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Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

Tagebuchaufzeichnungen und Berichte aus Mariahilf

Herr Leopold Portraet3. April

Der Wind hat sich heute etwas gelegt. Er kommt nun aus dem Westen. Weht in exakt jener Geschwindigkeit, die es braucht, um die Lautsprecherdurchsagen vom Westbahnhof zu mir in die Fügergasse zu tragen, auch wenn auf dem Weg hierher immer wieder Teile verloren gehen, sodass ich nur Fragmente zu hören bekomme: „Zug aus … fährt auf Bahnst…“, „Vorsicht Bahnsteig drei, Zug …“ oder „… hat neunzig … Verspätung“. Dieser Wind treibt das oft hektische Klingeln der Straßenbahnen 6 und 18 vor sich her, jagt es bis vor meine Haustür.

4. April

„Bibliotheken sind Orte des Glücks.“ Welch wunderbarer Satz. Leider nicht von mir. Aus einem Zeitungsartikel winkt er mir entgegen.
Ich möchte ergänzen: Auch ein Malvenhain ist ein Ort des Glücks. Speziell, wenn er vor der eigenen Haustüre zu finden ist. Noch reichen mir die Pflänzchen nur bis knapp unter die Schulter und haben winzig kleine Blätter, aber bereits in ein paar Wochen werden sie mich um vieles überragen und mit ihren tiefvioletten Blüten erfreuen. Jedoch, solange mein Lieblingsplatz dermaßen gut einsehbar ist und ich Gefahr laufe, von neugierigen Tauben begafft oder gar von kreischenden Menschen belästigt zu werden, suche ich gerne Findners Antiquariat auf. Ein Paradies der literarischen Freuden sind sie, die zwei halbdunklen, sommers wie winters kühlen Räume mit fast bis an die Decke reichenden Regalen voll mit Literatur aus der Menschenwelt. Wie zwei gutmütige Relikte aus einer anderen Zeit blättern, schlichten, kramen die beiden Buchmenschen in ihrem Reich.1 Da Erwin sich seit dem Vorfall mit dem Folianten weigert, mitzukommen, ist mir Elsbeth, die in unmittelbarer Nähe in einem Zwölf-Röhren-Haus lebt, eine liebe Begleiterin. Einziger Wermutstropfen: Wir sind nicht die kräftigsten Mäuse. Ein Taschenbuch mit hundertfünfzig Seiten, bei Dünndruck schaffen wir ungefähr zweihundert, ist das Maximum, das wir mit Müh und Not aus dem Regal hieven können.

Hundertfünfzig Seiten – trotzdem keine leichte Lektüre!


1 Bis dato war nur Eingeweihten folgender Umstand bekannt: Unter der Kiste mit den 1-Euro-50-Cent-Büchern, die auf dem Gehsteig vor Findners Auslage steht, liegt der Eingang zu einer Bibliothek, die, sogar in Menschendimensionen bemessen, über einen enormen Bestand verfügt. Darin befindet sich ein Querschnitt mausischen Literaturschaffens, unter anderem die Werke von Robert Mausil. Material für viele Generationen von Forscherinnen und Wissenschaftlern. Der Zugang für Menschen ist, schon aus Platzgründen, bedauerlicherweise nicht möglich.

Fortsetzung folgt am 7. April 2015 – Lesen Sie dann Erwins Bericht über das Ereignis mit dem Folianten.

Alle bisherigen Abenteuer mit Herrn Leopold finden Sie hier.

Beiträge vor einem Jahr:
Brillis Wort zum Montag

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