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"Wir rufen auf! Penner, Fleischwölfe, arbeitsscheues Gesindel"

Anthologie mit den Texten des 2. Literaturpreises.

"Rote Lilo trifft Wolfsmann"

Anthologie mit den Texten des 1. Literaturpreises.

Erste Stufe – PreisträgerInnen

Hier können Sie die Beiträge der zehn PreisträgerInnen der ersten Wettbewerbsstufe des 2. Literaturpreises „Der Duft des Doppelpunktes“ mit dem Schwerpunkt „Arbeitswelt und Sprache“ kennenlernen.

In der zweiten Stufe werden nun die Zweier-Teams aus PreisträgerIn und TutorIn zusammengestellt.
Jede/r der 10 PreisträgerInnen erarbeitet mit Unterstützung seines Tutors bzw. seiner Tutorin im Rahmen einer maximal dreimonatigen gemeinsamen Schaffensperiode bis Ende Oktober 2010 einen weiteren Text zum Thema „Arbeitswelt und Sprache“. Auch die TutorInnen sind eingeladen einen Text zur verfügung zu stellen.
Anfang 2011 wird die Jury aus den 10 anonym eingereichten Beiträgen drei GewinnerInnen ermitteln. Diese werden im Mai 2011 gemeinsam mit ihren TutorInnen zur Übergabe des symbolischen Preises „Der Duft des Doppelpunktes“ nach Wien eingeladen. Zu diesem Anlaß wird auch die Anthologie mit den Texten der PreisträgerInnen, TutorInnen und WürdigungspreisträgerInnen, sowie der im Rahmen des Literaturtwitter ausgewählten Tweets vorgestellt werden.

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Die Texte und Biographien der PreisträgerInnen
Entscheidung der Jury in der ersten Wettbewerbsstufe
Die drei WürdigungspreisträgerInnen der ersten Wettbewerbsstufe
Weitere Beiträge von TeilnehmerInnen der ersten Wettbewerbsstufe
Terminfahrplan

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Die Texte und Biographien der PreisträgerInnen

Sämtliche Rechte am Werk verbleiben beim Autor, bei der Autorin. Diese haben der Veröffentlichung der nachfolgenden Texte hier auf der Literaturpreisseite zugestimmt. Der Zustimmung zur online-Veröffentlichung kann jederzeit vom Autor / von der Autorin widerrufen werden.

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2. und 3. Preis

Alfred Cipera – Biographie
Alfred Cipera – Metamorphose

Joel Bedetti – Biographie
Joel Bedetti – Frohes Schaffen

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4. bis 10. Preis

Bärbel Dorn – Biographie
Bärbel Dorn – Versuch, meinem Chef mein Sozialschmarotzertum zu erklären

Wilhelm Hengl – Biographie
Wilhelm Hengl – Die Zwillingin

Sven Köther – Biographie
Sven Köther – Die Liste

Siri Kusch – Biographie
Siri Kusch – aufruf

Evelyn Leip – Biographie
Evelyn Leip – Märchenhafte Arbeitszeiten

Oliver Meiser – Biographie
Oliver Meiser – Praktisch

Anna-Katharina Pelkner – Biographie
Anna-Katharina Pelkner – Abgehängt und überflüssig. Erwerbsloser Alltag

Annette Scholonek – Biographie
Annette Scholonek – Bewerbung im Bereich Marketing

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Alfred Cipera – Biographie

Geboren: Anfang der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts des vorigen Jahrtausends. Ausbildung/Bildung: Widerspenstig und in der Minimalausprägung. Lehre zum Drucker. Freunde: Familienersatz. Freizeit: Faulsein. Laster: Zigarren, Alkohol. Schreiben: Lust. Lust: Oh ja!!!! Sternzeichen: Löwe/Löwe

Alfred Cipera – Metamorphose

„Wäu“, so hot mei Masta g´sogt,
„du ned bled bist, ned vabockt
und du no wos leana kennt´st,
dos d´n ‚Masta’ ah darennst,
gehst zur Schui in´d Stöbergossn,
wirst di durt berot´n loss´n.”

„Heans, za wos soi i wos leana,
depat sitz´n wia de Heana1
einestuck´n in de Birn?“
– „Wäu du kenntast reüssier´n.
Mir föhn zur Pens´n no fünf Joahr,
daun braucht´s an aundan, des is kloar.“

Und i hob mi informiert.
– De Oide2 hot se sicha g´irrt,
se hot g´mant „i soit probier´n,
glei´ wos Richtiges studier´n“.
„Fünf Fächer“, sogt´s „miassns besteh´n,
daun kennans auf de Uni geh´n.“

Sechs Wochen geh´i jetzt auf d´Nocht
in de Schui – und wos hots `brocht?
De Eigaln rot – wäu i nix seh,
de Glebeln3 tan vom Mitschrei´m weh
und´s Mitschrei´m is für´n Hugo g´wes‘n,
wäu i kauns heit scho nimma les´n.

Doch da Pepsch, mei Hawara4
sogt: „ Heast, du bist Barawara5.
Ka g´studierter Halawachl6,
Lutschgamandl7, koites Klachl8.
Wüst wean wia de Politika,
Spurtrepurta, Kritika?

De, de dauand depat red´n
und vaorsch´n dan an jed´n?
Oda wüst mit launge Zodn9,
Hos´n, de scho aus da Modn,
Tschisasschlapfen10, Nickelbrün
mit de ‚G´scheidaln‘11 Dokta spün?“

„Heast du gsöchter12 Larifari13,
mochst mi scho glei giri-gari14,
nur wäu i wos leana wü –
lean söba wos, waßt eh ned vü!”
Do wor da G´söchte deschparat15,
augfress´n und goschnstad16.

I, dawäu, hob aund´re Surg´n,
da nexte Test – der is´ scho murg´n.
(Da letzte wor a murdstrumm Fetzen.
Nicht genügend, Danke, setzen.)
Bei dem jetzt muaß des aundas wer´n,
i wü zu de Siega k´hern.

In der Hacke frog´ns mi täglich
nach Erfolg, und ob womöglich
ich schon bald Magister wär´,
weil dann müßt´ ein Faß´l her.
(Gräßlich ist es wie profan
doch die simplen Leutln san.)

Und so tu ich mich halt bilden,
weg vom „Wiener Vorstadtwilden“,
hin zu dem kulturbefliss´nen
Schleuderer von Aphorismen,
dessen Wurzeln, aber doch –
stecken in da Weanasproch.

