina B. in sein Büro. Als sie geht, hat er glasige Augen.

III
Den ganzen Tag scheint er ihr nervös. Sie geht ihm lieber aus dem Weg und will pünktlich um fünf Uhr nach Hause. Er fängt sie an der Tür ab und holt sie in sein Zimmer.
„Du musst mir helfen, ich brauch den DVD-Player“.
Dann drückt er ihr eine DVD in die Hand.
„Die Stelle heißt Deep Lissy oder so ähnlich.“
Sie sucht. Die Stelle heißt „Leeza Deep Throat“.
Er will, dass sie auch hier seine rechte Hand ist.
Anschließend zündet er sich eine Zigarette an.
„Sorry“, sagt er, „ohne das kann ich mich mit ihr nicht treffen. Die kann doch sonst mit mir machen, was sie will.“
Sie geht in ihr Büro zurück, packt alle ihre Sachen zusammen und wartet bis er gegangen ist. Dann öffnet sie seine Bürotür. Sie fühlt die Feuchtigkeit in ihrem Slip.
„This is the Secretary’s Secret“, schreibt sie mit der durchsichtigen Flüssigkeit auf sein schwarzes Ledersofa, „das ist das Sekret der Sekretärin“.

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Katarina Dominka – Biographie

Geboren 1962 in Schwerin, sie lebt mit ihrem Lebensgefährten auf dem Lande in der Nähe von Schwerin. Sie hat zwei erwachsene Töchter und ist von Beruf Landschaftsarchitektin.
Mit mit der Krimigeschichte „Lewitzgeflüster“, ihrem ersten weitergereichten Schreibwerk, schaffte sie es beim Weilland-Krimi-Kurzgeschichtenwettbewerb 2007 unter die im Buch „Der Petermännchen-Mörder“ veröffentlichten zehn besten Beiträge.

Katarine Dominka – Das Märchen vom Practiculus

Es war einmal der Schatzmeister eines Königs, der hatte eine Frau und zwei Kinder. Die Frau hieß Rosa, die Kinder Moneta und Siegfried.
Sohn Siegfried machte seine Eltern froh. Er hatte Die große Schatzlehre und ein Practiculus beim Vater glanzvoll bestanden und stand beim Schatzmeister im benachbarten Königreich in Lohn und Brot. Moneta hingegen war ein gar schwieriges Kind. Sie wollte weder heiraten noch ihre Zukunft in die Hände der Eltern legen. „Ich werde Kunst und Blumen studieren!“, beharrte sie. Besonders der Vater war über den Eigensinn der Tochter sehr ungehalten.
Jahre vergingen. Moneta zog nach der Zeit an der Königlichen Akademie für Kunst und Blumen von Practiculus zu Practiculus. Sie bekam wohl schmeichelhafte Worte aber nie eine Anstellung. Vielen Practiculanten erging es wie Moneta. Die Misere drohte gar zum Staatsproblem zu geraten. Ohne die Fürsprache des Vaters hatte des Schatzmeisters Töchterlein nicht die klitzekleinste Chance. „Entweder sie fügt sich und macht was wir ihr sagen oder sie soll sehen, wo sie bleibt. Und damit basta.“, waren die Worte des Vaters.
Moneta war still geworden und selbst den Duft von Blumen nahm sie nicht mehr wahr. Mutter Rosa sorgte sich sehr um ihre Tochter.
Eines Tage hörte die Mutter ihr Liebes wie ein Vöglein ein Liedchen zwitschern. Geschwind eilte sie herbei und fragte: „Moneta, mein Herz, was erfüllt dich mit solchem Frohsinn?“ Die Tochter jauchzte: „Ein Practiculus, Frau Mutter. Eines, wie ich es nicht zu beschreiben vermag!“ Die Mutter erbleichte. Ein Practiculus sollte ihr Kind glücklich machen? Was steckte dahinter? Nach einiger Überlegung ersann sie einen Plan.
Am nächsten Tag folgte Rosa der Tochter heimlich, bis zu einem abgelegenen und von Rosen überwucherten Anwesen. Drei Mal klopfte Moneta an ein großes eichenes Tor welches sich dann alsbald auftat und das Kind aufnahm.
Am nächsten Morgen stand an Monetas Statt Mutter Rosa vor dem geheimnisvollen Tor. Die Tochter würde dank Schlummertropfen wohl bis zum nächsten Tag durchschlafen. Rosa klopfte bang wie sie es belauscht hatte und tat dann tat sich vor der Staunenden ein wahrhaft märchenschöner Garten auf. Vögel zwitscherten und Blumen dufteten. Und wie sich Rosa eine Weile so ergötzt hatte dachte sie bei sich, dass dem Garten ein Brunnen gut stehen würde. Und ehe sie sich versah, plätscherte schon ein liebliches Brünnlein. Entzückt rief die Mutter aus: „Ein Wunder! Der Garten folgt gar meinem Sinnen!“ Die Zeit verging kurzweilig und ein livrierter Diener brachte die glücklich Erschöpfte am Abend vor das Tor.
Dem Schatzmeister wiederum war das merkwürdige Gebaren von Frau und Tochter aufgefallen. Er machte sich Sorgen und war nunmehr seinem Weib heimlich gefolgt. Für den Zutritt und eine Inspektion des geheimnisvollen Anwesens brauchte er jedoch noch die Erlaubnis des Königs.
Rosa war am Abend in einen köstlichen Schlaf gesunken. Im Traum sah sie das liebe Antlitz ihrer früh verstorbenen Mutter. Diese lächelte sie an und sprach dann eindringlich: „Wach auf, mein Kind! Der Garten der Träume wird morgen nur noch Erinnerung sein. Du musst jetzt etwas für Moneta tun.“ Rosa wachte auf und sann über die seltsame Botschaft nach. Gab es eine Verbindung zwischen Traum und Zaubergarten?
Mit Sonnenaufgang wusste sie plötzlich was sie für ihre Tochter Gutes tun konnte. Sie weckte Moneta, reichte ihr eine üppig mit goldenen Talern gefüllte Schatulle und schickte sie mit den Worten: „Liebes Kind. Nimm diesen Schatz und suche damit deinen Traum zu erfüllen. Ich weiß sehr wohl von diesem Garten.“, in die weite Welt.
Und da es im Märchen nicht mit rechten Dingen zugeht, fanden anderen Tags die Soldaten des Königs auf dem geheimen Anwesen nichts, als einen verwilderten Garten.
Moneta hatte nach Jahr und Tag mit den Talern der Mutter einen wahrhaft märchenschönen Garten entstehen lassen. Die Kunde von diesem Garten lockte zahllose Schaulustige an. Die Begeisterung bei den Besuchern war darob so groß, dass jeder gern einen Taler springen ließ. Moneta hatte ihr Auskommen durch den Garten und weil es damit nicht genug war, ließ sie im Königreich weitere Gärten errichten und Dutzende gescheiter Practiculanten fanden hier Anstellung.
Eines Tages besuchte der Schatzmeister den Garten seiner Tochter. Er war ob des überwältigenden Eindrücke zu Tränen gerührt und schalt sich wegen seiner Härte einen Narren. Frau und Tochter verzieh er großmütig die Eigenmacht.
In Folge der Ereignisse erwirkte der Schatzmeister beim König die Gnade zur Gründung einer Stiftung für Practiculanten und zahlte selbst ein Vermögen ein.

Die Geschichtsschreiber, die nicht ohne Spott die Zustände im Königreich mit „Generation Practiculus“ betitelt hatten schrieben fortan von einer Zeit der blühenden Gärten.

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Astrid Ebner-Zarl – Biographie

Geboren 1985 in Amstetten, im Juni 2003 Matura am Bundesgymnasium Amstetten, September 2003 – Juli 2007: Medienmanagement-Studium an der Fachhochschule St. Pölten (Diplomarbeit zum Thema: „Kinder und Radio – ein Anachronismus? Chancen und Möglichkeiten eines Kinderradios neben den Leitmedien Fernsehen und Computer“), seit Oktober 2007 Soziologiestudium mit Schwerpunkt Gender Studies an der Johannes Kepler Universität Linz.

Astrid Ebner-Zarl – Goldener Handschlag

du goldener Anschlag
auf meinen Stolz
hilfst ihm in den Mantel
hältst ihm die Tür auf
und dann schnell

hinaus

mit ihr, Würde,
was wiegt sie
in fliedernen Scheinen

nur wenig

verblieb
von den glühenden Plänen
da liegen sie, schlummern
am Rand meines Weges ins Abseits
in goldenen Gräbern

du goldener Dolchstoß
du goldener Fußtritt
du Schlag ins Gesicht mit der Faust

aus Gold
immerhin

käm’ ich nur davon
mit einem goldenen

Auge

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Anna-Maria Eder – Biographie

1963 in Rhede bei Bocholt /Deutschland geboren, aufgewachsen in Wien und Salzburg. Studium der Kunstgeschichte in Salzburg – Abschluss Dr.phil. Erste Gedichte während der Dissertation – vor allem seit 1998 entstehen 850 Gedichte. Berufliche Beschäftigung mit bildender Kunst, auch Publikationstätigkeit in diesem Bereich, rein literarische Publikation derzeit noch keine. Lebt in Salzburg.

