Bücher spenden, Gutes tun! Mit Ihrer Bücherspende unterstützen Sie die Leseförderprojekte des "Wiener Bücherschmaus".

Nähere Infos: Wiener Bücherschmaus



Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

Tagebuchaufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Einaeugiger Erwin PortraetFortsetzung des Berichtes von Erwin, worin Theophilus im Foltermuseum verschwinden, auf den Schultern eines üblen Bursches landen, Unheil in einer Perücke anrichten und ihnen eine Gesichtscreme beinahe zum Verhängnis wird.

Beide sitzen wir jetzt auf der Schulter eines ganz üblen Burschen.

Dann bleibt mir fast das Herz stehen. Eine Frau beobachtet uns. Keine Ahnung, wie lange die bereits dasteht. Sie rührt sich nicht. Gehört die vielleicht zur Einrichtung? Ich deute dem Kleinen, dass wir uns jetzt aber ganz flott über die Häuser hauen sollen. Und was macht der? Der erklimmt schnurstracks das linke Ohr vom Folterknecht, klettert weiter hinauf auf den Kopf und balanciert dort oben, mitten auf dem seiner Perücke!, elegant auf der rechten Hinterpfote. Die Frau verfolgt dem die Vorstellung mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Die ist also echt. Der Kleine dreht sich ein paar Mal um seine eigene Achse, winkt der Frau zu und verneigt sich. Ich sitz da wie angewurzelt. Die Frau steht da wie angewurzelt. Und dann: Applaus! Sie klatscht in die Hände und ruft „Bravo!“, zeigt mit dem Finger auf den Theo und ruft entzückt: „Fantastisch, die haben sogar computergesteuerte Mäuse als Requisiten.“ Im selben Moment seh ich, wie der Kleine das Gleichgewicht verliert, sich in letzter Sekunde an der Perücke festkrallt, dann jedoch mitsamt der Perücke, und mit einem langgezogenen „Uaaaaah“ an mir vorbeirauscht. Ich bekomm in letzter Sekunde ein Haarbüschel zu fassen, es entgleitet meinen Pfoten, beide brettern wir mit einem Höllentempo in Richtung Steinboden. Derweil explodiert in meinem Schädel ein Feuerwerk an Gedanken: Hab ich dafür die Sieben Meere bereist, dass ich jetzt so würdelos in einer Perücke mein Ende find? Warum hab ich mich nur breitschlagen lassen von dem Kleinen? Wie soll ich das dem Leo erklären? Aber wenn ich unten ankomm, brauch ich dem eh nichts mehr zu erklären, so zergatscht, wie wir gleich sind.
Es macht „Krchzwt“, um mich ist es völlig finster und mich sticht was in den Hintern. Naservas. Für einen Moment hab ich die Orientierung verloren. Wo ist oben? Wo ist unten? Ich werd leicht wurlad.
„Erwin?“, hör ich den Kleinen flüstern, „wo sind wir gelandet? Mich kitzelt etwas im Ohr.“
Ich greif dahin, was ich für oben halte und fühl was Weiches, Haariges, ich greif nach dem vermeintlichen Unten und spür was Langes, Rundes. Ich schnupper daran. „Ich vermut, wir sitzen in einem Strohhaufen, unter der Perücke.“
Ich nehm einen Halm und kost ihn. Kulinarisch berauschend ist er nicht, er ist trocken und schmeckt nach altem – Stroh. Durch die Perücke hören wir dumpf die Bravo-Rufe der Frau. Hastig nähern sich Schritte. Ich nehm nur Wortfetzen von der Frau wahr „Gratuliere … Darbietung großartig … Computer … Mäuse“ und wunder mich, dass manche Menschen Mäuse nicht von Ratten unterscheiden können. Dann hör ich eine andere, sehr tiefe Stimme sagen „… von Computermäusen weiß … nichts … Ungeziefer … nichts verloren … Kammerjäger“. Was folgt, ist ein langer gellender Schrei und sich schnell entfernende Schritte. Das ist der Moment, in dem wir uns ebenfalls schnell entfernen sollten. Noch immer liegen wir unter diesem Haarungetüm, das erstaunlich schwer ist.
