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Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

Aufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Herr Leopold Portraet17. August

Theophilus äußerte heute die Bitte, noch etwas länger bleiben zu dürfen. Zwar sei das Leben auf dem Land oft aufregend, aber all das sei kein Vergleich mit Mirabella, dem Höllenwald, dem Foltermuseum oder dem Käseparadies.
„Wenn du mir versprichst, keinen Unsinn mehr zu machen, werde ich deine Eltern fragen.“
Theophilus nickte und seine Augen strahlten.
Ich hätte seine Eltern sowieso gefragt …

Am Abend telefonierte ich mit meinem Bruder. Er gab seine Zustimmung. „Ende August muss er allerdings nach Hause, da beginnen wir mit den Vorbereitungen für den Winter und die Schule beginnt. Und er soll keinen Unsinn machen.“ Sein Walrosslachen dröhnte durch den Hörer.

18. August

Theophilus zeigt sich sehr verwundert, dass wir Mäuse hier in der Stadt keine Vorbereitungen für den Winter treffen.

Porträt von Theophiuls MakadamiaBericht und Ergänzung von Theophilus: Worin er sich wundert und ebenfalls mit einer Form von Mirabellas aufwarten kann.

Ich war tatsächlich erstaunt, dass die Mäuse in Onkel Leopolds Nachbarschaft keine Anzeichen von Wintervorbereitungen zeigten. Ich sah keine einzige Maus Vorräte nach Hause tragen, alle gingen ihrem gewohnten Alltag nach.
Bei uns zuhause beginnen bereits Mitte August die Arbeiten für die kalte Jahreszeit. Früher, also ganz, ganz, ganz, ganz, ganz früher, als die Menschen das Getreide noch mit der Hand schnitten, da konnten die Landmäuse die Getreidekörner direkt vor Ort einsammeln. Heutzutage müssten wir uns damit begnügen, was die Erntemaschinen übrig lassen. Das ist nicht viel, und die Konkurrenz schläft nicht. Außerdem haben wir auch eine Art Mirabelle-Bande: Feldhamster. Nicht kleine flauschige goldige Genossen sind das, sondern riesige Kerle, die einem hinter Kukuruzstängeln auflauern oder einen ins Lupiniengewirr locken.1 Die Arbeit ist mühsam und gefährlich. Letztes Jahr wäre der Cousin 2 der Urgroßmutter meiner Mutter fast in den Messerbalken eines Mähdreschers geraten. Zum Glück ging die Sache glimpflich aus und er verlor lediglich zwei Schnurrbarthaare – vor Schreck.
Hier in Mariahilf hingegen – Onkel Leopold meinte, das sei in der gesamten Stadt so – gibt es Geschäfte, in denen Mäuse das ganze Jahr über einkaufen können. Sie müssen sich keinen Vorrat anlegen, der für Monate reicht. Und Winterruhe? Die kennen die in der Stadt gar nicht! „Dafür ist keine Zeit“, sagte Onkel Leopold. „Wir sind das ganze Jahr über aktiv. Außerdem ist der Winter hier gar kein richtiger Winter. Meistens besteht der nur aus Hochnebel, Nieselregen und hin und wieder gibt es Schnee. Der verwandelt sich rasch in eine schwarz-graue Masse, gespickt mit Rollsplitt, Hundekack und den Spuren von Autoabgasen; falls er nicht vorher vom Streusalz weggefressen wird.“ Außerdem, setzte er fort, lege in der Stadt kaum eine Maus Wert auf alte Gewohnheiten und konservative Haltungen, darum halten die wenigsten eine Winterruhe; eigentlich nur die, die es sich leisten können 3. „Ich selbst merke immer häufiger, dass mir ein bisschen Ruhe gut täte. Wollen wir sehen, was der kommende Winter bringt.“


1: Oder mit Kartoffeln schmeißen. Es gehen Gerüchte um, wonach Feldhamster sogar mit Zuckerrüben um sich werfen. Wie gesagt, Gerüchte …
2: Dieser Cousin ist der Pechvogel der Familie. So löste er einen Kurzschluss aus, als er die Kabel seines Elektrobaukastens (ein Geburtstagsgeschenk!) zusammensteckte. Beim Versuch, eine Kuhflade zu überspringen, verstauchte er sich die linke Hinterpfote. Will er sich im Teich erfrischen, formieren sich die Enten garantiert zu einem Angriffskommando. Und wenn irgendwo Mäusefallen herumstehen, …
3: An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Erwin zu eben jenen gehört, die es sich leisten können – oder es sich leisten wollen. Wo genau er seine Winterruhe verbringt? Am Wienfluss? Laut Erwin zu feucht. In den Mauernischen der Brücken, die Mariahilf mit Margareten verbinden – Margaretengürtel-, Wackenroder-, Neville-, Reinprechtsdorfer-, Pilgrambrücke? Laut Erwin zu belebt. Im Kanalsystem? Laut Erwin speziell im Winter total überfüllt. In Kellerabteilen? Auf Dachböden? Hinter Biotonnen? Die Antwort muss wohl Spekulation bleiben, denn Erwin weigert sich standhaft, Auskunft über seinen Winterruheplatz zu erteilen. Seine Begründung: „Ich hab keine Lust, dass neugierige Menschen mich aus dem Schlaf reißen. Mich dann fotografieren und so.“ Ob Menschen allerdings beim Anblick einer Ratte tatsächlich eine Kamera zücken würden?

Fortsetzung am Dienstag, 5. Jänner 2016.

Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

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