Archiv für die Kategorie 'Rezensionen'

Mädchen mit Beziehungen

Donnerstag, 19. November 2015

Mit ihren Reizen spielen, das konnte sie!
Maedchen mit Beziehungen „Mädchen mit Beziehungen“ erzählt das Leben der Margarete Slezak, einer berühmten Schauspielerin und Sängerin, inmitten einer Zeit großer politischer Umwälzungen. Ein Porträt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, interessant hauptsächlich durch die Schilderung der damaligen Gesellschaft und auch des Kulturbetriebs unter Adolf Hitler.

Der Inhalt von „Mädchen mit Beziehungen“ lässt sich kurz zusammenfassen: Margarete ist die hübsche Tochter des berühmten Opernstars Leo Slezak und hat schon seit frühester Kindheit nur ein Ziel: ebenso berühmt zu werden wie ihr Vater. Dieser ist allerdings dagegen und sähe seine Tochter lieber als züchtige Hausfrau. Doch Margarete weiß sich zu helfen, trickst ihren Papili aus und nutzt zum ersten Mal ihre Beziehungen, um sich hinter dem Rücken ihres Vaters als Sängerin ausbilden zu lassen. Dieses Motiv umspannt ihren Werdegang, ihren Erfolg und auch ihre Lebenskrisen: Als junge Künstlerin beeindruckt sie Adolf Hitler, der ihr zukünftig oftmals zur Hilfe steht. Margarete, die jedoch jüdischer Herkunft und gleichzeitig mit einer ordentlichen Portion Naivität gesegnet ist, erkennt dabei erst sehr spät, wie gefährlich dieser Mann eigentlich ist. Doch er schützt ihre Familie und ihre Karriere, er ist ihr Protektor. Als Margarete aber nach und nach draufkommt, dass Hitler doch nicht nur ein kunstaffiner Wohltäter und Gentleman ist, bricht sie den Kontakt ab. Sie bekommt zwar Spielverbot, ihre Familie übersteht den Zweiten Weltkrieg aber ohne größere Schicksalsschläge. Auch nach dem Krieg, als der Wunsch auf die Bühne zurückzukehren größer und größer wird, ergreift sie die rettende Hand der amerikanischen Besatzung. Am Ende erreicht Margarete ihr Ziel der großen Karriere und des Erfolges.

„Mädchen mit Beziehungen“ ist ein Buch, das in sich etwas widersprüchlich ist: teilweise kurzweilig und spannend, teilweise redundant und sich in die Länge ziehend. Situationen wiederholen sich, die Charaktere wirken teilweise flach und klischeehaft, an anderen Stellen sind sie dafür wieder berührend und lebensnah in Szene gesetzt. Margarete, die als selbstgefälliges, standhaftes Naivchen porträtiert wird, kann in ihrer Schilderung schon einmal an den Nerven der LeserInnen zehren und man ärgert sich darüber, dass es immer jemanden gibt, der Margarete unter die Fittiche nimmt und sie vor einer richtigen Konfrontation mit sich selbst bewahrt. Auch ein bisschen mehr Witz täte der Story gut, die an manchen Stellen ein Übermaß an Rührseligkeit aufweist. Die Autorin erklärt im Vorwort dass sie eine eingehende Recherche für das Buch angestellt habe, einiges sei aber auch Fiktion. Gerade diese Mischung erscheint im Sinne einer historischen Korrektheit als schwierig, denn man weiß nicht, was im Buch Realität und was Fiktion ist und teilweise wirken die geschilderten Szenen etwas an den Haaren herbeigezogen LiebhaberInnen von anspruchsvollen und akkurat recherchierten Biografien werden von diesem Buch enttäuscht sein. Trotzdem: Alle, die in das Ambiente der Künstlerszene Berlins unter Hitler zurückreisen möchten, eventuell auch noch Opern-, Musik- oder Slezakfans sind und Gefallen an einer packenden Lektüre finden: Einsteigen, bitte!