„Los, vorwärts“, ruf ich.
Ich hör, wie der Kleine sich mit Mühe aufrappelt. Wir bewegen uns drei Schritte vor und stoßen gegen etwas Hartes. Es scheppert. Wir gehen zwei Schritte zurück, halten uns nach links, stoßen nochmals nach vor, krachen abermals wo dagegen. Es scheppert ein weiteres Mal. Was ist das? Eine Daumenschraube? Eine Schandmaske? Vom Aufprall brummt mir der Kopf noch etwas. Wir müssen aus dieser Perücke heraus. Dann flammt oranges Licht auf. Der Kleine hält ein brennendes Streichholz in die Höhe. Für einen kurzen Moment können wir uns ein Bild von unserer Umgebung machen: Schwarze Schlaufen durchziehen die Innenseite des künstlichen Haarteils, das sich wie eine Kuppel über uns breitet. Die Flamme verlischt. Nach einigen Augenblicken glaub ich, das Zerreißen von Stoff zu hören. Kurz darauf erspäh ich ein Quadrat, durch das Licht in die Perückenkuppel hereinströmt. Ich sehe den Kleinen durch dieses Quadrat nach draußen schlüpfen. Er winkt mir mit der einen Pfote, während er in der anderen ein Messer hält, das er sogleich in seiner Umhängetasche verstaut. Hat er? Es bleibt keine Zeit, die Frage jetzt zu besprechen. Ich kletter ebenfalls hinaus. Wir schaffen‘s gerade noch rechtzeitig, uns hinter dem breiten Holzpfosten zu verstecken, auf dem viele Marterwerkzeuge hängen. Da kommt auch schon der Eintrittskartenverkäufer mit einem Besen dahergewetzt und drischt auf die Perücke ein. „Mistkäfer, elendige!“, flucht er und wird ganz rot im Gesicht. Schwungvoll macht er kehrt und stiefelt zurück zum Eingang. Die nun völlig zerdepschte Perücke lässt er liegen.
„Wir kommen wir jetzt ins Freie?“, flüstert der Kleine.
Eine gute Frage, schwirrt’s mir durch den Kopf. Und dann steht die Rettung fast vor unserer Nase.
Eine weitere Besucherin studiert eingehend die Funktionsweise von Daumenschrauben, Eisernen Stiefeln und Stachelstuhl. Als sie sich nach unten beugt, um eine Zwickzange genauer zu betrachten, stellt sie für einen kurzen Moment ihre enorm große – offene! – Handtasche auf den Boden. Das ist unsere Chance. Wir galoppieren von unserem Versteck zur Tasche, klettern in Windeseile hinein und platzieren uns zwischen benutzten Taschentüchern, einem Parfümfläschchen, einem Handy und anderem Klimbim. Als die Tasche hochgehoben wird, dreht sich mir fast der Magen um und ich sehn mich nach einem Glaserl Nussschnaps. Die Frau hat einen sehr beschwingten Gang. Bei diesem Hin- und Hergeschaukle fallen ein paar Zuckerln aus einem offenen Papiersackerl, eines donnert mir auf den Schwanz, ein anderes kracht dem Kleinen auf den Kopf.
„Irgendwann musste die doch fertig sein mit ihrer Besichtigung“, fluch ich.
Plötzlich macht die Tasche einen gewaltigen Schlenker, ich kippe nach vorn und fall auf eine Tube. Der Verschluss ploppt weg wie ein Sektkorken und weiße Creme schießt hervor – dem Kleinen ins Gesicht.
„Ich glaub, mir wird schlecht“, jammert er.

Kann Erwin die Situation retten? Gelingt den beiden die Flucht aus der Handtasche?
Lesen Sie nächste Woche am 18. August den dritten Teil von Erwins Bericht.

Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

Kommentieren: