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RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 9

VII Black Box

Der Flugschreiber verbirgt sich wohl auf 6000 Metern Tiefe, am Meeresgrund und mit ihm die gesuchten Antworten. Ein Passagierflugzeug bewegt sich durchschnittlich vermutlich auf 10.000 Metern Höhe, zwischen Höhe und Tiefe liegen also 16 Kilometer Unterschied und außerdem ein großer Sturz, ein tragisches Scheitern, ein langer Fall. Ich weiß auch nicht was dieser Gedanke soll. Es liegt wohl an meiner Faszination an Höhe und Tiefe. Muss denn eigentlich unbedingt jemand verantwortlich gemacht werden für den Flugzeugabsturz, das ertrunkene Kind, den Klimawandel, die seltsamen Auswüchse der kapitalistischen Gesellschaft?

Außer – das Schicksal selbst?

Es folgt …

Ein Synapsengewitter:

Ich finde die Aufklärung schießt über ihr Ziel hinaus, wenn daraus zwingend resultiert, dass Gott nicht existieren kann, genauso, wie die sexuelle Aufklärung übers Ziel trifft, wenn sie als Freibrief für beziehungslose Sexualität verstanden werden will. Weswegen veralteter Konservatismus meiner Ansicht nach auch nicht gerade die rettenden Signale zur Erneuerung und Wiederbelebung unserer Gesellschaft sendet. Was wir stattdessen wirklich brauchen? Erst wenn der Eros an Macht und die Macht an Eros verliert – ohne dass beide Pole jedoch sich ineinander aufheben – wird Frieden und eine tiefer gründende Gleichberechtigung möglich sein.

Pole, Polarität, Polarkreis.

Aber Gleichberechtigung ist nicht nur zwischen den Geschlechtern ein großes Thema. Wir als Bewohner der westlichen Hemisphäre z.B. erwarten von China Klimaschutz, während wir uns reichhaltig mit deren Billigware eindecken, die wiederum lediglich aus zwei Gründen so billig ist wie sie ist. Zum einen aufgrund den eben nicht besonders hoch motivierten Zielen im Umwelt- und Klimaschutz und zum zweiten den erschreckend niedrig gehaltenen Bedingungen was grundlegendste Menschenrechte, geschweige denn einer halbwegs gerechten Arbeitsentlohnung betrifft. Es gibt zwischen allen Dingen einen kausalen Zusammenhang der letztlich auch die eigene Person betrifft.

Schuld tragen wir alle, auch wenn es für jeden Einzelnen unterschiedliche Gründe dafür gibt. Der Banker will lieber die Prämie anstatt die Kündigung, der Anleger mehr Geld als nur den Zins vom Sparbuch. Es ist klar, dass dieses Vorhaben von hohem Risiko begleitet wird und im Großen und Ganzen letztlich irgendwann scheitert. Ist der sogenannte „kleine Mann“ wie du und ich denn nicht an Kriegen mitverantwortlich, wenn er – wenn auch womöglich ahnungslos – durch versteckte Aktien an Waffenverkäufen in Dritte-Welt-Länder beteiligt ist, ja sogar zuletzt das ganze Geld selbst, unser aller Geld, mit dem wir Tag ein und Tag aus konsumieren und welches wir zu unserem Wohlstand und unserer Sicherheit auf Banken gehortet haben und von großen Investoren verschoben wird, samt den ursprünglichen Gleichgewichten dieser Welt?

Trotzdem oder auch gerade deswegen sind die großen Firmen teils zu Kapitalmaschinen mutiert, deren Köpfe sich (im globalen Kampf) ihrer selbst entledigen während ihnen gewährt wird im selben Schachzug noch ungestraft den Tresor zu plündern und wofür sie nach ausgiebigster Arbeitsplatz- wie Geldvernichtung noch rechtlichen Rückhalt bekommen. Wo verdammt noch mal ist das ganze Geld hingekommen? Da hat der Kapitalismus wohl schamlos wie ungezügelt die Demokratie unterwandert und macht sich längst deren Politik zu nutze, um selbige mehr und mehr auszuhöhlen und schließlich gar restlos auszuhebeln? Da darf man sich schon fragen, letztlich, ohne damit jetzt irgendeine abgelutschte Verschwörungstheorie heranzitieren zu wollen, wem diese Welt eigentlich gehört. Und wo ist die Black Box, die nach dem Finanzabsturz und anderen persönlichen wie globalen Katastrophen aus den Tiefen des Undurchschaubaren geborgen über all unsere unbeantworteten Fragen Aufschluss geben kann?

Gibt es eine Geborgenheit im Eis? Warme Kälte breitet sich aus. Ein seltsam angenehmer Schmerz.

Ist es nicht paradox, dass die Polkappen schmelzen, während es zwischenmenschlich kälter wird?

Ich habe gar kein Problem mit Rebecca, ich habe nur eines mit mir selbst?

Immerhin habe ich feststellen dürfen, dass mein Unvermögen Entscheidungen treffen zu können so weit geht, dass ich es nicht einmal vermag, mich für eine Krankheit zu entscheiden. Manchmal stehe ich vor dem Schrank und ich frage mich ernsthaft – minutenlang wohlgemerkt – ob ich die rote oder besser die grüne Tasse wählen sollte. Denken Sie jetzt ruhig ich hätte zuviel Zeit. Oder denken Sie – ich hätte einen an der Waffel! Sie können und werden sowieso über mich denken was Sie wollen.

Ich habe es nicht in der Hand.