1: Heana = Hühner
2: Oide = Alte
3: Glebeln = Finger
4: Hawara = Freund
5: Barawara = auch Barabara = Hackler = Arbeiter
6: Halawachl = leichtsinniger Mensch
7: Lutschgamandl = Lutschger = Schnuller, Mandl = Männchen = Ein
der Säuglingsfigur nicht entwachsener Mann
8: koites Klachl = kalte (Milch-)Suppe
9: Zodn = auch Zotteln = Haare
10: Tschisasschlapfen = Jesussandalen (billige Lederriemchen Sandalen)
11: G´scheidaln = Gescheiten (abfällig)
12: gsöchter = geselcht – für „sehr mager“
13: Larifari = im 18. Jhdt. für „Kasperl“
14: giri-gari = hin und her, Fachausdruck beim Billard.
15: deschparat = depremiert
16: goschnstad = schmähstad = ruhig

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Joel Bedetti – Biographie

Geboren 1984, lebt in Zürich und dort studiert Geschichte und Ethnologie. Neben dem Studium arbeitete er erst als freier Journalist für Lokal- sowie Universitätszeitungen, seit einem Jahr textet er als festangestellter Reporter für die Schweizer Online-Zeitung 20Minuten Online. Trotz buchlastiger Kindheit hat er das literarische Schreiben erst vor einem halben Jahr entdeckt.

Joel Bedetti – Frohes Schaffen

Ja guten Morgen Herr Baumgartner, ich hoffe ich darf so einfach reinplatzen, haha, nett haben Sie es hier, ein bisschen ab vom Schuss, dafür viel Licht und Luft, haben Sie ein gutes Wochenende gehabt, jaja, ich auch, ja, Herr Baumgartner, schön Sie zu sehen, an ihrem neuen Arbeitsplatz, hahahahaha, ist praktisch, nicht wahr, kaum hüpft man aus dem Bett, ist man schon bei der Arbeit, man kann sogar im Morgenmantel arbeiten, hahaha, ja, klar, natürlich Herr Baumgartner, darum haben wir auch die Arbeitszeiten ein bisschen erhöht, der ganze Anfahrtsweg fällt jetzt ja weg, aber sehen Sie es von der guten Seite, Sie müssen nicht mehr in aller Herrgottsfrühe ins Büro fahren und noch nach einem Parkplatz suchen, da ist Arbeiten also schöner, würde ich sagen, das müssen Sie schon sehen, Herr Baumgartner, und Ihre Ruhe haben Sie auch beim Arbeiten, umso mehr, da Sie ja weder Frau noch Kinder haben, nicht wahr, gut, dafür haben Sie niemanden, der Ihnen nebenbei Kaffee kocht, hahaha, aber was solls, ach jetzt kommen Sie, Herr Baumgartner, machen Sie doch nicht so ein Gesicht, natürlich ist das eine Umstellung, aber wir leben in einer Zeit, wo Umstellungen zum Normalzustand geworden sind, das muss ich Ihnen genauso wenig sagen wie, dass es unsere Zunft besonders hart getroffen hat, wir können uns das Redaktionsgebäude einfach nicht mehr leisten, Herr Baumgartner, das haben wir Ihnen allen doch deutlich gemacht, sonst können wir in zwei Jahren gleich alles dicht machen, wenn das so weitergeht, und das wäre auch nicht in Ihrem Sinne, denke ich, eben, und sehen Sie, Sie sind ja bei weitem nicht der Einzige, der sich umgewöhnen muss, sogar ich arbeite jetzt zu Hause, was meinen Sie, Herr Baumgartner, ja, haha, da haben Sie Recht, die Berater, die uns das vorgeschlagen haben, arbeiten nicht zu Hause, hahaha, da haben Sie ganz Recht, die sind besser durch die Krise gekommen als wir, aber schließlich ist das alles halb so wild, ich verspreche Ihnen, Sie werden schnell erkennen, was das für Vorteile hat, Herr Baumgartner, so, wir müssen langsam zur Sache kommen, hier haben Sie das Material, das ich heute jedem austeile, dieses schnuckelige Ding, das Webcam genannt wird, dann müssen Sie noch Skype installieren, dieses Internettelefonprogramm, und wenn Sie das gemacht haben, dann sind Sie betriebsbereit, Herr Baumgartner, hahaha, das ist doch bestens, das Organisatorische haben Sie ja schon vom Chefredaktor gehört, nicht wahr, Redaktionssitzung ist jetzt eine halbe Stunde früher, eben weil sie alle nicht mehr erst in die Redaktion kommen müssen, sondern gleich nach dem Morgenkaffee mit der Arbeit beginnen können, nicht wahr, und für die Redaktionssitzung gibt es auf Skype diese Konferenzanruffunktion, dann erscheinen all Ihre Arbeitskollegen auf so kleinen Bildschirmen, lustig, nicht wahr, dann sehen Sie auch mal, wie die es zu Hause haben, da wird es doch gleich viel persönlicher als in der Redaktion, und danach gehts schon los mit der Arbeit, wie gehabt, da wissen Sie ja besser als ich, wie man das macht, Herr Baumgartner, ach kommen Sie, jetzt schauen Sie mich nicht so traurig an, das erinnert mich an meinen Hund, der schaut manchmal auch so, hahaha, nein, im Ernst, Herr Baumgartner, ich weiß, dass Sie die Geselligkeit in der Redaktion immer genossen haben, aber Sie können sich ja immer noch nach der Arbeit mit Ihren Kollegen zu einem Bier treffen, nicht wahr, und wir sehen uns ja spätestens alle beim Weihnachtsessen in Fleisch und Blut, wobei, das habe ich ganz vergessen, das Weihnachtsessen geht künftig so, dass jeder eine Pizza seiner Wahl und ein Glas Wein nach Hause geliefert bekommt und wir dann per Skype-Konferenzanruf miteinander anstoßen, hahahahaha, kleiner Scherz, Herr Baumgartner, natürlich nicht, beim Weihnachtsessen habe ich mich ja noch nie lumpen lassen, nicht wahr, hahaha, so, jetzt muss ich wirklich weiter, Herr Baumgartner, und ich will Sie auch nicht von der Arbeit abhalten, in einer Viertelstunde ist ja schon Redaktionssitzung, nicht wahr, tja, dann kann ich Ihnen nur noch einen guten Start wünschen, und jetzt lachen Sie doch ein bisschen, draußen scheint die Sonne, also, Herr Baumgartner, wir sehen uns spätestens beim Weihnachtsessen, bis dahin wünsche ich Ihnen toi, toi, toi und frohes Schaffen!