Anna-Maria Eder – Im Niemandsland der Nacht – die Zeitungsausträgerin

Im Niemandsland der Nacht – die Zeitungsausträgerin
Die Figur der Zeitungsausträgerin ist angesiedelt zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen öffentlicher und intimer Sphäre. Sie trägt Nachrichten aus, ist weder Schreiberin noch Leserin und schon gar nicht Gegenstand der gedruckten Zeilen. Sie befindet sich im Niemandsland, an einem Wendepunkt in ihrer Existenz. Ihre Sinne sind geschärft. Die Tätigkeit ist ihr fremd, sie nimmt ihre Rolle wahr wie von außen. So ist sie umso mehr ein Gefäß für alle möglichen Geschichten, die sich bis ins Innere der Häuser führt. Das Zitat „Die Gegenwart ist der beste Beweis für die Möglichkeit“ fiel ihr ein. Die Möglichkeiten der eigenen Gegenwart, einer eigenen Geschichte – von dieser Leerstelle aus.
1. Nachthimmel, leere Straßen – ich erwarte nichts – eine Form von Tod – die Nacht zum Anfang machen. Die Zeitungsausträgerin steht um 2 Uhr auf und beginnt, wenn andere erst nach Hause kommen. Die Nacht ist frisch und wendet sich langsam zum Morgen. Es ist nicht die Nacht des Fortgehens, nicht die Nacht zum Kuscheln. Es gibt nur mehr Reste: die Ausgestoßenen, Schlaflosen. Jeder, der mir entgegenkommt, ist Gefahr und Feind. Angst, Leben oder Tod. Sterben oder arbeiten – eine unterqualifizierte Arbeit im irgendwann und irgendwo als Rettung? Ich tauche in eine Welt, außerhalb der gewohnten Ordnung des Alltags.
2. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und die Tour beginnt. Mühevoll geht es durch die Straßen, viele steile Treppen hinauf und hinunter. Hier eine in den Briefschlitz, dort zwei in die Zeitungsrolle, da stecke ich sie hinter das Haustorgitter. Hinter der verschlossenen Tür, in den ersten, zweiten, dritten Stock. Schlüssel, Tore, Eingänge, Verstecke, verschiedenste Wege. Mit dem Aufsperren der Haustüren durchdringe ich die Fassade der Stadt. Es riecht intim, persönlich, nach blank gescheuerter, gebohnerter Glätte, aber auch wieder nach Abfall, ungepflegt und modrig.
3. Es öffnet sich die Tür zu einer Innenwelt, das letzte Tor bleibt verschlossen. Ich kenne die Welt dahinter nicht. Die Namen auf den Türschildern gehören oft bekannten Persönlichkeiten. Meine nächtlichen Besuche sind mein Geheimnis, es ist eine einseitige Bekanntschaft. Meine Kenntnis ist mein Trumpf. Ist die Zustellung vorübergehend eingestellt, denke ich sofort an Reisen in ferne Länder. Dunkle Fenster, helle Fenster. Die Menschen sind für mich nicht erreichbar. Alles schläft. Die hochsommerlichen Straßen verwandeln sich an dem einen oder anderen Ort durch Schnarchen. Manchmal sehe ich Licht im Fenster.
4. Treppauf, treppab, von Tor zu Tor ergibt sich eine Route durch die Stadt. Manch gröhlender Betrunkene wird zum Hindernis, zur Sackgasse. Wie eine Amöbe kehre ich um, tauche ein in das mittelalterliche Labyrinth, wähle einen anderen Weg. Meine ängstlichen Atemzüge nehmen Besitz von mir. Die Stadt wird zum dunklen Ungetüm, eine stinkende, mörderische Falle – atemlos. Blicke auf die Festung mit Vollmond, wolkenverhangen – sie gehört nur mir allein. Eine leere Kulisse, eine Bühne – leer?
5. Die Nacht macht die Stadt zu einem vornehmen, ruhenden Innenraum. Die engen Gässchen sind wie Zimmer einer Wohnung. Läutet an irgendeinem Ende ein Telefon, so zerschneidet dies schrill die Nacht. Das Dunkel, die Stille weitet die Stadt zum Raum der Unendlichkeit, während der Tag mit seiner Unruhe, mit seinem Lärm und der Vielfalt seiner wachen Geister vom Raum ablenkt, den Raum füllt und überfüllt. Die nächtliche Intimität vermag auch in so manches Schlafzimmer einzudringen. Ein Baby schreit. Das Schreien vermischt sich durch das geöffnete Fenster hindurch mit der lauen Sommerluft. Geräusche durchbrechen die Grenze zwischen drinnen und draußen.
6. Bald endet die Nacht. Bald wird die ausgetragene Zeitung gelesen, gelangt auf die Frühstückstische, werden Teil eines Morgenrituals. Eine erste Phase der Geschäftigkeit führt in den Tag hinein. Wie in einem mechanischen Theater beginnen die Figuren mit ihren Verrichtungen. Die jetzt unterwegs sind, haben alle ihren Weg. Es ist noch nicht die Zeit des Müßiggangs. Die Schönheit der Stadt gehört noch mir allein – noch schenkt ihr niemand Beachtung, noch verkauft sie sich nicht. Hausmeister öffnen die Haustore und fegen den Eingang. Die Milchgeschäfte werden beliefert, der Bäcker fährt die Semmeln aus. Putzfrauen eilen in ihren bunten Kleidern und ihrem dunkelhäutigen Aussehen an ihren Arbeitsplatz. In den Cafes wird geschrubbt und geputzt.
7. Ein Tag rüstet sich, um dem Ansturm der Touristen gerecht zu werden. Um 6 Uhr ist es Zeit für die Hunde, die an der Leine ihrer Herrchen spazierengeführt werden. Die Menschen sind noch nicht herausgeputzt. Eine alte Dame wartet in aller „Herrgottsfrühe“ vor der Kirchentür auf den Frühgottesdienst. Es dämmert. Die ersten Lichtspuren einer Sonne erscheinen – sie taucht die graublaue Dämmerung in einen orangen Ton. Das Dumpfe erhält eine warme Färbung, plötzlich ist sie lebenstrunken da und verteilt ihre Sonnenwölkchen am halbbedeckten Schönwetterföhnhimmel.

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Hannelore Greinecker-Morocutti – Biographie

Geboren 1952 in Leibnitz, lebt in Rottenmann. Ausbildung in den Bereichen Fotografie und Grafik-Design. Ordentliches Mitglied der IG BILDENDE KUNST ÖSTERREICH. Zahlreiche Publikationen, Auszeichnungen und Ausstellungen. Seit 2009 in Pension.

Hannelore Greinecker-Morocutti – worthülsen

man nennt mich arbeitnehmerin
dabei bin ich es doch die gibt:
- leistung
- zeit
- leben
- gesundheit

dich nennt man arbeitgeber
dabei bist du es doch der nimmt:
- leistung
- zeit
- leben
- gesundheit

sprachspiele!
würde wittgenstein sagen

wirklichkeit!
sage ich

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Margit Heumann – Biographie

Geboren 1949 in Vorarlberg, verheiratet, zwei Töchter. Fremdsprachensekretärin/eigener Islandpferdereitbetrieb/Autorin. Lebte in England, Schweiz, lange Jahre in Deutschland und seit 2009 in Wien.
Veröffentlichungen:
Zahlreiche Artikel in Kinderzeitschriften, Pferdefachzeitschriften, True-Story-Magazinen, Internetportalen.
Erzählendes Sachbuch: Ein Hobby mit Konsequenzen, 2007, Tierbuch Verlag.
Literarische Beiträge in: 6 Worte und mehr, 2009, Ebbe + Flut Textwerkstatt; Agoraphobiastica, 2009, cr-verlag.

Margit Heumann – Stimmen hören

Da sitzt du auf einer Bank unter Bäumen und denkst an nichts Bestimmtes, ein Wald immer meditativ, Wipfelrauschen, Vogellaut, und plötzlich hörst du Stimmen, da fragst du dich im ersten Moment, was ist das, eine Vision, Transzendenz oder Delirium? Aber nein, ganz und gar nicht, nur zwei Arbeiterinnen, die sich mit etwas abmühen, was für sie wie ein Baumstamm sein muss.
„So geht das nicht, Amei, das Ding ist viel zu schwer“, stöhnt die eine, und die andere pflichtet ihr keuchend bei: „Du hast recht, Eise, wir müssen auf Unterstützung warten.“
Schwer atmend lassen sie das Ding Ding sein, verdiente Verschnaufpause, die steht ihnen zu, und wie das ist, wenn Frauen pausieren, nie schweigend. Wenn du mich fragst, Eise hat nur auf die Gelegenheit gewartet, ihre Erlebnisse an die Frau zu bringen, und Amei eine willige Zuhörerin, wenn auch keine stumme.
Eise, obwohl von Natur aus ein Orientierungsgenie, hat sich verirrt, ein Navigationsfehler katapultiert sie in eine fremde Welt, so anders, so unbegreiflich, so außerirdisch, das nimmt ihr keiner ab. Gleich die erste Begegnung schockierend, männliche Arbeiter, sie reibt sich die Augen, jawohl, dort arbeiten die Männchen, klingt irre, ist aber so. Amei zunächst belustigt, dann im Zweifel, ob Eise übergeschnappt oder verlogen oder zum Großmaul mutiert. Männchen und arbeiten, protestiert sie, völlig unmöglich, aus eigener Erfahrung weiß sie, Männchen sind wichtig, aber dass sie für etwas anderes taugen als Sex, davon hat sie noch nie gehört, das wäre ja das Paradies. Doch Eise schwört Stein und Bein, sie hat es selbst gesehen, so wahr sie hier sitzt. Darum sprechen sie dort immer von ArbeiterInnen, mit großem I in der Mitte, und wehe das I ist nicht groß, wo sich doch beide Geschlechter den Arbeitsprozess teilen – damit will sie ihre Glaubwürdigkeit unterstreichen, und siehe da, Amei schon fast überzeugt.
Außerdem, so Eise, werden ArbeiterInnen entlohnt, entlohnt, das führt aufgrund von Ameis sprachlicher Hellhörigkeit zu einem semantischen Missverständnis. Sie meint, bei entlohnt wird der Lohn verweigert, weil ent das Gegenteil des darauf folgenden Begriffs bedeutet, und hat gleich ein paar Beispiele parat: entdecken = Decke weg, entschleunigen = langsamer werden, entlaust = frei von Läusen, da merkst du, Ameis Wortklauberei kein Hobby sondern Programm. Eise kontert, ent kann den zweiten Wortteil verstärken wie bei entleeren = leer machen, und sie bekommen dort sehr wohl ihren Lohn.
Da rudert Amei zurück, murmelt etwas von Sprache nie ganz logisch, aber warum heißen sie ArbeitnehmerInnen, wenn sie doch LohnbekommerInnen sind, die Frage kann sie sich nicht verkneifen, und Eise rauft sich die nicht vorhandenen Haare. Amei will keinen Streit, erkundigt sich lieber nach dem Prinzip von Arbeit und Lohn. Beides, weiß Eise, kommt von Arbeitgebern, worauf Amei sie zwangsläufig ArbeitundLohngeber tituliert und direkt vermutet, dass diese Kaste rein männlich, Eise verblüfft, es stimmt, fast nur Männchen bei den Arbeitgebern und woher Amei das weiß, ganz einfach, weil keine Spur von großem I. Ist Eise nicht aufgefallen, sie muss zugeben, Spitzfindigkeit hat auch ihr Gutes. Bei diesem indirekten Lob wird Amei gleich rückfällig, ihrer Meinung nach ist er auch Bekommer, nämlich von Arbeitsleistung, also ArbeitundLohngeber und ArbeitsleistungBekommer in einem. Eise möchte der Kollegin am liebsten den Mund verbieten, diese Wortspalterei kompliziert die einfachsten Dinge, aber keine Chance, Amei hat sofort eine noch bessere Idee, einen unmissverständlichen Sammelbegriff für alle Beteiligten: Arbeit-undLohnAustauscherInnen, die einzig korrekte Bezeichnung.
Darauf geht Eise nicht ein, hat eh keinen Zweck, berichtet lieber über die schwierigen Lebensumstände dort aufgrund beschränkter Möglichkeiten, können einem direkt leid tun, krabbeln auf armseligen zwei Beinen, nicht auf sechs, wie sich das gehört, kompliziert das Transportwesen ungemein, brauchen rollende Untersätze für Einzel- und Massenbeförderung und geflügelte Kisten zum Fliegen, Amei kann nur den Kopf schütteln, so eine verkehrte Welt, wie soll das gehen?
Das Bild vom Paradies bekommt endgültig einen Riss, als sie hört, wie man dort wohnt, äußerlich zwar fast wie bei ihnen, viele zusammen in einem hoch aufgeschichteten Bau mit zahlreichen Abteilen und Verbindungsgängen, aber der Zusammenhalt untereinander absolut nicht zu vergleichen, kennen sich nicht, obwohl Tür an Tür, unerhört. So viel Individualismus führt unweigerlich zu Auswüchsen, daher der Trend zu freistehenden Zwergbauten für Einzelwesen, absolut unrentabel und eine wahre Verschwendung von Platz.
Stichwort Verschwendung, die herrscht ständig und überall, sie vergeuden zum Beispiel die Arbeitskraft der Alten. Wie? Es will Amei nicht in den Kopf, dass die Alten nicht arbeiten bis sie sterben, nein, sie werden verräumt und versorgt, funktioniert wie Brutpflege, genau so, doch völlig unrentabel, weil viel zu viele davon, Tendenz steigend, ein dickes Problem. Kein Verständnis dafür bei Amei, warum Problem, müssen sie für mehr Nachzucht sorgen, ist doch ganz einfach.
Einfach ist das nicht, weiß Eise, der Staat möchte wohl, aber jeder Einzelne, man mag es kaum glauben, kann bestimmen, ob und wie viel Brut er haben will. Bei so viel Autonomie vergeht Amei der Rest von erstrebenswertem Paradies, das muss ein Volk von Egozentrikern sein, kein Wunder der Mangel an ArbeitsaustauscherInnen, merkt der Staat das nicht? Dochdoch, aber keine Lösung in Sicht, und es kommt noch schlimmer, behauptet Eise, und macht eine weitere Milchmädchenrechnung auf.
Ein Mangel an Arbeiterinnen ergibt bei ihnen ein Plus an Arbeit, so sicher wie das Amen in der Kirche. Dort nicht, da entsteht aus dem Mangel an ArbeitnehmerInnen ein Minus an Arbeit, offensichtlich ganz andere Rechenmethode, daraus resultieren Arbeitslose bei reichlich vorhandener Arbeit, das verstehe wer mag. Amei schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, ein kranker Staat ist das, früher oder später bricht er zusammen, ganz einfache Prophezeiung.
Das lässt für Amei und Eise nur einen Schluss zu, ihre eigene ist die beste aller Welten, keine Frage, und wie gut, zurück zu sein in diesem funktionierenden Staatswesen, und wie zum Beweis kommen jetzt die Kolleginnen in Scharen zur Unterstützung. Alle gehen auf Position und Zentimeter für Zentimeter bewegt sich das Rindenstück in Richtung Bau, verschwindet aus deinem Blickfeld, und dann hörst du keine Stimmen mehr, nur Blätter rauschen und Vögel zwitschern.

