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Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

1. September 2015 von eag

Tagebuchaufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Herr Leopold Portraet1. August

Aha, jetzt haben die Außerirdischen ausgerechnet Mariahilf heimgesucht. Wenn ich Überschriften wie „Kornkreise am Gürtel“ oder „UFO über Wien“ sogar in der „Mäusepresse“ lese, dann weiß ich: Die Saure-Gurken-Zeit hat begonnen. Erwin und Theophilus nehmen diese Meldungen allerdings zum Anlass, um selbst Recherchen anzustellen. Eine Expedition zum Gürtel wollen sie machen! Ich befürchte, ich kann diesen Irrsinn nicht vereiteln und werde mitkommen müssen, um das Schlimmste zu verhindern.

Nachtrag – 23:45 Uhr: Wir überquerten in der Dämmerung den Gürtel. Theophilus‘ und mein Aufschrei, die Ampel stehe auf Rot, wurde von Erwin ignoriert. „Der Bub muss lernen, dass Ampeln für uns bedeutungslos sind“, erklärte er. Außerdem sollten wir damit aufhören, die Ampel als überwachende und strafende Autorität zu betrachten. „Egal, wie schnell wir laufen, wir schaffen es sowieso nie, in einem Zug bei Grün über die Straße zu kommen. Irgendwie ist immer Rot.“ Natürlich verwendete Erwin nicht exakt diese Worte, vielmehr sagte er: „Ist nix zu sehen, los, wurscht, bei welcher Farbe.“ Oft hatte ich unseresgleichen am Mariahilfer Gürtel über den Asphalt hechten sehen; über die Straße, vorbei an den Büschen, über den Radweg, vorbei am Obelisken, vorbei an einer weiteren Buschreihe, über die Geleise der 6-er und 18-er Straßenbahn, nur um einen weiteren – wohlgemerkt: sinnlosen – Versuch zu starten, in einem Rutsch bei Grün den Gürtel zu überqueren. Irgendwie ist immer Rot.

Wir huschten über die Straßenbahngeleise, überquerten den Radweg – Theophilus wäre dabei beinahe von einem Menschen am Tretroller überfahren worden, hätte ich ihn nicht rechtzeitig am Hosenbund zurückgerissen! – und machten uns ein eigenes Bild von der Lage. Kornkreise? Lächerlich. Erstens: Von Korn war da nichts zu sehen, höchstens ein paar Kornblumen, aber die hielten wacker ihre aufrechte Stellung. Zweitens: Die niedergewalzten Grashalme wiesen eine sehr unregelmäßige Zick-Zack-Form auf. Außerirdische? Wenn, dann waren die völlig unkoordiniert durch dieses Gebiet gewankt. Und hinterlassen Außerirdische zerdrückte Bierdosen? Mein Verdacht: Betrunkene Zweibeiner, der sehr heftige Regen gefolgt von einem starken Wind vor ein paar Tagen hatten die Halme plattgedrückt. Erwin wischte alle meine Einwände vom Tisch, indem er behauptete, auf Alerohomora hätte er dieses Phänomen ebenfalls beobachtet, weit und breit waren da keine Menschen gewesen, geregnet hatte es damals seit Wochen nicht mehr, und von Wind keine Spur. Mein Argument, vielleicht seien die Halme aufgrund der Trockenheit umgefallen, hebelte er mit der Behauptung aus: „Ich weiß, was ich gesehen habe.“ Quod erat demonstrandum. Soviel zu Erwins Beweisführung, für ihn war sie damit beendet. Plötzlich vernahmen wir ein Schnarchen; leise zwar, aus dem Rauschen des Verkehrs jedoch deutlich herauszuhören: Theophilus. Er war zwischen den Königskerzen- und Kardestängeln eingeschlafen. Wahrscheinlich waren ihm die Aufregung und die Enttäuschung darüber, dass es doch keine Außerirdischen waren, die die Wiese verunstaltet hatten, zu viel geworden. Wir rüttelten ihn an der Schulter, tätschelten ihm die Wangen, mit Müh und Not bekamen wir ihn fast wach. Mit Theophilus in unserer Mitte machten wir uns auf den Rückweg. Ein Jungmäuserich im Halbschlaf zwischen einer einäugigen Ratte und einer Maus im Gilet, die den Mariahilfer Gürtel bei Rot überqueren.

Was für ein Bild.

