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Es ist angerichtet – Bilderbuchworkshop für Große

11. Februar 2016 von eag

Jetzt hol ich mir eine neue Mama„Das Essen ist fertig!“, so tönt es oft durch Wohnungen und Häuser, kurz bevor sich eine hungrige Familie rund um den Tisch einfindet. Ist das auch in Bilderbüchern so? Wie wird dort gegessen? Wer isst wo? Mit wem? Was wird dort verspeist?

Im Rahmen dieses Workshops begeben wir uns auf die Suche nach Essensszenen in Bilderbüchern. – Gemeinsam blättern wir uns durch eine vielfältige, sorgfältig durchdachte Auswahl, diskutieren neue Denk- sowie Analyseansätze und entdecken dabei Lieblingsbücher für uns und unsere Familien.

Für dieses Festmahl funktioniert das Team vom „Wiener Bücherschmaus“ seine Büchertische zu Esstischen und die Buchhandlung zum Esszimmer um. – „Greifen Sie zu! Es ist bereits angerichtet!“

Datum: Samstag, 5. März 2016
Uhrzeit: 14:30 bis 17:00 Uhr
Teilnahmegebühr: € 22.-
Ort: Verein und Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“, Garbergasse 13/Ecke Mittelgasse, 1060 Wien
MindestteilnehmerInnenzahl: 8 Personen
Um den „Esstisch“ vom „Wiener Bücherschmaus“ finden maximal 15 Menschen Platz.

Bitte um Anmeldung bis Montag, 22. Februar 2016 per E-Mail: E-Mail.

Leitung: Mag.a Andrea Kromoser, Familienlektüre, gelernte Buchhändlerin, Studium der Germanistik, Rezensentin für Kinder- und Jugendliteratur, freie Workshopleiterin
Familienlektüre

©“Jetzt hol ich mir eine neue Mama“ von Brigitte Raab und Manuela Olten.
Hamburg: Oetinger, 2007

Die Heimatlosen (Los surcos del azar)

9. Februar 2016 von eag

Die Heimatlosen  Paco Roca BuchcoverVon Idealismus und den Irrungen des Zufalls

Die Heimatlosen präsentiert ein feinfühliges Porträt jener Republikaner, die nach dem Spanischen Bürgerkrieg im Exil für ihr Ideal weiterkämpften. Paco Roca berichtet mit großem erzählerischen und künstlerischen Talent von der Odysee fern ihrer Heimat.

Die Handlung der Geschichte beginnt hier: Alicante, 1939. Am Ende des Spanischen Bürgerkrieges sind tausende von Menschen, ideologisch auf der Seite der Republikaner, im Hafen von Alicante eingeschlossen und hoffen auf Hilfe von Außen. Hier begegnen wir erstmals Miguel Ruiz, anhand dessen Erinnerungen die Geschichte von La Nueveerzählt wird. La Nueve war eine Kompagnie, die es tatsächlich gab, sie bestand größtenteils aus republikanischen Spaniern im Exil und trug einen wesentlichen Teil zur Befreiung von Paris aus den Händen der Nationalsozialisten bei.

Die Heimatlosen wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Die Geschichte beginnt in der Gegenwart, in der Paco Roca, der Autor, den gealterten Miguel Ruiz in seinem französischen Exil aufsucht, um ihn zu seiner Vergangenheit zu befragen. Ruiz lebt alleine in einer französischen Kleinstadt und fristet dort ein zurückgezogenes Leben. Griesgrämig, launisch, einzelgängerisch. Sein Nachbar Albert ist seine einzige Bezugsperson, aber auch mit ihm hat er keine innige Beziehung. Anfangs möchte Ruiz nicht aus seiner Vergangenheit erzählen, nach und nach merkt er aber, wie wichtig es ist, sich daran zu erinnern und seinen Zuhörern Paco und Albert von der Vergangenheit zu berichten.
Ruiz berichtet von der Flucht aus Spanien und damit auch von der Flucht vor einem Krieg, der Flucht von Francos faschistischer Diktatur. Das spanische Exil war kein leichtes: Die turbulente Ausreise an Bord der Stanbrook, die Ankunft in Oran und eine anschließende Verfrachtung in ein unwirtliches Arbeitslager in der Sahara kosteten vielen Republikanern ihre Zuversicht. Dennoch hatte Miguel immer ein Ziel vor den Augen: Den Faschismus in Spanien zu bekämpfen, koste es, was es wolle.

So kommt es, dass sich Miguel und seine Kameraden nach einigen anderen Stationen schließlich der Kompagnie La Nueve unter General Leclerc anschließen und zur Befreiung von Paris beitragen. Ein Kampf, der eigentlich nicht der ihrige ist. Ihr Ziel, Spanien vom Faschismus zu erlösen, verwandelt sich erst Jahrzehnte später in Realität. Ihnen bleibt das Exil, fern von ihrer Heimat, die sie vergessen hat.

Die Heimatlosen beeindruckt und besticht vor allem wegen seiner Vielschichtigkeit. Die Geschichte mit ihren sorgsam recherchierten Fakten und unzähligen historischen Details wäre schon spannend genug, die narrative Struktur, die Roca wählt, macht das ganze aber besonders faszinierend und ermöglicht eine Vielzahl von Lesemöglichkeiten. Die detailreichen Zeichnungen demonstrieren das profunde Interesse und die ausgiebige Recherche Rocas, die er im Nachwort näher erläutert. Nicht zuletzt reflektiert das Buch auch über den kreativen Schaffensprozess und streift metaliterarische Überlegungen über den Autor und seine Beziehung zu realen Vorbildern und literarischen Gestalten. Ganz kurz gesagt: Ein Meisterwerk an narrativem Können, künstlerischem Talent und das Resultat einer sehr feinen Beobachtungsgabe.

Auch die Wichtigkeit in der politischen Aktualität ist bedeutsam: Am Anfang der Geschichte möchte Miguel nicht weiter über seine Vergangenheit sprechen und meint: „Das sind doch alte Geschichten. Wen interessieren die noch?“
Woraufhin Paco antwortet: „Ich finde, sie sollten jeden interessieren. Das faschistische Gedankengut darf nicht nochmal um sich greifen, finden Sie nicht auch?“

Indem Roca eine historische Geschichte in eine fesselnde und gleichzeitig äußerst informative Graphic Novel verpackt, trägt er genau dazu bei.

Paco Roca (Valencia, 1969) ist einer der bekanntesten Comicautoren Spaniens. Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen erlangte er internationale Bekanntheit durch sein Werk Den Kopf in den Wolken (Originaltitel: Arrugas, Astiberri, 2007). Dieses Werk wurde auch verfilmt.

Teresa Mossbauer

Paco Roca: Die Heimatlosen Graphic Novel. Aus dem Spanischen von André Höchemer.
Reprodukt, Berlin, 2015. 328 Seiten, € 39,00 (D).

Mehr über Paco Roca

Alles Gold, was glänzt – Wertigkeit von Bildung

4. Februar 2016 von eag

Am Montag, den 8. Februar 2016 findet der 5. Abend der Veranstaltungsreihe „Wertigkeit von Bildung“ statt.

Diesmal wird sich das Gespräch um das Thema „Skills“ und Weiterbildung drehen. Was muss/soll man alles können, um heutzutage einen Job zu finden?!
Jobausschreibungen machen eines sehr deutlich: Man will MitarbeiterInnen, die was können.
Gut so, oder? Oder haben wir uns mittlerweile gesellschaftlich in ein Vermarkten von Kompetenzen hineingeritten, wo lediglich die Sammlung von Abschlüssen, Zertifikaten und Zeugnissen mehr wert ist, als die damit erworbenen Skills an sich?