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Sabine Kurz – Biographie

Geboren 1990 in Heidelberg, in Brühl aufgewachsen. Erste Kurzgeschichten entstanden hauptsächlich in Birmingham (Großbritannien), wo ich ein Schuljahr verbrachte, und seitdem absolute England-Fanatikerin bin. Mein Traum ist es, einmal der Queen zu begegnen. Bis es soweit ist, schreibe ich weiterhin Geschichten, von denen drei bisher veröffentlicht wurden, mache Musik und schreibe als freie Mitarbeiterin für eine Tageszeitung. Später möchte ich als (Wissenschafts-) Journalistin arbeiten. Ein erster Roman ist in Arbeit. Sabine Kurz im Netz

Sabine Kurz – Eingegangen

Mein Kaktus heißt Herbert. Er ist fast vierzehn. Er ist grün. Er hat Stacheln. Er stachelt.
Meine Orchidee verwelkt. Sie ist welk. Sie ist zwei Monate alt. Ich kann nicht so mit Orchideen. Lieber Kakteen. Wie Herbert.
Meine Orchidee heißt Sarah Marie. Sarah wie meine Frau, Marie wie meine Tochter. Sie ist genauso schön wie die beiden. Dabei ist sie weiß. Meine Frau ist nicht weiß. Meine Frau ist braun, schokoladenbraun. Wie die Erde von Herbert. Dabei darf ich das bestimmt nicht sagen. Das wäre nicht gut. Und ich darf auch nicht sagen, dass meine Tochter, Marie, wie meine Orchidee, hellbraun ist. Auch das ist nicht gut. Aber dass Sarah Marie weiß ist, darf ich sagen.
Zwischen Herbert und Sarah Marie stand früher die Anja. Sie war eine grüne Pflanze mit langen fleischigen Blättern. Dabei hatte die echte Anja keine Blätter. Aber fleischig war sie. Anja habe ich früher geliebt. Sie war meine Freundin. Meine erste. Und sie war auch meine erste Pflanze. Aber sie ist eingegangen. Vielleicht hätte ich sie Opel nennen sollen. Das wäre besser gewesen. Denn die echte Anja ist nicht eingegangen. Sie lebt noch. Manchmal sehe ich sie. Sie weiß noch nicht, dass Anja, die Pflanze, eingegangen ist. Wenn ich sie das nächste Mal sehe, werde ich es ihr sagen müssen. Dann wird sie traurig sein.
Ich bin auch traurig. Ich weiß nicht, ob Sarah Marie und Herbert auch traurig sind. Sie können mir das nicht sagen. Ich verstehe die Pflanzen nicht. Ich weiß nicht einmal, ob sie mich verstehen. Aber ich spreche trotzdem mit ihnen. Das tut ihnen gut, sagt man. Manchmal hören sie auch mit mir Musik. Aber nur ruhige Musik, damit sie das nicht aufregt und sie auch eingehen wie Anja.
Ich wollte mir eine neue Pflanze kaufen, vielleicht einen Bambus. Einen Mann, damit Herbert nicht so alleine ist. Sarah Marie hat ja schon zwei Frauen im Namen, falls sie einsam ist. Aber Herbert ist nur ein Name. Ich mag Bambus. Meine Frau hat einen in einer Vase aus Glas. Das sieht schön aus. Ich mag Bambus.
Aber ich werde mir doch keine Pflanze kaufen. Ich habe zu Hause keinen Platz dafür. Und bald müssen Herbert und Sarah Marie zu mir nach Hause ziehen. Und dann ist da noch weniger Platz. Dabei hätte ich so gerne einen Bambus. Vielleicht nenne ich ihn Jonas. Wie der Mann im Walfisch. Dabei ist ein Wal ja kein Fisch. Das hat mir gestern meine Tochter Marie erzählt. Sie ist schlau, die kleine Marie. Jonas ist ein schöner Name. Ich mag Jonas. Ich würde auch gerne Jonas heißen. Aber meine Eltern fanden Alexander besser. Ich mag das x in Alexander nicht. Es klingt so böse. Wie eine Schlange. Dabei sind Schlangen nicht böse. Nicht alle, glaube ich.
Aber ich werde keinen Bambus haben, der Jonas heißt. Ich werde gar keinen Bambus haben. Ich darf es nicht.
Der Herr Gans ist kein netter Mensch. Ich würde meinen Bambus nicht Herr Gans nennen. Jonas ist ein besserer Name.
Herr Gans hat gesagt, ich darf hier nicht bleiben. Ich habe ihn gefragt, was ich mit Herbert und Sarah Marie machen soll. Da hat er mich ganz komisch angeschaut und gefragt, wer das ist. Ich habe ihm gesagt, das sind meine Pflanzen. Da hat er mich noch komischer angeschaut. Und dann ist er gegangen. Morgen muss ich meine Pflanzen mit nach Hause nehmen, hat er mir gesagt. Sonst schmeißt er sie weg. Herr Gans ist wirklich kein netter Mensch.
Zum Glück lebt Anja nicht mehr. Sonst müsste sie auch mit umziehen. Vielleicht ist es gut, dass sie eingegangen ist.

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Gabriele Müller – Biographie

Geboren 1957 in Linz. Kunsterzieherin an der Bundesbildungsanstalt für Kindergartenpädagogik in Linz. Ideen-Hebamme, Hand- und Mundwerkerin. Gabriele Müllers Hand- und Mundwerk

Gabriele Müller – Ein Gespenst geht um …

In meinem E-Mail-Postfach in der Schule finde ich die Einladung zu einem Ausbildungslehrgang in Sozialkapitalmoderation.
Hä? So-zi-al-ka-pi-tal-mo-de-ra-ti-on? Was bitte ist Sozialkapital und wie lässt es sich moderieren?
Ich lese nach: Unter Sozialkapital versteht man den sozialen Zusammenhalt innerhalb einer Gemeinschaft. Das kann eine Gemeinde sein, eine Institution, eine Schulklasse. Aha! Nannte man das nicht früher Nachbarschaftshilfe, Kollegialität, Klassengemeinschaft? Soll Freundschaft und Hilfsbereitschaft nun zu Kapital gemacht werden?
Dieser Zusammenhalt beruht auf drei wichtigen Grundlagen: Bindungen (persönliche Kontakte), Normen und Vertrauen. Sag ich’s doch! Im Rahmen des Projekts „Sozialkapital an Schulen“ hat das BMUKK (Abteilung für Internationale Beziehungen) – internationale Beziehungen? Hoch die internationale Soziali…? Nein, das ging irgendwie anders … bereits mehrere Initiativen gesetzt. So ermöglicht die Sozialkapitalmessung nach Prof. Ernst Gehmacher die Messung des Sozialkapitals einer Schulklasse durch eine Online-Methode, die unkompliziert und rasch neben dem gemeinsamen Sozialkapital-Wert … Mir schwirrt der Kopf. Sozialkapitalmessung! Online-Methode! Sozialkapital-Wert! Sollen da nun zwischenmenschliche Aktien ausgegeben werden oder was?
Die Sozialkapital-Messung einer Klasse dient als Ausgangspunkt für Neuerungs- bzw. Veränderungsprozesse („action research“).

Action: Research!
Dauernd geht das jetzt so. Classroom-Management! Action research! QIBB! Kuh-i-bebe: Qualität in der Berufsbildung oder so … Wir werden alle zu Kuh-i-bebelern. QIBBlern. Quibblern! Ein Quibbler im Englischen ist ein Wortklauber, ein Haarspalter, ein I-Tüpferl-Reiter. Ist das Absicht, diese Abkürzung, oder einfach so passiert?

Wie kommt es, dass seit geraumer Zeit eine neue Sprache in der Schule Einzug hält? Von Benchmarks und Qualitätsmatrix ist da plötzlich die Rede. Jeder hat ein Portfolio und ständig wird gesteuert, standardisiert und evaluiert.
Sollen die vielen meist aus dem Wirtschaftsenglisch stammenden Fremdworte uns darüber hinweg täuschen, dass wir immer mehr kontrolliert werden?
ARQA-VET ist die neue österreichische Referenzstelle für Qualität in der Berufsbildung, eingerichtet beim ÖAD, der Agentur für Internationale Bildungs- und Wissenschafts-kooperation. ARQA-VET ist eine Dienstleistungseinrichtung, die die Akteure der beruflichen Bildung in Österreich mit Angeboten und Know-how im Bereich Qualitätssicherung und -entwicklung möglichst gut und umfassend servicieren will. Servicieren …! ARQA-VET? Aquavit kenn ich! Das ist ein Kümmelschnaps. ARQA-VET steht für Austrian Reference Point for Quality Assurance in Vocational Education and Training – die Österreichische Referenzstelle für Qualität in der Berufsbildung und ist ein Netzwerk-Knoten im europäischen Netzwerk ENQA-VET.
Diese Anlaufstelle veranstaltet eine Qualitätsnetzwerk-Konferenz mit dem bedeutungsschwangeren Titel „Plan – do – check – und dann?“ Übersetzt heißt das: „Planen – machen – kontrollieren – and then?“ Halbenglisch! Halbbildung? Sorry, I’m a quibbler …

Auf dem Nachhauseweg von der Schule treffe ich eine alte Bekannte, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe. Im Plauderton fragt sie mich, was ich eigentlich beruflich so mache. Ich überlege kurz und sage dann forsch: „Ich bin eine Akteurin der beruflichen Bildung mit Schwerpunkt Sozialkapitalmoderation.“ Sie schaut mich verdutzt an und meint sich zu erinnern, dass ich früher einmal Lehrerin gewesen wäre.