Da hätten die Außerirdischen gestaunt …

Nachtrag – 00:02 Uhr: Verkehrslichtsignalanlage – klingt viel besser als Ampel, finde ich.

Fortsetzung folgt am 14. September 2015.
Aller bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

Beiträge vor einem Jahr:
Erster Weltkrieg - Literaturquiz Teil 1

Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

18. August 2015 von eag

Tagebuchaufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Einaeugiger Erwin PortraetDritter und letzter Teil des Berichtes von Erwin, in denen in zwar die Flucht aus der Handtasche gelingt, Herr Leopold aber alles andere als begeistert ist.

Ich sammel ein paar dieser Taschentücher zusammen– gebraucht hin oder her – und versuche, ihm damit den Gatsch wegzuwischen, was mir nur teilweise gelingt.
Bevor ihm nun aber tatsächlich schlecht wird, fallen von oben Lichtstrahlen in die Tasche. Vor lauter Zuckerlattacken, Übelkeit und angerotzter Taschentücher haben wir nicht mitbekommen, dass die Frau das Museum bereits verlassen hat. Ich kletter am Innenfutter hoch und streck meinen Kopf vorsichtig hinaus. Rechts erkenn ich den Flacksturm.
„Jetzt oder nie!“, ruf ich dem Kleinen zu und zieh ihn hoch. Auf drei springen wir aus der Tasche. Ich schnapp den Kleinen an der Pfote und wir rasen am schmiedeeisernen Parktor vorbei auf die Gasse hinaus. Auf der anderen Seite des Gitters beginnen Hunde wir verrückt zu bellen, zum Glück sind die geschlossenen Türen der Hundezone zwischen ihnen und uns. Ich weiß, dass sich weiter vorne in der Schadekgasse das Bild mit dem Fuchs und dem Esel und dem Ratten-Biber befindet. Der Schweiß tropft mir von meinem Schnurrbarthaaren – und der kommt nicht von der körperlichen Anstrengung.
„Reiß dich zusammen, Erwin“, red ich mir zu, während ich den Kleinen noch immer an der Pfote hinter mir nachschleif, „das ist nur ein Bild.“
Ich hab keine Ahnung, wie wir es letztlich bis zum Leo schaffen, aber wir schaffen‘s. Dem Blick vom Leo nach zu urteilen dürfen wir nicht allzu taufrisch aussehen. Der Kleine hat eine Beule am Kopf (vom Zuckerl?), ein Strohhalm schaut ihm hinter dem Ohr hervor, sein Gesicht ist noch immer weiß gesprenkelt vom Tubeninhalt. Meine Hose hat hinten einen langen Riss, mein linkes Knie ist ein bisschen geschwollen und tut weh (vom Sprung aus der Tasche?), außerdem hab ich einen seifigen Geschmack im Mund (ich hätt in der Tasche nicht von der Creme kosten sollen). Nachdem uns der Leo notdürftig versorgt hat, raunzt er herum, dass er nicht weiß, wie er das den Eltern vom Theophilus erklären soll; was, wenn dem Theophilus ein Schaden bleibt; was, wenn er traumisiert ist. Ich lege ihm beruhigend meine Pratze auf die Schulter und schlag ihm vor, einfach nix zu sagen. „Bis der Kleine heimfährt“, ich werf einen Blick auf ihn, „ist er wieder hergestellt.“

Und der Blick vom Leo? Naservas!

Die nächsten Abenteuer von Herrn Leopold und Co. folgen wieder im gewohnten 14-tägigen Abstand, also am 1. September 2015.
Da gibt’s dann Kornkreise zu bewundern.

Alle bisherigen Erlebnisse finden Sie hier.

Bilderbuchworkshop für Erwachsene

12. August 2015 von eag

Jetzt hol ich mir eine neue MamaIm Rahmen dieses Workshops begeben wir uns auf die Suche nach Essensszenen in Bilderbüchern. – Gemeinsam blättern wir uns durch eine vielfältige, sorgfältig durchdachte Auswahl, diskutieren neue Denk- sowie Analyseansätze und entdecken dabei Lieblingsbücher für uns und unsere Familien.

„Das Essen ist fertig!“, so tönt es oft durch Wohnungen und Häuser, kurz bevor sich eine hungrige Familie rund um den Tisch einfindet. Ist das auch in Bilderbüchern so? Wie wird dort gegessen? Wer isst wo? Mit wem? Was wird dort verspeist?