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Bärbel Dorn – Biographie

Geboren 1952 in Köthen/Anhalt, lebt in Berlin, eine erwachsene Tochter. Sie studierte von 1971 –1976 in Warschau (Polen) Mathematik. Seit 1981 ist sie in der Softwareentwicklung tätig, seit 2004 in der Weiterbildung, u. a. als Schreibcoach. Daneben schreibt sie Gedichte und Kurzgeschichten. Sie war 2002 Teilnehmerin des 4. Autorinnenforums Rheinsberg, 2005 Preisträgerin des 4. Schweriner Literaturwettbewerbes

Bärbel Dorn – Versuch, meinem Chef mein Sozialschmarotzertum zu erklären

Ich war wirklich froh, als Sie sich für mich entschieden haben. Langeweile hatte ich zu Hause nicht, man beschäftigt sich schon irgendwie. Mein Interesse gilt von Berufs wegen der Soziologie, ich habe die Neuerscheinungen gelesen, auch einschlägige Berichte über den Missbrauch sozialer Leistungen. Arbeit war für mich immer mehr als ein Job. Aber bald sah ich ein, dass ich an meine beruflichen Erfahrungen nicht mehr anknüpfen kann, mit jeder Bewerbung schraubte ich meine Erwartungen zurück. Bei Ihnen hat es endlich geklappt. Nicht mein Traumjob, das wusste ich natürlich. Besser diesen als keinen, tröstete mich die Vermittlerin. Das klingt vernünftig, dachte ich und beantragte Zuschuss zum Lebensunterhalt: Von sechs Euro brutto kann ich meine Familie nicht ernähren, vom Bücherkauf ganz zu schweigen. Trotzdem – ein gutes Gefühl, endlich wieder zu den Fleißigen in dieser Gesellschaft gehören zu dürfen. Mit viel Elan erschien ich an meinem ersten Arbeitstag morgens hier bei Ihnen im Büro, erinnern Sie sich? Wir sprachen nett über Gott und die Welt, auch über die Jobkiller-Mindestlöhne. Anschaulich erklärten Sie mir die Sachzwänge. Sozial ist, was Arbeit schafft. Ich bestätigte das gern. Der Mensch ist erst Mensch, wenn er arbeitet, philosophierte mein Vater immer. Warum sollte Ihr Jobangebot also unsozial sein? Arbeit muss sich für das Unternehmen rechnen, führten Sie weiter aus. Wahr gesprochen, sagte ich. Wenn Ihr Auftraggeber nicht besser zahlt, kann ich eben nur sechs Euro brutto die Stunde bekommen.
Leider verpuffte die Motivation, die ich aus unserem Gespräch gezogen hatte, schnell. Mein Vater brachte mir nicht nur Ehrfurcht vor der Arbeit bei, auch Liebe zur Wahrheit gehörte zu seinen unumstößlichen Grundsätzen. Als Call-Center-Agent konnte ich leider selten bei der Wahrheit bleiben. Ziemlich frustrierend. Aber noch überwog der Gedanke: Sei froh, dass du Arbeit hast. Nach der vierwöchigen Probezeit hätten Sie mir aufgrund meiner miserablen Leistungen kündigen können, aber Sie zeigten sich wieder von Ihrer sozialen Seite und schickten mich ins Scan-Center. Vierfünfzig, die Stunde. Die junge Frau, die meinen Antrag auf höheren Zuschuss zum Lebensunterhalt bearbeitete, seufzte. Das wird, Sie gewöhnen sich wieder an die Anforderungen des Arbeitsmarktes, wollte sie mich aufmuntern, beschämte mich aber nur. Lebensuntüchtig fühlte ich mich. So kam ich ins Scan-Center. Deferritieren. Sie verstehen nicht? Kleiner Scherz: Ferrum, lateinisch, und de-, ent-, also Enteisen. Heftklammern müssen vor dem Scannen entfernt werden. Notwendig, damit das papierlose Büro endlich Realität wird. War mein Promotionsthema, Anfang der Achtziger, die Auswirkungen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in den Büros. Schöne neue Computerwelt. Effektiv, sozial und umweltfreundlich. So habe ich mir das damals vorgestellt. Verstehen Sie, dass mir Ihre Geschäftsidee mit dem Scan-Center gefiel, wissenschaftlich betrachtet? Aber der Job war stupid. Ich löste die Klammern mit einem Enthefter, mein Kopf blieb unbeschäftigt. Kein Wunder, dass ich anfing, mir die dreitausend Blatt, die ich täglich zwischen Daumen und Zeigefinger bekam, genauer anzuschauen. Klack, Klammer raus, zehn Jahre alte Kaffeerechnungen … Klack, nächste Klammer raus, Teilnehmerlisten vom Betriebsfest vor elf Jahren … Klack, klack, klack … Ich verfiel ins Grübeln. Wer braucht, entschuldigen Sie den vulgären Ausdruck, diesen Quatsch noch? Warum, sinnierte ich also, bezahlt der Auftraggeber diese … Beschäftigung. Sie als Betriebswirt und Geschäftsführer kennen die Antwort … Ich konnte es mir nach und nach zusammenreimen: Der Auftraggeber ist zugleich der Kapitaleigner unseres Call-Centers. Spielgeld, was da hin- und hergeschoben wird, es kann von der Steuer abgesetzt und aus der Bilanz rausgerechnet werden, das treibt den Kurs nach oben. Dann die Prämien aus den Programmen zur Arbeitsförderung. Bleibt eine ganze Menge übrig, wenn ich mein Gehalt bekommen habe. Und Sie nennen die Sozialschmarotzer, die arbeitslos zu Hause sitzen!
Begreifen Sie, dass ich nicht mehr Deferritieren kann? Sie und ich – wir gehen von verschiedenen Axiomsystemen aus, so würden Mathematiker das nennen. Für Sie ist Arbeit etwas, das Ihren Profit mehrt, für mich eine sinnvolle Beschäftigung. Arbeit um der Arbeit willen ist gegen die menschliche Natur, schrieb John Locke schon vor mehr als dreihundert Jahren. Sollten Sie lesen. Arbeit kann nicht geschaffen werden, Arbeit ist da und wird erledigt, damit alle gut leben können. Nicht jede Arbeit muss und kann sich rechnen, auch wenn Ihre Logik Ihnen das vorgaukelt. Die einen backen Brot, bauen Computer und Häuser, diese schaffen den Reichtum, damit andere Kranke pflegen, Kinder betreuen, Theater spielen oder Soziologie betreiben können. Daraus folgt in meiner Logik die zwingende Frage, wie unser aller Reichtum, den Sie als Ihren Profit beanspruchen, gerechter verteilt werden kann. Auf der Suche nach Antwort werde ich mich wieder in die soziale Hängematte, wie Sie Erwerbslosigkeit süffisant nennen, zurückziehen und mich kritisch weiterdenkend mit der Marx’schen Theorie von der Assoziation freier Produzenten auseinandersetzen … Sie sehen, ich werde also auch ohne sinnlose Beschäftigung in Ihrem Unternehmen, ohne so genannte Arbeit, beschäftigt sein …

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Wilhelm Hengl – Biographie

Geboren 1967 in Wien, mit sechs Jahren plangemäß eingeschult und mit fünfzehn, etwas weniger plangemäß, vom Gymnasium ausgemustert. Danach Lehre zum Starkstrommonteur. Der Stadt beruflich treu geblieben, lebt er seit 1989 mit Ehefrau, drei Katzen und zwei Schildkröten in Traiskirchen, Niederösterreich. Begann zu schreiben, nachdem er eine Geschichte über Schreibblockaden gelesen hatte.