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Stefanie Oddei – Biographie

1981 erblickte ich im schönen Herten das Licht der Welt. Nach erfolgreicher Absolvierung meiner Schullaufbahn zog es mich nach Marl, wo ich eine kleine Praxis mein Eigen nenne. Seit jeher verschlinge ich Bücher förmlich. Erst seit Beginn 2009 schreibe ich selbst. Zu meinen Vorlieben gehören Phantastik und Romantik, die ich gerne in meinen Werken miteinander kombiniere.

Stefanie Oddei – Die rote Hexe und der holländische Waldschrat

Es war einmal eine garstige, schreckliche Hexe mit langen, roten Haaren. Verbittert und einsam, traf sie eines Tages auf einen hässlichen, buckeligen Waldschrat mit zotteligem, schwarzem Fell. Auf Anhieb verstanden sich beide hervorragend. Der Waldschrat verließ seine flache, öde Steppe und überquerte die Grenze des Waldlandes. Die fremde Sprache eignete er sich rasch an und fand bald Gefallen an den vielen kleinen Zwergen, die täglich schwer arbeitend an ihm vorüber zogen. Eines Tages fragte der Waldschrat die Hexe: „Was tun die Zwerge den ganzen Tag?“ Die Hexe antwortete ihm trocken: „Arbeiten. Was sonst? Dafür sind sie ja hier.“ Der Waldschrat grübelte kurz, dann fragte er: „Was ist ‚Arbeiten’?“ Die Hexe brach in schallendes Gelächter aus und hielt sich ihren Bauch vor Schmerzen. „Sie halten den Wald in Schuss. Einige Zwerge reinigen den Boden, andere pflegen die Bäume. Wieder andere pflanzen Setzlinge, wo ein Baum gestorben ist. Das ist Arbeiten.“ Der Waldschrat zog seine Stirn verwundert kraus. „Warum arbeiten wir denn nicht?“ Die Hexe verschluckte sich schockiert an ihrem gehässigen Gelächter und lief blau an. Als sie sich von dem Schrecken erholt hatte, machte sie ein ernstes Gesicht. „Weil nur die Dummen arbeiten. Arbeit ist anstrengend und kostet viel Zeit und Mühe. Der dafür bezahlte Lohn kann die körperlichen und seelischen Qualen nicht ansatzweise aufwiegen.“ Jetzt ging dem Waldschrat ein Licht auf und er grinste vielversprechend. „Hexe, weißt du was? Wir holen uns auch ein paar Zwerge und lassen sie für uns arbeiten. Dann verdienen wir Geld, ohne selbst etwas dafür zu leisten.“ Die Hexe schmiedete bereits einen heimtückischen Plan. „Waldschrat, die Idee ist hervorragend. Aber es wird schwer. Nicht viele kommen für unsere Arbeit in Frage. Wir müssen eine gute Auswahl treffen.“ Der Waldschrat nickte zustimmend, bevor er ergänzte: „Aber wir schaffen so neue Arbeitsplätze und geben den Zwergen einen Lebenssinn. Unser Dienst an der Gemeinschaft wird sich bald herumsprechen und viele werden unsere Arbeit machen wollen.“ Nachdem die Hexe und der Waldschrat die Modalitäten geklärt hatten und wasserdichte Verträge aufgesetzt hatten, um die Zwerge nicht zu übervorteilen, schritten sie zur Tat. Das Auswahlverfahren brachte zum Ende des Tages drei mögliche Zwerge hervor, die für die Arbeit geeignet wären. Die Hexe und der Waldschrat riefen den ersten Zwerg zu sich. Die Hexe stellte dem Zwerg eine Aufgabe. „Zwerg, stell dir vor, du sollst einen Korb Äpfel über den Fluss bringen. Aber die Brücke wird von einem großen Oger bewacht, der einen Apfel verlangt, damit du passieren darfst. Was tust du?“ Der kleine, schmächtige Zwerg erschrak bei der Vorstellung und antwortete schnell: „Ich gebe ihm einen Apfel, denn ich habe ja einen ganzen Korb voll und kann allein gegen einen Oger nichts ausrichten.“ Die Hexe schüttelte ihren Kopf und richtete ihren knochigen Zeigefinger auf den Zwerg. Mit einem lauten Knall löste sich der Zwerg in eine grüne Rauchwolke auf. Dann bat der Waldschrat den zweiten Zwerg hinein. Diesem Zwerg wurde dieselbe Aufgabe gestellt. Siegessicher grinsend antwortete er: „Ich suche eine andere Stelle, um den Fluss zu überqueren. Das kostet zwar mehr Zeit, aber ich rette alle Äpfel.“ Nun schüttelte der Waldschrat und klatschte dreimal laut in die Hände. Der zweite Zwerg zerfiel zu einem Häufchen grüner Asche. Der dritte und letzte Zwerg überlegte einen Moment, bevor er antwortete. „Ich weiß es nicht. Was soll ich tun?“ Die Hexe und der Waldschrat grinsend zufrieden und gratulierten dem Zwerg erfreut. Der Zwerg jauchzte vor Entzücken über die gewonnene Aufgabe und machte sich zugleich mit Eifer an die Arbeit. Der Waldschrat und die Hexe trugen ihm all die Arbeiten auf, die ihnen selbst zuwider waren.
Am Tagesende saßen sie beide beieinander und lachten ausgeruht über den erschöpften Zwerg. Der Waldschrat fragte die Hexe: „Warum hast du den ersten Zwerg nicht gewollt?“ Mit einem müden Lächeln antwortete die Hexe: „Er kann doch nicht einfach einen Apfel verschenken. Das ist Diebstahl und wird nicht geduldet.“ Der Waldschrat nickte zustimmend. Dann fragte die Hexe: „Und warum hast du den zweiten Zwerg nicht gewollt?“ Nun grinste der Waldschrat und erwiderte: „Der Umweg hätte möglicherweise Tage gedauert. In der Zeit hätte er wichtigere Dinge erledigen können. Das ist Verschwendung und wird nicht geduldet.“ Die Hexe bejahte das ohne Zweifel. Dann sagte sie: „Gut, dass der dritte Zwerg so dumm ist. Das eigenständige Denken hätte uns nur Probleme bereitet. Am Ende hätte er noch bemerkt, wie undankbar seine Arbeit hier wirklich ist.“ Gemeinsam brachen die Hexe und der Waldschrat in schallendes Gelächter aus und hielten
sich die Bäuche. So ein Glück, einen so dummen Zwerg zu finden, würden sie so bald nicht wieder haben.

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Stefanie Philipp – Biographie

Geboren 1970, lebt in Mülheim an der Ruhr. Sie schreibt seit ihrem siebten Lebensjahr. Nach dem Abitur glaubte sie zunächst, „etwas Vernünftiges“ lernen zu müssen, studierte Volkswirtschaftslehre und arbeitete in namhaften Bankhäusern. Diverse Finanzkrisen brachten sie zu der Einsicht, dass der Bankjob auch nicht viel sicherer ist als die Schriftstellerei. Inzwischen widmet sie sich ausschließlich dem Schreiben und ihren beiden kleinen Musen von fünf und drei Jahren. Sie hat mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht und arbeitet an einem Roman.

Stefanie Philipp – Machtspiel

Du hast mich gepackt. Bin nur noch Feuer und Fleisch unter dem Jackett, unter der korrekten Bluse, die dein Blick beiseite fegt, ärgerlich, wie den Stapel Papiere auf dem Tisch.

Du stehst am Fenster des Konferenzraumes und schaust hinaus. Eiskalter Ärger in deinen Schultern. Ich lasse warten, selbst einen wie dich. Ich trete ein, und du drehst dich um. Dieser Blick aus schmalen Augen, Raubtierblick, der mich erschauern lässt, noch jenseits meiner nadelstreifenen Mauern. Name und Wort sind plötzlich Fleisch geworden. MANN. Dein Blick, und meine Welt wechselt die Farbe. Aus Hell wird Dunkel, aus Tag wird Nacht und meine Haut steht in Flammen.

Ein Lidschlag, das zornige Wort erstirbt auf deinen Lippen. Zögern ehe sich unsere Hände treffen. Fester Griff und leere Floskel ohne Lächeln. Du winkst deinem Assistenten, lässt ihn das Feld eröffnen. Plätscher hier, plänkel dort, kleiner Fisch mit Doktortitel. Ich rede, du wartest ab. Gesenkte Lider, doch deine Augen suchen mich, bei jedem Wort und jedem Atemholen, tasten und forschen und finden keine Ruhe. Mein Reden wird schal und immer schaler. In meinem Kopf nur Zahlenwüste und papierene Logik. Alles löst sich auf, wird weich und durchlässig, wie der Stoff auf meinem Leib. Deine Hände, so sauber, so ruhig. Deine langen Finger fassen den silbernern Kugelschreiber, eine Fingerspitze ruht auf der Kuppe des Stiftes, feinnervig.

Plötzlich lehnst du dich vor, bist unerträglich nahe und alles was ich atme bist du. „Genug mit dem Unfug“, sagst du. „Lassen Sie uns zur Sache kommen!“ Ich schnappe nach Luft. Ich blinzle. So nicht! Ich presche vor und zerschlage deine Argumente, jedes einzelne, ohne ein einziges Mal auf meine Unterlagen zu schauen, ohne ein einziges Mal zu zaudern. Dir zeig ich’s! Aber du – du lehnst dich zurück, lässt mich durchmarschieren, lässt fahren, worum du wochenlang so erbittert gekämpft hast. Kostenstellen und Budgets, alles nur noch Farce. Du verziehst den Mund – ein Lächeln.

Die Sitzung ist vorüber. Ich habe den Sieg davon getragen, die Wunde auch. Kaltes Wasser hat notdürftig die Verheerung von Wangen und Lippen abgewaschen. Die Stunden flackern vorüber. Papier mit Gekritzel auf meinem Tisch. Am Telefon nur die falschen Leute, die plappern und lachen und jammern. Unter meiner wunden Haut zügeln die Flammen.

Deine Nachricht leuchtet spät im Bildschirm auf, unverschämt spät. Ich könnte längst fort sein! Schreibst von Modellrechnung und Akteneinsicht. Kein Bitte, kein Vielleicht und kein Morgen. Heute noch.

