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80 Jahre Bücherverbrennung – Literaturquiz Teil 12

Im aktuellen Quiz des „Duftenden Doppelpunktes“ verbirgt sich diesmal ein Schriftsteller-Ehepaar. Da erstmalig in einer Quizrunde nach zwei AutorInnen gleichzeitig geforscht wird, ist der nachstehende Text entsprechend umfänglicher als die bisher veröffentlichten Rätsel und der Fragenkatalog umfasst statt der üblichen drei diesmal sechs Fragen.

Die Quizfragen:

  • Wie heißt die Kinder- und Jugendbuchautorin?
  • Wie lautet der Titel ihres neun Bände umfassenden Jugendbuches über die Zeit des Nationalsozialismus?
  • Wie heißt der Autor und unter welchem Pseudonym veröffentlichte er im Schweizer Exil?
  • Unter welchem Titel publiziert er 1925 sein kurz darauf beschlagnahmtes Buch?
  • Welcher Titel wurde für das von beiden gemeinsam verfasste Jugendbuch über das Leben der Rauchfangkehrerbuben im Mailand des 19. Jahrhunderts gewählt?
  • Sein erstes, 1941 veröffentlichtes Jugendbuch trägt ursprünglich den Untertitel „Eine Erzählung aus Dalmatien für die Jugend“. Unter welchem Titel ist es bis heute im Buchhandel zu finden?

Antworten bitte an: Literaturblog Duftender Doppelpunkt

Unter allen richtigen Einsendungen werden wieder einige Bücher verlost.

Erinnerung: Wenn Sie an die jeweils aktuelle Quizrunde erinnert werden möchten, senden Sie bitte einfach ein leeres Mail mit dem Betreff „Literaturquiz Erinnerung“ an das Literaturblog Duftenden Doppelpunkt.

Einsendeschluss: Dienstag, 16. 07. 2013 um 12:00 Uhr.

Alle bisherigen Fragen, Antworten und die das Quiz begleitenden Beiträge finden Sie auf der Seite „Literaturquiz zur Bücherverbrennung 1933.

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Das literarische Rätsel

An das erste Zusammentreffen mit jenem Mann, den sie 1924 heiratet und mit dem sie bis zu seinem Tod 1959 zusammenlebt, erinnert sie sich folgendermaßen:

„Es war im Jahr 1919. Ich wanderte Märchen erzählend durch den Thüringer Wald. In einer kleinen Stadt, Lauscha, dem Mittelpunkt der Glasbläser, traf ich eine laute Kirchweih (…) Besonders eine Bude fesselte sofort meinen erstaunten Blick. Davor stand ein junger Bursche mit dichtem, braunem, ziemlich struppigem – oder sagen wir offen – liederlichem Haar. Es fiel ihm bei jeder Bewegung über Augen und Nase und wurde dann mit kühner Kopfbewegung nach rückwärts geworfen. Er trug nach damaliger Wandervogelart einen rostbraunen Leinenkittel mit dem freideutschen Jugendabzeichen, kniefreie schwarze Manchesterhosen, nackte Beine und Sandalen, sogenannte Jesuslatschen.“

Sie erblickt 1894 in einer sächsischen Arztfamilie das Licht der Welt. Von ihrem Vater wird berichtet, er hätte vom Reichspräsidenten Friedrich Ebert nur als vom Sattlergesellen gesprochen. Dem letzten Deutschen Kaiser, Wilhelm II., huldigte er auch nach dessen Abdankung und Übersiedlung ins holländische Exil alljährlich mit einem Geburtstagsbillett.

Dem für sie vorgesehenen Lebensweg als Hausfrau und Mutter verweigert sie sich und absolviert gegen den Willen ihres Vaters eine Berufsausbildung als Fürsorgerin an der von Alice Salomon gegründeten Sozialen Frauenschule in Berlin.