Für dieses Festmahl funktioniert das Team vom „Wiener Bücherschmaus“ seine Büchertische zu Esstischen und die Buchhandlung zum Esszimmer um. – „Greifen Sie zu! Es ist bereits angerichtet!“

Datum: Freitag, 11. September 2015
Uhrzeit: 17:00 bis 19:30 Uhr
Teilnahmegebühr: € 22.-
Kleiner Imbiss inklusive!
Ort: Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“, Garbergasse 13/Ecke Mittelgasse, 1060 Wien
MindestteilnehmerInnenzahl: 8 Personen

Um den „Esstisch“ vom „Wiener Bücherschmaus“ finden maximal 15 Menschen Platz.
Bitte um Anmeldung bis 28. August 2015 per Mail.

Leitung: Mag.a Andrea Kromoser, Familienlektüre, gelernte Buchhändlerin, Studium der Germanistik, Rezensentin für Kinder- und Jugendliteratur, freie Workshopleiterin.

Abbildung aus: Jetzt hol ich mir eine neue Mama. Brigitte Raab/Text, Manuela Olten/Ill. Verlag Friedich Oetinger, Hamburg 2007.

Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

11. August 2015 von eag

Tagebuchaufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Einaeugiger Erwin PortraetFortsetzung des Berichtes von Erwin, worin Theophilus im Foltermuseum verschwinden, auf den Schultern eines üblen Bursches landen, Unheil in einer Perücke anrichten und ihnen eine Gesichtscreme beinahe zum Verhängnis wird.

Beide sitzen wir jetzt auf der Schulter eines ganz üblen Burschen.