Der Aktenordner unter meinem Arm wahrt den Schein. Abendlicht und leere Flure. Alles hat seine Zeit. Deine Tür ist nur angelehnt. Chrom und schwarzes Leder und grauer Veloursteppich. Ich schließe die Tür, und du drehst dich um.

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Manfred Pricha – Biographie

Geboren 1954 in Altötting, Studium der Wirtschafts- und Geschichtswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, Autor, Wissenschaftlicher Dokumentar und Historiker, lebe und arbeite in Bochum, schreibe Lyrik und Prosa: zahlreiche Veröffentlichungen in deutschsprachigen Literaturzeitschriften, Anthologien, auf CD und im Internet.

Manfred Pricha – der aufsteiger

er machte den großen aufstieg
vom hausmeister zum technischen direktor
vom technischen direktor zum facility manager
türmten sich die worte hoch auf

die arbeit blieb immer dieselbe
steckdosen reparieren und den müll entsorgen
glühbirnen auswechseln und die heizung warten
und sei es auch im basement

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Britta Pusch – Biographie

1966 in Wuppertal geboren, prägten Schule, das Studium der Sicherheitstechnik und ein mehr als ausgefüllter Berufsalltag als Projektmanagerin ihr Leben. Seit 2008 geht sie der Frage nach, ob es vielleicht auch ein Leben vor dem Tod gibt. Um sich diese Frage zu beantworten, bereist sie zurzeit andere Länder und schreibt darüber auf ihrer Homepage. Bisher sind von ihr ausschließlich fachliche Publikationen veröffentlicht worden, da sie sich erst seit Ende 2008 intensiv mit dem literarischen Schreiben beschäftigt.

Britta Pusch – Vorgesetzte Wärme oder Eiskalte Vorgesetzte

„Und, Herrschaften, woran erkennen Sie, dass Sie eine gute Führungskraft sind?“ Dr. Strick ließ prüfend seinen Blick über uns Teamleiter, wie wir seit der Übernahme hießen, gleiten. Breitspurig, mit den Armen in die Seite gestemmt, baute er sich vor uns auf.
Diese Geste hatte ich schon bei meinem Mathematiklehrer gehasst, denn es bedeutete immer, dass er gleich zum Schlag gegen die Mathematiknieten ausholte.
Alle blickten zu Boden – auch wie früher, denn keiner wollte der erste sein, der zur Zielscheibe wurde.
Unser neuer Ressortleiter trat bedrohlich nahe an die erste Reihe heran und beugte sich leicht vor, während er seine Zuhörer nicht aus den Augen ließ.
„Sie sind“, fuhr er gedehnt fort, „eine gute Führungskraft, meine Herrschaften, wenn Sie es schaffen, den Mitarbeiter so über den Tisch zu ziehen, dass er die dabei entstehende Reibungswärme als Nestwärme empfindet.“
Peng! Wie ein Scharfschütze hatte er seine Worte auf uns gerichtet, und das Geschoss verfehlte sein Ziel nicht. Ich wollte nicht glauben, was ich da gerade gehört hatte. Während ich irritiert an der Jacke meines Kostüms zupfte, blickte ich mich vorsichtig aus den Augenwinkeln um und sah viele fassungslose Gesichter.
Wieso sprach er eigentlich von Führungskraft? Wieso sollte jemand, der die Kraft hatte zu führen, andere über den Tisch ziehen? Das hörte sich doch vielmehr nach etwas Vorgesetztem an – friss oder stirb.
War dies etwa der angekündigte frische Wind in unserer Firma? Von der Führungskraft zum Vorgesetzten?
Kopfschüttelnd verließ ich die Veranstaltung am Ende und wollte der Geschichte keine weitere Bedeutung schenken, da ich sicher war, dass es für solche Verhaltensweisen in unserem Haus keinen Nährboden gab. So machte ich weiter wie bisher, und meine Kollegen taten es nicht anders.
Der Essay von Dr. Strick, den wir Wochen danach auf dem Schreibtisch hatten, war rhetorisch makellos. Wäre nicht diese tief sitzende Irritation der ersten Begegnung gewesen, hätte seine Vision von einer zukunftsträchtigen Organisation uns allen Flügel verleihen können. Aber so beschlich uns in der Realität ein Gefühl von Bedrohung.
Wenige Tage später wurde gemunkelt, dass jeder Teamleiter „von oben“ einen Anruf erhielt, um seinen Beitrag zum Aufbau der schlanken Organisation mitgeteilt zu bekommen.
Als ich die Worte der Sekretärin von Dr. Strick durchs Telefon vernahm, traute ich meinen Ohren nicht. Was hatte sie da von „Identifizieren von Mitarbeitern mit Kündigungspotential“ und „die Möglichkeit der schlechten Beurteilung im Personalgespräch ausschöpfen“ oder „sehen Sie sich mal um, wer privat im Internet surft“ gesagt? Und „kein Wort zu Kollegen über dieses Telefonat“, sonst würde das „unangenehme Konsequenzen“ haben. Nun verstand ich, warum manche Kollegen seit neuestem verschreckt wirkten.
Nein, nein und nochmals nein! Ich würde niemanden anschwärzen. Das ging entschieden zu weit. Ich beschloss, einfach weiter meine Arbeit zu machen und hoffte, dass dies nicht mein Fallstrick werden würde.
Die Übernahme war für die Mitarbeiter ein harter Weg, der viel Einsatz forderte, und so lud ich mein Team zum Essen ein. Dank war bei uns im Unternehmen üblich, und ich nahm nicht an, dass sich dies geändert hatte.
Das Essen half, die wundgearbeitete Moral wenigstens etwas zu balsamieren. Ich zückte, wie sonst auch, meine Kreditkarte, um das Geld vorzustrecken, und reichte den Beleg bei der Buchhaltung ein.
Bereits am nächsten Tag wurde ich zu Dr. Strick bestellt. Er empfing mich mit der Rechnung in den Händen und haute mir völlig unvermittelt um die Ohren, dass ich wohl wahnsinnig sei anzunehmen, dass er für einen solchen Quatsch sein Geld verschleudern würde.
„Der Apparat muss funktionieren – nicht gefüttert werden. Schmieren Sie sich Ihre Rechnung sonst wo hin!“
Völlig perplex starrte ich ihn an. „Ja, aber…“, versuchte ich stotternd dagegen zu halten.
„Was, ja aber?“, äffte er mich nach. „Ich denke, Sie kennen Ihre Aufgaben. Sie wollen doch eine gute Führungskraft sein, oder? Ansonsten müssen wir darüber nachdenken, ob sie in Ihrer Position noch richtig aufgehoben sind. In eine schlanke Organisation passen Sie sowieso nicht!“, und schaute dabei abfällig auf meine rundlichen Hüften. „Und wo bleibt eigentlich die Liste mit den Low-Performern aus Ihrem Team?“
Sprachlos stand ich ihm gegenüber.
„Stehen Sie nicht hier herum, sonst muss ich noch annehmen, dass Sie ganz oben auf der Liste stehen, haha!“
Das war also der neue Wind, und der blies verdammt eisig. Ich verließ das Büro meines Vorgesetzten in der Gewissheit, dass der Funkenflug der neuen Nestwärme unsere Firma in Brand stecken würde.

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Martin Schörle – Biographie

Jahrgang 1960, ist Beamter und lebt mit seiner Familie in Hamburg. Neben dem Verfassen von Theaterstücken und anderen Texten ist seine Leidenschaft die Schauspielerei; seit den 90er Jahren wirkt er bei verschiedenen Amateurbühnen an vielen Produktionen mit, unter anderem in „Kunst“ von Yasmina Reza, „Talfahrt“ von Arthur Miller und „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn. Er schreibt derzeit an seinem ersten Krimi.

Martin Schörle – Feindliche Übernahme

Freitag, 27. November 2009, Hamburg/Stuttgart:
Zwei Tage vor dem 1. Advent brachte die – in Pakistan ausgebildete(!) – Schnelle Eingreiftruppe der Stuttgarter Teschmann-AG den von dem Hamburger Pharmakonzern Basewinkel Medical Care entwickelten Impfstoff „dioptronicum“ in ihre Gewalt. Bedingung für die Rückgabe sei eine rechtsverbindliche Vereinbarung über den Zusammenschluss beider Konzerne zur „Teschmann Medical Care AG“. Dies ist einem Bekennerschreiben zu entnehmen, das der Deutschen Presseagentur vorliegt. („dioptronicum“ soll am 01. Januar 2010 als weltweit erster Impfstoff gegen Betriebsblindheit auf den Markt kommen. Betriebsblindheit ist bei nichtselbstständig Beschäftigten die am häufigsten vorkommende Form der Unterbelichtung. In Ermangelung äußerlicher Symptome wird die Erkrankung allgemein unterschätzt. Bei den Betroffenen ist zunächst nur der selbstkritische Blick für Fehler / Mängel im eigenen Arbeitsbereich durch (zu) langjährige Betriebszugehörigkeit eingetrübt. Nach ca. 6 – 8 Wochen verengt sich darüber hinaus der vorurteilsfreie, flexible „Blick für’s Ganze“ bis hin zur völligen Blickstarre (sog. Scheuklappeneffekt). Unabhängig von Geschlecht, Religion, sozialer Herkunft und Intelligenz des Patienten führt dies letztlich zum vollständigen Verlust der Fähigkeit zu eigenverantwortlich-konstruktivem Denken und Handeln im Beruf (sog. Fach-Idiotie). Wie bei fast allen psychischen Erkrankungen vermögen die Betroffenen die Notwendigkeit einer fachärztlichen Behandlung häufig nicht zu erkennen. Primäres Behandlungsziel ist die Wiederherstellung eines uneingeschränkten Blickfeldes, sog. Überblick. Anm. der Red.).
Dass Teschmann sich medienwirksam in den Besitz des höchst umstrittenen Impfstoffs gebracht hat, soll auch die konträren Positionen zur medizinischen Unbedenklichkeit des Serums zum Ausdruck bringen. Diese sind zuletzt am 18. November 2009 beim Deutschen Apothekerkongress in Berlin deutlich geworden. Hans Basewinkel in seiner vielbeachteten Rede: „dioptronicum“ wird weltweit den Arbeitsalltag in Betrieben und Ämtern revolutionieren, da es Betriebsblindheit gezielt ohne Risiken und Nebenwirkungen heilt, wenn der Impfstoff innerhalb der Inkubationszeit von 3 Tagen zugeführt wird. Auch andere betriebsbedingte Erkrankungen wie Beförderungsstau, Arbeitswut oder Demotivitis lassen sich erfolgreich behandeln“.
Hierauf erwiderte August Teschmann: „Basewinkels Auffassung, Impfungen seien frei von Risiken und Nebenwirkungen, entbehrt jeglicher Grundlage: Probanden, die im letzten Jahr in der Erprobungsphase des Serums am ‚Test am eigenen Körper‘ teilgenommen haben, klagen noch heute über Folgen wie Inkontinenz, Haarausfall oder Heiserkeit. Es macht schon betroffen, wenn so ein armer Glatzkopf vor dir steht, der seine Inkontinenz wegen Heiserkeit nicht mitteilen kann. Wider besseres Wissen verschweigt Basewinkel diese Gefährdungslage; alles wird verschleiert, und Verschleierung – das hören wir täglich aus Afghanistan – da liegt ein radikal-islamistischer Hintergrund nicht fern“.