Das Jahr 1916 bringt für sie eine Neuorientierung. Sie erlebt einen durch Deutschland wandernden dänischen Märchenerzähler. Fasziniert von dessen Vortrag lässt sie sich an Max Reinhardts „Schauspielschule des Deutschen Theaters“ im Bereich Sprecherziehung und Stimmbildung ausbilden.
In den folgenden Jahren zieht sie als Märchenerzählerin durch die Dörfer Mittel- und Süddeutschlands. Ihre Erlebnisse und Erkenntnisse verarbeitet sie beispielsweise in dem 1923 veröffentlichten Buch „Auf Spielmannsfahrten und Wandertagen“.

1924 heiratet die „Märchentante“ den jungen Burschen mit dem „liederlichen Haar“. Sie leben in Düsseldorf, später in Berlin. Zu ihrem dortigen Freundeskreis gehören u. a. Johannes R. Becher, Bert Brecht und Anna Seghers.

In den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts gibt sie eine Reihe von Märchensammlungen heraus, bearbeitet Märchen für das Kindertheater und arbeitete im Rundfunk. Hermann Hesse bezeichnet sie als „ausgezeichnete Sprecherin und wohl beste Märchenerzählerin Deutschlands“.

Ihr erstes, 1929 veröffentlichtes Kinderbuch „Hans Urian. Die Geschichte einer Weltreise“ steht 1933 als einziges ihrer Werke auf der Liste der zu verbrennenden Bücher des Bibliothekars Wolfgang Herrmann. Obwohl das Buch über starke märchenhafte Anklänge verfügt, reicht seine politische Brisanz aus, es auch im franquistischen Spanien und später in der amerikanischen Besatzungszone zu verbieten.

In ihrem wahrscheinlich bekanntesten Werk, es umfasst die Jahre 1931 bis 1945/46, verarbeitet sie die Zeit des Nationalsozialismus in insgesamt neun Bänden. Der realistische Ansatz sowie ihr humanistisch-pazifistischer Anspruch führt dazu, dass ihr Werk unmittelbar nach 1945 von vielen Menschen in Deutschland als unzeitgemäß erlebt wird, ja die Autorin von manchen als Nestbeschmutzerin gesehen wird.

Sie, ursprünglich Märchenerzählerin mit Leib und Seele, schreibt über das „Warum“ ihrer literarischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Folgen des Krieges auf die Jüngsten: „Ich glaube nicht, daß wir in einem Jahrhundert, wo das Radio und die Schlagzeilen der Zeitungen Ausrottungen und Verhungerungen ganzer Völker, Verbrechen im Großen und Kleinen die Wohnstube heimsuchen, die Kinder noch hinter einem Gartenhag halten können und daß wir ihnen beizeiten, ohne zu starke Desillusination, den Weg weisen müssen, wie sie durch das moderne Dschungel einer aufgelösten Welt kommen können.“

Ein weiterer Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur entsteht in Zusammenarbeit mit ihrem Mann. Da es ihm, im Gegensatz zu seiner Frau, als politischer Flüchtling in der Schweiz nicht erlaubt ist zu publizieren, erscheinen die beiden Bände des Buches 1940/1941 unter ihrem Namen. Geschildert wird darin das Leben armer Tessiner Bauernkinder in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie werden aus wirtschaftlicher Not von ihren Eltern nach Italien ins nahe Mailand verkauft und müssen dort unter unmenschlichen Bedingungen als Kaminfegerbuben arbeiten.

Der spätere Autor und Ehemann wird 1897 in Jena geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums wechselt er mit 14 ins Berufsleben und erlernt bei Zeiss das Schlosserhandwerk. Nach Ablegung der Gesellenprüfung kann er, bevor er einberufen wird, gerade einen Monat lang als Mechanikergehilfe in der Anfertigung von medizinischen und optischen Instrumenten arbeiten. 1917 kehrt er verletzt und an Typhus erkrankt aus dem Krieg zurück. Er arbeitet als „fliegender Buchhändler“, Journalist, Schlosser und Schriftsteller und versteht sich selbst als „Berufsrevolutionär“ „für die Gerechtigkeit“.