Wilhelm Hengl – Die Zwillingin

Nur Vorgesetzte von gestern erteilen Anweisungen. Moderne Führungskräfte kommunizieren Ziele, mit denen sich jeder Mitarbeiter identifizieren kann.
Das war Jescheks persönliche Zusammenfassung der vier Führungskräfteseminare, die er auf Foitls Wunsch absolvieren hatte müssen. Als letzte Bürde vor der Beförderung vom Assistenten zum Teamleiter. Der offiziellen Beförderung, denn interimistisch durfte Jeschek das Team schon seit einem halben Jahr leiten, weil sich sein Vorgänger ohne Vorwarnung in die wohlverdiente Frühpension verabschiedet hatte.
„Sie mit Ihrem neudeutschen Schmarrn bringen die Dinge auch nicht auf den Punkt. Ziele formulieren! Den Leuten muss man sagen, wo es langgeht!“, hatte der Alte den Foitl mal angeknurrt. „Und die Binnen-Innen-Irrsinninnen machen aus dem inhaltsarmen Gegacker endgültig eine Persiflage.“
Jeschek war der gleichen Ansicht. Auch er boykottierte diesen Unfug in Rede und Schrift. Womit er sich als Schriftführer der monatlichen Abteilungsbesprechungen die aufrichtige Feindschaft der Hess eingebrockt hatte.
Die Hess riss jede Abteilungsbesprechung an sich. Maßregelte dabei selbst den Foitl wie einen Rotzbuben, denn der war bloß Abteilungsleiter, sie aber Beauftragte für Gleichbehandlung und Frauenförderung. Nicht zwingend in dieser Reihenfolge. Und sicher hatte sie längst Jescheks Protokollentwurf zur letzten Sitzung in die Finger bekommen. Den hatte Jeschek nämlich schon vor einer Woche mit dem Vermerk Vertraulich an Foitl gemailt.
Merkwürdig nur, dass die Hess diesmal nicht tags darauf Jescheks Büro gestürmt hatte, um ihm ihre Korrekturen zu diktieren.
Merkwürdig auch, dass sich der Foitl ebenso seit Tagen nicht blicken hat lassen, um seine politisch korrekten Wünsche zu kommunizieren.
Als Jeschek schon an den fünften guten Tag in Folge glaubte, kommunizierte Foitl seine Wünsche doch. Per Mail.

sg hr jeschek sie haben in letzter zeit viele neue kundenInnen angeworben das zeigt mir dass sie zu gefälliger kommunikation fähig sind was ich mir von ihnen wünschen würde wäre eine ausdehnung dieser fähigkeiten auf alle kollegenInnen wenn sie sich diesbezüglich entwickeln wird die neue teamleiterin gewiss sie als ihren assistenten in erwägung ziehen mfg f

Jeschek glotzte noch immer mit offenem Mund auf den Monitor, als sich jemand räusperte. Es war die Hess, die irgendwann während seiner geistigen Abwesenheit das Büro betreten haben musste. Jeschek sah sie doppelt. Obwohl er nüchtern war.
„Herr Jeschek, das ist Frau Hess“, meinte die Hess und himmelte den Klon an ihrer Seite an. Vielleicht war es auch ihre Zwillingsschwester.
„Wusste gar nicht, dass es Sie Naturkatastrophe doppelt gibt“, antwortete Jeschek.
„Sie können Ihre Herkunft wohl nie abstreifen. Nun ja, nicht jeder Mensch hat das Potential zur Weiterentwicklung. Wie dem auch sei. Die Abteilungsleitung sieht in mir die kompetenteste Person, meine Zwillingin in den Betrieb einzuführen. Vor allem in dieses Team hier.“
Jeschek blickte auf den Monitor, auf dem immer noch Foitls Mail geöffnet war. „Was soll der ganze Blödsinn?“
„Ich bin von der Abteilungsleitung zur neuen Teamleiterin bestellt worden“, antwortete Hess’ Zwillingin.
„Das kann nur ein Witz sein! Ich gehöre seit dreißig Jahren zu diesem Team! Beherrsche jeden Prozess im Schlaf! Erkenne Fehler im Ansatz! Nichts für ungut, aber was wollen Sie Protektionskind besser können als ich?“
„Erstens ist meine Zwillingin Quereinsteigerin, wenn ich bitten darf“, antwortete Hess, das Original. „Zweitens richten moderne Führungskräfte ihren Fokus nicht aufs Fachliche. Dafür haben sie doch ihre Mitarbeiterinnen. Es geht vielmehr um Führungskompetenz. Und da haben Sie die Abteilungsleitung mit ihrem reaktionären Benehmen wiederholt enttäuscht.“
„Warum sprechen Sie vom Foitl in der Mehrzahl? Warum sagt mir der das alles eigentlich nicht selber?“
„Foitl lässt sich den Rest des Tages entschuldigen. Er musste kurzfristig auf eine dringende Besprechung.“
„Ich hab doch eben ein Mail von ihm bekommen!“
„Das ist wohl seine Besprechung.“
Jeschek atmete tief durch. Einmal. Zweimal. Zehnmal.
„Dem Foitl ist doch Harmonie wichtiger als jede Bilanz“, sagte er dann. „Wie haben Sie ihm diese Freunderlwirtschaft einreden können, die wohl nichts Harmonisches an sich hat?“
„Nicht doch, Jeschek. Nur Vorgesetzte von gestern betreiben Freunderlwirtschaft. Moderne Führungskräfte installieren mittels friend-recruiting ein Netzwerk harmonierender Mitarbeiterinnen.“

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Sven Köther – Biographie

Geboren 1967. Ausbildung zum Maurer und Fließenleger, später Umschulung zum Steuerfachangestellten. Mehrjährige Aufenthalt in Südamerika und Spanien. Seit 2002 wieder in Deutschland. Derzeit tätig als Fachberater im Außendienst.
Schreibt Prosa und Lyrik, die bisher in den Anthologien des Auslesen-Verlages (2006, 2007, 2008) sowie in der Anthologie des Blauen Salons veröffentlicht wurde.