08:59 MEZ (Hamburg/Stuttgart):
Seniorchef Hans Basewinkel, der das Unternehmen in 3. Generation führt, stellt klar, man lasse sich „nicht mit terroristischen Methoden erpressen“ und fordert die sofortige Herausgabe des Impfstoffs. Seine Mitarbeiter verschanzen sich seit dem Übernahmeversuch auf dem Firmengelände und haben dort zur Abwehr der Teschmann-Truppen eine Sicherheitszone aus brennenden Müllcontainern und Stacheldrahtzäunen errichtet. Das firmeneigene Radarsystem überwacht den Luftraum im Radius von 50 Kilometern. Pförtner und Reinigungskräfte positionieren sich auf Gebäuden und Fahrzeugen als Scharfschützen.

11:13 MEZ (Frankfurt/Main):
Die Aktie der Basewinkel Medical Care AG bricht zu Handelsbeginn aufgrund der Ereignisse des Tages um 47% ein und markiert mit 7,51 € ein neues 52-Wochen-Tief, nachdem Übernahmefantasien den Kurs in den letzten Wochen noch auf historische Höchststände getrieben haben.

15:03 MEZ (Hamburg/Stuttgart):
Innenminister Dr. Thomas de Maizière trifft als Vermittler im Krisengebiet ein und führt erste Gespräche mit Vertretern der Streitparteien. Diese machen sich gegenseitig für die überaus kritische Situation verantwortlich und werfen sich Unsachlichkeit in der Diskussion vor. Zum Ende der ergebnislosen Gesprächsrunde überreicht August Teschmann symbolisch einen Blindenstock an Hans Basewinkel („Das möge den Blindgänger auf den konstruktiven Weg führen“), welcher sich mit einem Exemplar des Betriebsverfassungsgesetzes in Blindenschrift „bedankt“ („Eine spannende Lektüre, die Teschmann bestimmt noch nicht kennt. Angesichts seiner abstrusen Argumente kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er womöglich gar nicht lesen kann. Vielleicht klappt’s ja mit dem Ertasten der Blindenschrift. Das fördert zumindest das Fingerspitzengefühl.“).
Den Vorschlag des Ministers, beide Konzerne ohne Personalabbau zusammenzuführen und sodann einen Teil des gesamten Aktienbestandes dem Schlichter als steuerfreies Erfolgshonorar abzutreten, bezeichnen beide Seiten als „weder konstruktiv noch zielführend“.

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Kathrin Schultz – Biographie

Geboren im März 1979 in Neubrandenburg (Meck-Pomm), seit 1998 Wahlberlinerin, und das aus ganzem Herzen. Beruf: Diplompädagogin (Schwerpunkt: Gender, Diplomarbeit zum Thema: Märchen in der pädagogischen Kinder- und Jugendarbeit), zudem freiberufliche „Teilzeit-Journalistin“ (z.B. beim bundesweit erhältlichen Kaufmagazin L.MAG) sowie Mitbegründerin der SPLITTAGRUPPE, einer que(e)ren Schreibgruppe, die zweimonatlich offene Lesebühnen organisiert. Veröffentlichungen von Gedichten und Kurzgeschichten in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien.

Kathrin Schultz – Wetterfühligkeit

Es regnet.
Ich sollte schwermütig sein, traurig.
Aber ich kann nicht.
Die Tage, nicht einsam, nicht gesellig, plätschern so dahin. Ich bin hier, in dieser Welt, und gleichsam weit weg.
Zu viele Bücher, zu viele Filme. Zuviel melancholische Gitarrenmusik.
Die Traurigkeit hält sich trotzdem von mir fern, als fürchte sie mich. Ich fürchte sie! Und fürchte mich auch vor der Gleichgültigkeit, die mich eingelullt wie eine warme Decke, seit Monaten schon.
Am Fenster stehend, zähle ich den Tropfen, eins, zwei, fünf, die groß und schwer sich in Pfützen sammeln. Zwei Nachbarinnen, unbekannterweise, stehen an der Straßenecke, unterhalten sich. Worüber? Auch das interessiert mich nicht. Auf dem Herd köchelt eine Suppe. Wie sie schmecken wird, weiß ich jetzt schon: Nach nichts.

Irgendwann an diesem Tag, später, klingelt das Telefon. „Frau Lude, sie haben den Job“, sagt eine fremde Stimme, eine Frauenstimme, „wenn Sie wollen.“
Ich will nicht.
„Vielen Dank, aber ich habe schon was anderes gefunden.“, sage ich, obwohl das nicht stimmt. Seit Monaten warte ich auf solch einen Anruf, habe Bewerbungen über Bewerbungen getippt und gewartet auf einen Job, eine Chance, zu zeigen, was ich kann.
Jetzt, einmal da, will ich sie nicht mehr. Ich bin müde und würde es nicht einmal schaffen, mich anzuziehen, zu duschen, mir die Zähne zu putzen oder gar in den Bus zu steigen, um arbeiten gehen….
Müde lege ich das Telefon zurück auf die Ladestation, gehe wieder in die Küche, esse die Reste der Suppe, schon kalt, sehe noch einmal aus dem Fenster. Die Nachbarinnen sind weg. Eine Taube, stattdessen, hinkt über den Gehweg. Ihr fehlt ein Bein. Das passiert schon mal.
Es regnet noch immer. Noch immer bringen die Tropfen keine Traurigkeit, keine Schwermut keine Reaktion. Nur Gleichgültigkeit. Wie lange noch?

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Lukas Spranger – Biographie

Geboren wurde ich 1991 in Naila in der Nähe von Hof in Oberfranken. Bisher habe ich noch keine keine Texte veröffentlicht. Literarische Erfahrungen konnte ich jedoch bereits sehr früh machen, da mein Vater, Roland Spranger, mehrfach veröffentlichter Autor ist, dessen Theaterstücke auf Bühnen in ganz Deutschland gespielt werden.

Lukas Spranger – Rationalisierung

Sie holten ihn
ins Büro des Chefs.
Es werde rationalisiert,
er müsse gehen.
Sie klopften ihm auf die Schulter.
Es täte ihnen leid. Und außerdem
sei es ja vernünftig,
es sei rational.

Voller Wut, doch mit leerem Bauch,
saß er daheim und
zählte sein letztes Geld.
Die Kontoauszüge und Banknoten
auf dem Tisch gaben
dem Elend eine Quantität
Ein Manager, fett und zufrieden,
sagte im Fernsehen,
es sei vernünftig,
es sei rational.

An einem sonnigen Tag
donnerte der Gerichtsvollzieher in
seine Wohnung.
Er nahm ihm alles ab.
Und als er sich beschwerte,
war die Antwort
es sei vernünftig
es sei rational.

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Werner Stangl – Biographie

1947 geboren in Wien, lebt seit 34 Jahren in Linz, lehrt an der Johannes Kepler Universität Linz, schreibt Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke („neue wege“, „facetten“, „erostepost“, „sterz“, „Landstrich“). Werner Stangls Netliteratur, Werner Stangl auf Twitter

Werner Stangl – Was war das für ein Wort?

Die Wohnungstür fiel ins Schloss. Wie jeden Tag führte ihr erster Weg ins Badezimmer. Ihre Hände zitterten, als sie die Tabletten aus der Verpackung drückte. Drei, vier. Sie zählte sie nicht, so als ob ihr Körper wüsste, wie viele sie braucht. Sie fühlte den Widerstand in ihrer Kehle. Noch ein Schluck. Langsam ging sie ins Wohnzimmer und legte sich auf die Couch. Sie schloss die Augen und hoffte, die Bilder und Gedanken würden mit der Welt verschwinden, aus der sie jeden Tag heimkam. Wieder ein Tag geschafft. War das nicht etwas, das man abhaken konnte? In einer Stunde würde sie wieder funktionieren. Musste sie funktionieren. Abendessen für die Kinder, die aus der Schule nach Hause kommen, später ein Lächeln für den Mann, der sich erschöpft von der Arbeit vor den Fernsehapparat setzen wird. Wie jeden Tag. Keine Frage, ob ihre Beine noch mitmachen, das schmerzende Knie, das sie untersuchen lassen sollte. Nach den Tabletten tat das Knie nicht mehr so weh vom Stehen hinter der Theke in der Wurstabteilung. Sie solle freundlicher sein, hatte heute der Geschäftsführer gesagt. Lächelndes Nachfragen fördere den Umsatz und indirekt ihren Lohn. Er habe beobachtet, dass sie mehrmals darauf vergessen habe. Sie solle sich einen Zettel an die Waage kleben, damit sie nicht darauf vergesse. Es gäbe genug Frauen, die froh wären, ihren Job zu haben. Hatte er nicht „jüngere Frauen“ gesagt?
Die Unruhe verschwand aus dem Schmerz. Er wurde dumpfer und regelmäßiger. Damit man sich an ihn gewöhnen kann. Nächste Woche würde sie zum Arzt gehen. Heimlich, in der Pause. Wer zum Arzt gehe, müsse krank sein. Und wer krank sei, funktioniere nicht richtig, hatte ihr Arbeitskollege gesagt. Er hatte sie einmal im Lager gegen ein Regal gedrängt. Zum Glück kam ein Verkäuferin, um nach dem Gebäck für die Wurstsemmeln zu fragen. Am nächsten Tag hatte er versehentlich die Platte mit Aufschnitt vom Tisch gestoßen, sodass sie alles neu schneiden und arrangieren musste. Sie hatte vergeblich versucht, die Schicht mit einer Kollegin zu tauschen.
Sie sollte das Radio aufdrehen, dachte sie, denn in der Stille, die ihr in der ersten Viertelstunde zu Hause so erlösend erschienen war, begann sie ihr Atmen zu hören und ihren Pulsschlag zu fühlen. Die Tabletten wirkten. Sie blieb liegen. Jede Veränderung brächte Ungewissheit, stellte neue Fragen.
Das Arbeitsklima sei mustergültig, hatte der Betriebsrat gesagt. Die Arbeitsbedingungen seien ideal. Bei uns gibt es kein … Was war das für ein Wort, das er gebrauchte?
Wie lange noch? Solange die Kinder zur Schule gehen und uns auf der Tasche liegen, brauchen wir das Geld, hatte ihr Mann entschieden. Sonst müssten wir den Urlaub streichen. Du weißt, wie sehr sich die Kinder darauf freuen.
Die Hygienehandschuhe ließen ihre Finger anschwellen und sie zog sie so oft wie möglich aus. Aber sie fürchtete den Blick des Abteilungsleiter, der mit seiner Kopfhaltung allein zu fragen schien, ob sie nicht etwas vergessen hätte. Jetzt auf der Couch fühlten sich ihre Hände noch immer kalt an, auch wenn das Rot der Schwellung allmählich verschwand. In der letzten Nacht war sie aufgewacht, als sie auf ihrem rechten Arm gelegen war, der sich kalt und fremd anfühlte. Es war ein seltsames Gefühl, den eigenen Arm zu berühren wie den eines Anderen. Sie fühlte die Berührung nur in den Spitzen der Finger, die den Ellbogen der tauben Hand umfassten. Mit der linken massierte sie den Arm. Sie war leise, um ihren Mann nicht zu stören. Sie würde sich vor dem Schlafengehen mit einer Massagecreme einreiben, um die Durchblutung zu fördern. Morgen gehe ich zum Arzt, und wusste, dass sie wieder einen Grund finden würde, es nicht zu tun. Sie funktioniert doch. Dank der Tabletten. Und der Kinder. Der Ältere machte ihr Sorgen, denn er interessiert sich für alles andere als die Schule. Als sie selber eine Lehre beginnen wollte; Goldschmiedin hatte der Lehrer ihrer zeichnerischen Begabung wegen geraten. Aber die Fachschule war zu weit weg, und die Eltern konnten neben dem Geld für das Studium des Bruders nicht auch für das Internat aufkommen. Sie hatte – wie die meisten Mädchen ihrer Klasse – als Hilfsarbeiterin in der nahen Fabrik begonnen. Sie hatten früh geheiratet, das Kind war unterwegs. In ihrer Kleinstadt musste alles seine Ordnung haben.
Sie wäre beinahe eingeschlafen bei diesen Erinnerungen. Ihr kleines Leben. Ihr Bruder, der in der Hauptstadt lebte, hatte an ihrem Geburtstag gesagt, dass er sie um dieses „kleine Leben“ beneide. Anderen ging es viel schlechter. Sie könnten jedes Jahr auf Urlaub fahren. Der Schikurs für die Kinder ging sich aus. Ich muss noch das Wohnzimmer aufräumen, schoss es ihr in den Kopf, als sie die Chip-Packung neben sich auf dem Tisch liegen sah. Sie wollte sich aufrichten. Das bisschen Putzen, hatte ihr Mann gesagt. Diese Worte drückten sie zurück. Auf einmal Stille in ihr. Wenn alles vorbei wäre? Wenn sie einfach ginge. Noch einmal ein Leben von vorne anfangen. Ein klein wenig größeres. Es klingelte. Das werden die Kinder sein.