Teresa Mossbauer

Hanna von Feilitzsch – Mädchen mit Beziehungen

Feilitzsch Verlag, Miesbach-Tegernsee 2015. 352 Seiten, € 19,99 (D)

Ft oder Das Recht auf Faulheit

Mittwoch, 4. November 2015

Eine typographische Auseinandersetzung mit der Faulheit
Ft oder Das Recht auf Faulheit_opt

To-do-Liste abgehakt? Von einem Termin zum nächsten gehechtet? Beim Wort „Müßigang“ ein schlechtes Gewissen bekommen? Dann lesen Sie dieses Buch nicht.

Oder nein: Lesen Sie es doch. Staunen Sie, was Sie alles in komprimierter Form lernen können. Zum Beispiel, worum es Max Frischs Homo Faber (4 Sätze) oder in Cervantes‘ Don Quijote‘ geht (2 Sätze). Zu faul für Filme? Kein Problem. In wenigen Strichen sehen Sie „Der Herr der Ringe“ oder Titanic“. Kreativ sein geht sich nie aus? Oooooh doch. Mit einem speziellen „Malen nach Zahlen“ schaffen Sie es.

Sehr speziell – und sehr humorvoll – setzt Designerin Kathrin Radke sich mit dem Thema Faulheit auseinander. Mit Zeichnungen aus Buchstaben und Wörtern spielt sie typographisch mit unterschiedlichen Aspekten des Faulseins, bringt dieses teilweise radikal auf den Punkt. So besteht das oben erwähnte Malen nach Zahlen aus genau einer Ziffer und einem dazugehörigen Punkt. Oder zehn Seiten bleiben einfach leer. Wer mit nichtvorhandenen Lateinkenntnissen angeben will, braucht nur den fürs Text-Layout beliebten Blindtext auswendig lernen, der mit den Wort Lorem ipsum beginnt …
Und wie leicht ist es, mit Copy and Paste Seiten zu befüllen – genau mit dem Wort „Seiten“, das Kahtrin Radke über zwei Seiten akkurat nebeneinander und untereinander stellt, um auf der nächsten Seite festzustellen: „Das lief ja wie geschmiert. Da schreib ich gleich weiter“. Schon laufen Buchstaben, Sonderzeichen und Zahlen in sinnfreien Konstellationen über das Papier. Beim Lesen und Betrachten erfreut man sich an Bild-und Buchstabenwerken aus geflügelten Worten, an Erfaulgen, an der Erweiterung von faulen Ausreden sowie an der Tastatur für Faule.
Und nach der Lektüre? Gibt’s noch was zu tun? Ja, aber das kann man auch morgen erledigen. Oder übermorgen. Oder nächste Woche …

Wie alle Bücher aus dem Kunstanst!ifter Verlag bietet auch „Ft oder Das Recht auf Faulheit“ optischen und haptischen Genuss und vermittelt en passant Wissen über Schrift und Druck: graublauer Leineinband mit Prägung – die übrigens etwas mit Alfred Hitchcock zu tun hat –, Lesebändchen und gedruckt auf EOS Werkdruck, Volumen 2.0fach, 90g/m2, bläulichweiß.
Und für typographisch gar nicht Faule: gesetzt in Livory und Brandon Grotesque.

Petra Öllinger

Kathrin Radke – Ft oder Das Recht auf Faulheit.
kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2015. 128 Seiten. €18,60 (Ö)

© Cover: Kathrin Radke / kunstanst!fter Verlag

Nominiert für den German Design Award 2016.
Auf der Longlist der Schönsten Bücher der Stiftung Buchkunst 2015.

Die Analphabetin

Montag, 19. Oktober 2015

Kompletter Neubeginn mit leerem Herzen

Agota Kristof Die Analphabethin Buchcover Was geht in Flüchtlingen vor, die gerade ganz neu in ein völlig fremdes Land eingereist sind, sich und ihren Kinder meist nur das blanke Leben gerettet haben? Aktueller und bewegender denn je liest sich dieser schmale autobiografische Erzählband der 2011 verstorbenen Ungarin Ágota Kristóf. Und es beschämt zugleich.