Er tritt dem Spartakusbund und der KPD bei, zieht durch Deutschland und arbeitet in unterschiedlichen Betrieben, um die Probleme der ArbeiterInnen möglichst genau kennenzulernen.
1919 erscheint unter dem Titel „Neue Saat“ sein erster Lyrikband. Es sind expressionistische Gedichte, die zum Genre der Arbeiterdichtung zählen. 1925 veröffentlichte er im Verlag der Jugendinternationale „Barrikaden an der Ruhr“:

„Aber diese Massen drückten die Gehende nicht nieder. Diese Unendlichkeit der Armut machte sie nicht kleiner. War es nicht sogar leichter und bequemer, das Leben zu tragen, wenn es Tausende mittragen konnten. Wenn es nicht mehr allein auf den spitzen Schultern lag, sondern wenn es sich über die ganze Stadt streckte. Sie hob ihren Kopf, als empfände sie auf einmal diese Leichtigkeit …“

Das Buch wird beschlagnahmt und ein Hochverratsprozess gegen den Autor angestrengt. In dieser Situation erfährt er vielfältige Unterstützung. Der Bogen jener, die für ihn das Wort ergreifen, spannt sich von Hermann Hesse und Thomas Mann über Gerhard Hauptmann bis zu Alfred Kerr und Käthe Kollwitz.

Die „Barrikaden an der Ruhr“ und der 1923 auf einer Reise in die USA entstandene Roman „Passagiere der III. Klasse“, er kommt 1927 in die Buchhandlungen, gehören zu den ersten Manifestationen proletarisch-revolutionärer Literatur in der Weimarer Republik.

1928 ist er an der Gründung des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller beteiligt. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift „Die Linkskurve“ und arbeitet als Lektor im Internationalen Arbeiterverlag. 1930 übernimmt er die literarische Leitung der Reihe „Der rote 1-Mark-Roman“.
Seine Publikationen und öffentlichen Auftritte machen ihn zu einem der bekanntesten Vertreter der kommunistischen Literaturbewegung in der Weimarer Republik.

Nach dem Reichstagsbrand vom 27./28. Februar 1933 wird er sofort in sogenannte Schutzhaft genommen. Egon Erwin Kisch, selbst unter den Festgenommenen, berichtet später:

„Auf dem Korridor ist es schwarz vor Menschen. (…) Und schon sehe ich andere. Carl von Ossietzky, Chefredakteur der Weltbühne (…) Da sitzt Erich Mühsam, Idealist, Humorist und Anarchist, ein ewiger Junge trotz seines Vollbarts, da sitzen die Romanschriftsteller Ludwig Renn und Kurt Kläber, Dr. Hodann, der Sexualforscher, der Abgeordnete Schulz-Neukölln, Otto Lehmann-Rußbüldt, der alte Obmann der Liga für Menschenrechte(…) Da sitzen noch viele andere, für welche die nächtliche Verhaftung (…) die erste Station auf ihrem Weg zu Opferung bedeuten. Sie wissen es schon heute.“

Er hat großes Glück. Seiner Frau gelingt es, ihn über Beziehungen nach wenigen Tagen freizubekommen. Noch im März 1933 flüchtet er ins schweizerische Tessin. Seine Frau folgt ihm kurze Zeit später.

In den folgenden Wochen und Monaten gehen seine Bücher im Deutschen Reich vielerorts in Flammen auf.

Das Ehepaar lebt in Corona, das sie bereits von früheren Aufenthalten kennen. Er versucht anfänglich, seine politisch geprägte schriftstellerische Arbeit fortzusetzen. Gemeinsam mit Bernard Brentano und Bertolt Brecht will er eine sozialistische Künstlerkolonie gründen. Diese Pläne zerschlagen sich.

Im Vergleich zu den meisten anderen MigrantInnen in der Schweiz gestaltet sich das das Exil für das Ehepaar nicht ganz so schwierig. Beide sind zwar vom Publikationsverbot betroffen. Für sie wird es allerdings recht bald aufgehoben, da sie einen Teil ihrer Schulzeit in der Schweiz verbracht hat. Sie wird Lehrerin für Stimmbildung und Sprechtechnik am Basler Lehrerseminar.