Dann bleibt mir fast das Herz stehen. Eine Frau beobachtet uns. Keine Ahnung, wie lange die bereits dasteht. Sie rührt sich nicht. Gehört die vielleicht zur Einrichtung? Ich deute dem Kleinen, dass wir uns jetzt aber ganz flott über die Häuser hauen sollen. Und was macht der? Der erklimmt schnurstracks das linke Ohr vom Folterknecht, klettert weiter hinauf auf den Kopf und balanciert dort oben, mitten auf dem seiner Perücke!, elegant auf der rechten Hinterpfote. Die Frau verfolgt dem die Vorstellung mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund. Die ist also echt. Der Kleine dreht sich ein paar Mal um seine eigene Achse, winkt der Frau zu und verneigt sich. Ich sitz da wie angewurzelt. Die Frau steht da wie angewurzelt. Und dann: Applaus! Sie klatscht in die Hände und ruft „Bravo!“, zeigt mit dem Finger auf den Theo und ruft entzückt: „Fantastisch, die haben sogar computergesteuerte Mäuse als Requisiten.“ Im selben Moment seh ich, wie der Kleine das Gleichgewicht verliert, sich in letzter Sekunde an der Perücke festkrallt, dann jedoch mitsamt der Perücke, und mit einem langgezogenen „Uaaaaah“ an mir vorbeirauscht. Ich bekomm in letzter Sekunde ein Haarbüschel zu fassen, es entgleitet meinen Pfoten, beide brettern wir mit einem Höllentempo in Richtung Steinboden. Derweil explodiert in meinem Schädel ein Feuerwerk an Gedanken: Hab ich dafür die Sieben Meere bereist, dass ich jetzt so würdelos in einer Perücke mein Ende find? Warum hab ich mich nur breitschlagen lassen von dem Kleinen? Wie soll ich das dem Leo erklären? Aber wenn ich unten ankomm, brauch ich dem eh nichts mehr zu erklären, so zergatscht, wie wir gleich sind.
Es macht „Krchzwt“, um mich ist es völlig finster und mich sticht was in den Hintern. Naservas. Für einen Moment hab ich die Orientierung verloren. Wo ist oben? Wo ist unten? Ich werd leicht wurlad.
„Erwin?“, hör ich den Kleinen flüstern, „wo sind wir gelandet? Mich kitzelt etwas im Ohr.“
Ich greif dahin, was ich für oben halte und fühl was Weiches, Haariges, ich greif nach dem vermeintlichen Unten und spür was Langes, Rundes. Ich schnupper daran. „Ich vermut, wir sitzen in einem Strohhaufen, unter der Perücke.“
Ich nehm einen Halm und kost ihn. Kulinarisch berauschend ist er nicht, er ist trocken und schmeckt nach altem – Stroh. Durch die Perücke hören wir dumpf die Bravo-Rufe der Frau. Hastig nähern sich Schritte. Ich nehm nur Wortfetzen von der Frau wahr „Gratuliere … Darbietung großartig … Computer … Mäuse“ und wunder mich, dass manche Menschen Mäuse nicht von Ratten unterscheiden können. Dann hör ich eine andere, sehr tiefe Stimme sagen „… von Computermäusen weiß … nichts … Ungeziefer … nichts verloren … Kammerjäger“. Was folgt, ist ein langer gellender Schrei und sich schnell entfernende Schritte. Das ist der Moment, in dem wir uns ebenfalls schnell entfernen sollten. Noch immer liegen wir unter diesem Haarungetüm, das erstaunlich schwer ist.
„Los, vorwärts“, ruf ich.
Ich hör, wie der Kleine sich mit Mühe aufrappelt. Wir bewegen uns drei Schritte vor und stoßen gegen etwas Hartes. Es scheppert. Wir gehen zwei Schritte zurück, halten uns nach links, stoßen nochmals nach vor, krachen abermals wo dagegen. Es scheppert ein weiteres Mal. Was ist das? Eine Daumenschraube? Eine Schandmaske? Vom Aufprall brummt mir der Kopf noch etwas. Wir müssen aus dieser Perücke heraus. Dann flammt oranges Licht auf. Der Kleine hält ein brennendes Streichholz in die Höhe. Für einen kurzen Moment können wir uns ein Bild von unserer Umgebung machen: Schwarze Schlaufen durchziehen die Innenseite des künstlichen Haarteils, das sich wie eine Kuppel über uns breitet. Die Flamme verlischt. Nach einigen Augenblicken glaub ich, das Zerreißen von Stoff zu hören. Kurz darauf erspäh ich ein Quadrat, durch das Licht in die Perückenkuppel hereinströmt. Ich sehe den Kleinen durch dieses Quadrat nach draußen schlüpfen. Er winkt mir mit der einen Pfote, während er in der anderen ein Messer hält, das er sogleich in seiner Umhängetasche verstaut. Hat er? Es bleibt keine Zeit, die Frage jetzt zu besprechen. Ich kletter ebenfalls hinaus. Wir schaffen‘s gerade noch rechtzeitig, uns hinter dem breiten Holzpfosten zu verstecken, auf dem viele Marterwerkzeuge hängen. Da kommt auch schon der Eintrittskartenverkäufer mit einem Besen dahergewetzt und drischt auf die Perücke ein. „Mistkäfer, elendige!“, flucht er und wird ganz rot im Gesicht. Schwungvoll macht er kehrt und stiefelt zurück zum Eingang. Die nun völlig zerdepschte Perücke lässt er liegen.
„Wir kommen wir jetzt ins Freie?“, flüstert der Kleine.
Eine gute Frage, schwirrt’s mir durch den Kopf. Und dann steht die Rettung fast vor unserer Nase.
Eine weitere Besucherin studiert eingehend die Funktionsweise von Daumenschrauben, Eisernen Stiefeln und Stachelstuhl. Als sie sich nach unten beugt, um eine Zwickzange genauer zu betrachten, stellt sie für einen kurzen Moment ihre enorm große – offene! – Handtasche auf den Boden. Das ist unsere Chance. Wir galoppieren von unserem Versteck zur Tasche, klettern in Windeseile hinein und platzieren uns zwischen benutzten Taschentüchern, einem Parfümfläschchen, einem Handy und anderem Klimbim. Als die Tasche hochgehoben wird, dreht sich mir fast der Magen um und ich sehn mich nach einem Glaserl Nussschnaps. Die Frau hat einen sehr beschwingten Gang. Bei diesem Hin- und Hergeschaukle fallen ein paar Zuckerln aus einem offenen Papiersackerl, eines donnert mir auf den Schwanz, ein anderes kracht dem Kleinen auf den Kopf.
„Irgendwann musste die doch fertig sein mit ihrer Besichtigung“, fluch ich.
Plötzlich macht die Tasche einen gewaltigen Schlenker, ich kippe nach vorn und fall auf eine Tube. Der Verschluss ploppt weg wie ein Sektkorken und weiße Creme schießt hervor – dem Kleinen ins Gesicht.
„Ich glaub, mir wird schlecht“, jammert er.