Ein Leben, das sich über weite Strecken wie ein Mahnmal der Geschichte liest. 1935 geboren, wächst Kristóf in Ungarn noch behütet auf. Der schmale Erzählband schildert in kurzen, fast ruppigen Sätzen und Absätzen Kristófs frühe Kindheit, ihre „Lesekrankheit“, ihre Gier alles zu lesen, was ihr in die Finger kam, die Querelen mit ihrem jüngeren Bruder und das Leben auf dem Land. Der Buchumschlag zeigt ein rund vierjähriges fröhlich lachendes Kind mit weißem Schleifchen im Haar vor einer heruntergekommenen Mauer stehend. Glückliche Tage, die schnell ein Ende finden sollen.

Der Schrecken beginnt für Kristóf, als der Vater, ein Lehrer, vom kommunistischen Regime verhaftet wird und sie unter Zwang wie viele Kinder und Jugendliche der damaligen Zeit in ein Internat eingeliefert wird. Nicht genug, die Muttersprache Ungarisch ist plötzlich zutiefst verpönt. Die ersten zwei Entwurzelungen sind vollbracht, die nachhaltig in Kristófs Seele zu brennen scheinen. Zutiefst anrührend lesen sich die Kapitel, in denen sie über das Schreiben spricht, das sie schon sehr bald für sich entdeckt hat. Im Internat wird ihr Tagebuch ein Überlebensmittel.

An einem bitterkalten Novemberabend flieht die einundzwanzigjährige Kristóf zusammen mit ihrer kleinen wenige Monate alten Tochter und ihrem Mann über die Grenze nach Österreich, weg vom Regime, das noch Jahrzehnte nach Stalins Tod Terror verbreiten wird.

Das neue Land ist alles und nichts von dem, was Kristóf sich wohl vorgestellt haben muss. Auch wenn die Familie gleich von Soldaten am Grenzzaun empfangen wird, begrüßen sie keine Aggressionen, keine bittere Armut. Straßenlaternen bleiben ihr im Gedächtnis, so etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen. Als „displaced persons“ bekommen die Geflohenen gute Verpflegung und alle Hilfe, die nötig ist.

„Er [Anm.: ein Busschaffner] sagt, daß ich keine Angst mehr haben soll, daß ich jetzt in Sicherheit bin. Ich lächle, ich kann ihm nicht sagen, daß ich keine Angst vor den Russen habe, und wenn ich traurig bin, dann eher wegen der zu großen Sicherheit und weil ich nichts anderes tun und denken kann als Arbeit, Fabrik, Einkaufen, Waschen, Kochen und auf nichts anderes warten kann als auf die Sonntage, um ein bißchen länger zu schlafen und von meinem Land zu träumen.“

Kristóf bekommt ein Visum und reist weiter in die französischsprachige Schweiz, wo der gebildeten Frau trotz sofortigem Sprachunterricht nicht viel mehr bleibt als zunächst in einer Fabrik zu arbeiten. Diese Zeit war für Kristóf eine bittere, voll Einsamkeit und Frustration, und doch – sie hat auch eine große Kraft freigesetzt.

Kristófs Stil ist weder mitleiderregend, gefühlsheischend oder gar anbiedernd, doch zerreißt einem ihre Schilderung der zwei Taschen, die sie mitnimmt aus der Heimat, fast das Herz: eine Tasche für Kleidung, eine Tasche für Wörterbücher.

Wörterbücher werden auch im weiteren Leben der Autorin eine wichtige Rolle spielen. Sie zwingt sich selbst dazu, auf Französisch zu schreiben, verfasst kürzere Theaterstücke und einen Roman – zu ihren wichtigsten Werken zählen „Das große Heft“, „Der Beweis“ und „Die dritte Lüge“ – und findet darin eine neue Heimat.

Natascha Miljković

Ágota Kristóf: Die Analphabetin. Autobiographische Erzählung
Ammann Verlag, Zürich 2005.