Sven Köther – Die Liste

Offiziell heißt sie Rennliste, wir aber nennen sie Renner-und-Penner-Liste. Denn sie zeigt nicht nur die Verkaufszahlen der Renner, also der Top-Verkäufer, sondern auch die Ergebnisse von den weniger erfolgreichen – den Pennern.
Keiner möchte auf der Rennliste ganz unten stehen. Nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern weil es peinlich ist, auf den vierteljährlichen Meetings vor allen Kollegen bloßgestellt zu werden. Die Renner lobt und beglückwünscht man. Den Pennern aber werden unangenehme Fragen gestellt. Obwohl sie irgendwo in der U-förmig aufgestellten Tischreihe sitzen und auf ihren Stühlen immer mehr in sich zusammensacken, stehen sie im Mittelpunkt. Teil einer mit einem Beamer an die Leinwand geworfenen Statistik, sind sie die Hauptdarsteller in dieser Leistungsrevision. Sie können sich der ungeteilten Aufmerksamkeit aller sicher sein. Was werden sie zu ihrer Entschuldigung sagen? Kommen wieder die gleichen, dutzendweise gehörten Ausreden, oder lässt sich mal jemand etwas Neues einfallen? Wie lange dauert es, bis ihre Stimme dünner wird, bricht oder sich überschlägt? Oder werden sie einfach nur störrisch, weil sie sich von ihren fadenscheinigen Selbstrechtfertigungen haben überzeugen lassen?
Meist treffen wir uns in irgendeinem mittelmäßigen Hotel, in einem schlecht belüfteten und neonlichtgetränkten Konferenzraum. Wir, das sind zwanzig Verkäufer, einem Verkaufsleiter unterstellt, der wiederum einen Gebietsleiter über sich hat. Der Verkaufsleiter führt durch die Meetings. Der Gebietsleiter ist nur anwesend und macht Einwürfe an für ihn passenden Stellen.
Die Rennliste wird immer zuerst besprochen, denn für den Verkaufsleiter und den Gebietsleiter ist es der wichtigste Teil der Veranstaltung. Danach folgen noch Präsentationen von Lieferanten und Planung gebietspezifischer Verkaufsaktionen. Manchmal Workshops. Da aber ist die Gruppe schon in Renner und Penner getrennt, und die Renner legen sich ins Zeug, stellen Fragen, unterstützen die Präsentationen und leiten die Arbeitsgruppen. Die Penner bleiben in der Defensive, lauern nur noch auf die eine oder andere Gelegenheit, beim Verkaufs- oder Gebietsleiter einen Eindruck zu hinterlassen, der die zuvor gesehen Zahlen relativieren soll.
Unser Verkaufsleiter hat die Liste nun umgetauft.
„Die Liste“, sagt er, „ist kein Urteil, sondern ein Spiegel, der das Maß der Umsetzung unserer Verkaufstrategien reflektiert. Jemand, der sich ganz unten auf der Liste befindet, ist nicht etwa ein schlechterer Verkäufer oder faul oder unfähig. Nein, er hat nur noch nicht begonnen, all das umzusetzen, was für den Verkaufserfolg in unsere Branche dringend notwendig ist. Deswegen heißt diese Liste jetzt nicht mehr Renner-und-Penner-Liste, sondern: die Liste der Starter und Warter!“
Er sagt den letzten Satz hinein in die Runde und macht eine kurze Pause. Dabei schaut er nacheinander einen jeden an, holt alle ab mit seinem Blick, bündelt die Aufmerksamkeit auf der Bühne seines flachen Gesichts.
„Unserer Strategien ändern sich stetig, jede Situation, jeder Kunde ist neu. Deswegen müssen wir immer wieder neu starten. Starten mit unserem Konzept, mit unserer Präsentation, mit unserer Argumentation. Wer startet, hat Erfolg. Wer aber wartet, stets nach demselben Schema vorgeht, immer den gleichen Stiefel herunterbetet – der steht ganz unten auf der Liste. Weil er ein Warter ist. Weil er ängstlich ist und nicht den Mut hat, sich zu bewegen. Wir haben keine Penner unter uns, nicht wahr? Penner hätten wir nie eingestellt. Penner würden in unserer Gruppe gar nicht geduldet. Aber wir haben Warter. Die, die da ganz unten stehen auf der Liste. Und zu diesen Wartern sage ich: Bleibt nicht länger stehen! Bewegt euch! Startet in den Erfolg!“
Und tatsächlich, nach dieser Ansprache legen sich die Penner, nun Warter geheißen, mächtig ins Zeug, stellen Fragen bei den Präsentationen und bringen sich bei den Arbeitsgruppen ein, auch wenn sie immer noch nicht die Leitung übernehmen dürfen.
Langfristig wird das natürlich nichts ändern. Aus den Pennern werden Warter, aber ihr Platz am Ende der Liste wird bleiben. Mit einem Verkäufer ist es wie mit einem Künstler. Entweder man ist einer oder nicht. Kein Meeting, kein Wechsel in den Bezeichnungen ändert daran etwas.
Wir dagegen, die Renner, sind zwar zu Startern geworden, aber sehen uns nach wie vor als Renner. Und wir blicken genauso verächtlich wie zuvor auf die Penner, die jetzt Warter heißen und die beim nächsten Meeting wieder auf die vom Beamer an die Leinwand geworfene Statistik starren werden, in sich zusammensackend oder störrisch. Und wie zuvor sind wir dann wieder gespannt, welche Ausreden sie diesmal vorbringen. Warum sie nicht starten. Warum sie immer noch pennen.

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Siri Kusch – Biographie

Siri Kusch wurde in Holland geboren, wuchs in Nord- und Süddeutschland auf und lebte im Rheinland, in Berlin, Frankfurt, der Schweiz und den USA. Nach einer Ausbildung im Bereich Wirtschaft und Finanzen (Banklehre, Studium, Promotion) war sie bei verschiedenen Banken in leitender Position tätig. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Finanzberaterin und widmet sich ihrer lebenslangen Passion, dem Lesen und Schreiben.
In ihren Gedichten und Kurzgeschichten analysiert sie die Entfremdung des modernen Menschen und wirft einen kritischen oder auch humorvollen Blick auf sein Umfeld, so z.B. in ihren Gedichtzyklen „Berlin“ und „Blühende“. Ihre Werke wurden in mehreren Anthologien und Literaturportalen veröffentlicht. Sie ist Trägerin des Scheffelpreises.