Kann Erwin die Situation retten? Gelingt den beiden die Flucht aus der Handtasche?
Lesen Sie nächste Woche am 18. August den dritten Teil von Erwins Bericht.

Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

4. August 2015 von eag

Tagebuchaufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Herr Leopold Portraet31. Juli
Herrje, war mein erster Gedanke, als ich den Zettel las, den Theophilus auf dem Küchentisch zurückgelassen hatte. Herrje, herrjemine. Erwin und sich keine Sorgen machen! Das war mein zweiter. Das gibt gewaltigen Ärger, dachte ich als drittes.
Und den gab es dann auch. Als die beiden zurückkehrten, zierte Theophilus‘ Stirn eine riesige Beule und Erwin humpelte mit einer zerrissenen Hose daher. Theophilus erzählte wirres Zeug von Eisernen Jungfrauen und Zuckerln. Wie soll ich diesen Zustand seinen Eltern erklären?

Der post-it Zettel von Theophilus

Abbildung 4: Faksimile der Notiz von Theophilus auf Mausisch, die Herr Leopold in seinem Tagebuch aufbewahrte. Die Nachricht lautet übersetzt: Lieber Onkel Leopold! Ich bin mit dem Einäugigen Erwin im Haus des Meeres.
Mach dir keine Sorgen.

Dein Theophilus.

Einaeugiger Erwin Portraet

Bericht und Ergänzung von Erwin: Worin er sich mit Theophilus auf den Weg zum „Haus des Meeres“ macht, beide in einem nicht vertrauenserweckenden Eingang verschwinden und Unheil in einer Perücke stiften.

Der Kleine soll etwas erleben, denk ich mir. Ich frag ihn, ob er das Meer sehen will. Also, nicht nur schnuppern und Brise um die Ohren wacheln. Er nickt. Ich frag ihn, ob er was Gefährliches sehen will; Drachen und mäusefressende Fische und so was.
Es haut ihn fast aus den Patschen.
Tja, dann reicht die Matrosengasse wohl nicht aus, überleg ich und sag: „Haus des Meeres.“
„Ein Meer in einem Haus?“, fragt der Kleine.
„So in der Art. Lass dich überraschen.“
„Das geht nicht.“
„Was?“
„Wenn du sagst: ‚Lass dich überraschen‘, dann soll ich das Weite suchen.“
„Wer sagt so einen Topfen?“
„Onkel Leopold“, sagt der Kleine.
Hätt ich mir denken können, denk ich.
„Und?“, frag ich.
„Wie bitte?“, fragt der Kleine.
„Suchst jetzt das Weite?“, frag ich.
Er schüttelt den Kopf. Dann geht er in die Küche, krakelt was auf einen Zettel.

Wir also los. Es ist ein langer Hatscher, weil wir müssen nämlich über die Gumpendorferstraße durch den Esterházy-Park, wegen dem Fuchs und dem Esel und dem Ratten-Biber. Und auf dem Weg fragt mir der Kleine Käselöcher in den Bauch. „Gibt’s da wirklich Drachen?“, „Verspeisen diese Fische tatsächlich Mäuse?“, „Ist da wirklich ein Meer in dem Haus?“ und hört einfach nicht mehr auf. Dann endlich stehen wir vor dem Flacksturm und der Kleine ist fürs Erste schmähstad, ich fürcht, er kriegt ein steifes Gnack, wie er den Turm raufstarrt. Und während er so starrt, fragt er: „Wie kommen wir hinein, ohne dass uns jemand bemerkt?“

