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Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

Aufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf
Herr Leopold PortraetFortsetzung vom letzten MalEintrag 14. August

Theophilus hielt die Entdeckerfreude weiter in Atem. Ich wünschte, sie hätte es nicht getan! Das gab wieder Ärger! Theophilus schlich die Theatermauer entlang, trippelte die Stufen hinauf, die zum „Eingang 1. und 2. Rang“ führten, hielt kurz inne, warf mir einen Blick zu und formte mit seinen Lippen lautlos die Aufforderung: „Komm jetzt, Onkel Leopold.“
Was blieb mir anderes übrig? Im Nu war er die Stufen wieder hinuntergesaust, jetzt schlichen wir das Gebäude weiter entlang. Wie Diebsgesindel kam ich mir vor und ich erinnerte mich an unser Abenteuer im Käseparadies auf dem Naschmarkt. Schließlich entdeckten wir neben dem Haupteingang einen Spalt im Mauerwerk und zwängten uns hinein. Ein enger, jedoch vor den Augen der Menschen schützender Ort. Von hier aus konnten wir den weiten Platz vor dem Theater gut überblicken. Menschen in eleganter Kleidung standen in kleinen Gruppen um hohe Tischchen – und aßen.
„Belegte Brötchen“, flüsterte Theophilus. „Eines ist auf den Boden gefallen.“ Er deutete auf eine mit etwas Rotem bestrichene Schnitte Weißbrot, die neben einem Paar schwarzer Stöckelschuhe zu liegen gekommen war.
„Du wirst doch nicht“, ich hielt ihn am Jackenärmel fest, „du wirst doch nichts vom Boden zu dir nehmen!“
„Ach, Onkel Leopold, du mit deinen Manieren. Das sieht doch köstlich aus.“ Er deutete auf das Brot. Er war hingerissen. Dieses Funkeln in seinen Augen beim Anblick von Nahrungsmitteln. Das kam mir nur zu bekannt vor – Erwin …
„Komm, lass es uns probieren.“
„Niemals!“
So ging es eine Weile hin und her.
„Nein.“
„Bitte, doch“
„Niemals!“
„Nur probieren.“
„Nein.“
Gut, meine Argumente waren nicht sehr durchdacht. Möglicherweise war das der Grund, warum Theophilus mit seiner Hartnäckigkeit die Oberhand behielt. Mit einem Satz war er beim Weißbrot. Verdrückte ein großes Stück, kaute, kaute, kaute, schluckte. Und dann – seine Schnauze wurde knallrot, harmonisierte mit dem Rot auf dem Kanapee. Ich konnte sie förmlich sehen: aus seinen Ohren qualmende Rauchwölkchen, aus seinem Mund hervorschießende Flammensäulen. Das Kanapee musste mit etwas Scharfem, etwas sehr Scharfem!, bestrichen gewesen sein. Ich vergaß alle Vorsicht und raste zu Theophilus. Ich musste ihn aus der Gefahrenzone bringen. Theophilus hustete und würgte.
Ich trieb ihn zur Eile. „Los, los, wir müssen weg hier.“ Schon wollten wir unter den Tischen und zwischen Menschenfüßen die Flucht antreten – doch herrje!, eine Frau hatte uns entdeckt. Natürlich stieß sie einen gellenden Schrei aus. Ich lächelte ihr freundlich zu und winkte. Da wurde ihr Schreien noch gellender, noch schriller, noch lauter. In Windeseile kamen andere Menschen herbei, fragten, was los sei. Ein Stimmengewirr erhob sich. Ich versuchte, Theophilus weiterzuziehen, aber er war vor lauter Husten und Beinahe-Abbrennen nicht mehr in der Lage, eine Pfote vor die andere zu setzen. Ich blickte nach oben. Da zeigte ein rotlackierter Fingernagel direkt auf uns.
Und dann sausten grüne Scheibchen, weiße Patzen, gefolgt von etwas rosarot-grau Marmorierten mit hoher Geschwindigkeit auf uns herab. Um uns war es nun sehr, sehr dämmrig. 1 Wir waren garniert – mit Essikgürklein und Mayonnaise – und von einem Wurstblatt zugedeckt. Der Duft dieser Wurstdecke schien Theophilus‘ Zustand etwas zu lindern. Zumindest hatte er mit dem Würgen, Spucken und Husten aufgehört.