„Für das Leben lernen wir.“ – was bedeutet dieser Satz überhaupt (noch)?, fragt Mag.a Dr.in Natascha MILJKOVIĆ (Leiterin der Agentur „Zitier-Weise“, Science Counsellor und Lehrende) an diesem Abend.

Zeit:
Montag, den 08.02.2015 – Beginn um 18.00 Uhr pünktlich (Anmeldung nicht erforderlich)

Ort: Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“, Garbergasse 13 (Ecke Mittelgasse am Oskar-Werner-Platz) – 1060 Wien

Kostenbeitrag: 8,00 Euro pro Person – geht zu 100 % als Spende an den Verein und somit direkt in die Leseförderung!
InhaberInnen des Kulturpasses bzw. des Mobilpasses sind vom Kostenbeitrag befreit.

Eine Veranstaltung gemeinsam von den „Duftenden Doppelpunkten“, dem „Wiener Bücherschmaus – Verein für Leseförderung und Buchkultur“, der ABSOLVENTENAKADEMIE und der „Zitier-Weise, Agentur für Plagiatprävention“.

Beiträge vor einem Jahr:
Papa hat sich erschossen

Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

2. Februar 2016 von eag

Aufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf Porträt von Theophiuls Makadamia
Bericht und Ergänzung von Theophilus zu Herrn Leopolds Eintrag vom letzten Mal: Worin er gemeinsam mit Herrn Leopold und Frau Elsbeth Erwin findet und vieles ein bisschen anders verläuft als gedacht.

Erwins rechtes Auge starrte uns an. Der Blick schien gebrochen, die Pupille milchig trüb. Frau Elsbeth schloss sanft das Auge.
Zum ersten und zum letzten Mal wagte Onkel Leopold, die Klappe, die Erwins linkes Auge bedeckte, zur Seite zu schieben. Was würde uns erwarten? Ein Glasauge? Ein schwarzes Loch? Was wir sahen, war ein rosiges Augenlid, das sich wie eine Plane über die leere Augenhöhle spannte. Um die Augenhöhle herum verlief eine weißliche Narbe und ließ Erwin aussehen, als trüge er ein Monokel. Wer oder was konnte eine solche fast kreisrunde Wunde verursachen?
„Der Esel, der Fuchs, die den Ratten-Biber attackieren“, murmelte Onkel Leopold. Mit einem seltsam leeren Blick zu mir gewandt fügte er hinzu: „Weißt du, das riesige schwarzweiße Wandbild, vor dem Erwin immer solche Angst hatte …“ Er hielt inne, schüttelte den Kopf: „Spekulationen, Hypothesen.“

„Wo wollen wir ihn begraben?“ Frau Elsbeths Frage riss uns aus der Erstarrung. Jetzt war keine Zeit für Trauer, jetzt musste gehandelt werden. Die Situation verlangte nach Pragmatik und straffer Organisation. „Am besten, wir tragen ihn fürs Erste dort hinüber“, schlug sie vor und zeigte auf die dichten Büsche neben der Kirchenmauer, wo zwei Fahrräder vor sich hin rosteten, „dann ist er aus dem Blickfeld der Menschen und wir können in Ruhe nachdenken.“
Erwin ist zu seinen Lebzeiten ein schwerer Brummer gewesen, jetzt, wo er tot war, erschien uns sein Körper noch gewichtiger. Wir hoben ihn zu dritt hoch. Frau Elsbeth und Onkel Leopold griffen jeweils eine Vorderpfote, ich nahm Erwins Hinterpfoten. Vorsichtig trugen wir ihn vom Hydranten weg über die Pflastersteine in Richtung Kirchenmauer. Mir wurden die Arme schwer, auch Onkel Leopold schienen die Kräfte zu verlassen. Beinahe wäre uns Erwin aus den Pfoten gerutscht. Mit knapper Not gelang es uns, ihn vorsichtig auf den Boden zu legen.
„Ich brauche eine Verschnaufpause“, japste Onkel Leopold. Seine Nasenspitze war dunkelrot, seine Schnurrbarthaare zitterten vor Anstrengung.
Wir durften uns hier nicht zu lange aufhalten, jeden Moment konnten wir entdeckt werden.

