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RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – TEIL 3

Am Beckenrand

Ich betrachte mein Auto in der Schrottpresse. Eine nackte Glühbirne schaukelt an einem langen Kabel über meinem Kopf hin und her und bewegt dessen Schatten hinter sich, während das Auto unter Krächzen gestaucht wird und sich der Bug nun allmählich nach oben aufbäumt. Der Fahrgastraum schrumpft unter dem Gestöhn der sich biegenden Bleche, bis er schließlich ganz verschwindet. Ein letztes Rumpeln, gefolgt vom Flackern der Glühbirne. Mein Auto ist zu einem fast quadratischen, tonnenschwerem Klotz geworden. Ich fühle das starke Bedürfnis, umgehend die Halle zu verlassen.

„Oft legt sie ihren Kopf auf meinen Bauch, einen Arm um die Schulter …“, begann ich zu erzählen, „ … dann sagt sie `ich bin müde, komm gehen wir ins Bett. `Ich daraufhin `Ich komme gleich. Nur noch ein bisschen …` und sie `das kenne ich schon, du kommst frühestens in drei, vier Stunden.` Und wenn das Gefühl schön ist, so schön, dass es dem nachzugeben lohnenswerter erscheint als die weitere Betäubung durch das nächtliche Fernsehprogramm, folge ich ihr sogleich ins Schlafzimmer. Ansonsten verbringe ich tatsächlich oft noch drei bis vier Stunden am Computer oder auf der Couch vor dem Fernseher.“

„Wir hatten jahrelang sexuelle Probleme, genau genommen sogar die ersten fünf Jahre unserer Beziehung. Wir waren schon verlobt, als meine Zweifel an unserer Beziehung so groß wurden, dass ich mich wie in eine Falle geraten fühlte, bei lebendigem Leib unausweichlich dem absoluten Stillstand ausgeliefert zu sein. Ich war in der Zwickmühle, wollte sie weder heiraten, schaffte es aber schon gar nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, wie es wäre, wenn ich sie verlassen würde.“

„Und?“

„Na ja, ich bin bei ihr geblieben. Wir sind nun seit neun Jahren glücklich verheiratet und haben zwei liebe, gesunde Kinder. Ich bin sehr erfüllt und zufrieden.“

„Ihr habt wohl an Euch gearbeitet?“

„Viel einfacher, als ich mir damals hätte träumen lassen – wir haben unser eigenes Leben zurück erobert. Jeder geht seinen eigenen Weg, ohne dass wir uns dabei aus den Augen verlieren würden. Es reicht schon, sich mal einen Tag lang nicht zu sehen und ein paar eigene Stunden und Interessen für sich zu haben. Ich habe gelernt, gewisse Gefühle und Gedanken für mich zu behalten und nicht mehr alles zu zerreden.“

„Aber die meisten Paare reden doch eher zu wenig miteinander.“

„Wir sicher nicht. Ich habe auch nicht damit aufgehört, etwas von mir mitzuteilen. Ich habe nur das Wie verändert. Ich lasse einfach alles Unwesentliche weg und bringe meine Gedanken, Wünsche, Empfindungen und Anliegen schnell auf den Punkt. “

„Eure Beziehung ist also wesentlicher geworden?“

„Wir sind wesentlicher geworden. Das macht die Beziehung interessanter. Wir interessieren uns wieder füreinander. Wenn man sich im Streit, im Stillstand befindet, vollkommen auseinandergelebt hat, so kann man sich oft gar nicht vorstellen, wie, bzw. dass überhaupt eine, auch nur die geringste, Möglichkeit besteht, sich wieder aufeinander zu bewegen zu können und einander neu zu begehren.“

„Die meisten Paare brechen in großen Krisen aus, suchen sich einen anderen Partner …“

„Nun ja, ich würde nicht sagen, dass das die Meisten in dieser Situation tun … es ließe sich jedoch sicher so manches mal vermeiden. Sexualität hat viel mit Illusion zu tun. Liebe aber bedarf der Auflösung von Illusionen, um zu wachsen. Das ist erst einmal ein Paradoxum.“

„Tatsächlich?“

„Aber lösbar. Es ist ein Wechselspiel aus Beidem. Anziehung und Abstoßung, Liebe und Sex, ich und wir, Nähe und Distanz.“

Ich weiß noch nicht, wem ich den Dialog zuordnen werde, aber er klingt – wie ich finde – nicht völlig uninteressant.

Ich begann die Arbeit an „die Tiefe des Beckens“, nachdem ich die dritte Woche als Aufsicht in einem kleinen Schwimmbad hinter mich gebracht hatte. (Mehr jedoch müsste man sagen, zwängte sich mir der Text so nach und nach geradezu auf. Nachts nach dem Spätdienst konnte ich keine Ruhe finden, so dass ich mich gewollt unbemerkt aus Rebeccas erschlaffter Umarmung wand, um mich, nur mit der Unterhose bekleidet, vom Bett an den Schreibtisch zu schleichen.)

Und schon am ersten Arbeitstag im Schwimmbad befand ich, von Leuten umgeben zu sein, die nicht geübt darin zu sein schienen, weit über den Beckenrand hinauszublicken.

Die einzelnen Teile werden im „Duftenden Doppelpunkt im Abstand von 14 Tagen veröffentlicht. Schreiben Sie Raphael Vogt Ihre Meinung zu seinem Text.

RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 1

RAPHAEL VOGT – DIE TIEFE DES BECKENS – Teil 2

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