Ich will sagen „Lass dich über…“, kann mich aber noch rechtzeitig bremsen. Stattdessen sag ich: „Keine Sorge, ich kenn mich aus mit dem Meer. Drüben, hinter dem Gitter, wo sich die Turmstiege befindet, gibt’s einen Geheimgang.“
Und ich hoff, dass nicht wieder ein unnädiges Klumpert davorsteht. Letztens war’s ein riesiger Senfkübel, den hab nicht einmal ich beiseiteschieben können. Zum Glück ist heute alles frei und grad will ich durchs Gitter durch und zum Eingang wieseln, da zieht mich der Kleine am Ärmel und deutet auf was hinter uns. Ich denk noch, bitte nicht, da geht die Fragerei wieder los.
„Was steht da?“
„Keine Ahnung“, grumml ich und will in den Geheimgang.
„Ich denke, du kannst die Menschensprache?“
„Garage“, antwort ich und will in den Geheimgang.
„Das glaub ich nicht. Da sind grausliche Bilder aufgemalt. Das ist sicher keine Garage. Erwin, was steht da?“
Ich merk, dass es keinen Sinn hat, den Kleinen zu beschwindeln oder zu ignorieren, also sag ich, und hoff, dass die Antwort reicht, um da nicht runtersteigen zu müssen: „Foltermuseum.“
Jetzt blinkt’s und funkelt’s in den Augen von dem Kleinen. „Können wir nicht zuerst da hingehen?“
Und ich steh da, die linke Pfote auf dem Türgriff der geheimen Eingangstür, die rechte Pfote wird mir von einem Dreikäsehochjungmäuserich fast ausgerissen, weil der mich in Richtung von diesem Museum zerrt. Ich versuch’s noch mit dem Hinweis auf die Drachen im Haus des Meeres, aber die Folter siegt.
„Gut, wennst willst. Aber nicht, dass du dich danach beklagst, weil’s so gruselig war.“
Und schon stehen wir vor dem Eingang. Naservas. Der wirkt, ich geb‘s zu, nicht gerade vertrauenserweckend. Ein steile Stiege führt ins Schummrige, fast Dunkle. Bereits von oben hören wir ein Jammern und ein Klagen. Ich seh schon vor mir, wie es dem Kleinen das Fell sträubt, und will ihm erklären, dass das Gesudere nur vom Tonband kommt. Aber nix. Kein gesträubtes Fell, keine zitternden Schnurrbarthaare, keine flatternden Ohren. Wir klettern also über die hohen Stufen runter ins Schummrige, fast Dunkle. Und noch immer nix. Kein gesträubtes Fell, keine zitternden Schnurrbarthaare, keine flatternden Ohren. Im Gegenteil. Der Kleine ist begeistert und huscht gleich zur Eisernen Jungfrau und von der Eisernen Jungfrau zum Grillrost und vom Grillrost weiter in die Ecke mit den Kneifzangen und Daumenschrauben. Er hantelt sich an der Hose und der Jacke von einem Folterknecht aus Wachs hoch und springt auf dem seine Schulter. Zuerst komm ich ihm fast nicht nach. Schließlich gelingt‘s mir allerdings doch. Beide sitzen wir jetzt auf der Schulter eines ganz üblen Burschen.

Wie es weitergeht, erfahren Sie schon nächste Woche am 11. August 2015.
Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

28. Juli 2015 von eag

Tagebuchaufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Herr Leopold Portraet19. Juli
Anruf von meinem Bruder Arthur. Er fragte, ob Theophilus für eine Woche zu mir auf Besuch kommen könne. „Seine Schnurrbarthaare sollen ja auch mal Großstadtaroma schnuppern.“
Lachte dabei wie ein Walross. Ich befürchte, ich kann nicht ablehnen.

21. Juli
Arthur meldete sich heute nochmals und fragte, ob Theophilus eventuell zwei Wochen bleiben könne.
Was hätte ich antworten sollen …

24. Juli
Morgen also kommt mein Neffe Theophilus, um mich für drei Wochen zu besuchen.
Man kann sich seine Familie nicht aussuchen.

25. Juli
Den ersten Tag gemeinsam mit einem jungen Mäuserich bewältigt.
Theophilus scheint ein sehr gut erzogenes, braves Kerlchen zu sein.

Na wenn Herr Leopold sich da nicht täuscht.

Um Sie nicht allzu lange auf die Folter zu spannen, folgt bereits kommende Woche, am 4. August das erste Abenteuer mit Theophilus.

Alle bisherigen Erlebnisse finden Sie hier.

Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

14. Juli 2015 von eag

Tagebuchaufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Herr Leopold Portraet16. Juni
Jetzt ist abermals etwas passiert! Dieses Mal ist in der Laimgrubenkirche ein Feldhamster ins Weihwasserbecken gestürzt. Während der Besichtigung hatte sich der Hamster von der Gruppe entfernt und ist hinaufgeklettert.
Hedwig, eine Cousine von Elsbeth, sie wohnt in der Kirche, war Augenzeugin dieses Vorfalls und hat ihr davon erzählt. Mich wundert, dass davon nichts in der Zeitung stand.1 Befürchtet man Nachahmer?