Die Kirchenuhr schlug halb elf.
Wir hatten uns soweit erholt, dass wir Erwin wieder hochnehmen und ihn tief hinein ins Dickicht tragen konnten. Dort legten wir ihn auf die dunkelgrünen Blätter des über den Boden kriechenden Efeus.

Die Kirchturmuhr schlug elf.
„Ich muss was holen“, sagte ich und weg war ich. Ich kam zurück, beide Arme voll mit Blättern, die von den Lindenbäumen gefallen waren. Ich war erstaunt darüber, dass bereits jetzt im Sommer die Bäume ihr Laub verloren. Auch die Linden sind wohl erschöpft und traurig, dachte ich.
Wir breiteten die Blätter über Erwins toten Körper, dann setzten wir uns neben ihn.
„Und jetzt?“, fragte Frau Elsbeth. „Wir können Erwin hier nicht liegenlassen.“
„Ihn hier zu bestatten, ist ebenfalls zu riskant“, gab Onkel Leopold zu bedenken; und er hatte recht. Er wusste, dass sich hier in der Nacht Räuber herumtrieben. Innerhalb kurzer Zeit hätten sie Erwins Witterung aufgenommen, ihn ausgebuddelt und … Ich verfolgte den Gedanken lieber nicht weiter.
„Und in einem der Blumenbeete?“ Ich deutete in Richtung Kirchenvorplatz.
Frau Elsbeth schüttelte den Kopf. „So tief können wir Erwin gar nicht eingraben, dass nicht spätestens im Herbst die Gartenmenschen ihn beim Jäten und Umgraben wieder ausgraben würden.“
„Außerdem hätte er sicher keine Freude mit diesen Schildern zwischen den Blumen. Sie machte ihn rasend, die Aufschrift ‚Wer Tauben füttert, füttert Ratten!‘“, seufzte Onkel Leopold.
Ich musste ihm zustimmen. Ich würde auch keine Gedenktafel haben wollen, auf der der Zusatz vermerkt ist „Sind dir 36.- wurscht?“.

Die Kirchturmuhr schlug halb zwölf.
Kaum war der zweite Schlag verklungen, fragte Frau Elsbeth: „Leopold, du weißt doch, dass ich aus einem sehr alten Geschlecht von Mühlmäusen stamme?“
Onkel Leopold sah sie verdutzt an. „Ja?“
„Und dass meine Vorfahren ihren Stammsitz in der Mollardmühle hatten.“
Jetzt warf Onkel Leopold mir einen verdutzten Blick zu.
Frau Elsbeth ließ sich nicht beirren. „Ein kleiner Teil davon soll noch erhalten sein. Manche behaupten, es sei das Tor des ehemaligen Gumpendorfer Schlosses. Egal1. Mein Großvater erzählte mir, dass diese Reste vom ursprünglichen Platz in der Wallgasse in die Gumpendorferstraße gebracht wurden. Angeblich sind sie dort heute noch zu finden. In einem Garten. Nahe der Gumpendorfer Kirche. Was ich sagen will: Vielleicht ist das ein geeigneter Ort, um Erwin zu bestatten?“
Onkel Erwin nickte. Er war nicht mehr verdutzt, er schien völlig abwesend.
Frau Elsbeth wandte sich mir zu. „Ich mache mich sogleich auf die Suche und inspiziere die Stelle.“
Jetzt war ich der Verdutzte „Haben Sie denn keine Angst, alleine mitten in der Nacht? Kann das nicht bis …?“
Frau Elsbeth war jedoch bereits verschwunden.
„Natürlich hat sie keine Angst“, seufzte Onkel Leopold, der aus seiner Erstarrung erwacht war, „in ihren Adern fließt das Blut ihrer Vorfahren.“
„Dieser Mollardmühlmäuse?“
Er nickte.