Siri Kusch – aufruf

‚Betreten nur nach vorherigem Anklopfen‘

gilt nicht mehr.
jetzt ist
ruhe die erste bürgerpflicht.
wir rufen auf.

‚Betreten nur nach vorheriger Aufforderung‘

initiative war.
heute ist
dumpfes warten angesagt.
wir rufen auf.

‚Nur nach vorheriger Terminvereinbarung‘

war einfach.
niemand spricht
offen in offener sprechstunde.
wir rufen auf.

‚Ziehen Sie eine Nummer‘

„Herr Müller bitte“
verwandelt in
eine fallende rote digitalziffer.
wir rufen auf.

‚Bitte warten‘

ausharren hilft.
„geduldet euch,
damit auch ihr geduldet werdet“.
wir rufen auf.

‚Nehmen Sie Platz‘

ist ohne stuhl
nicht möglich,
nur treten auf der stelle.
wir rufen auf.

‚Warten Sie vor der Tür‘

denn draussen
vor der tür
versammeln sich die ausgegrenzten.
wir rufen auf.

‚Ihr Antrag wird bearbeitet‘

das dauert,
denn das amt
macht frühstückspause.
wir rufen auf.

‚Fenster nicht öffnen‘

schlechte luft
verstärkt
die furcht vor ohnmacht.
das hat system.

wir rufen auf.

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Evelyn Leip – Biographie

Evelyn Leip ist Jahrgang 1965. Studium der Soziologie, Philosophie und Deutschen Philologie, gleichzeitig Arbeit als Sekretärin in einer Behörde zur Finanzierung. Anschließend Promotion mit einem Familienwissenschaftlichen Thema und div. Lehraufträge. Seit sieben Jahren lebe ich mit Mann und zwei Kindern in Norditalien. Aufgrund einer chronischen Erkrankung bin ich nicht berufstätig, habe aber großes Interesse an sozialwissenschaftlichen Themen und neben Familie, Haus und Garten viel Zeit zum Lesen und Schreiben.

Evelyn Leip – Märchenhafte Arbeitszeiten

Einige Jahre, nachdem das Märchen zu Ende war, suchte der Prinz ein neues Betätigungsfeld. Prinzessinnenretten war out, und in Anbetracht der Krisen schulte er um auf Insolvenzverwalter. Das zwang ihn zu immer weiteren und längeren Geschäftsreisen und erzeugte zu Hause Krisensituationen, deren Heftigkeit den Krisenmanager überraschte. Die Ehe wurde folgerichtig abgewickelt, der Prinz entschwand ins Ausland und Schneewittchen erwachte erneut. Dieses Mal allerdings war es ein böses Erwachen. Sie fand sich nicht in den Armen eines schönen Prinzen, sondern allein mit Zwillingen, die noch nicht einmal das Kindergartenalter erreicht hatten, und ohne Geld.
Zum Glück erklärte sich die Mutter des entschwundenen Prinzen bereit, auf die Miniprinzen aufzupassen, und Schneewittchen fand einen Job als Verkäuferin, der sie und die beiden Kinder knapp ernährte.
Eines Tages aber starb die Großmutter und Kinderbetreuung und Arbeit kollidierten. Zwar besuchten die Miniprinzen inzwischen die Schule, aber die Beschulungszeiten stimmten nicht mit den Arbeitszeiten der Mutter überein. Da ging Schneewittchen zum Chef und bat um Hilfe.
„Flexibilisierung“ hieß das Zauberwort. Ab jetzt würde Schneewittchen ihre Arbeitszeit einfach flexibler aufteilen. Solange sie eine Kernarbeitszeit einhielt und am Ende jeder Woche auf die vereinbarte Stundenzahl kam, war sie flexibel. Schneewittchen war froh. Mittags machte sie eine lange Pause, in der sie mit den Prinzen aß und klärte, was am Nachmittag zu erledigen war. Das klappte soweit ganz gut.
Nach einigen Wochen erkrankten die Prinzen. Schneewittchen standen dafür mehrere Tage Krankheitsurlaub zu. Der Chef lehnte dies mit der Begründung ab, sie könne ja ihre Arbeitszeit flexibel einteilen und solle dann eben an anderen Tagen die Fehlzeiten nacharbeiten. Und so klein wären die Miniprinzen ja nicht mehr, dass man sie nicht auch krank einmal für einige Stunden allein lassen könnte, wenn Schneewittchen im Laden dringend gebraucht würde.
Schneewittchen wollte protestieren, aber der Chef wies nur auf die Arbeitslosenstatistik, die bunt ausgedruckt als beeindruckende Grafik hinter seinem Schreibtisch hing, und da klappte Schneewittchen den Mund wieder zu und fügte sich.
Inzwischen waren die vier Kolleginnen eifersüchtig geworden, sie wollten auch flexible Arbeitszeiten. Dem Chef war das recht. In Zeiten, in denen nicht viel eingekauft wurde, standen oft ohnehin ein oder zwei Mitarbeiterinnen nur herum. Also verpflichtete er alle dazu, zu den wichtigsten Zeiten zu erscheinen und sich ansonsten so abzusprechen, dass immer zwei im Geschäft waren, und strich vergnügt eine der fünf Stellen.
Eine Weile teilten die vier verbleibenden Damen sich die Arbeit sehr flexibel. Doch schon bald zeigte sich, dass manche flexibler sein musste als eine andere. Als Faustregel erwies sich: Je dringender das Geld benötigt wurde, je geringer andere Optionen waren, je dünnhäutiger die Ellenbogen und je höher die soziale Kompetenz, desto flexibler musste sich die Mitarbeiterin erweisen. Schneewittchen, die keine Ausbildung hatte, das Geld brauchte, und die höflich und umgänglich war, endete immer häufiger mit Dienstschichten, die sonst keine wollte.
Notgedrungen meldete sie ihre Kinder in einem teuren Hort an. Jetzt war das Geld noch knapper. Weil viele Arbeitnehmer in anderen Betrieben sich in einer ähnlichen Situation befanden, hatte kaum jemand Zeit, tagsüber einzukaufen. Da beschloss der Chef, den Laden auch an Sonn- und Feiertagen zu öffnen. Die drei Kolleginnen hatten da allerdings meist keine Zeit, die eine hatte einen Mann, der nicht kochen konnte, die andere einen Hund, der sonntags nicht gern allein blieb, die dritte ein Verhältnis mit dem Chef. Schneewittchens Kinder besuchten jetzt sonntags oft Freunde oder verbrachten den Tag vor dem Fernseher.
Schließlich rief der Chef die vier Mitarbeiterinnen zu sich. Aufgrund der ungünstigen Konjunktur würde er eine weitere entlassen müssen. Die verbleibenden drei würden die Arbeit auch alleine leisten können, allerdings zum Ausgleich eine weitere Flexibilisierung ihrer Arbeitszeit erfahren. Sie brauchten nun nicht immer im Geschäft zu sein, es genügte, wenn sie rund um die Uhr per Telefon erreichbar wären. Er riefe sie dann kurzfristig an, wenn sie im Laden benötigt würden.
Er nannte das „work on demand“ und wies darauf hin, dass in der Krise jede Opfer zu bringen habe. Dann ging er zurück in sein Büro und zählte seinen Profit.
Da packte Schneewittchen die Miniprinzen, zog zurück in den Wald zu den sieben Zwergen und aß dort ganz flexibel mal von diesem, mal von jenem Tellerchen. Die Prinzen aber wuchsen heran, retteten jeder eine Prinzessin und hüteten sich, ihre Märchen je zu verlassen. Der Chef jedoch erstickte kurz darauf an einem Apfel.

