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"Wir rufen auf! Penner, Fleischwölfe, arbeitsscheues Gesindel"

Anthologie mit den Texten des 2. Literaturpreises.

"Rote Lilo trifft Wolfsmann"

Anthologie mit den Texten des 1. Literaturpreises.

Tweets der PreisträgerInnen

Die drei Erstplatzierten des Literatur-Twitters

Ich möchte nie zurückkehren in das Haus,
wo die Stubenfliegen asthmatisch keuchen
im Staub der Hoffnungslosigkeit archivierter Leiden.

von Anwardya (Anwardya)
http://twitter.com/Anwardya/statuses/1764104679
http://weltentanz.twoday.net/

„Auch in Tweets können es nur Worte sein, die beeindrucken. Aber in dieser Kürze müssen die wenigen Worte noch besser zusammen passen. Asthmatisch keuchende Stubenfliegen, Staub der Hoffnungslosigkeit, archivierte Leiden. Wieder sind es Bilder, die die genannte Hoffnungslosigkeit in meinem Kopf entstehen lässt und dort verweilt, Erinnerungen hervorholt und mich selbst keuchen lässt.“ Robert Lender

„Poesie und Twitter. Die Umarmung dieser beiden ungleichen Formen der Ausdrucksweise zeigt, dass Literatur nicht nur Goethe und Schiller, dass Twitter nicht nur „Grad Pizza gegessen, bin voll.“ sein muss. Und wer täglich im Büro gemeinsam mit den Stubenfliegen asthmatisch keucht, versteht die Hoffnungslosigkeit der archivierten Leiden. Wie oft kehren wir dennoch in das Haus zurück?“ (Nadine Pauland)

* * *

war kein mitarbeiter mehr:
wurde ‚vollzeitäquivalent‘ genannt -
solche kälte liess mich kündigen.
bin jetzt wieder mensch.

von monehartman (Mone Hartman)
http://twitter.com/monehartman/statuses/2934020740
http://www.mone-hartman.de/

„Ja, so ist es, möchte man schreiben. Denn es tut weh, wenn man mit Worten „entmenschlicht“ wird, wenn hinter einem „Vollzeitäquivalent“ kein Name, kein Mensch mehr steht und umso leichter verschiebbar, kündigbar ist.“ Robert Lender

„Von der „Mensch Maschine“ haben 1978 schon Kraftwerk gesungen. „Halb Wesen. Halb Ding. So fühlen wir uns oft im Arbeitsalltag. Nur wenigen gelingt es, Mensch zu bleiben oder wieder Mensch zu werden. Wir gratulieren denen, die es schaffen.“ (Nadine Pauland)

* * *

Mich müde seufzen /
bis der Staub der Arbeit /
von meiner Seele bröckelt

von sammelmappe (sammelmappe)
http://twitter.com/sammelmappe/statuses/1817648607
http://www.claudiakilian.de/

„73 Zeichen genügen ein Bild, eine Geschichte, einen Moment im Kopf entstehen zu lassen. Es ist ein Moment, den auch ich schon erlebt habe und den ich nunmehr in Worte gefasst hier wieder finde. 73 Zeichen, die für Traurigkeit stehen und doch ein klein wenig für Hoffnung auf Neubeginn.“ Robert Lender

„Keine 140 Zeichen hat es gebraucht um einen ausklingenden Tag im Leben der Arbeitswelt zu beschreiben. Stumm zustimmend seufzt man müde, liest noch mehrere Male über den Tweet, bis man die letzten Staubflusen von der Seele putzt und überzeugt und zufrieden den ersten Preis vergibt.“ (Nadine Pauland)

Die sieben Zweitplatzierten des Literatur-Twitters

Menü 18: Im offenen Feuer gegrillte Actien
an dünn gesiebter Armut à la Carte
galoppieren im Wind
des parfümierten Dax

von kurzdielyrik (Michael Bauer)
http://twitter.com/kurzdielyrik/statuses/2472414032