Und dann erzählte er mir ein bisschen über Frau Elsbeths Vorfahren. Dass sie mutige Mäuse gewesen seien, die sich wacker schlugen im Kampf gegen die Katzen, die in der Mühle lebten, um den Mäusen den Garaus zu machen. Sogar mit dem Müllermeister selbst hätte sich einer aus dem Geschlecht der Mollardmühlmäuse angelegt; einige hatten vor dessen Augen Getreidekörner gestibitzt.
„Als Rache für diese Dreistigkeit ließ der Meister in der ganzen Mühle Fallen aufstellen, schließlich ist er aber selbst in eine getreten. So erzählen es jedenfalls die Chroniken … 2
Für einen längeren Moment war es still.
„Onkel Leopold?“, flüsterte ich. Als Antwort kam ein leises Schnarchen.

Die Kirchturmuhr schlug dreiviertel zwölf.
Ich hielt nun alleine Totenwache bei Erwin.

Die Kirchturmuhr schlug Mitternacht.
Bei mir zu Hause hätte ich mich im Freien gefürchtet. Die Dunkelheit ist auf dem Land: dunkel. Teilweise sieht man die eigene Pfote vor den Augen nicht. Und sie ist niemals vollkommen still. Ständig ist ein Rascheln, Kratzen, Scharren, Wispern zu hören. Aber hier. Sogar durch das Blattwerk der Sträucher bahnen sich die Lichtstrahlen der Laternen ihren Weg. Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, oder ich hörte Menschen auf der Straße sprechen oder bei einem offenen Fenster eine Frau kurz auflachen.

„Erwin ist weg!“ Jemand rüttelte mich am Arm. Nur schwer gelang es mir, meine Augen zu öffnen. Ich blickte in zwei verschwommene Gesichter. Nach und nach erkannte ich Onkel Leopold und Frau Elsbeth.
„Als ich zurückkam, habt ihr beide geschlafen“, sagte sie mit einem leicht vorwurfsvollen Ton . „Ich habe den Überrest des Tores gefunden. Es ist gleich schräg vis-à-vis in einem Hof. Aber nun“, sie zeigte auf den Platz, auf dem Erwin zuvor gelegen hatte und auf dem ein paar zerdrückte Linden- und Efeublätter an ihn erinnerten, „ist das vorerst nicht mehr wichtig.“

1: Egal? Mitnichten! Schloss, Mühle? Was stimmt denn nun? In einer alten Chronik heißt es, dass Ende des 17. Jahrhunderts die alte „Feste“ auf der Stadtseite einen größeren Zubau erhielt, „worin ein Mühlwerk untergebracht wurde; das ist eben der heute noch stehende Trakt“. Kaiser Leopold! I. habe 1679 dem damaligen Besitzer, einen gewissen Graf Franz Maximilian Mollard, zu seinem Gute Gumpendorf ein Privilegium „zur Erbauung und Zurichtung eines Silberhammers, einer Stampf- und Großmühle“ erteilt.

2: In einem Dokument aus dem Jahr 1682 heißt es: „So zogeten ein Grupp von Mausen gegen den habgierig Müller und besiegeten ihn und seine Muhlkatz, derer waren sechs und hernach waren zwo geflohet. Und der Müller waret bekehrt und gab den Mausen ihren Anteil von Getreidekorn. Alsnach die tapfer Grupp von Mausen wurde erhebet in den hohen Stand und nennte sich von da ‚Die von Mollardmühl‘“.


Fortsetzung folgt am Dienstag, 16. Februar 2016.

Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

19. Januar 2016 von eag

Aufzeichnungen und Notizen aus Wien-Mariahilf

Herr Leopold Portraet22. August

Erwin ist tot. Vor drei Tagen fanden wir ihn am späten Abend am Kurt-Pint-Platz, neben dem Hydranten (ydran)1. Ein bisschen Blut (lut) war aus der Nase geflossen, sonst gab es keine äußerlichen Anzeichen seines Ablebens. Es schien, als schliefe er. Ich wusste sofort, was los war. Erwin hätte nie auf der Straße geschlafen. Die Gefahr, mit einer Kehrschaufel in einen Mistkübel bugsiert oder gleich an Ort Stelle von einem Menschen erschlagen zu werden, wäre viel zu groß gewesen.
Elsbeth fühlte Erwins Puls.
„Sollen wir nicht die Rettung holen, oder einen Arzt?“, fragte Theophilus.
Ha, Arzt, Rettung – für eine Ratte! Was weiß der Junge denn schon.
„Ist er wirklich tot?“, fragte Theophilus.
Elsbeth nickte.
War er von der Blumenbeetmauer gestürzt? Niemals. Erwin war ein ausgezeichneter Kletterer. Er hätte sogar im volltrunkenen (votrunk) Zustand die Mauern der Gumpendorfer (Gumpf) Kirche hochklettern können. Obwohl, ich habe Erwin nie Alkohol trinken sehen. Das fällt mir erst jetzt auf. Ich hatte gedacht, Erwin gut zu kennen. Was für ein Irrtum! Wie wenig ich im Grunde über ihn weiß! Warum kam mir nie die Idee, ihn nach seinen Wünschen (ünschn), Träumen, seiner Herkunft zu fragen. Wenn er von seinen Abenteuern als Schiffsratte erzählte, dann hatte seine Stimme, wenn man ganz genau zuhörte, selten nach Meer und Freibeuterei, sondern nach Desinfektionsmittel und Angst geklungen. Warum? Warum habe ich ihn nicht gefragt?
Ich weiß nicht einmal, wo er lebte. Irgendwann hatte er erwähnte, im Sommer in einem schmalen Grasstreifen neben einer Hausmauer in der Magdalenenstraße zu wohnen. „Da wo wir alle herkommen: aus dem Ratzenstadl!2 Passt doch! Da hat auch der Rattenfänger vom Magdalenengrund 3 nichts geholfen“, hatte er gelacht. Und bitter geklungen.
Und im Winter (inter)? Ich hatte diese Frage ebenfalls verabsäumt. Warum?
Ich bin nicht nur ein alter Narr, der sich von seinem Neffen immer zu allerlei Unfug überreden lässt; ich bin noch dazu ein alter Egoist. Darum!

Auch wenn Erwin sein Leben gelebt hatte, so allein und verlassen aus der Welt zu gehen, war sicher kein Spaziergang gewesen. Wie lange lag er bereits da? Ich wunderte mich, dass eine tote Ratte, noch dazu so gut sichtbar, nicht mit einem Fußtritt beiseitegeschafft, oder bereits entsorgt worden war. Entsorgt! Das Wort explodierte in meinem Kopf. Die Menschen entsorgen gerne: Papier, Glas, Metall, Restmüll. Die Vorstellung, Erwin fände seine letzte Ruhestätte in einer Mülltonne – unerträglich!! Tierkörperverwertung (Tiköpvertung) nennen die Menschen das. Ich fühlte mich verloren, verlassen, verzweifelt, der Schmerz biss in meinen Bauch. Was waren wir denn? Nager. Ungeziefer. Eine Landplage, die es galt auszumerzen.
Theophilus, Elsbeth und ich schauten einander an. Hatten wir denselben Gedanken und getrauten uns nicht, ihn auszusprechen?
„Gift. Er wurde vergiftet!“, brüllte ich. Ein mir sonst völlig unbekannter Zorn hatte mich ergriffen, ich schimpfte und tobte, trommelte mit den Pfoten gegen den Hydranten, trat sogar dagegen. „Hatte ich ihm nicht immer gepredigt, nichts von der Straße zu essen? Hatte ich ihn nicht immer und immer wieder davor gewarnt? Hatte ich das nicht getan?“
Elsbeth und Theophilus standen da wie vom Donner gerührt.
So plötzlich, wie dieser Anfall mich heimgesucht hatte, war er wieder verflogen. Ruhig und gefasst sagte ich: „Wir müssen Erwin wegbringen. Morgen findet hier wieder der Wochenmarkt statt, ihr wisst ja, mit dem Käsestand (ösestnd).“
Jetzt, wo ich das Erlebte aufschreibe, zerreißt es mir das Herz aufs Neue bei dem Gedanken, dass kein vorwitziger Erwin mehr Brimsen (imsn) und andere Köstlichkeiten (Köstktn), vor den Augen des Käsemannes (äsemans)!, zu stehlen versuchen würde. Nie mehr!
Doch das Leben geht weiter. Und der Käsemann wird weiterhin seinen Brimsen anbieten. Und der Wind wird durch die Matrosengasse wehen. Und die Malven werden ihre violetten Blüten zum Leuchten bringen. Jedoch ohne Erwin hat die Welt viel von ihrem Glanz verloren.