Im Juli 2007 neu erschienen im Piper Verlag München (Print).
80 Seiten. €9,50 (Ö)

Großmutters Pelz. Keine Märchensammlung

Montag, 5. Oktober 2015

„Eine farbenfrohe Einladung zu irren.“

Mara Burmester Grossmutters Pelz CoverDer böse Wolf ist immer die arme Sau. Bauch aufgeschnitten, Wackersteine eingefüllt bekommen, um hernach in den Brunnen zu stürzen und zu ersaufen. Anders bei Mara Burmester. Hier schafft er es sogar aufs Titelbild ihres Buches „Großmutters Pelz“. Darin heißt es: „Es war einmal ein böser Wolf, der war kein guter Mensch.“ – Ende vom Märchen Nummer 2.
Halt! Großmutters Pelz ist ja gar keine Märchensammlung. Das steht im Untertitel. Und die 16 Kürzesttexte („DRAMATISCHE Schicksale“) halten, was dieser Untertitel verspricht. Auch wenn in Mara Burmesters Arbeiten bekannte Zitate aus der Märchenwelt vorkommen wie „Es war einmal“ oder „Wenn Sie (ja, mit großem S!) nicht gestorben sind, dann …“ – haben der Froschkönig, das hässliche Entlein oder die Prinzessin auf der Erbse nichts Märchen-Zauberhaftes an sich. Sie erleben kein Happy-End, sind nicht einfach gut oder böse, eine moralische Lehre haben sie auch nicht zu bieten. Und eindeutige Antworten? Fehlanzeige, denn in „Großmutters Pelz“ steckt viiiiiel mehr als in herkömmlichen Märchen: absurd Komisches (ein Elch, der eigentlich ein Baum war), tragisch Komisches(ein stabhochspringender Hase, der sehr, sehr, sehr hoch sprang), Trauriges (ein fliegender Bär, der von dieser Eigenschaft nichts wußte), Gruseliges (ja, der Wolf).

Worin steckt die Moral der Texte? Das gilt es beim Lesen selbst zu enträtseln, ohne Garantie auf einfache Antworten. Falls es überhaupt welche gibt, wie das Märchen – Entschuldigung, das Nichtmärchen – „Die drei Schweinchen“ zeigt: „Es war einml ein Schweinchen, das saß gemütlich bei Kerzenschein und dachte, es wäre drei Schweinchen. Bis die Sonne aufging und es voll Entsetzen feststellte, dass das gar nicht stimmte.“ Das vermeintliche Borstenraufen als, wie es der Text auf der Verlagsseite verspricht, „eine farbenfrohe Einladung zu irren“.

Skurril, unheimlich, uneindeutig sind auch Mara Burmesters großflächige Illustrationen, die teilweise Collagenelemente enthalten. Vieles erschließt sich erst beim zweiten, dritten, vierten Blick. Da entpuppt sich das Auge auf dem Ei, das das hässliche Entlein anstarrt, als ein menschliches. Menschlich sind auch die Zähne, die der „Gaul und seine Plagegeister“ in seinem seltsam verzogenen Mund trägt. Damit nicht genug, spielt Mara Burmesters einerseits mit Textinhalten, andererseits mit deren grafischen Gestaltung. Jeder Text ist in einer anderen Handschrift und Farbe verfasst. Somit wird die Doppel- und Dreideutigkeit zusätzlich verstärkt. Blutrot steht es über den Wolf geschrieben da: „… der war kein guter Mensch.“ – das erinnert an Szenen aus einem Thriller, in dem mit dem Blut des Opfers eine „Nachricht“ hingeschmiert wurde. Die Prinzessin hingegen findet ihren Prinzen in zarter, brauner Faserstift-Schreibschrift nicht.
Wer dann noch immer nicht genug hat vom Schriftgestalten, findet auf der letzten Seite beim Copyright noch einen Augenschmaus.