„Die gegrillten Actien lassen vor meinem geistigen Auge das Bild von Nationalökomen im Gehrock und Backenbart, von Kuponschneidern als auch von Bettgehern entstehen. Sie erinnern mich aber auch daran, daß bereits zu dieser Zeit, die zyklische und krisenhafte Entwicklung unseres Wirtschaftssystems beschrieben wurde.“ Georg Schober

* * *

Nach dem Essen.
Bewegungsmelder schaltet das Licht aus,
wenn man zu lange still sitzt.
Es ist dunkel im Flur geworden.

von norbert_hayduk (Norbert Hayduk)
http://twitter.com/norbert_hayduk/statuses/2130562779

„Auch das gefürchtete Wort Überstunden läßt sich literarisch umschreiben und zeigt dabei, dass es nicht immer Dauerstress bedeutet. Einsamkeit und Stille stecken ebenso dahinter und verleihen dem Wort fast eine angenehme Wirkung.“ Nadine Pauland

* * *

Heute mache ich es wie meine Arbeit und bleibe liegen.
Vielleicht erledige ich mich von selbst.

von _duc_ (Herbert Heyduck)
http://twitter.com/_duc_/statuses/2254917346
http://www.zeitmaschine.at/

„Der erste Satz klingt nach oft gesagtem, wäre für sich wohl keine Preis wert. Aber mit dem zweiten Satz kommt das Gefühl der Ohnmacht, des Aufhörenwollens. Aus dem Wort-Spiel wird eine Ernsthaftigkeit.“ Robert Lender

* * *

heute in der nachtSHIFT
feindliche e-mail geENTERt,
mir entgleitet die STRG,
stehe kurz vor dem ESC,
muss mich ENTF, bitte um F1!

von _d_i (Diane Kitzberger)
http://twitter.com/_d_i/statuses/2136470774

„Es ist nicht nur ein Hilfeschrei der modernen Technik. Es ist eine gelungene Kombination aus Literatur und Twitter, aus Schrift und Computer. Eine ebenso gelungene zweideutige Darstellung des Versagens von Mensch oder Technik, oder
beidem.“
Nadine Pauland

* * *

Arbeitsweg
Montags
Hass auf
Den Wecker
Die U-Bahn
Den Fußweg
Die Glastür
Den Aufzug
Den Flur
Weicht dienstags
Stiller Verzweifelung

von 18Chrisie (Chris Lind)
http://twitter.com/18Chrisie/statuses/2839529895

„Wenn der Hass, die Verzweiflung in einem steckt, dann wird alles zum Objekt des Hasses: Ein Wecker, ein Aufzug. Aber der Tweet verharrt nicht in der Aufzählung. Er bricht am Schluss. Denn gerade dort erwartet man den Hass auf die Arbeit, die nie erwähnt wird. Ungesagt bricht die Arbeit den Hass und wandelt dieser in Verzweiflung. Es erinnert mich an ein Lied von Kurt Sowinetz, in dessen Abwandlung man schreiben könnte: Was bleibt ist der Arbeitsweg, nur der Arbeitsweg.“ Robert Lender

* * *

Denkerneuerung
Manche Haare / müssen erst / wachsen /
daraus Zöpfe / zu flechten / um sie /
altgeworden / wieder ab / zu schneiden /

von kalliopeminues (Kalliope Ues Schuh)
http://twitter.com/kalliopeminues/statuses/2277295451

„Das Bild des glatzköpfigen Lehrlings, der mit gewagt verflochtener Hochsteckfrisur die Prüfung bestanden in der Arbeitswelt besteht, hat die Jury einige Phantasie gekostet. Doch auch unsere Haare sind hierbei ein Stück gewachsen.“ Nadine Pauland

* * *

Der orange gewandete Putzmann putzte in der U-Bahn
von Irgendwo nach Nirgendwo das klebrige Bonbon vom Po.

von west47 (Werner Stangl)
http://twitter.com/west47/statuses/2074184446

„Welch Wohltat, wenn das klebrige Bonbon im Nirgendwo verschwindet. Danke allen orange gewandeten Putzmännern.“ Georg Schober

Zur Twitter-Jury-Entscheidung.

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