Ich will jetzt nicht in Erinnerungen schwelgen, weil es mir dabei mein Herz zerdrückt.


1: Im Originaldokument ist an einigen Stellen des folgenden Absatzes die Tinte zerlaufen. Um das Geschehen rund um den Tod von Erwin hier verständlich wiederzugeben, wurden die vermutlich durch Tränenflüssigkeit beinahe unleserlich gewordenen Stellen mit Hilfe von Frau Professor Scheiblett ergänzt worden. Diese sind im Text unterstrichen, in Klammer befinden sich die ursprünglichen Wortreste in die Menschensprache übersetzt. Die Mausischen Originalzeichen sehen Sie hier:
Die Mausischen Originalzeichen
2: Genau genommen: im ehemaligen Ratzenstadl. Übrigens, der frühere Namen „Im Saugraben an der Wien“ klang auch nicht sehr schmeichelhaft …
3: Der hieß angeblich Hans Mäuseloch – wie treffend – und befreite Korneuburg mithilfe einer Flöte von einer „Rattenplage“. Jede Ähnlichkeit mit dem Rattenfänger von Hameln ist vorhanden und beabsichtigt. Und nebenbei bemerkt: Es wäre interessant zu wissen, welche Melodei der Rattenfänger da flötete, sodass kluge Tiere wie Ratten diesem Typen auf den Leim gingen. Falls jemand der geneigten Leserinnen und Lesern eine Idee dazu hat …

Fortsetzung folgt am Dienstag, 2. Februar 2016.

Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.

Literatur am Montag – Lesung mit Eugen Bartmer

14. Januar 2016 von eag

Der Autor liest aus seiner Erzählung „Privatanzeige“.

Wann: Montag, 18. Jänner 2016, 19.00 Uhr

Wo: Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“, Garbergasse 13 (Ecke Mittelgasse am Oskar-Werner-Platz), 1060 Wien.

Eugen Bartmer „Von Ihrer Anzeige bin ich, wenn auch verspätet, tief beeindruckt. Hoffentlich sind Sie noch frei. In Wirklichkeit bin ich viel schöner, als auf dem beigelegten Photo. Tanzen Sie gerne? Spielen Sie gerne Tennis?“

Die Kurzgeschichte „Privatanzeige“, sie ist in Eugen Bartmers 2004 von M.E.L Kunsthandel herausgegebenen Textebuch „suffisticated“ nachzulesen, endet mit obiger Zuschrift. Der Autor schildert darin mit viel Humor, was passierte, nachdem er beschlossen hatte, sich mithilfe von Zeitungsinseraten auf die Suche nach Liebe zu machen.

Über Eugen Bartmer: geboren 1937 in Wien. Erlernter Beruf Maschinenschlosser. Als solcher 1952 – 1994 in der Industrie tätig.