Petra Öllinger

Mara Burmester (Text und Illustrationen): Großmutters Pelz. Keine Märchensammlung.
Kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2015. 48 Seiten, € 20,60 (Ö)

Das fremde Zimmer

Montag, 21. September 2015

Demenz abseits von ICD-10

Anna Gemmeke Das fremde Zimmer BuchcoverImmer die selben Fragen. Immer die selben Geschichten. Was erst kürzlich geschah – vergessen. Was lange Zeit zurückliegt – verknotet mit der Gegenwart. Namen von verstorbenen Angehörigen werden erinnert – die Namen der noch Lebenden sind vergessen. Der Krieg. Die Soldaten. Die Kinder, die zur Schule müssen, der Braten, der fertig werden muss. Die Sorge um den Ehemann.

Verwirrt. Ängstlich. Wütend. Der Wunsch, nicht in einem fremden Zimmer bleiben zu müssen. Nach Hause zu dürfen. Die Scham darüber, wenn für kurze „lichte“ Momente bewusst wird, dass ein Hinabgleiten nicht mehr aufzuhalten ist in eine Welt, in der geistige, emotionale und soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten zunehmend verlorengehen. Demenz, Alzheimer Demenz, Vaskuläre Demenz – Klassifikationsschemata, die diesen schleichenden Abbauprozess erklären. Aber machen sie ihn auch wirklich fassbar?

Anna Gemmeke Arzt

Anna Gemmeke versucht mit ihrem Buch „Das fremde Zimmer“ dieses Hinabgleiten nachzuzeichnen – im wahrsten Sinn des Wortes. Sie verleiht den von Demenz Betroffenen selbst eine Stimme mit ihrer namenlosen Protagonistin. Keine Erklärungen von Außenstehenden, kein ICD-10, keine Studienergebnisse. Nur die Frau, ihre Gedanken und Fragen, ihre Hilflosigkeit und ihre Unruhe, ihr Misstrauen und ihre Sorgen. Themen, die sich im Kreis drehen (der Weg zum Bahnhof, Onkel Bruno, die Mutter). Poetisch und berührend. Oft bedarf es dafür nur eines Satzes, eines Namens („Ursel …?“) pro Seite.
Anna_Gemmeke_Mutter_Essen Die mit Bleistifstrichen ausgeführten Illustrationen füllen manchmal eine Doppelseite, manchmal eine Seite aus. Auf manchen Blättern wirken sie dunkel und bedrohlich. Ein anderes Mal scheinen sie sich aufzulösen, wenn nur mehr ein Teil des Kleides zu sehen ist, oder eine Häuserzeile nach und nach die Fenster verliert. Manche Seiten bleiben ganz leer.

Text und Illustrationen spiegeln inhaltlich und formal dieses Pendeln zwischen Vergangenheit und Gegenwart, das Ineinandergleiten und Durcheinandergeraten der Erinnerungen aus diesen Zeitebenen – und berühren tiefer als ein medizinisches Diagnoseklassifikationssystem.

Petra Öllinger

© Illustrationen: Anna Gemmeke/Kunstanst!fter Verlag

Anna Gemmeke (Text und Illustration): Das fremde Zimmer.
Kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2015. 180 Seiten, € 22,70 (Ö)

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Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis

Montag, 7. September 2015

Only bad news is good news?

Corinna Chaumeny Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis BuchcoverCorinna Chumeny hielt sich in Anlehnung an diese alte JournalistInnenregel eher an „bizzar news is good news“. Beinhalteten die ursprünglichen Zeitungsartikel eventuell schlechte Nachrichten, sind die daraus gestalteten Kürzesttexte komisch, skurril, schräg. Die Illustratorin löste Sätze aus Zeitungen und Zeitschriften aus ihrem Kontext und setzte sie neu zusammen. Es öffnen sich Mikrokosmen und Minidramen. Einstiege wie „Wir haben ein ganzes Wochenende in den Erbeeren verbracht“ oder „Der Ort, an dem ich bin, ist nicht ganz leicht zu erreichen“ verunmöglichen ein Vorbeimogeln am Text. Denn bereits der zweite Satz zeigt, dass es in keine Linearität hineingeht. Die Handlungen schlagen Haken und führen zu einem Schluss, bei dem man sich verwundert die Augen reibt, ungläubig den Kopf schüttelt und lachen muss. Wurde etwas überlesen, falsch verstanden? Kam da wirklich ein Bandscheibenvorfall auf den Komoren vor? Also fängt man nochmals mit dem ersten Satz an. Nein, nichts wurde überlesen, alles richtig verstanden. Ja, da kam wirklich Bandscheibenvorfall und Komoren vor.

