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Novemberpogrome 1938 – 2012

Reichskristallnacht oder Novemberpogrome?

Ursprünglich wurden mit dem Wort Pogrom Übergriffe gegen Minderheiten im zaristischen Russland bezeichnet. Nach den dortigen antijüdischen Pogromen von 1881 – 1883 wurde Pogrom international nur mehr im Zusammenhang mit Juden und Jüdinnen verwendet. In den letzten Jahrzehnten erlebte der Begriff eine Bedeutungserweiterung und steht heute für kollektive Gewaltaktionen gegen Minderheiten.

Wer das Wort Reichskristallnacht „kreierte“, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Man kann aber davon ausgehen, dass der Begriff aus dem Berliner Volksmund stammt und auf die Scherben der zerschlagenen Fenster und Auslagen anspielt. Möglicherweise war die Wortschöpfung Reichskristallnacht zuerst eine verklausulierte Form des Protestes, eine Art ohnmächtiger Sarkasmus der GegnerInnen des Nationalsozialismus.

Die NationalsozialistInnen nannte die Deportation und Ermordung der Juden und Jüdinnen anfänglich weder Pogrom noch Reichskristallnacht, sondern, wie man aus dem Betreff des Befehlsschreibens von Reinhard Heydrich, Leiter der Sicherheitspolizei und des SD, entnehmen kann: „Maßnahmen gegen Juden“.1

Der Begriff Reichskristallnacht wurde allerdings von den NationalsozialistInnen rasch vereinnahmt. So meinte Wilhelm Börger, Ministerialdirektor im Reichsarbeitsministerium, im Juni 1939 auf dem Gautag der NSDAP in Lüneburg: „ … sehen Sie, die Sache geht als Reichskristallnacht in die Geschichte ein (Beifall, Gelächter) …“2

Der Politologe Harald Schmid weist in seinem Beitrag „Sprachstreit im Novemberland“ auf die der Bezeichnung Reichskristallnacht innewohnende Dialektik hin: „Doch das Wort bleibt auch ein nützlicher sprachlicher Stolperstein. Denn die scheinbar bloß etymologische und semantische Kontroverse führt geradewegs zum Gespräch über die ganze NS-Vergangenheit, den kritischen Umgang mit ihr und das Bemühen um moralische Genauigkeit – auch in der heutigen Benennung politischer Verbrechen.“

Geschichte der Novemberpogrome

Herschel Grynszpan schoss in Paris am 7. November 1938 auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath. Dieser erlag zwei Tage später seinen Verletzungen. Propagandaminister Joseph Goebbels initiierte daraufhin im gesamten Deutschen Reich in der Nacht vom 9. auf den 10. November eine „spontane“ Vergeltungsmaßnahme in Form eines gegen die jüdische Bevölkerung gerichteten Pogroms. Bekannt wurde es unter dem Namen Reichskristallnacht.

In den aus heutiger Sicht besser als Novemberpogrome bezeichneten Ereignissen, wurden alleine in Österreich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 30 Juden / Jüdinnen getötet, 7.800 verhaftet und aus Wien rund 4.000 ins Konzentrationslager Dachau deportiert.

Im gesamten Deutschen Reich wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet. Ungefähr 30.000 Juden und Jüdinnen wurden in Konzentrationslager verschleppt. Dort wurden nochmals Hunderte ermordet oder starben an den Folgen der Haft. Fast alle Synagogen – etwa 1.400 – und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden zerstört.

Die Novemberpogrome stellen den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der Juden / Jüdinnen seit 1933 zur systematischen Verfolgung dar. Nicht einmal drei Jahre später münden die Verbrechen der NationalsozialistInnen in den Holocaust.

„Kommt alle, von Treblinka, Auschwitz, Belzec, von Ponar
Von Sobibor, mit aufgerissnen Augen kommt, macht los!
Ich will, daß Euer stummes Schrein zu einem Schrei erstarrt
Im Schlamm, im Sumpf versunken und in faulem Moos.“

Jizchak Katzenelson: „Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“

1 Fernschreiben vom 10.11.38, NS-Archiv. Dokumente zum Nationalsozialismus.
2 Roller, Walter (Zusammenstellung und Bearbeitung) & Höschel, Susanne (Mitwirkung): Judenverfolgung und jüdisches Leben unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Tondokumente und Rundfunksendungen 1930–1946. Verlag für Berlin-Brandenburg 1996, S. 154.

WEITERFÜHRENDE LINKS

Texte, Materialien und Dokumente zu den Novemberpogromen

Fernschreiben von Reinhard Heydrich zur Reichspogromnacht („Reichskristallnacht“)

Tagebuchschreiber Goebbels über die „Reichskristallnacht“ (DER SPIEGEL 29/1992)

Jörg Wollenberg, Die Bedeutung des Novemberpogroms innerhalb der nationalsozialistischen Judenverfolgung

Die Nacht, als die Synagogen brannten. Texte und Materialien

Dossier „Pogrom“ – Deutschland ist ein schrecklicher Ort: November 1938

uni-protokolle.de: Reichskristallnacht – Novemberpogrome 1938

Synagogen-Internet-Archiv: Informationen zu über 2200 deutschen und österreichischen, in der NS-Zeit zerstörten oder geschändeten Synagogen

Hans Mommsen: die Pogromnacht und ihre Folgen

Lernplattform: Novemberpogrom 1938 -“Reichskristallnacht“

Historische antijüdische Gesetze

Lebendiges Virtuelles Museum Online LeMO: Die Nürnberger Gesetze

Auf der Site documentArchiv.de finden Sie historische antijüdische Rechtsverordnungen und solche, die sich (ohne Diskriminierung) auf die jüdische Konfession beziehen.

Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg: Antijüdische Gesetze und Verordnungen

Die Novemberpogrome in Österreich

Text einer Reportage über die „Reichskristallnacht“ aus dem Jahr 1938

Verfolgung von Juden und Jüdinnen 1938 in Wien

A letter to the stars – Zeitgeschichte-Projekt in Schulen der Republik Österreich

Herklotzgasse 21 – und die jüdischen Räume in einem Wiener Grätzel

KZ-Gedenkstätte Mauthausen

erinnern.at – Nationalsozialismus und Holocaust

Novemberpogrome in Innsbruck

Rundgang in Gedenken an das November-Pogrom 1938

Broschüre zum Antifaschistischen Gedenkrundgang am 10.11.2011 durch Wien-Mariahilf

Mariahilfer Synagoge – Für einen würdigen Ort des Gedenkens

Die Novemberpogrome in Deutschland

Aufzeichnungen aus der Autobiographie von Josepha von Koskull aus Berlin

Die Novemberpogrome in Nazi-Deutschland – Bilddokumente

Reichskristallnacht -Novemberpogrome 1938. Ein Film auf You Tube mit Dokumentaraufnahmen.

Ausschreitungen und Judenpolitik nach 1935

Synagogen in Deutschland – Eine Virtuelle Rekonstruktion

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Wohin treibt die Schweiz?

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