Seit 1976 literarische Tätigkeit. 1980 erhielt er den Theodor Körner Preis. 2002 wurde „Der Menschenfresser“ als bestes Buch der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Veröffentlichungen u.a. in „Die Tarantel – Werkstatt Literatur der Arbeitswelt“. Mitglied der Grazer Autorinnen und Autoren Versammlung. Schreibt selbstironische Prosa und sinistere Gedichte.

Der Eintritt ist frei. Spenden für die Leseförderprojekte des „Wiener Bücherschmaus“ erbeten.

Beiträge vor einem Jahr:
Werner Lang: Berndgeschichten aus der Arbeitswelt

Schnupperworkshop „Kreatives Schreiben“

6. Januar 2016 von eag

Schreiben ist eine der wichtigsten Kulturtechniken der menschlichen Gesellschaft und der schriftliche Ausdruck ein wesentlicher Faktor für Erfolg im Bildungssystem und im Beruf. Für die einen ein notwendiges Übel, für andere ein Hobby und für einige Teil des Berufs oder gar ein geheimer Berufswunsch.

Mag.a Barbara Rieger Kreatives Schreiben kann vieles sein: Von Schreibspielen und Schreibübungen mit dem Ziel Schreibblockaden abzubauen und Schreibkompetenzen zu verbessern, über den kritischen Umgang mit gesellschaftlicher Wirklichkeit bis hin zur psychoghygienischen Auseinandersetzung mit sich selbst. Kreatives Schreiben darf und soll vor allem Spaß machen!

Mag.a Barbara Rieger (Betreiberin des Text- und Fotoblogs „Café Entropy“ und Mitgründerin von „Feder im Café“) gibt Einblick in den Ansatz der Wiener Schreibpädagogik und lädt zum gemeinsamen kreativen Schreiben ein.

Zeit:
Montag, den 11.01.2015 – Beginn um 18.00 Uhr pünktlich (Anmeldung nicht erforderlich)

Ort:
Buchhandlung „Wiener Bücherschmaus“, Garbergasse 13 (Ecke Mittelgasse am Oskar-Werner-Platz) – 1060 Wien

Kostenbeitrag:
8,00 Euro pro Person – geht zu 100 % als Spende an den Verein und somit direkt in die Leseförderung!

Kontakt:
info@buecherschmaus.wien

Eine Veranstaltung des „Wiener Bücherschmauses – Verein für Leseförderung und Buchkultur“ in Kooperation mit der ABSOLVENTENAKADEMIE, der „Zitier-Weise, Agentur für Plagiatprävention“ und der Kultur- und Wissenschaftsinitiative „Duftender Doppelpunkt“!

Zusammen mit unseren Gästen aus dem Bildungssektor sind alle Wissenschaftler/innen und Hobbyforscher/innen, Studierende und Lehrende, Bücherwürmer, Digital Natives und Bildungsinteressierte HERZLICH WILLKOMMEN!

Der Beitrag Schnupperworkshop „Kreatives Schreiben“ wurde auf der Site der Absolventenakademie erstveröffentlicht.

Beiträge vor einem Jahr:
Schreibwerkstatt "Reise zu mir selbst", Schreibwerkstatt "Reise zu mir selbst"

Herr Leopold bekommt gewaltigen Ärger

5. Januar 2016 von eag

Notizen und Aufzeichnungen aus Wien-Mariahilf

Herr Leopold Portraet19. August

Erwin ist tot.

20. August

Bin noch immer erschüttert und durcheinander wegen Erwin. Habe nicht die Kraft, darüber zu schreiben.

21. August

Vor der Irritation zu fliehen heißt nicht, ihr zu entkommen. Werde darüber schreiben müssen.

Fortsetzung folgt am Dienstag, 19. Jänner 2016.

Alle bisherigen Abenteuer finden Sie hier.