Eine logische Auflösung des Geschehens, ob es nun Bandscheibenvorfälle, Erdbeeren oder nicht leicht erreichbare Orte sind, gibt es nicht. Die Leerstellen in den Texten überlassen den LeserInnen viel Auslegungsspielraum. So wie sich die Leerstellen durch das Geschriebene ziehen, zieht sich ein roter Faden – im wahrsten Sinne des Wortes – durch die in grün, grau, schwarz gestalteten Illustrationen. Er wandelt sich vom Ohrring zur Hundeleine oder zum Brillengestell.

Corinna Chaumenys Zeitungsfibel verlockt zum Immer-wieder-Anschauen-Lesen-Lachen und macht den Aufenthalt im Wartezimmer voller Zweifel sehr vergnüglich. Außerdem besteht die Hoffnung, dass hinter der Wartezimmertür doch eine Erkenntnis lauert.

Petra Öllinger

Corinna Chaumeny (Text und Illustration): Der Zweifel ist das Wartezimmer der Erkenntnis. Zeitungsfibel.
kunstanst!ifter Verlag, Mannheim 2014. 36 Seiten. €16,30 (Ö)

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Als der Affe die Banane warf und 25 Tiere traf. Ein Tier ABC.

Dienstag, 26. Mai 2015

Wer mit Vitaminen wirft …

Ein wildes Tiergerangel von A bis Z

Buchcover Als der Affe die Banane warf.Die Geschichte beginnt damit, dass dem Affen Ralf langweilig ist. Wie so oft ist auch hier die Langeweile die Mutter vielerlei Unfugs: Ralf wirft eine Banane und trifft – den Bären Gunther im Gesicht. Unbeabsichtigt löst Ralf damit eine Kettenreaktion aus. Denn Gunther ob dieser Obstattacke alles andere als erbaut, tritt wütend gegen einen Baum (und verspeist die Banane, zumindest lässt die leere Schale in Gunthers Pfote darauf schließen), was wiederum Chamäleon Heidi dazu veranlasst, knallrot anzulaufen. Es folgen Aktion und Reaktion, jeweils von einem Tier ausgelöst. Die Folge ist ein veritables Tiergerangel, bei dem sich die ProtagonistInnen – von A wie Affe über J wie Jaguar bis Z wie Zebra – gegenseitig in die Wolle bzw. ins Fell geraten. Am Schluss des Tier-Alphabets bzw. der Geschichte schließt sich der Kreis. Das besagte Zebra namens Pitt versetzt dem Affen Ralf einen Tritt, der ihn zur „Einsicht“ bringt: „Bananen werfen ist sehr dumm, Bananen essen bringt nicht um.“

Die Rolle des Alphabets beim Bananenwurf
Ähnlich wie in Paul Maars „Tier-ABC“ ordnet die Autorin und Illustratorin Roberta Bergmann jedem Buchstaben eine Tierart zu – auch dem „herausfordernden“ Q (Qualle) oder dem Y (Yak). Ein interessantes Wesen findet sich bei X: Das Xanthippentierchen taucht so selbstverständlich auf, als wäre seine Existenz eine zoologische Selbstverständlichkeit.1
Das Ordnungsprinzip des Alphabets behält Roberta Bergmann bei. Die Geschichte startet bei A und endet bei Z. Der Titel spielt mit der Anzahl der Buchstaben im Alphabet: 25 Tiere plus Affe = 26 sind involviert.
Der Buchstabe A löst die Handlung aus. Wie beim Staffellauf geben die Tiere „ihre“ Buchstaben von einer Seite zur nächsten, von einem Tier zum nächsten weiter, so wird die Geschichte „vorangetrieben“. Damit man bei diesem Gerangel die Übersicht über das ABC behält, findet sich auf jeder Seite der entsprechende Buchstabe nochmals extra dargestellt. Diese einzelnen Buchstaben sind einheitlich gestaltet in Größe und Form (Linol-?Druck, schwarz), sie sind allerdings unterschiedlich auf den Seiten platziert (links oben, rechts unten …).