Der Zufall meint es gut mit ihnen und unterstützt sie mit einer gänzlich unerwarteten Erbschaft:

Er notiert in diesem Zusammenhang auf einer Serviette: „Wir wollen Bauern werden, / das ist doch noch ein Stand. / Die Welt lohnt nicht das Pflügen, /vielleicht lohnt es das Land.“

Durch den Kauf bzw. die Bewirtschaftung eines kleinen Fleckens Erde ist es ihm möglich, das Arbeitsverbot zu umgehen. Gleichzeitig steht die „Arbeit an der Scholle“ bei ihm auch für den Rückzug aus dem politischen Leben in die ländliche „Idylle“.

Jedenfalls vollzieht sich im Exil in aller Stille sein Wandel von einem prononcierten Linken zum bürgerlichen Humanisten, von der Erwachsenen- zur Jugendliteratur. Seine Frau beschreibt diese Entwicklung mit folgenden Worten: “Gewiss hat ihn die Abkehr und der neue Weg sehr viel Kraft gekostet; aber er hat es geschafft. Er hatte neu begonnen. Er war zurückgegangen zum Kindsein, zum natürlichen Gutsein. Er hat noch einmal ganz von vorn begonnen. Schaut, daß ihr Erwachsene nicht das Gute im Kind verderbt. Jedes Kind hat die Möglichkeit, ein guter Mensch zu werden. – Wenn ihr es als Erwachsene nicht mehr seid, übertragt eure Schlechtigkeit nicht auf die Kinder. – Seht doch, wieviel Schönheit und Idealismus in jedem Kind steckt, lernt daraus und versucht, auch wieder ein wenig gut zu sein. Seid auch ein wenig gut miteinander.“

1938 wird beiden die Deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, erst zehn Jahre später erhalten sie die Schweizer Staatsangehörigkeit.

1941 veröffentlicht er erstmals ein Jugendbuch. Dessen ursprüngliche Untertitel lautet „Eine Erzählung aus Dalmatien für die Jugend“. Da er als Migrant in der Schweiz nach wie vor mit Publikationsverbot belegt ist, veröffentlicht er von nun an unter dem Mädchennamen seiner Schwiegermutter: „Der Anlaß, mein erstes Jugendbuch zu schreiben, kam von Kindern selber. Sie waren durch den Krieg heimat- und elternlos in unser Dorf geschwemmt worden. Wir hatten aber keine Bücher für sie, und so mußte ich ihnen jede Nacht etwas schreiben, denn am Morgen punkt zehn standen sie unter meinem Balkon und schrien: ‚Fortsetzung!‘“

Über seinen letzten Roman schreibt er 1955: „Jetzt sitze ich über meinem dicksten Jugendbuch: Joseph und Maria. Zwei italienische, durch den Krieg elternlos gewordene Kinder mühen sich, in dem allgemein moralischen Zerfall der Nachkriegszeit ehrlich und gut zu bleiben. Daß es ihnen trotz aller Beschwernisse durch Behörden und Gesetze gelingt, ist für meine Leser ein Zeichen, dass ich immer noch der unverbesserliche Taugenichts und Staubaufwirbler bin, der weiter an den allerdings inzwischen recht brüchigen Stützen unserer heutigen Gesellschaftsordnung rüttelt, aber ich halte es hier mit dem großen Albert Schweitzer: ‚Wenn die Menschen das würden, was sie mit 14 Jahren sind, wie anders wäre die Welt!‘.“

In den 1950er Jahren engagiert sie sich als Förderin der fantastischen Kinderliteratur und übersetzt den ersten Band der Chroniken von Narnia des damals im deutschsprachigen Raum noch unbekannten in Belfast geborenen Autors C. S. Lewis. Gemeinsam organisiert das Ehepaar Hilfsaktionen und Lebensmittelsammlungen für deutsche Intellektuelle.

Sie stirbt 1963 und überlebt ihren Mann damit um vier Jahre, nicht ohne ihm davor mit einer Biografie aus ihrer Feder ein literarisches Denkmal zu setzen.

Ihr 1954 in Corona errichtetes und auf den Namen „La cá del pan trová – Casa Pantrovà“ – „das Haus zum gefundenen Brot“ getaufte Domizil vermachten sie einer Stiftung. Bis heute steht es Kulturschaffenden für einen Arbeitsaufenthalt zur Verfügung.

Beiträge vor einem Jahr:
Literatur-Quiz – siebter Teil

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