„Uns bleibt keine Zeit!“ Ich deutete nach oben. Wahrscheinlich zückte man bereits Gabel und Messer, um auf uns einzustechen. „Bei drei werfen wir das Wurstblatt von uns und dann renn, so schnell du kannst, am besten zurück ins Beet unter den Garderobenfenstern.“ Theophilus nickte.
„Eins. Zwei. Dreiiiii!“ Die Wurst flog, wir rasten los.
„Da sind sie!“, kreischte jemand.
„Was, es sind zwei? Igitt!“, schrie jemand anderer.
Schwarze Lackschuhe hasteten hinter mir her und ich musste mein ganzes Geschick aufbieten, um den Geschosshagel in Form von grünen Oliven zu entgehen. Ich konnte noch sehen, wie Theophilus einen Klacks Ketchup verpasst bekam, dann war er verschwunden. Hoffentlich hat er es geschafft, flehte ich und bekam eine Olive an den Kopf. Jetzt begann ich, langsam ärgerlich zu werden. Hatten diese Menschen denn keinen Verstand! Mit Essen Mäuse verjagen! Wo blieb der Besen? Die Mausefalle? Das Gift? Gut, man kann von einer Abendgesellschaft nicht erwarten, dass die Damen einen Besenstil im Handtäschchen mit sich führen oder die Herren in der Brusttasche eine Lebendfalle bei sich tragen. Ich war also mitten im Ärgern und Wundern, da traf mich ein Salatblatt und hätte mich beinahe zu Sturz gebracht. In letzter Sekunde konnte ich mich noch derappeln, wäre aber ein Groß-Pfot weiter in einer orangefarbenen Cocktailsauce ausgerutscht. Doch plötzlich, ein fester Griff um meine Pfote, meine Hinterbeine wurden förmlich vom Boden gerissen und eh ich mich versah, lag ich zwischen hohen Brennnesselstängeln.
Überall stach und brannte es, aber ich war in Sicherheit.
„Ihr habt ja Nerven.“
„Erwin? Was machst du denn hier?“
„Na, jedenfalls nicht erwischen lassen.“
„Wo ist Theophilus? Konnte er fliehen?“
Erwin zeigte hinter sich und ich erkannte meinen Neffen. Seine Nase war mit roten Tupfen gesprenkelt. Er lächelte erschöpft.
„Es ist alles ein bisschen verwirrend“, sagte ich, „wie bist du so plötzlich aufgetaucht? Woher wusstest du, dass wir hier sind?“
„Also“, begann Erwin, „erstens, wusste ich, dass es heute eine Vorpremiere hier im Theater gibt …“
Ich schaute Erwin verwundert an. Seit wann interessierte der sich fürs Theater, und seit wann wusste er um die Existenz des Wortes Vorpremiere? Und überhaupt, was sollte das mitten im Sommer für eine Vorpremiere sein?
Er schien meine Gedanken erkannt zu haben und meinte: „Ja, Herr Leopold, ich kann lesen, die Ankündigungsplakate hängen ja überall hier herum. Vorpremiere, das ist so was Ähnliches wie eine Eröffnung vor der Ausstellungseröffnung …“
Mein Staunen wuchs ins schier Endlose.
„… das weiß doch jeder Nager, Leo“, setzte Erwin unbeirrt fort, „und Premieren und Eröffnungen bedeuten immer: Buffet!“
„Aber woher wusstest du, dass wir …?“
„Als ich das Geschrei hörte und Oliven fliegen sah, da überkam mich eine Ahnung.“ Er grinste.
Nachdem sich die Aufregung unter den Menschen gelegt hatte, möglicherweise war die Pause wieder zu Ende und der nächste Teil – von welchem Stück auch immer – begann, traten Theophilus und ich zwei müden Kriegern gleich den Heimweg an. Begleitet von Erwin, der uns von seinen gehamsterten Vorräten etwas abgeben wollte. Als er den Zipfel einer Essiggurke aus den Tiefen seiner Hosentasche hervorzog, lehnte sogar Theophilus ab.
Ich war nach diesem Vorfall sehr kaputt und erschöpft. Nicht einmal die abendliche Brise, die durch die Gassen streifte, konnte mich aufmuntern.

Nachtrag – 19:07 Uhr: Schrubben und bürsten haben nichts genutzt. Ich fürchte, die Mayonnaise-Flecken werden erst beim nächsten Fellwechsel verschwinden.


1: Das erinnert doch – erraten – an das Abenteuer in der Perücke im Foltermuseum.

Fortsetzung am Dienstag, 8. Dezemeber 2015.

Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

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