Die Struktur der Geschichte
Roberta Bergmann erzählt die rasante Geschichte in Reimen. Die (Re-)Aktionen von jedem Tier schildert sie mit jeweils vier Zeilen (a, a, b, b). Das Tempo der Handlung wird noch verstärkt, in dem auf manchen Seiten z. B. nur drei Zeilen stehen oder das letzte Wort am Ende einer Strophe fehlt. „Das Schwein Juli stand grad am Trog, / als ihm der Hut ins Essen flog /. Das Tier verschluckt sich daran schwer / und hustet Reste …“ Wie geht’s weiter? Schnell um- und weiterblättern!2
Um die Handlungen der Tiere nachzuvollziehen und den Zusammenhang zu verstehen, ist das Lesen der Geschichte von A bis Z, also von der ersten bis zur letzten Seite, sinnvoll. Die Freude an (gereimter) Sprache lässt sich jedoch auch mit einzelnen, aus der Gesamtheit gelösten Stellen entfachen.

Bild-Text Interdependenz
Die großflächigen, in satten Farben gemalten Bilder unterstreichen das Geschehen im Text, sie erzählen keine eigene Geschichte. Der Text funktioniert ohne bildnerische Elemente. Umgekehrt bedürfen die Bilder des Textes, um den Ablauf schlüssig zu erzählen. Allerdings laden die Bilder ohne Text durchaus dazu ein, eigene Geschichten zu erfinden und die darauf abgebildeten Tiere zu benennen bzw. deren Anfangsbuchstaben zu entdecken, zu wiederholen, zu lernen.

Gestalterische Raffinessen

Wer sich den Dschungel auf dem Vorsatzpapier ganz genau ansieht, wird ihn entdecken: den Schlingel Ralf, der zwischen den Blättern hervorschaut.
Auf dem Buchcover findet sich die aus zoologischer Sicht wild-zusammengewürfelte Truppe. Sind tatsächlich alle 26 Tiere darauf versammelt? Da hilft nur: nachzählen. Hier wäre z. B. das Rentier Paul. Auf dessen Rücken sitzt doch … hm … ? Und kommt tatsächlich ein Dackel vor? Da hilft nur: nochmals lesen …

1 Einen wissenschaftlichen Beweis für das Vorkommen des Xanthippentierchens gibt es nicht, aber wer weiß. Auch Loriots Steinlaus erfreut(e) sich trotz Nichtexistenz in der Realität großer Beliebtheit …
2 „ … Richtung Per.“

Petra Öllinger

Roberta Bergmann: Als der Affe die Banane warf und 25 Tiere traf. Ein Tier ABC. Kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2015. 48 Seiten, € 18,50 (Ö)
Altersempfehlung: 3-6 Jahre.

Papa hat sich erschossen

Mittwoch, 4. Februar 2015

Buchcover Papa hat sich erschossenAls ich Saskia Jungnikls Satz im „Album“, der Beilage in der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ lese, fällt eine große Last von meinen Schultern. Auch ich unterliege dem –selbstauferlegten – Druck nach einem Todesfall möglichst schnell wieder zu funktionieren. Ich leiste Trauerarbeit und merke, dass ich in den in diesem Konzept beschriebenen Phasen nicht vorwärtskomme, immer wieder ganz vorne anfangen muss. Anscheinend werde ich mit meiner Trauerarbeit – ein Wort, das ich mittlerweile kategorisch ablehne – nie fertig. Ich bin ungeduldig. Ich bin wütend und frage mich, wann sich diese Trauer endlich vom Acker macht. Und dann gibt es den nächsten Satz, der mir den Kopf zurechtrückt: „Trauer gibt einen Dreck auf meine Ungeduld.“