***

Oliver Meiser – Biographie

Geboren 1970 in Reutlingen. Erlernter Beruf:Dipl.-Geograph (Studium in Tübingen und Rio de J.). Ausgeübter Beruf: Studienreiseleiter in Europa und Übersee. Schreibt seit 1986 Lyrik und Prosa; Veröffentlichungen in verschiedenen Anthologien. Preise: beim Bertelsmann-Wettbewerb „Zukunft Natur“ 1989, beim FDA 1991 und 1998, beim Felsenland-Literaturwettbewerb 2003, bei der Aktion Mensch (Wettbewerb „Utopia – die Gesellschaft von morgen“ 2007)

Oliver Meiser – Praktisch

Sie sagen,
wir könnten ja
praktisch
nichts.

Daher
ein Praktikum
und noch
ein Praktikum
und noch
eines
bis in
alle Ewigkeit!

Theoretisch,
sagen sie immer,
könnten wir
nach dem
Praktikum
eine richtige
Stelle bekommen.

Theoretisch.
Denn
daß wir praktisch
nichts verdienen
und
praktisch
nie rauskommen
aus dem
Praktikantendasein,
ist für
zu viele
zu praktisch,
als daß man es
ändern wollte!

Lehrjahre
seien halt keine
Herrenjahre,
quatschen uns
die Alten voll,
schulmeisterlich,
ohne zu wissen,
ohne zu glauben,
daß sie für uns
nie enden wollen.

Arbeiten wir gut,
bekommen wir
die Stelle nicht,
weil man uns
lieber billig
weiterpraktizieren
läßt.

Arbeiten wir so,
wie wir verdienen,
auch nicht.
Und dürfen vielleicht
nie wieder
ein Praktikum
machen!
Das wäre
der größte Verlust
überhaupt,
denn dann
könnten wir
praktisch
keine
Praxis
mehr vorweisen
und wären
theoretisch
und
praktisch
erledigt!

Erledigt
bin ich aber
jetzt schon
allein von der
Tatsache,
daß unsere
Generation
praktisch
bei allem
betrogen wird.

***

Anna-Katharina Pelkner – Biographie

Geboren 1961. Mit 20 in die Mauerstadt Berlin-West. Ausbildung und Tätigkeit als Erzieherin. Kinder- und Straßentheater. Jonglieren und Feuerspucken. Interkulturelle Mädchenarbeit. Auftritte als Clownin. Studium der Sozialwissenschaften in Berlin und Toronto (Kanada). Internationale Frauenuniversität EXPO 2000. Wissenschaftlich tätig in Chemnitz (Sachsen) und Calgary (Kanada). Promotionsstudium in Galway (Irland). Lehraufträge in Berlin und andernorts. Publikationen in Deutsch und Englisch. Lust am Fabulieren und Formulieren. Literarische Schreibversuche seit anderthalb Jahren.

Anna-Katharina Pelkner – Abgehängt und überflüssig. Erwerbsloser Alltag

Die Schlange. Am frühen Morgen. Die Reihen fest geschlossen. Stoffbänder an Plasteständern. Abgesteckt wie auf dem Flughafen. Das JobCenter begrüßt seine Kunden. Was ist im Angebot. Minijob und Niedriglohn. Die menschliche Arbeitskraft zum Schnäppchenpreis. Auf staatliche Unterstützung angewiesene Erwerbslose. Kunden ohne Kaufkraft. Tragen ihre Arbeitskraft zu Markte. Verkaufen sich. Ihre Arbeitskraft. Zu Schleuderpreisen.

Bildung ist ein inflationäres Gut. Diplom, PhD, Berufserfahrung. Bildung als Wert. Nichts mehr wert. Die Deklassierung ganzer Berufsgruppen. Das Grundrecht auf Selbstbestimmung obsolet. Jeder Job muss angenommen werden. Arbeit macht frei. Frei von Entlohnung. Ein-Euro-Jobs und Zwangsarbeit. Humandienstleistungen. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Arbeitsscheues Gesindel. Der Subtext der Selektion. Allgegenwärtig.

Sie müssen an Ihr Alter denken! Die Kandidatin schaut und überlegt. Ihre Anstellung. Betriebswirtschaftlich gesehen eine vergleichsweise teure Angelegenheit. Wäre sie zwanzig Jahre jünger.
Zurückgelehnt auf ihren sicheren Stühlen. Sitzen sie da. Ihr gegenüber. Können Sie sich überhaupt vorstellen. Ansatzweise ermessen. Was das für ein Kraftakt. Das müsste sie dem Gremium an den Kopf schmeißen. Still bleibt sie. Und reist ab.

Vorrücken in der Schlange. Jeder Schritt. Umschauen. Verstohlen andere Menschen mustern. Wie sieht sie aus, die Massenarbeitslosigkeit. Das brachliegende Humankapital. Das Tal der Überflüssigen. Gesellschaftlich Abgehängten.
Schwindel. Übelkeit. Nichts zum Festhalten. Keine Stühle. Ein kleiner Junge. Zwischen den wartenden Beinen rennt er hin und her. Ruft laut vom anderen Ende. Sich vergewissernd, dass seine Mama noch da. In der Schlange. Lernt das Kind für das Erwachsensein von Morgen.

Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir uns für eine/n Mitbewerber/in entschieden haben. Ich bitte Sie. Sie dürfen das nicht. So ist das nicht gemeint. Sie dürfen sich nicht gemeint fühlen. Sie dürfen das nicht persönlich nehmen. Immerhin haben wir Sie eingeladen.
Hochqualifiziert, weiblich und jenseits der vierzig. Fatal. Weibliche Erwerbsneigung. Ein sozialwissenschaftlicher Begriff. Mit negativer Konnotation. Etwa wie die Neigung zu Fettleibigkeit oder die Neigung zu Alkoholismus. Das muss doch nicht sein. Können diese Weiber sich nicht zusammenreißen.

Der Nächste bitte. Vortreten. An den Tresen. In Brusthöhe und in aller Öffentlichkeit. Ein Anliegen vortragen. Die Amerikanisierung der Verhältnisse. Ausweis. Sie müssen sich ausweisen. Ein Zettel wird gereicht. Über den Tresen. Bitte begeben Sie sich ins erste Obergeschoss. In den Wartebereich. Abschnitt C. Sie werden aufgerufen.

Der Diplom-Fallmanager ist gut gelaunt. Und in Plauderstimmung. Kleine Anekdoten. Über seine Kunden. Welche Fähigkeiten haben Sie? Sie müssen sich auch bei Zeitarbeitsfirmen bewerben. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass die Leistungen ganz oder teilweise versagt werden können, wenn Sie Ihrer Mitwirkungspflicht nicht nachkommen. Die Unterzeichnung einer Eingliederungsvereinbarung unter Androhung von Sanktionen. Ist das Nötigung. Eine solche Vereinbarung eine Farce.

Zunehmende Abwesenheit von Erwerbsarbeit bei gleichzeitigem Arbeitszwang. Ist das der Weg zum Arbeitsmarkt? Einen adäquat bezahlten Arbeitsplatz zu finden? Gesellschaftliche Teilhabe. Der Kampf um Erwerbsarbeit. Ökonomische Sicherheit. Ein aussichtsloses Unterfangen. Das Ende der (bezahlten) Arbeitsgesellschaft. Wissenschaftlich längst debattiert und ausgeleuchtet.
Ein Zustand bodenloser Freiheit. Freiheit von bezahlter Arbeit. Die Freiheit, sich täglich neu zu erfinden. Zu inszenieren. Sich anzupreisen. Zur Verfügung zu halten. In der Weltgeschichte herumzureisen. Im Glücksfall persönlich vorzusprechen. Nicht den Verstand zu verlieren. Erwerbslose Schwerstarbeit.

***

Annette Scholonek – Biographie

Geboren 1985 in Hamm, studierte Germanistik und Soziologie in Münster. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über die „Möglichkeiten des Internets zur beruflichen Selbstdarstellung für Autoren“. Seit 2009 setzt sie das Fach Soziologie als Masterstudium fort. In ihrer Freizeit hat sie in den letzten acht Jahren sechs Romane aus dem Genre Science Fantasy fertig gestellt (alle noch unveröffentlicht).

Annette Scholonek – Bewerbung im Bereich Marketing

Sehr geehrte Dame, sehr geehrte Herren,

Sie suchen eine Bewerberin mit Auslandserfahrung, Kontaktfreudigkeit, Fremdsprachenkenntnissen, Verantwortungsbewusstsein, Teamfähigkeit, Praxiserfahrung, Flexibilität, Selbstständigkeit, Motivation, Ehrlichkeit und Durchsetzungsvermögen. Ich bin sicher, dass ich dem Profil in Ihrer Stellenausschreibung voll entspreche.

An Auslandserfahrung habe ich vier Urlaube in Spanien, Italien, Griechenland und Mallorca vorzuweisen. Überdies habe ich in den dortigen Lokalen zahlreiche Male meine Kontaktfreudigkeit unter Beweis gestellt und reichlich Beziehungen geknüpft. Fotos und Ansichtskarten lege ich Ihnen als Belege bei.

Hinsichtlich der Fremdsprachenkenntnisse kann ich Ihnen mit Elfisch dienen, erworben bei der intensiven Lektüre von „Herr der Ringe“. Weiterhin beherrsche ich die Kommunikation mit Hunden und Wellensittichen und kann den Ruf des Kuckucks vorbildlich nachahmen.

Von meinem Verantwortungsbewusstsein brauche ich Sie sicherlich nicht weiter überzeugen. Dass ich gegenwärtig zwei Kinder als langfristig angelegte Projekte großziehe und einen Haushalt manage, spricht für sich.

Von meiner Teamfähigkeit können Sie sich jeden Donnerstag um 16:30 mit einem Blick von der Nordseite Ihres Firmensitzes überzeugen. Seit vielen Jahren spiele ich ehrenamtlich erfolgreich in der örtlichen Frauen-Fußballmannschaft mit.

Praxiserfahrungen im Marketing-Bereich habe ich mehr als genug: Ich habe drei Praktika absolviert und zusammengerechnet 40.875 Werbe-Mails an Spam-Ordner verschickt. Das sollte wirklich reichen.

Ein paar Engpässe könnte Ihnen zugegeben meine Flexibilität bereiten. Um flexibel sein zu können, benötige ich einen Bürostuhl, an dem ich Rückenlehne, Armlehne und Höhe frei einstellen und den Erfordernissen anpassen kann. Außerdem wäre ein Kühlschrank mit Rotwein, Weißwein und Champagner im Büro von Vorteil, so dass ich in Krisenzeiten flexibel agieren kann und Personalkonflikte nicht mit Kaffee bewältigen muss.

Das mit der Selbstständigkeit regelt sich von selbst: Selbstverständlich kann ich nur dann selbstständig leben, wenn Sie mir ein ordentliches Gehalt zahlen, so dass ich nicht mit Hartz IV aufstocken muss.

Zur Motivation: Geben Sie mir Aufgaben, die Spaß machen, dann bin ich motiviert.
Ehrlich, offen, aufrichtig und vertrauenswürdig bin ich seit frühester Kindheit. Wenn ich der Ansicht sein sollte, dass Ihr Laden scheiße läuft, dann dürfen Sie darauf vertrauen, dass ich Ihnen das in aufrechter Haltung ehrlich und offen sage.

Zu meinen stärksten Soft Skills gehört das Durchsetzungsvermögen: Obwohl meine drei Marketing-Praktika in der Stellenausschreibung mit „unbezahlt“ honoriert werden sollten, konnte ich jeweils ein Gehalt von sechshundert Euro pro Monat durchsetzen. Meine juristischen Kenntnisse, die ich mir in meiner Freizeit angeeignet habe, sind diesbezüglich exzellent.

Mit freundlichen Grüßen

Die beste Bewerberin

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