Überall Fragen, überall Fragende und überall die selbe Frage … nach dem Warum? Das Schicksal zeigt uns undichte Stellen, die sich in unserem abgesicherten Alltag einnisten und ein diffuses Unbehagen wie Abwasser in der Kanalisation verbreiten. Wir müssen sehen, was wir nicht sehen wollen, wenn das Wasser verdunstet, wir müssen tauchen … unter das Eis.

Egal wohin ich gehe, mein Kopf verfängt sich in Spinnweben nicht zu Ende gedachter Gedanken. Ich suche nach dem, was mich zusammenhält, denn was ich von mir denke ist im Eigentlichen nur mehr ein brüchiges Konstrukt vergangener Gedanken.

Draußen schüttet es. Frischer Wind zieht durch die gekippten Fenster. Der Himmel ist dunkel, blaugrau. Die Krankenkasse hat mir eine Kur angeboten. Ich weiß nicht, ob ich eine Kur machen soll. Aber wann bekommt man so etwas schon einmal angeboten und muss nicht darum kämpfen? Ich war jetzt acht Wochen krank, d.h. krankgeschrieben, denn krank bin ich schon länger. Und jetzt brauche ich auf jeden Fall ein Attest, das mir bescheinigt, rettungsfähig zu sein.

Ich bin aber nicht rettungsfähig. Bislang habe ich es jedenfalls nicht geschafft, mein eigenes Leben vor der dessen permanent innewohnenden Trägheit zu retten, die so resistent gegen Veränderung zu sein scheint, wie mein Pilzbefall in Darm und Magen.

Ja, nein, jain, es ist (k)eine Herzmuskelentzündung. Die Aussagen der Mediziner erinnern mich in ihrer Zuverlässigkeit beinahe an die Berechenbarkeit von Lottozahlen. Feststeht: Ich habe einen mehr oder weniger reaktivierten Epstein-Barr-Virus in mir. So ganz verstehe ich das auch nicht, obwohl ich acht Wochen Zeit gehabt hätte, mich intensiv damit zu beschäftigen.

Zurück zum Eis. Nach dem Hochmut kommt der Fall, die Ebbe nach der Flut. Einer ist in die Tiefe gesprungen. Er war an ein Seil gebunden, doch unter ihm war kein Becken, nur ein Abgrund ohne Wasser. Es war ein junger Mann der eine kleine Tochter hinterließ. Beim Versuch seinen eigenen Weltrekord zu überbieten war sein Seil gerissen. Er wollte Himmlisches wagen und war zum Dämon geworden. Zuvor hatte er Hunderte von Felsen bezwungen, mit den blanken Händen und Füßen. Ohne Seil. Er hätte stolz sein können.

Gott lässt sich eben nicht herausfordern.

Denn es gibt Grenzen. Eine Grenze zum Wahn der Unsterblichkeit und eine Grenze zur Kälte der Perfektion. Eine Grenze nach Innen, eine Grenze nach außen. Eine Grenze der Fantasie und eine Grenze des Fortschritts. Es gibt eine Grenze der Überheblichkeit. Wir können eben nicht alles.

Ich habe entschieden, mich meinen eigenen Widersprüchen zu stellen.

Und: ich werde Rebecca heiraten!

Oder auch nicht.

Habe ich mir nur eingebildet, dass der Kardiologe auf meine Hosenfalle gestarrt hat? Warum aber hat er dabei gesagt „wir werden alles wieder in Reih und Glied bringen?

Ich höre nicht nur die überflüssigen Herzschläge. Ich höre ganz allgemein etwas zu viel. Und ja, meinetwegen habe ich ein Problem damit, nackt in die Sauna zu gehen und auch noch so manches mehr …

Auswandern werde ich deshalb nicht.

Denn es gibt keine Antwort auf die Frage: Wohin?

Am Donnerstag kam die Kündigung. Es hätte nichts mit meiner Krankheit zu tun. Es sei wegen der Finanzkrise und dem Besucherrückgang seit dem Unfall.

Vermutlich werde ich nie wieder angenehm gelangweilt um ein Becken laufen, bei 95 °C ein Handtuch schwingen oder hinter fleckenfreien Glasscheiben Kaffee trinken … zu unentwegt lockeren Sprüchen.

Ich will jedoch lieber den ganzen Tag schreiben als in Andechs als Nichtalkoholiker für ein paar Euro pro Tag Leergut zu sortieren. Ich werde mich nicht auf die Anzeige als Hilfsarbeiter bewerben! Nun gut, ich sollte mich jedoch irgendwo bewerben. Aber dummerweise finde ich nicht mal ein dafür notwendig werdendes Zeugnis, eher möchte ich eines ablegen. Aber das ist wiederum ein ganz anderes Thema!

Alles liegt auf Eis. Doch ich werde es nicht betreten.

Vielleicht ist es nun an der Zeit aufzutauchen und die Scherben einzusammeln. Vielleicht sollte ich sie auch neu zusammensetzen oder reicht es, sie nur zu berühren?

Womöglich aber … muss man vergessen!

„Ich kann mir gar nicht vorstellen wie da ein Kindchen durchflutschen soll, Rebecca!“

„Du bist auch ein Mann.“

„Na Gott sei Dank!“

Das Eis … sind tausend Splitter, denke ich.

„Ach weißt du Joe, so ein Becken ist tief!“

Die einzelnen Teile werden im „Duftenden Doppelpunkt im Abstand von 14 Tagen veröffentlicht. Schreiben Sie Raphael Vogt Ihre Meinung zu seinem Text.

RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 1
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 2
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 3
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 4
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 5
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 6
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 7
RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 8

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