Dabei hatte ich mit „meinem“ Todesfall Glück: kein Unfall, kein Mord. Kein Suizid – so wie bei Saskia Jungnikl, deren Vater sich 2008 erschossen hat. „Seit diesem Tag trinke ich schwarzen Tee mit Milch.“ Ihren „Bericht“ über diesen Tag, über die Zeit danach, über die Zeit davor verfasst sie in der Gegenwartsform, bleibt so ganz nahe am Geschehen, erlaubt keine scheinbare, abgeklärte Distanz. Die Zärtlichkeit, die Saskia Jungnikl mit ihren Eltern verbindet, braucht keine ausschweifenden Formulierungen. Sie nennt sie Papa und Mama – das genügt.

Saskia Jungnikl zeichnet ein unsentimentales Bild ihres Vaters und entgeht so dessen undifferenzierter Verklärung. In einigen Kapiteln lässt sie ihn selbst zu Wort kommen: in Kurzgeschichten und Gedichten. Sie zeigt ihn als widersprüchlichen Menschen: künstlerisch tätig und anpackend, willensstark und sensibel. Er neigt dazu, andere zu dominieren. Er fühlt sich schuldig am Tod seines Sohnes Till, der mit 26 Jahren stirbt; droht daran zu zerbrechen. Es gibt keinen Trost, nicht für die Schwester Saskia, nicht für die zwei anderen Brüder, nicht für die Mutter: „Doch dass mein Bruder alleine gestorben ist, dass ich nicht da war, das kann ich nicht verwinden. Niemand von uns kann das.“
Und was kann sie antworten, wenn jemand sie fragt, wie viele Geschwister sie hat? Zwei lebende? Drei prägende? „Ich bin Halbwaise, weil mein Papa tot ist, aber was bin ich, weil mein Bruder tot ist?“

Der Suizid des Vaters hinterlässt Fragen nach dem Warum, Schuldgefühle, Wut.
Jede/r in der Familie versucht auf die eigene Art, damit zurechtzukommen. Saskia Jungnikl hat viele Affären, trinkt viel, geht viel weg, unternimmt eine Reise nach Afrika. Nichts davon schafft „Abhilfe“. Renate, eine gute Freundin, hält zu der Trauernden, Um-sich-Schlagenden, Verzweifelten, andere Beschimpfende, Zynische; erträgt sie, scheut keine Auseinandersetzung mit ihr – obwohl auch die Freundin hilflos, ratlos, verzweifelt ist.

„Es heißt, dass jeder Suizidtote etwa drei bis fünf Angehörige hinterlässt.“ Suizid ist (nach wie vor ) ein Tabu. Von betroffenen Angehörigen gibt es selten etwas zu lesen oder zu hören. Saskia Jungnikl bietet als Angehörige keine Phrasen à la „Die Zeit heilt alle Wunden“. Sie bemüht sich, alles nach „Trauerbewältigungsanleitungen“ zu absolvieren; trotzdem ist sie frustriert von diesem Vor und Zurück. Langsam, aber sicher gibt es viele Tage, „an denen alles wie ein weit entfernter Schrecken hinter mir liegt“. Dass die Wunde endgültig verheilen wird, diese Hoffnung wird immer wieder zunichtegemacht. Ein Anknüpfen an das vorige Leben ist nicht mehr möglich. Diese Einsicht macht Angst. Sie macht unsicher. Sie schürt Zweifel. Sie ist jedoch unausweichlich; sie ist ehrlich – und ist genau deswegen Trost. Wahrscheinlich nicht nur für mich.

Petra Öllinger

Saskia Jungnikl: Papa hat sich erschossen.
FISCHER Taschenbuch, Frankfurt am Main 2014. 255 Seiten, € 15,50 (A)
Über Saskia Jungnikl