17. Juni
Eine leichte Nordwestwind-Strömung hat aus dem Wiener Umland ländliche Gerüche nach Mariahilf gebracht. Vor meiner Haustür in der Fügergasse riecht es nach Dung. Ich hole tief Luft und fühle mich ein bisschen wie auf dem Land.


30. Juni

Ich erzählte Elsbeth von meinen Dufterlebnissen. Das kostete ihr nur ein müdes Lächeln. In ihrer Stadtwohnung in der Windmühlgasse 2 sei es damit vorbei, seitdem ihr neuerdings der Auspuff eines Busses in regelmäßigen Abständen die Abgase in ihre Wohnung blase. Elsbeth klang sehr verzagt, so kenne ich sie gar nicht. Das Menschenhaus selbst sei ja wunderhübsch, die Eingangstüre renoviert und neu gestrichen, jedoch brösle zunehmend Erde, Laub und Kehricht über das Abstreifgitter durch ihre Wohnzimmerdecke. „Und wenn der Bus dann durchfährt, ach …“, winkte sie ab. Sie werde heuer wohl etwas früher in ihr Sommer-Landhäuschen in die Magdalenengasse übersiedeln. Gute Idee. Elsbeths städtisches Domizil ist für meinen Geschmack sowieso zu futuristisch. Flachbauweise, darüber ein Abstreifgitter und erst die Eingänge! Zwölf Röhren – für jeden Mieter eine – führen im Abstand von 1 Groß-Pfot in das Innere. Ich könnte nie so Röhre an Röhre mit anderen wohnen.
Mir persönlich gefällt ihr Salettl dort hinter dem Lattenzaun unter dem Kastanienbaum sowieso besser.


1: Hier irrte Herr Leopold. Das Ereignis fand Erwähnung in einer Kurzmeldung sowohl im Wochenblatt „Mäusepostille“ (Nummer 23, 5. Jahrgang) als auch in „ratzfatz“ (Ausgabe vom 2. Juli). In beiden Blättern wird explizit darauf hingewiesen, dass die zwei Vorfälle, jener mit der Haselmaus aus Dortmund und jener mit dem Feldhamster – er stammt übrigens aus Hasenleiten in Simmering und unternahm an diesem Tag mit seinem Kulturverein einen Tagesausflug nach Mariahilf –, nicht in Zusammenhang stünden. Tatsächlich fand seit diesem Tag auch kein (Beinahe-)Unfall dieser Art mehr statt.
2: Eine Bestandsaufnahme vor Ort macht deutlich: Die nur wenige Zentimeter über dem Gehsteig liegenden Wohnungen sind nicht nur für Belastungen durch Feinstaub und CO2 prädestiniert, sondern auch für Verschmutzungen durch Zigarettenstummel, Wurstpapiere, Rotz und Schlimmeres.


Die Fortsetzung folgt am 28. Juli 2015.

Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

Schreibworkshop: Reise zu mir selbst – die eigene Ferne schreiben

1. Juli 2015 von eag

Alle mit Fernweh nach ihrer Persönlichkeit, die schreibend Kraft aus der eigenen Lebensreise schöpfen wollen: Das Reiseleitungsteam – René Merten und Petra Öllinger – heißt Sie willkommen an Bord!


Was kommt ins Gepäck?
Sie schreiben an einer alternativen Lebenslinie, gestalten Ihre persönlichen Ansichtspostkarte, dichten ein lustiges Reisepantun, entwerfen eine schaurige Urlaubsdystopie, begeben sich auf die „andere Reise nach Jerusalem“ und, und, und …

Wann geht‘s los?
Sonntag, 23. August 2015: 10.00-15.00 Uhr

Wo? Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“ Garbergasse 13/Ecke Millergasse/Oskar-Werner-Platz, 1060 Wien

Wie viel? € 69.- inkl. Reiseunterlagen und Proviant (Kaffee, Tee, Obst …). Die Gebühr ist vor Ort zu bezahlen.

Mit wem? Petra Öllinger & René Merten

Anmeldung: bitte spätestens eine Woche vor dem jeweiligen Termin per Mail oder über das Kontaktformular.

Wie viele können mit an Bord? MindestteilnehmerInnenzahl pro Termin: 6 Personen, maximal 12 Personen.