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Lea Streisand – Biographie

1979 in Berlin geboren, kann seit 1980 sprechen, seit 1986 lesen und schreiben, seit 2003 selbst geschriebene Geschichten auf Lese- und Kleinkunstbühnen von Kopenhagen bis Zürich vorlesen. Sie schreibt Kolumnen für die Taz, leitet Theaterkurse und studiert Germanistik und Skandinavistik zuende. Veröffentlichungen in Anthologien: „Sex- von Spaß war nie die Rede“ 1+2 (Satyr Verlag 2008, 2009), „Götter, Gurus und Gestörte“ (Satyr Verlag 2009). Und im Hörbuch „Wahnsinn in Gesellschaft. Ausgesprochene Geschichten“ (Periplaneta 2009). Lea Streisand im Netz.

Lea Streisand – Stuck Inside Of Mobile With The Memphis Blues Again


Panic. It crept up my spine like first rising vibes of an acid frenzy. All these horrible realities began to dawn on me. Here I was. Alone in Las Vegas. Completely twisted on drugs, no cash, no story for the magazine. I didn’t even know who’d won the race.

Ich sitze allein in meiner Wohnung. Vor mir auf dem Schreibtisch die Mind-Map, die meine Professorin morgen von mir haben will. Als Vorbereitung auf die Themenschwerpunkte meiner Magisterarbeit. Mind-Map, zu deutsch Gedächtnis-Plan, Verständnis-Karte, Geistes-Landschaft. Das Papier ist weiß, mein Geist ist wüst, ich hab keine Pläne.
Es ist 22 Uhr. Zum tausendsten Mal frage ich mich, was ich eigentlich den ganzen Tag gemacht habe. Geschlafen habe ich kaum, gegessen genauso wenig. Mein Blick fällt auf den vollen Aschenbecher. Geraucht hab ich jedenfalls. Und Kaffee getrunken. Na, wenigstens das.
Emails hab ich geschrieben. Ist ja auch Arbeit, schließlich.
Paul sagt, er will heute mal seine Ruhe haben. Ja, bitte, hab ich geantwortet, ist mir auch lieber, ich kann dich auch nicht leiden. Das war 12 Uhr mittags. Gegen 12.10 Uhr schrieb das Archiv, in dem der Stoff liegt, aus dem ich meine Magisterarbeit basteln will, an den ich übrigens zur Hälfte nicht rankomme, weil das Filmarchiv schon geschlossen ist wegen Umbau, während das Literaturarchiv Ende Juni für drei Monate komplett dichtmacht, was für mich, die ich bis Ende September fertig sein will, ungefähr so praktisch ist, als würde das ganze Archiv einstürzen, dieses Archiv schrieb, sie hätten heute leider keinen Platz für mich im Lesesaal.
12.50 Uhr @ Paul: Nein, tut mir leid, so war das nicht gemeint.
13.20 Ein paar sehr nette Anfragen (vorlesen für kein Geld aber viel Karma) mit einigen möglichst netten Absagen beantwortet (Keine Zeit, MfG).
14.15 Mein Gebührenkonto in der Staatsbibliothek ist überzogen und mein Bankkonto leer. Jetzt kann ich weder Bücher verlängern noch Schulden bezahlen.
14.32 Ich habe Hunger. Die Küche sieht aus wie Sau. Im Kühlschrank ist nichts, was mich auch nur ansatzweise interessiert. Ich werfe eine Waschmaschine an und koche neuen Kaffee.
15 Uhr @ Paul: Es geht gar nicht darum, dass du mich nicht sehen willst. Es geht darum, dass du ZUERST sagst, dass du deine Ruhe brauchst. ICH WILL AUCH MAL SAGEN, DASS ICH MEINE RUHE BRAUCHE.
15.45 Uhr Die Zeitung erteilt mir einen Auftrag: Ich soll morgen Abend ins Theater gehen und übermorgen um elf die Kritik abliefern.
15.47 Die Direktorin der Grundschule, wo ich unterrichte, schreibt: „Ihr Theaterkurs übermorgen geht doch von 10 bis 11.30 Uhr. Kommen Sie danach mal in mein Büro. Ich möchte ein neues Projekt mit Ihnen besprechen.“
16.11 Uhr Franzi skypt, ob ich inzwischen mal meine Tage bekommen hätte. Nix, antworte ich. Warste beim Arzt? fragt sie. Keine Zeit, sage ich. Hasten Test gemacht? Ja, negativ. Du solltest dich mehr entspannen, schreibt sie. Ich schicke einen Smiley, der gegen eine Wand rennt.
16.38 Uhr Ich hab immer noch Hunger. Beim Durchforsten des Kühlschrankes stelle ich fest, dass ganz hinten ein Glas Oliven in Öl umgekippt und ausgelaufen ist. Ich mache den Kühlschrank zu und koche neuen Kaffee.
16.52 Uhr Erster Nervenzusammenbruch. Danach putze ich mir die Nase und versuche, ein bisschen Wissenschaft zu lesen. Verstehe aber nichts.
17.32 Ich gehe ins Bad, kämme mir die Haare und drücke ein paar Pickel aus.
18.30 Uhr Ich schmiere eine Stulle, danach mache ich den Kühlschrank sauber.
19.16 Uhr. Email eines Künstlerkollegen: Er will sich mal wieder außerhalb der Lesebühne mit uns treffen, ihm seien da beim letzten Mal ein paar Sachen aufgefallen, die er nicht per Mail schreiben will. Er hat auch schon Terminvorschläge: „Wie wär’s mit übermorgen?“, fragt er. „Ja, super!“, antworte ich, „Wie wär’s um elf?“
19.28 Wenn man auf meinem Desktop den Ordner „kreative Ergüsse“ nach „geändert am“ sortiert, kann man sehen, dass ich seit Wochen keine Zeile mehr geschrieben habe.
19.41 Ich öffne ein neues Dokument und warte auf Wortgruppen für eine neue Geschichte. Kommen aber keine. Ich mache das Dokument wieder zu. Der Computer fragt nicht mal, ob ich speichern will.
20.08 Uhr zweiter Nervenzusammenbruch.
20.28 Uhr @ Paul: Ich verstehe, wenn du dich von mir trennen willst. Ich finde mich selber auch zum Kotzen.
20.45 Uhr Anna skypt, ich soll mich vor die Glotze hauen und mich nicht verrückt machen.
21 Uhr Im Fernsehen läuft ein Film über die Weltwirtschaftskrise 1929.
21.45 Uhr Jetzt bin ich mir sicher, dass bald wieder die Nazis an die Macht kommen werden. Das war 1929 so, warum soll es achtzig Jahre später anders laufen? Wenn sie damals zwei Drittel meiner Familie vergast haben, warum sollten sie den Rest jetzt laufen lassen? Außerdem werde ich das Studium schmeißen, das blendend weiße Papier vor meiner Nase beweißt doch, dass ich einfach zu blöd für die Wissenschaft bin. Und dass meine Texte alle Schrott sind, darüber muss man nicht diskutieren. Bleibt noch die Frage, was mit dem ungeborenen Leben ist, dass ich unterm Herzen trage. Wer sagt eigentlich, dass diese Schwangerschaftstests zuverlässig sind? Abtreibung, Trennung, Auswandern. Oder ich hab Gebärmutterhalskrebs, das könnte natürlich auch sein. Davon hört man ja jetzt so viel.
22.30 Uhr Paul ruft an. Er sagt, dass ich nicht paranoid bin und dass bestimmt alles genau so kommen wird. „Ich glaube, du solltest jetzt schlafen gehen“, sagt er noch.
23.45 Uhr: Die Musik zum Einschlafen ist der Soundtrack von „Fear and Loathing in Las Vegas“:
Panic. It crept up my spine like first rising vibes of an acid frenzy. All these horrible realities began to dawn on me. Here I was. Alone in Las Vegas. Completely twisted on drugs, no cash, no story for the magazine. I didn’t even know who’d won the race.

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Kerstin Wadehn – Biographie

Geboren 1968 in Jever, studierte Betriebswirtschaft, Karriere- und Demographie-Management und ist seit 13 Jahren als Human Resources Spezialistin in Deutschland und Australien unterwegs. Nach einer dreijährigen Ausbildung in sachbezogenem und kreativem Schreiben widmet sie nun ihrer großen Leidenschaft mehr Raum und Zeit und betätigt sich nebenberuflich als Autorin von Geschichten, Glossen und Gedichten.

Kerstin Wadehn – Ein Käfig voller Talente

Krise? Welche Krise? Es ist Krieg! Krieg um Talente!
Konjunkturflaute hin, Kurzarbeiterboom her – Unternehmen, die in Zeiten des demographischen Wandels nicht aktiv nach den Perlen im Elite-Pool tauchen, haben die Schlacht um Talente schon vor dem ersten Scharmützel verloren. So beschließe ich eines Tages, an vorderster Front mitzukämpfen. Nicht etwa als Kanonenfutter, sondern als Talentmanagerin. Die Streitkräfte in diesem Garderegiment der Personalarbeit sind heiß begehrt und hoch besoldet in diesen harten Zeiten. Auf in den Kampf!
Zunächst einmal muss ich jedoch herausfinden, wer oder was eigentlich ein Talent ist. Ich begebe mich zwecks Grundlagenforschung in die verbildenden Untiefen des Internets und finde postwendend die für Karrieristen wie mich notwendigen Antworten. Als ich zunächst spaßeshalber Wikipedia konsultiere, hilft mir die leichtgewichtige Schwester des Brockhaus bei der Definition des Begriffs Talent auf phantasievolle Sprünge.
Da gab es einst eine babylonische Maßeinheit des Gewichts, die da hieß Talent. Ergo sind Talente Leute mit Gewicht. Fragt sich nur, ob hierarchisch, intellektuell oder physisch. Das ist jedoch zweitrangig in einer Umgebung, in der sowieso keiner die Sprache des anderen versteht. Talent, so lese ich weiter, ist außerdem ein Triebwagen, der auf Wunsch mit Neigetechnik und frei wählbarer Inneneinrichtung auf die heimischen Gleise geliefert wird. Damit sind Talente triebgesteuerte Menschen mit pikanten Vorlieben und manipulierbarem Seelenleben. Ferner nennt sich – wie jeder weiß – ein kleiner zum Teil begradigter Nebenfluss der Orbe im Schweizer Kanton Waadt Talent. Demnach sind Talente Leute ohne besondere Bedeutung, die man sich beliebig zurechtgebogen hat. So kommen wir nicht weiter.
Ich bleibe des Seelenfriedens wegen bei der wenig kreativen Definition „überdurchschnittliche Begabung“. Fragt sich nur für was? Sockenstricken, Seiltanzen, Schuhshopping? Ein Multitalent kann das übrigens alles gleichzeitig und ohne nennenswerte Energie- und Effizienzverluste. Ein High-Potential (vulgo auch High-Pot oder High-Po) kann alles, ist aufgrund des Wissens um diese Tatsache jedoch so arrogant, dass ihn keiner haben will und daher ganz schnell wegbefördert, was wiederum den Alleskönner in seinem Selbstbewusstsein bestärkt. Versuchen wir es mal hiermit: Ein Talent ist die richtige Person, die sich zur richtigen Zeit am richtigen Platz befindet. Perfekt! Daraus schließe ich messerscharf: ein richtiger Kandidat, der einen nicht unerheblichen Anteil seines Daseins auf Eis beziehungsweise als Bewerbungsunterlage in der Schublade eines Personalers fristet, ist am richtigen Platz, jedoch zur falschen Zeit. Die falsche Person zur richtigen Zeit am falschen Platz ist ein Einstellungsfehler. Und die falsche Person zur falschen Zeit am falschen Platz trifft man demnächst beim Arbeitsgericht wieder.
Nachdem dies nun geklärt ist, wende ich mich der Frage zu, was ein Talentmanager ist und was der so den ganzen Tag macht. Das Internet erklärt mir, das sei der Manager eines Künstlers. Heißt das jedoch, dass es im Unternehmen keine normalen Mitarbeiter mehr gibt? Nur noch Zahlenjongleure im Finanzbereich, Flötisten nach Rattenfänger Art im Vertrieb, Reagenzglas-Koloristen im Labor, Gummiseilartisten am Fließband und Schauspieler mit im Allgemeinen als unverschämt anerkannten Höchstgagen in der Geschäftsleitung? Ein Talentmanager ist außerdem jemand, der dafür sorgt, dass kritische Positionen stets besetzt sind. Meint man erfolgskritisch (Umsatzzahlenpolierer), hygienekritisch (Flurbereinigungskräfte) oder gar gesellschaftskritisch (Weihnachtsfeier-Boykotteure)? Im Zuge der Delegation von Personalaufgaben an Führungskräfte werden auch diese neuerdings als fordernd-fördernde Talentmanager bezeichnet. Damit wäre jedoch mein Karriereziel hinfällig.
Ich entscheide mich schließlich für die lyrische Variante: Ein Talentmanager soll Talente finden, fördern, binden. Das klingt schön und reimt sich. Außerdem steckt dahinter ein unmissverständlicher Auftrag: in der heutigen Wissensgesellschaft gilt es, die klar definierte Arbeitgebermarke so zu positionieren, dass sich die Zielgruppe der hochspezialisierten Spitzenkräfte mit dem perfekten Mix aus Kompetenzen und Potenzialen zwecks Erreichen exzellenter Performanz angezogen, gebauchpinselt und möglichst lange gut unterhalten fühlt.
Auf der Talente-Jagd wird offenbar so manches Pulver verschossen. Jeder Treffer, so aus Fachkreisen vernehmbar, beweise jedoch, dass sich der Aufwand lohnt.
Ob dieser Erkenntnisse beschließe ich spontan, mich auf die Seite des Feindes zu schlagen und künftig nur noch ein Talent zu managen: MICH. Der Friedensnobelpreis lässt bestimmt nicht lange auf sich warten.

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Carsten Zur – Biographie

Über die Wupper um die Alster an die Ruhr. Vom Studium der Germanistik/Linguistik an der Uni Wuppertal mit Hunger nach Hamburg zur Redakteursausbildung gesegelt. Nach angemessener Liegezeit im Norden und einem Windbeutel voller Berufserfahrung per Wendemanöver, mit Zwischenstopps in Bremen und Hannover, gesättigt zurück auf die Gürtellinie Deutschlands, zum kulturellen Nabel Europas im Jahre 2010: ESSEN. Keine Hamburger mehr. Keine Bremer mehr. Nur Kultur. Essen im Ruhrgebiet. 2010. „Ihr könnt kommen, ESSEN ist fertig!“

Carsten Zur – Der Gesundpfleger

Viele Wege führen in die Pflegearbeit. Meine Initiation begann in einer kleinen Kapelle. Der Pfarrer lavierte zwischen Philosophie und Religion hin und her. Wir waren froh, nichts von den üblichen heiligen Geistern zu hören. Die heilenden Geister, unsere Stationsärzte, lernten wir noch früh genug kennen. Episoden aus dem Leben eines Gottessohnes blieben uns ebenso erspart. Der Mann am Kreuz hing sowieso gut sichtbar an der Wand. An jeder Wand. Er wird uns auf Schritt und Tritt bei unserer zukünftigen Arbeit am Leben verfolgen. Der Gekreuzigte schaut uns ab jetzt in den Patientenzimmern bei jedem Verband anlegen und Blut absaugen von der Wand über die Schulter.
Wir waren Anfänger. Ein Jahr später hätten wir in der kleinen Kapelle über die palliative Betreuung des Gekreuzigten und eine professionelle Wundbehandlung gesprochen, über Sterbehilfe und borderline-Syndrom.
Das war die Sprache unseres zukünftigen Arbeitslebens.
Arbeitsleben… Beginnt mit unserer Pflegeausbildung ein Folgeleben? Schließt unsere Arbeit am Leben auch das unsere ein?
Wir wussten, das Arbeitsleben finden nicht in der Gegenwart statt: In der Schulzeit sprachen Eltern und Lehrer über die Vorbereitung auf das Arbeitsleben. Der Großvater spricht im Rückblick über seine Erfolge im Arbeitsleben. Aber stehen wir ab jetzt morgens um 7 Uhr auf und gehen in unser Arbeitsleben?
Nein. Um fünf Uhr. Das neue Leben beginnt im Morgennebel der Frühschicht.
Die Pflegschule köderte uns mit dem Slogan „Pflegen muss man wollen.“ Wir wollten. Wir ahnten auch schon, dass Pflegearbeit verdammt nah am Leben stattfindet; am Leben des Patienten, an unserem Leben. Aus dem persönlichen kleinen Sammelbecken für Krankengeschichten, im Gedächtnis eines jeden, leiteten wir uns unsere Vorstellungen vom Pflegen ab; dass zum Beispiel Pflegearbeit was mit dem Tod zu tun hat. Mit dem Tod eines anderen. Wir werden nach dem Dienst gesund nach Hause gehen. Wir tragen die Hoffnung in uns und von Zimmer zu Zimmer. Von Semantik, der Erforschung von Wortbedeutungen wussten meine jüngeren Kollegen nichts. Ich ahnte allein, dass die Hoffnung bereits in unserer Berufsbezeichnung „Gesundheits- und Krankenpfleger“ schlummerte; schon bevor wir die Krankenhauskapelle betraten und die wilden Orgelsolos der katholischen Faltenrockdame mit entrücktem Lächeln über uns hinwegdonnern ließen.
Mit der Reform des staatlichen Examens wurde aus dem Krankenpfleger ein Gesundheitspfleger. Auch wenn mein kurzes Namensschild am weißen Kasack für das Wortungetüm Gesundheits- und Krankenpflegeschüler kaum ausreichte. Ich fühlte mich als Gesundheitspfleger professioneller. Wir nannten uns selbst gegenseitig Gesundpfleger. Gesundheit, ja, das wollen wir doch alle! Und: Niemand ist in der Klinik NUR krank. Die Gesunden sind zeitweise weniger gesund. Das ist alles. Total krank waren die Körper, die wir in die Pathologie brachten. Das war was anderes.
Das Krankenhaus heißt also nun Gesundheitszentrum. Wir fühlten uns wohl. Wir dienten einer modernen Medizin.
Der Krankheit wurde der dunkle Schleier des Siechtums abgezogen, doch fast unmerklich zog sich ein trüber Sprachschleier über unsere Arbeitssituation.
Es war nicht die Diätberaterin der Klinik, die von einem schlanken Personalkörper sprach, nein, die Geschäftsleitung. Die Personalsituation wurde immer magerer. Die Arbeit sollte verdichtet werden. Nicht lyrisch, nicht atomar. Mehr Arbeit für weniger Personal war gemeint. Die Nachtwache war nun für 2 Stationen gleichzeitig verantwortlich. Die Sterberate stieg.
Der Gesundheitsrhythmus der Klinik sollte gestärkt werden. Gemeint war die frühzeitige Mobilisierung der Patienten durch uns Gesundpfleger, um wie bei der Queen Mary die Liegezeiten zu verkürzen, damit die Betten schnell wieder belegt werden konnten. Patienten die zu früh entlassen wurden, kamen oft nach wenigen Tagen mit Infektionen wieder. Neue Diagnose, neue Einweisung, neue Einnahmen. Frisches Geld. Drehtürpatienten. Nützlich.
Die Euphemismen der Klinikleitung sollen sich zwischen Bewusstsein und Realität der Gesundpfleger schieben.
Dieser Schleier fällt zu Boden, wenn ein Patient verstirbt. In die kalte klare Wirklichkeit des Todes schauen Pflegende und Angehörige, wenn der Atem des Patienten stoppt. Ohne Atem keine Worte.
Der Gesundheitsrhythmus der Klinik hält kurz inne…
Als erstes findet der Arzt seine Sprache wieder, murmelt etwas von letalem Faktor. Dann fragt die Geschäftsleitung nach der Bettenbelegung. Da wäre ein neuer Kunde.
Neue Diagnose, neue Einweisung, neue Einnahmen.
Lebensnähe. Sprachesferne.

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